Eine vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beauftragte Fall-Kontroll-Studie hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.
Verwirrung um
erhöhtes Leukämierisiko
von Kindern in der Nähe von
Atomkraftwerken


aus: aerzteblatt.de am 10.12.2007

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder unter 5 Jahren mit zunehmender Nähe des Wohnortes zu einem der 16 deutschen Standorte von Kernkraftwerken ein steigendes Leukämierisiko haben. Das BfS hält die Ergebnisse für „robust“. Die Autoren selbst bezweifeln dagegen, dass die Strahlenbelastung in der Umgebung der Reaktoren ausreicht, um die Zahlen biologisch plausibel zu erklären, was sich ein externes Expertengremium dagegen sehr wohl vorstellen kann.

Die Ergebnisse der „Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken“ oder KiKK-Studie waren bereits am Wochenende bekannt geworden. Die Publikation des Berichts und die Stellungnahmen von BfS und externen Experten erfolgten erst am heutigen Montag. Das große Interesse zeigte sich nicht zuletzt in den lähmend langsamen Download-Geschwindigkeit der Studien auf der Internetseite des BfS.

Foto: Klinikflur    Foto: Reinigungsgerät

Es handelt sich bereits um die dritte epidemiologische Studie zu einer Frage, die seit den 1980er-Jahren die Öffentlichkeit beschäftigt. Damals hatten britische Studien ein statistisch signifikant gehäuftes Auftreten kindlicher Leukämien im 10-Meilen-Umkreis um kerntechnische Anlagen in England und Wales beschrieben. Die Ergebnisse konnten 1992 in einer Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters für Deutschland reproduziert werden. Und eine 1997 veröffentlichte Nachfolgestudie kam zu einem ähnlichen (wenn auch im Ausmaß abgeschwächten) Ergebnis.

Bei diesen beiden Studien handelte es sich um „ökologische“ Analysen. Es wurde lediglich untersucht, ob die Häufigkeit von Krebserkrankungen in der Nähe der Reaktoren erhöht ist. Gegen derartige Untersuchungen lassen sich leicht Gegenargumente finden. Zahlreiche Confounder, zufälligerweise vorhandene Krebsrisiken, sind vorstellbar. Auch nach Ansicht des BfS entsprechen „ökologische“ Untersuchungen nicht mehr dem Stand der epidemiologischen Wissenschaft. Deshalb wurde für die 2003 initiierte KiKK-Studie das Design einer Fall-Kontroll- Studie gewählt.

In einer solchen Studie werden jedem Erkrankten eine oder mehrere Kontrollpersonen zugeordnet. Diese sollten den Fällen in möglichst vielen Punkten (außer der Erkrankung) gleichen, was durch das Zufallsprinzip der Auswahl gewährleistet werden soll. Im vorliegenden Fall bestanden die Fälle aus 1.592 Kindern, die zwischen 1980 und 2003 vor dem 5. Lebensjahr an Krebs erkrankten und in der Nähe von 16 deutschen Kernkraftwerksstandorten wohnten. Die Kontrollen waren 4.735 Kinder gleichen Alters und Geschlechts, die in der gleichen Region wohnten. Sie wurden aus den Melderegistern gezogen.

Dann wurde der Wohnort von Fällen und Kontrollen bestimmt. Dies ist heute sehr exakt möglich. Die Gruppe um Maria Blettner von der Universität Mainz geht von einer Ungenauigkeit von durchschnittlich 25 Metern aus. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Forscher die Strahlenbelastung von Fällen und Kontrollen gekannt hätten. Dies war jedoch nicht möglich, da die Strahlenexposition in der Umgebung von Kernkraftwerken nicht flächendeckend gemessen wird.

Die Rohdaten ergaben, dass die an Krebs erkrankten Kinder durchschnittlich näher am Kernkraftwerksstandort wohnten als ihre jeweiligen Kontrollen. Hieraus können die Forscher das Risiko errechnen, dass sich aus der Wohnortnähe zum Reaktor ergibt. Kinder, die weniger als 5 Kilometer vom nächsten Atomkraftwerk entfernt wohnten, hatten ein um 61 Prozent erhöhtes Risiko (Odds Ratio =1,61: untere Grenze des 95-Prozent-Konfidenzintervalls 1,26). Der Effekt war also signifikant. Wie in den früheren Untersuchungen war er im Wesentlichen auf Leukämien beschränkt. Für ZNS-Tumoren wurde sogar ein negativer Zusammenhang gefunden und für embryonale Tumoren wurde kein Zusammenhang festgestellt.

