Basken unterstützen Bure gegen Atommüll
Grenzenloser Widerstand

von Markus Pflüger vom 16.08.2007

„Grenzenloser Widerstand“ titelte die Regionalzeitung einen Beitrag über den ungewöhnlichen Besuch in Bure. Die Gruppe aus 40 meist jungen Leute aus allen Teilen des Baskenlands unternahmen eine politisch- kulturelle Reise. Zuvor traten sie mehrfach beim Bardentreffen in Nürnberg auf und brachten auch die ortsansässigen Linksradikalen nach der Volxküche bei einem rauschenden Fest zum tanzen. Sie besuchten das dortige NS-Dokumentationszentrum und später u.a. die Gedenkstätte KZ Struthof im Elsass.Um Anti-Akw Aktivitäten zu unterstützen und Erfahrungen auszutauschen fragten sie auch im Widerstandshaus Bure Zone Libre nach, um in Lothringen die letzten 2 Tage ihrer Reise Station zu machen.

sonst politisch engagiert - beispielsweise gegen eine Schnellzugtrasse von Madrid nach Paris, die massiv die Täler zerstören soll oder gegen Autobahn-Neubauten und Gentechnik oder auch für die Freiheit politischer Gefangenen und das Selbstbestimmungsrecht der Basken.

Und unbekannt ist ihnen der Widerstand gegen Atomanlagen auch nicht. Mit massivem Widerstand haben die Basken einst den Bau des AKW in Lemoiz stark behindert. Das AKW konnte trotz massiver Demonstrationen, Bombenanschlägen im Baugelände und Entführungen von Leitungsangestellten zwar fertig gebaut werden, ging aber wegen des Widerstands nie ans Netz. Derzeit richtet sich das Hauptaugenmerk der dortigen Anti-Atom-Bewegung auf die Schließung des Schrottmeilers Garoña, nur wenige Kilometer von der baskischen Grenze entfernt in Kastillien. Erst am Sonntag wurde erneut dafür demonstriert, dass die Sozialisten ihrem Versprechen nach einem AKW-Ausstieg (bis 2009) einlöst und den Reaktor der 1971 noch unter der Franco-Diktatur ans Netz ging sofort abzuschalten


Unlösbares Atommüllproblem

Die ungeklärte Frage des verbliebenen Atommülls verbindet alle AtomkraftgegnerInnen, meinte Ralf Streck, ein im französischen Baskenland lebender Journalist, der schon mehrfach über den Widerstand in Bure für deutschsprachige und baskische Medien berichtet hat und als Musiker an der Reise teilnahm: „Hier in Bure soll eine Scheinlösung für den Atommüll gefunden werden - wenn das Endlager in Betrieb geht, könnte das ein europäisches Endlager werden und auch aus anderen Länder den jahrtausende strahlenden Müll aufnehmen.“ Schließlich hat kein Land bisher eine Lösung für den Hunderttausende Jahre strahlenden Müll.

Zunächst müsse die Produktion von weiterem Atommüll gestoppt werden, deshalb gehören alle Atomanlagen abgeschaltet, fordern auch die Vereinsmitgliedern von Bure Zone Libre. Das Widerstandshaus wird von einem französischdeutschen Verein getragen und von den regionalen Antiatom-Initiativen unterstützt- zwei Atomkraftgegner wohnen aktuell dort. Das ehemalige Bauernhaus bietet Raum für Treffen und Austausch der Widerstandsgruppen der Region — aber auch überregional — so war auch Unterstützung von der Stop Bure Gruppe Trier und der BI Lüchow-Danennberg in Bure erschienen. Kerstin Rudek vom Vorstand der Bürgerinitiative zeigte Solidarität, denn Bure sei wie Gorleben als Endlager ungeeignet, der Salzstock hat Grundwasserkontakt: „Die Endlager Asse und Morsleben sind schon abgesoffen, Gorleben und alle Atomanlagen gehörten stillgelegt“


Basken feiern in Bure
Höhepunkt des Besuchs der Basken in Bure war der Auftritt der Musik, Tanz und Theatergruppen auf dem „zentralen“ Platz in Bure — etwa ein Drittel der rund 100 Einwohner des verschlafenen Nests waren erschienen und staunten: Die Gruppe Orritz aus Irurtzun in Navarra - marschierten mit großen Glocken behängt und mit spitzen Hüten und Schaf-Fellen geziert durch das Dorf und lockten mit ihrem ungewöhnlichem Klang und Rhythmus die Menschen auf die Strasse. „Die Glocken wecken normalerweise im Frühjahr die Erde auf und vertreiben böse Geister“, erklärte einer der Zampanzaris. Beides sei hier wichtig, die Bauern wünschten sie eine gute Ernte und böse Geister seien ausreichend zu vertreiben, sagte er mit Blick auf die staatliche Betreibergesellschaft des Atommüllprojekts ANDRA.

