|
Philippinen: Geschichte der Anti AKW- und Friedensbewegung von Dieter Kaufmann Kurzer geschichtlicher Abriss bis nach dem 2. Weltkrieg In der vorkolonialen Zeit leben die Aetas als ursprüngliche indigene Bevölkerung auf den Philippinen, noch heute auf drei Inseln vertreten, mit rund 30.000 Menschen. In der Zeit von 3.000 bis 2.500 v. Chr. wandern austronesische Stämme von Taiwan her kommend südwärts ins Land und verteilen sich von dort aus weiter in Richtung Süden. Vom 7. bis 13. Jahrhundert kommen Teile der Philippinen unter den Einfluss von Sri Vijaya, einem einflussreichen Handelsreich in Indonesien, und später von Majapahit, dem letzten großen Hinduimperium im Indonesischen Archipel. Ab 1380 fasst der Islam auf den südlichen Philippinen Fuß, es bilden sich verschiedene Sultanate. Die koloniale Zeit beginnt 1565 auf dem Archipel, als der Konquistador Miguel López de Legazpi die erste spanische Siedlung auf der Insel Cebu gründet. Für die folgenden 333 Jahre (1565 - 1898) sind die Philippinen spanisches Territorium. Etwa sieben Prozent der Bevölkerung spricht heute noch spanisch, deshalb haben viele Menschen und Städte auf den Philippinen spanische Namen. Von 1896 bis 1898 findet die philippinische Revolution statt. In der Endphase dieser Revolution bricht der Spanisch-Amerikanische Krieg aus, bei dem die spanische Flotte durch amerikanische Kriegsschiffe in der Bucht von Manila vernichtet wird. Ein Großteil des Landes ist jedoch zu dem Zeitpunkt bereits unter philippinischer Kontrolle, worauf am 12. Juni 1898 die philippinische Unabhängigkeitserklärung erfolgt. Die Regierung der Ersten Philippinischen Republik entscheidet sich 1898 auf einer offiziellen Versammlung in Malolos, Bulacan, dafür, Spanisch weiterhin als Amtssprache zu verwenden. Die USA erkennt die junge philippinische Republik aber nicht an und bekämpft sie im Philippinisch- Amerikanischen Krieg von 1899 bis 1902 massiv. Etwa eine Million Filipinos - 20% der Gesamtbevölkerung- kommen während dieser Zeit ums Leben und das Land wird zur amerikanischen Kolonie. 1935 wird eine Teilautonomie für die Philippinen mit dem Ziel der Unabhängigkeit bis 1945 beschlossen. Manuel Quezon wird Präsident des philippinischen Commonwealth. Dieser holt sich später Douglas MacArthur als Militärberater hinzu, der beim Aufbau eigener philippinischer Streitkräfte hilft. 1942 kämpfen philippinische und amerikanische Soldaten vergeblich gegen die erbarmungslos eindringende japanische Armee. Von 1942 bis 1945 werden die Philippinen im Zuge des Zweiten Weltkriegs von Japan besetzt. Millionen Philippiner sterben durch das brutale japanische Besatzungsregime, etliche Städte werden in Schutt und Asche gelegt. Am 4. Juli 1946 werden die Philippinen offiziell in die Unabhängigkeit entlassen. Die USA behalten einige Jahrzehnte lang wirtschaftliche Sonderrechte und militärische Stützpunkte auf den Philippinen. Die USA spielen bis heute eine wichtige Rolle in der philippinischen Politik.
