Massiver und militanter Widerstand haben in den Achzigern die Inbetriebnahme des philippinischen AKW in Bataan verhindert.
Anong sagot sa planta nukleyar?
Welga, Welga, Welgang bayan


von Zoltan Grossmann 15. Sept. 1985

Es ist Nacht auf dem Highway nördlich von Mariveles, einer Industrie- und Fischerstadt an der Spitze der Halbinsel Bataan westlich von Manila. Mehr als 5000 EinwohnerInnen, vor allem Frauen ziehen mit Fackeln die Straße entlang.

Es gab schon viele Demonstrationszüge in Bataan, besonders während Streiks gegen die niedrigen Löhne und die schlechten Arbeitsbedingungen in den Industriegebieten. Aber diese Demonstration ist anders.

Während sich der Fackelzug die Küstenstraße hinaufschlängelt, fangen die Frauen an zu singen: „Anong sagot sa planta nukleyar? Welga, Welga, Welgang bayan“( Was ist die Antwort auf das AKW? Streik, Streik, Der Streik des Volkes!).

Das ist eine Anspielung auf den drei Tage dauernden Generalstreik im Juni gegen das Morong AKW ganz in der Nähe. Nach 15 Jahren der Auseinandersetzung und Verzögerung ist der Reaktor jetzt betriebsbereit. In den nächsten zwei Monaten soll der Reaktorkern beladen und die Brennstäbe getestet werden, so dass dann im Dezember das AKW in Betrieb gehen kann.

Während der Demonstration klatschen die AnwohnerInnen Beifall, spenden Wasser und reihen sich in den Zug ein, der auf 25 000 Menschen anwächst. Fischer zünden Leuchtraketen und Kirchenglocken läuten zur Begrüßung. Neben den üblichen Graffitis, die die US-Marcos-Diktatur anprangern, sind auf den Mauern Sprüche zu lesen wie: Lakas ng bayang Hindi Lakas Nukleyar ( Die Macht des Volkes – nicht die Atommacht).

 

Schwer bewaffnete Militärs, begleitet von einem Wasserwerfern, bahnen sich einen Weg durch die Demonstration und Offiziere durchsuchen Tausende von Demonstrierenden. Der Generalstreik wurde zu 95 Prozent als erfolgreich angesehen, genauso wie die Barrikaden, die den Verkehr und Geschäft lahm legten. Seit Anfang der Proteste wurden mehr als 25 Strommasten, die Strom aus dem AKW weiterleiten sollen, in die Luft gesprengt.

Inmitten dieses bürgerkriegsähnlichen Zustandes hat Präsident Marcos bis zu 2,6 Milliarden Dollar für das AKW ausgegeben. Der Reaktor, einer von vier von der Westinghouse Corporation für die Philippinnen geplante Reaktor, ist nicht weit vom US- Militärstützpunkt am SubicBayand Clark Field entfernt. Stromleitungen führen direkt dahin. Für die Menschen auf den Philippinen symbolisiert die Atomanlage die Gefahren der Atomtechnologie.

Sie liegt nahe einem aktiven Vulkan und ist stark erdbebengefährdet. Im Falle eines Unfalls würden die vorherrschenden Winde die radioaktiven Wolken auf die Hauptstadt Manila blasen.

In Morong gehen Atomenergie und militärische Repression Hand in Hand. Um den Bauplatz für das AKW klar zu machen, hat die Regierung BewohnerInnen zwangsweise umgesiedelt und das setzt sich bis heute fort. Zwischen 1979 und 1981 hat das Militär vier Aktivisten ermordet. Einer davon, ein Bauarbeiter des AKW, wurde tot in einem infizierten Tank aufgefunden.

„Die vier Menschen wurden getötet wegen ihrer Beteiigung am Widerstand gegen die Atomanlage., sagt Elmo Menapt von der Nuclear Free Philippines Coalition. „ Das hat die Stimmung der Menschen in Morong niedergedrückt. Statt die Menschen dazu zu bewegen, sich mit noch militanteren Aktionen zur Wehr zu setzen, hat es ihnen Angst gemacht.“

Die Coalition ist eine vorwiegend städtische Mittelklasse-Organisation. Es hat in seinen Reihen auch ein Netzwerk von Frauengruppen mit dem Namen Gabriela. Dieses Netzwerk mobilisierte 40 000 Menschen zu einer Demonstration von Manila nach Morong im letzten Oktober. Nach dem Versuch einer zentralisierten Form der Organisation, stimmte die Coalition für selbstverantwortliche autonome Gruppen von Arbeitern, Bauern, Handwerkern und Fischer in Bataan.

Anti-Atom AktivistInnen in den Industrieländern gehen oft davon aus, dass Arbeiter zu sehr mit ihrem unmittelbaren wirtschaftlichen Überleben beschäftigt sind, um sich gegen Atomkraft zu engagieren. Aber in Bataan haben Frauen, die für 30 cents in der Stunde Kleider für Barbie-Puppen nähen, und Fischer, die nicht mit den großen Trawlern mithalten können, sich der Kampagne gegen das Morong AKW angeschlossen.

„Der Kampf sollte von Arbeitern geführt werden, sagt Ed Capuyo von der Bataan Arbeitervereinigung, der ersten regionalen Arbeiterorganisation auf den Philippinen. „Wenn wir nicht den Kampf gegen das AKW eröffnen, bewegen sich die Menschen nicht.“

Arbeiter haben massive Sabotage innerhalb des AKW betrieben, Verdrahtungen kurzgeschlossen, Kabel durchgeschnitten, Fahrzeuge geschrottet und eine Turbine zerstört, in dem Sand in den Schmierstoff geblasen wurde. „So zeigen wir den Menschen, wo wir stehen.“grinst ein LKW-Fahrer, der im AKW arbeitet. „Mit all den Sabo tageaktionen der Menschen wird das AKW höchsten 2 Monate laufen.“

„Wir sind verzweifelt,“ sagt ein Demonstrant. „Wir wollen keinen atomaren Müll für eine Viertel-Million Jahre. Marcos sagt, er wird das AKW mit allen möglichen Mitteln bauen. Wir sagen, wir werden es mit allen möglichen Mitteln verhindern“@

Zoltan Grossman,
ein antiAtom-Aktivist und
freier Journalist in Chicage
Übersetzung: E.Krüger

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