Im Sturm der Angst ums globale Klima sahen sich
Atomkraft-Befürworter gerade wieder im Aufwind.
Sie propagieren Atomkraft als saubere Alternative
zum ewigen Schmuddelkind Kohle. Die Vereinbarung
zum Ausstieg aus der strahlenden Energie, den die
Grünen sich in der Schröder-Koalition ertrotzten,
schien obsolet. Jetzt bringt eine neue Studie des
Bundesamts für Strahlenschutz Zunder in die
Diskussion. Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken
aufwachsen, erkranken häufiger an Krebs
als der Bundesschnitt, so das Ergebnis. Die Zahlen der Untersuchung beruhen auf einem Zeitraum von 24 Jahren und betreffen 21 Atommeiler in Deutschland, vier davon sind bereits stillgelegt. Ein Forscherteam wertete im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz Daten des deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz aus. Das Ergebnis: Zwischen 1980 und 2003 erkrankten im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie. Im statistischen Durchschnitt wären aber nur 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Hochgerechnet würde das ein erhöhtes Kinderkrebsrisiko von 66 Prozent bedeuten - und ein weit mehr als verdoppeltes Leukämierisiko um 120 Prozent. „Je näher man ans AKW herankommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken“, erklärt der Biologe Henrik Paulitz vom deutschen Ableger der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) im Gespräch mit FOCUS Online. Entwarnung durch die PolitikTrotzdem mahnen Politiker, darunter Bundesumweltminister Siegmar Gabriel, aber auch renommierte Wissenschaftler zur Besonnenheit: Es gäbe trotz allem keinen Beweis dafür, dass die erhöhte Krebsrate tatsächlich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Atomkraftwerken stünde. Dabei stützen sich die Atombefürworter in ihrer Argumentation auf die Strahlenschutzverordnung, die Grenzwerte von 0,3 Millisievert vorsieht - mal zwei wohlgemerkt, denn dieser Richtwert gilt separat für Abgase und Abwasser. Da sie nicht überschritten werden, kann von den Atomkraftwerken keine wirkliche Bedrohung ausgehen, folgern sie. Knackpunkt der Diskussion ist bei näherer Betrachtung aber eben dieser Grenzwert der Strahlenschutzordnung. Denn diese Zahlen sind von Menschen festgelegt und basieren - wenn auch mehrfach modifiziert - auf Daten aus den 50er-Jahren. Gesundheitsrisiken in Kauf genommen1958 gab die Internationale Strahlenschutzkommission erstmals eine Empfehlung ab. Sie schlugen einen Grenzwert von damals 5 rem Strahlenbelastung durch Atomkraftwerke verteilt auf 30 Jahre vor - die Zeit des Lebens, in der die meisten Menschen sich - zumindest damals - fortgepflanzt hatten. Ihre Empfehlung begründeten sie aber nicht mit gesundheitlichen Erwägungen, vielmehr stellten sie fest, dass mit dem Grenzwert tatsächlich eine „beträchtliche Belastung“durch genetische Schäden zu erwarten sei. Allerdings seien diese“vertretbar“ im Vergleich zu dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen, der von der Atomkraft zu erwarten sei (Recommendations of the Commission on Radiological Protection, Pergamon Press, London, 1958). Kurz gesagt: Damals ging es offenbar niemandem darum, Gesundheitsrisiken klar zu benennen und einzugrenzen. Dass auf diesen Zahlen pikanterweise auch heute noch die bundesdeutsche Strahlenschutzverordnung beruht, „das weiß kaum einer“, sagt Edmund Lengfelder vom Strahlenbiologischen Institut der LMU München im Gespräch mit FOCUS Online. Der Wissenschaftler hat diese Zusammenhänge gemeinsam mit seinem Kollegen Roland Scholz recherchiert und bereits 1989 publiziert. Hinzu kommt: „Die Strahlenmedizin hat sich damals vor allem auf Daten aus Hiroshima und Nagasaki gestützt“, berichtet Henrik Paulitz. Wie man jedoch später feststellen musste, waren die unsauber: Menschen, die einer angeblich nicht kontaminierten Kontrollgruppe angehörten, waren vielfach dennoch radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen - was die Daten stark verzerrte. An Krebs dachte niemand