Wichtig für die Plausibilität der Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie ist eine Dosis-Wirkungs- Beziehung. Sie ergibt sich hier aus der Nähe zum nächsten Reaktor, mit dem die Strahlendosis steigt. Die Forscher konnten einen solchen „negativen Abstandstrend“ eindeutig nachweisen: Je näher die Kinder am Reaktorstandort wohnen, desto höher war das Risiko.

Dies gilt für alle Kraftwerke und Standorte. Ein „Krümmel-Effekt“, nach dem das Risiko allein auf eine Häufung von Leukämie-Fällen in der Umgebung des Standorts Krümmel zurückzuführen wäre, konnten die Forscher ausschließen. Eine weitere Analyse ergab, dass der Trend auch über die 5km-Grenze hinaus besteht, auch wenn das Risiko mit zunehmendem Abstand geringer wird.

Im nächsten Schritt wurden die attributablen Risiken ausgerechnet. Dies geschah zunächst für alle Krebserkrankungen: Statt der statistisch zu erwartenden 48 Erkrankungen wurden 77 Fälle beobachtet. Allein 29 Fälle (1,2 Fälle pro Jahr) waren also allein auf das Wohnen im 5-km-Umkreis von einem Reaktor zurückzuführen. In Deutschland traten in dieser Altersgruppe zwischen 1980 und 2003 insgesamt 13.373 bösartige Neubildungen auf. 0,2 Prozent dieser Krebserkrankungen wären, eine Kausalität vorausgesetzt, die Folge der Kernreaktoren (attributables Risiko).

Wenn tatsächlich nur das Leukämierisiko erhöht wäre, dann ergäbe sich folgende Rechnung: Statt der statistisch zu erwartenden 17 Leukämien im 5-km-Umkreis traten 37 Fälle auf. Das heißt, dass 20 Fälle (0,8 Fälle pro Jahr) allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen wären. In Deutschland traten in dieser Altersgruppe zwischen 1980 und 2003 insgesamt 5.893 Leukämieerkrankungen auf. 0,3 Prozent der Leukämien wären demnach die Folge der Kernreaktoren (attributables Risiko).

Das vom BfS eingeladene 12-köpfige externe Expertengremium machte eine andere Rechnung auf. Da das Risiko auch außerhalb der 5km-Grenze (wenn auch in geringerem Ausmaß) erhöht ist, müsse (wegen der größeren Zahl der Bewohner im weiteren Umfeld) im Umkreis von 50 km um alle westdeutschen Atomstandorte für den Zeitraum zwischen 1980 bis 2003 von mindestens 121 bis 275 zusätzlichen Neuerkrankungen ausgegangen werden.

Dies entspräche 8 bis 18 Prozent aller im 50 km Umkreis um Atomanlagen aufgetretenen Krebserkrankungen bei unter 5-jährigen Kindern, schreiben die Experten. Dies ist nichts anderes als ein anderer Blickwinkel auf die gleichen Daten. Was vielleicht fehlt, ist die Angabe des individuellen Risikos für die Bewohner der Region, dass ihr Kind an einer Leukämie erkranken wird.

Auch eine andere Bewertung der Autoren lassen die Experten nicht gelten. Diese hatten festgestellt, dass „aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.“ Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium einhellig der Überzeugung, dass aufgrund des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden Daten zur Emissionen von Leistungsreaktoren dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden kann.

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie die Daten im Detail zu bewerten sind. Eine Fall- Kontroll-Studie liefert prinzipiell keine Aussagen zur Kausalität. Es bleibt immer möglich, dass andere (unbekannte) Faktoren die Ergebnisse erklären, auch wenn dies aufgrund der Dosis-Wirkungs-Beziehung nach Einschätzung von BfS-Präsident Wolfram König nur schwer vorstellbar ist.

In einem zweiten Teil der Studie hatten die Autoren versucht, solche Confounder herauszufinden. An eine Untergruppe aus der Fall-Kontroll- Studie wurden Fragebögen versandt. Die Teilnehmer waren zufällig ausgewählt, doch das Antwortverhalten war es nicht. Je näher die Angeschriebenen am Reaktor wohnten, desto geringer war ihre Bereitschaft, die Fragen zu beantworten: In der inneren 5km-Zone war die Teilnahmebereitschaft deutlich niedriger, bei Kontrollen (46 Prozent im Vergleich zu 62 Prozent außerhalb) noch ausgeprägter als bei Fällen (63 Prozent im Vergleich zu 79 Prozent außerhalb). Es liegt in diesem Teil der Studie eine Selektion vor, die es nicht erlaubt, die Erkenntnisse aus diesem Teil der Untersuchung auf den Teil 1 (ohne Befragung) zu übertragen. Diese beeinflusste allerdings nicht die Ergebnisse der Studie insgesamt, heißt es in dem Bericht. @

 

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