Das Atomprogramm wird auf den Weg gebracht 1958 beginnt des Atomprogramms mit der Gründung der Philippine Atomic Energy Commission. 1965 wird Ferdinand Marcos zum Präsidenten gewählt. 1969 erfolgt die Wiederwahl von Präsident Marcos. Studentische Unruhen folgen, da bei den Wahlen Unregelmäßigkeiten festgestellt werden. Am 21. September 1972 verhängt Marcos das Kriegsrecht über die Philippinen. Im Juli 1973 beginnen die Planungen für den Bau zweier Atomanlagen im Fischerort Morong, in der Provinz Bataan, etwa 80 km westlich von Manila, neun Kilometer von einem Vulkan entfernt. 1976 erfolgt der Baubeginn von zwei Atomanlagen. Auf den Philippinen allein werden 3,2 % aller Erdstöße und Beben der Erde registriert. Das gilt für den Standort der beiden geplanten Atomreaktoren ganz besonders. Eine größere Vulkanbebenstörlinie zieht sich durch die Provinz Bataan. Seebeben und Springfluten (Tsunami) machen den Standort gefährlich. Es ist ein Schildbürgerstreich erster Güte, an so einen Standort Atomkraftwerke bauen zu wollen. Ein Druckwasserreaktor mit 620 MW, ein Westinghouse Modell. Es werden systematisch Razzien in Morong vom Militär durchgeführt, der Bauplatz der Atomkraftwerke wird zu einer Festung des Militärs. 1981 steigen die Kosten auf über 2,2 Milliarden US Dollar, ursprünglich sollten beide AKW 500 Millionen US Dollar kosten. So wird jetzt nur an einem Bataan Nuclear Power Plant (BNPP) weitergebaut. Die Subic Marine Basis der USA auf der Halbinsel Bataan liegt nur 20 km vom AKW Standort entfernt. Der produzierte Strom aus dem geplanten Atomkraftwerk ist auch für die US Militärbasis gedacht.
Der Widerstand gegen das Atomprogramm wächst Am 26. Januar 1981 wird die „Nuclear Free Philippines Coalition“ (NFPC) gegründet und sie mobilisiert den Widerstand gegen zwei Westinghouse – Atomreaktoren auf der Halbinsel Baatan am Fuße eines Vulkans und gegen die US-Basen der 7. US-Flotte. In der Koalition sind 129 lokale, regionale und nationale Organisationen zusammengeschlossen. Die NFPC wird damit auch ein Teil der Demokratiebewegung des Landes. Im Juli 1981 ist ein Anti-AKW-Aktivist, der Aufklärungs- und Organi sationsarbeit unter den Fischern und Bauern vor Ort betrieb, spurlos verschwunden. Sein Schicksal wird nie aufgeklärt. Nach dem Mord an Benigno Aquino, der im Jahre 1983 nach Exil in den USA auf die Philippinen zurückkehrt, auf dem Flughafenfeld festgenommen wird und dann am Flughafen von Manila erschossen wird, wächst der Widerstand gegen den Diktator Marcos. Die erste Nationale Konferenz gegen Atomanlagen und U.S. Basen findet vom 14. bis 16.10.1983 in Manila statt. Motto: „Atomkraftwerke und US Basen raus!“ In der Abschlusserklärung heißt es: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Bewegung für (nationale) Unabhängigkeit und Demokratie untrennbar von der Bewegung für ein atomfreies Philippinen ist .... . Wir erklären unsere Solidarität mit der internationalen Anti- AKW-Bewegung und mit der antiimperialistischen Friedensbewegung, besonders mit der Bewegung für eine atomfreie und unabhängige Asien-Pazifik-Region. Wir drücken unsere Einheit aus mit Befreiungsbewegungen in anderen Ländern, die eine gerechte soziale Ordnung und Freiheit vom Würgegriff des Imperialismus suchen.“ 1984 werden die Bauarbeiten am Atomkraftwerk auf Halbinsel Baatan beendet. Der Widerstand gegen die Diktatur von Marcos wächst zum Volksaufstand. Am 25. Februar 1986 wird Ferdinand Markos durch die Demokratiebewegung gestürzt und geht ins vorläufige Exil in die USA nach Hawaii. Teile der Armee laufen zur Demokratiebewegung über und werden durch Massendemos unterstützt. 