Jede ! Dosis
kann zu hoch sein


aaa-Interview mit
Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake

aaa: Die Ergebnisse der sogenannten KiKK-Studie waren noch nicht richtig bekannt, da ging der Streit auch schon los, was sie bedeuten.

Na, wir wollen doch erst mal damit anfangen, was unstreitig ist. Nachdem ich jahrelang diesen Bereich intensiv bearbeitet habe, muss ich festhalten, dass zwei Punkte alles andere als nebensächlich sind:

Es handelt sich um eine Fall-Kontroll- Studie. Das ist eine Methodik, die einen Ursachenzusammenhang untersucht. Die Studie hat diesen Zusammenhang bestätigt. Das Ergebnis bedeutet also, dass der Tatbestand, in der Nähe eines AKWs zu wohnen, ursächlich ist für das erhöhte Leukämierisiko.

Zweitens: Der Befund ist strahlentypisch. Leukämie ist eine typische Strahlenfolge, kleine Kinder sind am strahlenempfindlichsten. Aus diesem Grund sprechen die Beteiligten auch davon, dass sie das Ergebnis nicht erstaunt.Die Studie liegt mir noch nicht vor, aber es würde mich nicht wundern, wenn mehr Jungen als Mädchen erkrankt sind. Auch das wäre strahlentypisch; dies war eine Erkenntnis aus den Arbeiten zu Hiroschima, bei Krümmel ist das so.

Du siehst also durch die Studie Deine Arbeit und die Deiner KollegInnen zum Beispiel in der Krümmel- Kommission bestätigt? Wenn wir das KKK und die GKSS mal als einen Standort ansehen, ja. Das ist ein Ergebnis, das sich wissenschaftlich nicht wegdiskutieren lässt.

„Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand kann der beobachtete Anstieg der Erkrankungen nicht durch die Strahlenbelastung aus einem Atomkraftwerk erklärt werden. Die Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das 1.000- fache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.“ sagt Minister Gabriel.

Das lässt sich leicht erklären: Herr Gabriel verwechselt den Kenntnisstand, den es in der Wissenschaft gibt, mit den Regeln der Beurteilung, die das Bundesumweltministerium derzeit als gültig anerkennt. Ob aus Unwissenheit oder aus anderen Gründen, darüber mag ich nicht spekulieren.

Das musst Du genauer erklären!

Fangen wir mit dem Dosisargument an. Für kindliche Leukämie werden wissenschaftlich 4 Belastungspfade betrachtet: somatisch, also das Kind selbst wird bestrahlt; in utero bestrahlt; genetisch über bestrahlte Mutter; oder genetisch über den Vater. Die Belastungspfade unterscheiden sich. Zusammenfassend lässt sich sagen: bei chronischer Bestrahlung braucht man nicht eine so hohe Dosis.

Aber eine Erhöhung um das 1.000-fache, das ist doch wirklich kein Pappenstiel!

In der Tat. Eine solche Aussage halte ich für reichlich verwegen. Schauen wir mal, was von dieser 1.000fachen Erhöhung übrig bleibt! Zuerst: woher weiß er wohl, welcher Dosis die Menschen rings um die Atomanlagen ausgesetzt sind?

Die Dosis kann nicht direkt gemessen werden. Einer Dosisbestimmung liegt einzig eine quantitative Messung der Emissionen der Anlagen über den Luft- und den Wasserpfad zugrunde; gemessen wird also lediglich das, was oben am Schornstein abgegeben wird und in das Abwasser. Hier geht es um die Menge von Stoffen, und nicht darum, was sie bewirken. Die Messung macht der Betreiber; manches lässt sich auch nur schwer quantifizieren. Es gibt keine ausreichende Kontrolle der Betreiberangaben. Am Beispiel Krümmel haben wir festgestellt, dass sich dort Kontaminationen in der Umgebung befinden, die sich aus den angegebenen Emissionen nicht erklären lassen. In einem “Strahlenbiologischen Gutachten” hat die Kommission das im Jahr 2001 nachgewiesen und zwar sowohl für die GKSS wie für das Atomkraftwerk; die Atomaufsicht in Kiel ist der Sache aber nicht nachgegangen.

Es müsste also eine lückenlose und vom Betreiber unabhängige Überwachung geben?

Natürlich, das auch! Aber selbst wenn die gegeben wäre: die Einschätzung der Bevölkerungsdosis durch den Betrieb von AKWs beruht auf Simulationen anhand von Modellen über die Ausbreitung der radioaktiven Stoffe und ihrer Inkorporation. Die Behauptung, es handele sich um konservative Ergebnisse oder sogar worstcase- Rechnungen, trifft nicht zu.

Wie können wir uns eine solche Simulationsrechnung vorstellen?