Aus Irun in der Provinz Gipuzkoa trommelte die Gruppe „Tu Ku Tun“ auf uralten baskischen Rhythmusinstrumenten moderne und traditionelle Musik. Die Instrumente stammen aus dem Arbeitsprozess, so die Kirikoketa (Holzstampfer), die noch immer für die Produktion von Apfelwein genutzt werden. Die Klänge der Kirikoketa oder der Txalaparta kombinierten sie auch mit der Musik der Gruppe Jorratzen aus Bergara im Hochland von Gipuzkoa. Zu deren Trikitixa- Musik, gespielt auf einem einfaches Akkordeon, zu der getanzt wird, zieht man bei Festen im „Triki- Poteo“ von Kneipe zu Kneipe und sie werden dabei von „Panderetas“ (Tamburins) begleitet. Es ist eine freiheitliche Musik, deren Ursprung in der Rebellion gegen den katholischen Fundamentalismus liegt. Die Triki setzt auf Freiheit, Tanz, populäres Vergnügen, gegen die soziale und religiöse Zensur der Kirchenhierarchie.

Für besondere Aufregung unter den Kindern im Dorf sorgte schließlich die Gruppe Kukuma, die ebenfalls aus Irurtzun in Navarra stammt. Sie beleben mit Figuren aus der baskischen Mythologie die Feste. Auch die brutale spanische Inquisition hat es nicht geschafft, den Basken den positiven Bezug auf Hexen, Kobolde etc. auszutreiben. Kein Berg, auf dem nicht die „Symbolfigur“ die „Mari“ lebt und gutes tut. Zu ihren Figuren gehört auch der Wolf, der die Kinder neckte oder durchs Dorf trieb: „Der große böse Wolf der Geschichte ist die Atomkraft“ interpretierte die Zeitung Republicain Est in ihrem Bericht dessen Auftreten. Eindruck machte auch ein gewaltiger Wilder, der Basajaun, mit Fell bekleidet, bärtig und wilder Mähne suchte er in Bure nach den Verantwortlichen für den Atomwahn, um ihnen die nötige gehörige Tracht Prügel zu verabreichen.

Aus dem verschlafenen Dörfchen wurde mit traditionelle Tänze, Musik und Theater plötzlich ein belebter Festplatz, auch wenn in diesem Jahr kein Widerstandsfestival stattfindet. „Wir sind hierher gekommen um Euch zu unterstützen, euch Kraft zu geben für den weiteren Kampf und um gemeinsam zu feiern“. Das geschah dann im Widerstandshaus bis spät in die Nacht.

Nach einem Austausch mit den deutsch-französischen Atomkraftgegnern fand am nächsten Tag ein Besuch des Endlagerprojektes statt, um sich auch vor Ort neben Informationen der Atomkraftgegner auch die Anlage anzuschauen und die Positionen der Atomindustrie kernnenzulernen.


Kein Zutritt für Basken?

Erstaunt musste die Gruppe feststellen, dass Basken offenbar in französischen Endlagerstandorten unerwünscht sind. Als die Gruppe sich zur öffentlichen Besuchszeit dem so genannten Labor näherte, liefen wenig freundlich von allen Ecken Sicherheitsbeamte herbei und verschlossen alle Tore mit dicken Stahlketten. Dabei hatte sich die Gruppe nur an die Angebote auf den Webseiten gehalten und wollte an einer begleiteten Führung ab 15 Uhr teilnehmen. „Wir haben Anweisung erhalten, bis auf weitere Order die Tore zu verschließen“, erklärte einer vom Security-Dienst. Anrufe auf allen Ebenen und nach Verhandlungen durfte die Gruppe schließlich eintreten, wenn sie „calme“ (ruhig) blieben. Dabei waren nur die Betreiber der ANDRA nervös.

Für die ANDRA-Begleiterin erwies sich die Führung allerdings als ein Super-Gau. Gewohnt, uninformierte Gruppen zu führen, sprudelten etliche Zahlen und Details aus ihr heraus, mit denen sie die Besucher von der Sicherheit der Atomanlage überzeugen wolle. Doch gezielte Nachfragen brachten sie schnell zum kochen. Auf die Frage, wie sie denn 2005 schon eine Empfehlung für den Endlagerstandort abgeben konnte, wo die Bohrungen doch gerade erst in der Ton-Schicht in 500 Meter angekommen war, musste sie passen und brach fast die Führung ab.

Tödliche Blicke warf sie dann den Frager Innen zu als sie, nach Verweis auf den internationalen wissenschaftlichen Austausch, nach dem abgesoffenen, einst als sicher verkauften deutschen Endlager für mittel- und leichtradioaktive Asse in Deutschland gefragt wurde. Interessant war noch die Tatsache, dass in der Tonschicht unter Bure insgesamt mindestens 8 Prozent Wasser eingelagert sind. Das bewege sich nicht, hieß es. Was passiert, wenn man bohrt und sprengt, Risse auftauchen usw.? Solche Überlegungen kommen bei der ANDRA offenbar nicht in Betracht, die auch gegen die eigenen Gesetze verstoßen hat, wonach verschiedene Standorte und Lagermedien untersucht werden sollten.

Doch das Müllproblem drängt. Für die neue Reaktorlinie (EPR) muss dringend das Endlagerproblem „gelöst“ werden, um der Bevölkerung den Atomwahn wieder schmackhaft machen zu können. Überzeugt davon, dass nicht wissenschaftliche Erkenntnisse sondern Notwendigkeiten zur Auswahl des Standortes geführt haben, drückten die Basken ihren Protest mit einer Privatdemo vom Labor ins Dorf aus.@

externer Link burestop.org
externer Link burezonelibre.free.fr

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