50 Jahre Atomunfall in Windscale
Atomlügen haben Tradition

aus Presseberichten vom 9.10.07

Vor fünfzig Jahren brannte der Reaktor der nordwestenglischen Plutoniumschmiede Windscale. Die Welt erlebte den ersten großen Atomunfall.Windscale den zweitgrößten Atomunfall der Geschichte. Laut einer Studie wurde doppelt so viel Radioaktivität frei wie bislang behauptet.

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Es ist der 7. Oktober 1957: in der Atomanlage Windscale in Nord-West England nahe der Irischen See ein Tag wie jeder andere - mit einer kleinen Ausnahme: Es stehen Wartungsarbeiten an. Die Graphithülle im Kern von Reaktor 1 soll ausgeheizt werden, eine wichtige Sicherheitsmaßnahme, um überschüssige Energien zu entladen. Bedingt durch den Neutronenbeschuss aus den Uranbrennstäben und die Veränderung der Graphitstruktur, die damit einhergeht, bauen sich diese unkontrollierbaren Energien immer wieder im Material auf.

Dieses Phänomen ist bei Inbetriebnahme der ersten Militär-Reaktoren Großbritanniens, die ab 1950 Plutonium für die britische Bombe produzierten, noch unbekannt. Dementsprechend wusste niemand, wie der Ausheizprozess genau funktionierte. Die Sicherheitsingenieure hatten den Graphitmoderator schon ein paar Mal erfolgreich „nach Gefühl“ erhitzt. Diesmal allerdings verursachten die freihändigen Wartungsarbeiten einen der schwersten Störfälle derAtomkraftgeschichte:

Zum Ausheizen des Graphitkerns werden die Gebläse des luftgekühlten Atommeilers abgeschaltet. Zunächst fällt die Temperatur. Der Reaktor wird deshalb weiter angeheizt. Als die Temperatur ungewöhnlich ansteigt, stoppen die Sicherheitsingenieure den Vorgang nicht. Sie vermuten defekte Messinstrumente, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Erst als am Abluftkamin von Windscale ungewöhnlich hohe Radioaktivitätswerte gemessen und außerhalb der Anlage zehnfach erhöhte Strahlenwerte festgestellt werden, merkt die Betriebsmannschaft langsam, dass etwas nicht stimmt. Drei Tage nach Beginn der scheinbar harmlosen Routinearbeiten entdecken die Techniker Feuer im Reaktorkern.


Rot glühende Brennelemente

Als die Bedienungsmannschaft zur Kontrolle eine Revisionsklappe öffnete, sah sie Brennelemente rot glühen und Flammen am hinteren Rand des Graphit lodern. Die Brennelemente hatten sich bereits verzogen, ließen sich nicht mehr einfach aus dem Block entfernen. Teilweise benutzen die Arbeiter Vorschlaghämmer, wie britische Medien in ihren Berichten zum Jubiläum schreiben.

Schließlich griff die Mannschaft zu einem verzweifelten Mittel: Sie löschte mit Wasser. Das hätte eine verheerende Katastrophe auslösen können, schon weil die Gefahr bestand, dass der entstehende Dampf die Halle sprengt. Das Löschen war dann zwar erfolgreich. Doch bis heute arbeiten britische Behörden daran, den Unglücksreaktor abzubauen.


Geheimhaltung und Lügen

Politisch kam der Brand der Regierung unter dem damaligen Premierminister Harold Macmillan höchst ungelegen. Sie verhandelte gerade mit den USA über eine Aufnahme einer nuklearen militärischen Kooperation. Daher wurde der Untersuchungsbericht über das Windscale-Feuer für geheim erklärt, nur eine bereinigte Zusammenfassung erreichte die Öffentlichkeit. Erst seit 1989 sind alle Fakten über das Unglück allgemein zugänglich.

Die Regierung spielte die Sache herunter, weil sie ihr Waffenprogramm nicht gefährden wollte: Sie ließ verlauten, die Filter hätten die Radioaktivität in den Schornsteinen aufgefangen.

  Bauernversammlung in Gosforth am 24. Okt.1957
Bauernversammlung in Gosforth
am 24. Okt.1957
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Doch in den folgenden Tagen stiegen die Werte an radioaktivem Jod-131 in der Milch von Kühen aus der Umgebung stark an. Daraufhin wurde sie in einer mehr als 300 Quadratkilometer großen Zone um das Atomkraftwerk sechs Wochen lang aus dem Verkehr gezogen. Die radioaktive Verseuchung war aber nicht auf diese Sperrzone beschränkt: Im Süden Englands, an der irischen Ostküste und sogar auf dem europäischen Festland wurden erhöhte Werte gemessen.