Die Vorgehensweise ist wie folgt: Der Dosisgrenzwert für die Bevölkerung ist 0,3 mSv/Jahr über Luft plus 0,3 mSv/Jahr über den Wasserpfad. Keiner in der Umgebung darf mehr kriegen. Das muss bei der Berechnung rauskommen. Vor der Genehmigung einer Anlage nimmt man sich ein Modellgemisch, das typisch ist für die Art der Anlage, also Druck- oder Siedewasserreaktor, wobei die Radionuklide nicht alle einzeln untersucht, sondern teils in Gruppen betrachtet werden.

Man berechnet mit der AVV [Allgemeine Verwaltungs- Vorschrift zu § 45 der StrSchV] die Nuklidkonzentration am maximalen Aufpunkt, und dann Gamma- und Betasubmersion, das heißt die Beiträge dieser Strahlungen für den Menschen, der sich in dieser Atmosphäre aufhält, dann die Inhalationsdosis mit Hilfe der ICRP-Dosisfaktoren, die in Sievert pro eingeatmetes Becquerel angegeben werden.

Da geht es jetzt um die Relationen zwischen physikalischem Vorgang und biologischer Wirksamkeit?

Die im Übrigen auch umstritten sind. Aber weiter: man braucht noch die Ingestion, also Modelle und Berechnungen darüber, wie Stoffe in den Körper gelangen. Dazu berechnet man die Kontaminationen der Nutzpflanzen, die da angebaut werden und den Kuh-Milch- Weidepfad. Genauer gesagt bedient man sich sogenannter „Transferfaktoren“, die in der AVV festgelegt sind. Diese geben an, wieviel Aktivität vom Boden in die Pflanze und von der Pflanze in die Kuh und von da in die Milch gelangen. Vorher muss man noch berechnen, wieviel von der Luftradioaktivität in den Boden durch trockene Ablagerung und durch Regen gelangt. Dann berechnet man noch mögliche Beiträge des Wasserpfades, wenn Übertritte ins Grundwasser erfolgen oder jemand im Fluss rumplanscht.

Das Ganze macht man nur einmal, und ausgehend von der maximalen Dosis und den zugehörigen Emissionen schreibt man den Betreibern vor, was sie maximal emittieren dürfen. Wenn sie mit ihren Abgaben für jede Nuklidgruppe innerhalb des Limits bleiben, soll dann garantiert sein, dass die Grenzwerte eingehalten werden.

In diese ganze Betrachtung gehen also sehr viele Parameter ein?

Die alle – von den metereologischen über die Transferfaktoren bis zu den Dosisfaktoren der ICRP – ohne Vertrauensbereich benutzt werden. Sie entsprechen so etwas wie Mittelwerten oder auch Meridianwerten - manchmal muss es geschätzt werden -, können also nicht zu konservativen Ergebnissen führen beziehungsweise darüber gibt es keinen Nachweis.

Konservativ bedeutet: es wird vorsichtshalber der ungünstigste Fall angenommen.

Das nehmen die Vorgaben jedenfalls für sich in Anspruch. Sind sie wie gezeigt aber nicht. Konservativ sind hier lediglich die angenommenen Verzehrmengen; oder bei den Dosisfaktoren ist die Referenzperson für Erwachsene ein 20- jähriger, für den man die 50-Jahre-Folgedosis ermittelt, die bei einem 50-jährigen dann zu einer Überschätzung führen kann. Das alles klingt sehr erschlagend. Wie lässt es sich auf den Punkt bringen? Von Herrn Gabriels 1.000-facher Erhöhung bleibt nicht viel übrig. Die Unsicherheit der Ausbreitungsrechnung nach AVV kann nach Untersuchungen von Schumacher und Hinrichsen zu Unterschätzungen um 2 Größenordnungen führen.

Mit anderen Worten: selbst wenn die Betreiber die ihnen erlaubten Mengen einhalten, kann von den Stoffen bis zum Hundertfachen des Angenommenen beim Menschen ankommen?

So ist es.

Dazu kommt dann der wissenschaftliche Streit darüber, was diese Stoffe bewirken?

Ja. Über die Unsicherheiten der Dosisfaktoren der ICRP [International Commission on Radiological Protection -> siehe Seite 21] für Inhalation und Ingestion gibt es seit etlichen Jahren eine Diskussion in der Fachliteratur. Sie können erheblich sein, besonders für Embryonen und im frühen Kindesalter.

Für Kleinkinder oder Ungeborene ist der Risikofaktor der ICRP also zu niedrig angesetzt?

Vieles spricht dafür. Im Übrigen muss im Zusammenhang mit Grenzwerten immer wieder betont werden, dass es aus strahlenbiologischer Sicht einen Schwellenwert nicht gibt. Hohe Dosisleistung tötet Zellen ab. Niedrige verändert sie. Und diese Veränderung kann Krebs - im Fall von Kleinkindern häufig Leukämie - bedeuten.

Jede Dosis ionisierender Strahlung kann zu hoch sein, kann Schaden an der Zelle verursachen?

Jede noch so kleine. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Treffer kommt, steigt mit der Häufigkeit oder der Dauer der Exposition.@

 

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