- mögliche Krebsrisiken hatte damals niemand im Visier. Das heißt: Der heute noch aktuelle Grenzwert zum Schutz vor möglichen Krebserkrankungen ist völlig inakzeptabel. Die Indizien häufen sichEdmund Lengfelder überrascht die erhöhte Leukämierate in Reaktornähe somit nicht. Der Mediziner beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Organismus und stellt fest: „Leukämien sind als Strahlungsfolgen besonders wahrscheinlich“, so der Wissenschaftler. Der Grund: Die weißen Blutkörperchen gehören zu jenen Zellen, die der Körper laufend generiert. Strahlungsbedingte Mutationen in der DNS des Knochenmarks, das diese Immunzellen wie am Fließband produziert, werden dort schnell weitergegeben. Und: Es trifft besonders die Kleinsten - noch im Wachstum teilen sich die Köperzellen bei ihnen viel häufiger als bei erwachsenen Menschen. Strahlende PartikelFest steht: Atomkraftwerke blasen strahlende Teilchen wie Tritium, radioaktiven Wasser- und Kohlenstoff in die Luft und pumpen sie in Gewässer. Kommen defekte Brennstäbe hinzu, treten zudem radioaktive Edelgase aus dem Schornstein aus. Das Problem: „Niemand weiß genau, was das anrichtet“, sagt Henrik Paulitz. Ebenso wackelig sind die Berechnungen, wie viel von dem strahlenden Müll tatsächlich bei den Menschen der Umgebung ankommt. Hier werden hochkomplizierte Rechenexempel statuiert: von den meteorologischen Bedingungen wie Luftdruck und Niederschlag, über Annahmen über die Ernährungsgewohnheiten der Menschen und ihr Freizeitverhalten, weiß Edmund Lengfelder. Verklebte ChromosomenUnterdes häufen sich die Indizien, dass tatsächlich die Atommeiler die Krebsrate in die Höhe treiben: So hat man in der Region des Kraftwerks Krümmel bei Hamburg das Blut von Anwohnern untersucht. Dabei fanden Wissenschaftler auffällig oft sogenannte dizentrische Chromosomen, berichtet Edmund Lengfelder. Statt wie sonst üblich waren die beiden Achsen der Chromosomen, die sogenannten Allele, nicht nur an einem Punkt verbunden, sondern an einem weiteren verklebt. Solche Anomalien sind ein typisches Beispiel für starke Strahleneinwirkung. Der Befund spricht dafür, dass im Raum Krümmel tatsächlich zumindest phasenweise eine erhöhte Strahlenbelastung aufgetreten ist. Ob das auch in anderen Reaktorbereichen der Fall war, lässt sich nachträglich kaum feststellen - mit der Zeit werden die deformierten Chromosomen wieder abgebaut. Alarmierende Studienergebnisse schon vor zehn JahrenUnd auch entsprechende Studienergebnisse zur Krebshäufung gibt es schon seit Langem: So fußt die aktuelle Untersuchung auf der sogenannten Michaelisstudie aus dem Jahr 1997. Schon damals hatte man erhöhte Leukämie- Werte im Umkreis von fünf Kilometern festgestellt. Damals bezog man sich jedoch lieber auf die Zahlen, die einen Radius von 15 Kilometern einbeziehen und fand „aufgrund verwässerter Daten“, wie Edmund Lengfelder anmerkt, keinen Zusammenhang zwischen Krebs und Reaktornähe mehr. Erst auf massiven Druck der Bevölkerung wurde die - nun veröffentlichte - Folgestudie angeleiert. Am Studiendesign wirkten diesmal Befürworter wie Gegner der Atomkraft mit, damit keine Partei der anderen den schwarzen Peter der Informationsverzerrung zuschieben konnte. Inzwischen sollen beteiligte Experten davon sprechen, dass sich die Leukämiehäufung vielleicht auch innerhalb eines Radius von 50 Kilometern nachweisen lasse. Unwahrscheinlicher Zufall?Manche Experten halten dennoch puren Zufall als Erklärung für die erhöhten Kebszahlen nicht für ausgeschlossen. Dafür könnte sprechen, dass die Gesamtfallzahlen tatsächlich niedrig sind - denn Atomkraftwerke stehen meist auf grüner Wiese, also in Regionen, die eher dünn besiedelt sind. Das hat niedrige Fallzahlen zufolge, die den statistischen Wert schmälern. Andererseits: Kann es sich tatsächlich um Zufall handeln, wenn sich dasselbe Bild für alle 21 bundesweiten Kraftwerksstandorte abzeichnet? Das scheint ähnlich wahrscheinlich wie der berühmte Blitz, der nicht nur zwei, sondern gleich 21-Mal an derselben Stelle einschlägt. @ aus: Focus - 11.12.07
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