Darüber hinaus war in dem Feuer auch eine Tonne mit dem ebenfalls radioaktiven Polonium-210 verbrannt - das gleiche Polonium-Isotop, mit dem der russische Dissident Alexander Litwinenko im vergangenen Jahr vergiftet wurde. Die Regierung war gezwungen, eine Untersuchung einzuleiten, hielt aber die unangenehmen Teile des Berichts bis 1988 geheim.

Eine Evakuierung der Bevölkerung hielt die britische Regierung damals nicht für nötig. Lediglich der Verkauf von Milch aus der Umgebung wurde verboten.

Nach offiziellen Schätzungen starben bis zu 40 Menschen an den unmittelbaren Folgen der Havarie.

Wie viele Menschen durch den Unfall langfristig zu Tode gekommen sind, ist bis heute nicht geklärt. Waren es nur zehn, wie optimistische Wissenschaftler vermuten? Oder hundert oder gar tausend, wie der Epidemiologe John Urquhart glaubt, der als Einziger die Auswirkungen des Poloniums in Betracht zog?

  am Milk Marketing Board in Egremont wird Milch weggeschüttet
am Milk Marketing Board in Egremont
wird Milch weggeschüttet.
15. Okt.1957

Neue Studie

Eine neue Studie von John Garland von der britischen Atomaufsichtsbehörde und Richard Wakeford von der Universität Manchester zeigt, dass damals doppelt so viel Radioaktivität frei wurde, wie Regierung und Betreiber jahrelang behauptet hatten.

Die Untersuchung von Garland und Wakeford kommt nicht nur zu dem Ergebnis, dass der radioaktive Ausstoß höher war. Auch die Zahl der Opfer soll um mindestens 240 über den bisherigen Schätzungen liegen. In Dundalk an der irischen Ostküste gegenüber von Windscale stiegen die Krebsrate und die Zahl der Geburtsschäden um zwölf Prozent über den landesweiten Durchschnitt.

Spuren der Radioaktivität wurden damals in vielen Ländern Europas gemessen, jenseits der Nord- und rund um die Ostsee. 90 Prozent des strahlenden Materials aber sind damals über England niedergegangen, besagt die neue Studie.


Sellafield: Skandale unter neuem Namen

Die ersten Anlagen entstanden nach dem Krieg auf dem Gelände einer Munitionsfabrik im Bemühen, mit der amerikanischen Atomwaffenentwicklung technologisch und militärisch gleichziehen zu können. In den hastigen Bemühungen, eine britische Bombe zu bauen, wurde kaum auf die Umwelt und Gesundheit geachtet und radioaktiver Abfall von Anfang an einfach in die Irische See geleitet. Ähnlich wurde zeitgleich auch in Amerika und der UdSSR verfahren.

Der auch unter dem Begriff Pile 1 bzw. Pile 2 bekannt gewordene, luftgekühlte, graphitmoderierte Windscale-Reaktor war die erste britische Produktionsanlage für waffenfähiges Plutonium-239, die für das britische Kernwaffenprogramm in den späten 1940er und 1950er Jahren errichtet wurde. Zwischen den beiden Reaktoren (Pile 1 und 2) befand sich das Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente. Die beiden Atomreaktoren „Windscale Pile 1 und 2“ gingen 1951 in Betrieb.Kurz nach dem Unfall wurden die Reaktoren versiegelt und stillgelegt.

Durch den Unfall wurde der Name Windscale zum Synonym für die Schrecken der Atomkraft, sodass die Betreiberfirma die Anlage 1981 in Sellafield umtaufte.


Skandale mit neuem Namen

Doch auch der neue Name war schnell ruiniert. Auf dem Gelände gibt es unter anderem zwei Wiederaufarbeitungsanlagen, die wiederholt wegen ihrer Einleitungen in die Irische See in die Schlagzeilen gerieten. Seit dem Brand des Windscale-Reaktors wurden über 300 Störfälle bekannt, der letzte größere im Mai 2005. Die Skandale rissen nicht ab: Lecks und weitere Brände, die Einleitung von radioaktivem Müll in die Irische See, verschwundenes Plutonium, das für sieben Atomraketen ausgereicht hätte, die heimliche Entnahme von Organen toter Sellafield-Arbeiter zu Untersuchungszwecken - die Liste ist lang.

Der Unfallreaktor steht seit damals unangetastet auf dem Gelände. Nun überlegt die Regierung, die beschädigten Brennstäbe zu entfernen. Das würde rund 722 Millionen Euro kosten. @

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