1988 soll das fertiggebaute Atomkraftwerk verschrottet werden, da weder die geologische Standsicherheit noch die Betriebssicherheit gewährleistet werden können. Die Anti-AKW-Bewegung fordert, dass die Schuldenlast und die Still legungskosten für diesen Atomreaktor von Westinghouse und Marcos getragen werden sollen. Die 7. US Flottenbasis in Bataan muss die Philippinen 1991 verlassen, nachdem bekannt wird, dass GIs mehrfach philippinische Frauen vergewaltigten. Die Täter werden später von USMilitärgerichte verurteilt, aber im katholischen Philippinen hören die Massenproteste gegen die USA nicht mehr auf, bis die US-Regierung die Auflösung der US-Basen ankündigt. Am 02. April 1992 wird eine Blockade gegen den Atombetreiber von BNPP vom Netzwerk NFPC organisiert. Es ist nach wie vor unklar, wie es mit AKW auf der Halbinsel Bataan weiter gehen soll. Der Weltwirtschaftsgipfel findet im Juli 1992 in München statt. An einer Großdemo, Aktionstage und am Gegenkongress von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) beteiligen sich auch AKW-GegnerInnen. Auf dem Gegenkongress wird u.a. die Weltbank, die US-Regierung und Westinghouse von philippinischen AKW-GegnerInnen angeklagt, Philippinen mit dem alten Projekt eines AKW am Vulkan im neokolonialen Stil auszubeuten.
![]() Der Kampf gegen das AKW in der Region Morong / Bataan auf der Insel Luzon nimmt kein Ende. Im März 1995 gibt die philippinische Regierung unter starkem Druck ihren Widerstand gegen das AKW Projekt des ehemaligen Diktators Marcos, das eingemottet war, auf. Atomkraftwerke sind nicht nur eine Gefahr für die Umwelt, sondern auch ein dauerhaftes Hindernis für eine Entwicklung in den Philippinen. Das Atomkraftwerk hat bis jetzt einen Schuldenberg (Tilgung und Zinsen) von über 5 Milliarden US Dollar für das bettelarme Land hinterlassen. Am 12. April 1995 nach der UN - Klimakonferenz in Berlin besuchen uns Menschen aus der Anti-AKW - und Umweltbewegungen von Südkorea, Philippinen, Indonesien und Nepal. Sie machen gerade eine Rundreise durch Deutschland und Europa. Der Arbeitskreis gegen Atomanlagen Frankfurt (AK) betreut sie im Rhein Main Gebiet und besichtigt gemeinsam mit der BesucherInnengruppe das Öko-Institut in Darmstadt und das Informationszentrum des AKW Standortes in Biblis. Nach der Außenbesichtigung der beiden AKW, wird vom AK im Informationszentrum des AKW Betreibers am dort ausgestellten Modell erklärt wie ein AKW funktioniert und wo die Gefahren der Atomanlagen liegen. Die Angestellten im AKW Infozentrum trauen sich nicht in den Vortrag vom AK einzugreifen. Viele der Besucher Innen aus Südostasien sehen zum ersten Mal in ihrem Leben ein AKW und staunen besonders über die hiesigen Sicherheitsmaßnahmen an Atomanlagen. In Cebu City auf der Insel Negros, dem Inselarchipel von Philippinen, einigen sich auf einem Gipfeltreffen am 17. Januar 2007 der Asean Staaten in Südostasien 16 Staats- und Regierungschefs – darunter Delegationen aus Indien und China - trotz großen wirtschaftlichen Wachstums auf eine Drosselung der Öl- Nutzung. Die zehn Mitgliedstaaten des Asean - Verbundes sowie Japan, China, Indien, Südkorea, Australien und Neuseeland wollen insbesondere regenerative Energien fördern, aber auch in die Atomkraft investieren. Somit wollen die 16 Staaten die Anstrengungen zur Reduzierung der Treibhausgase erhöhen, ohne dabei Emissionsgrenzen festzulegen. Erneuerbare Energien heißt hier ausschließlich Windenergie. Solarenergie und geothermische Energie werden nicht in Betracht gezogen. Das Atomkraftwerk in den Philippinen ging bekanntlich nie ans Netz und steht bis heute intakt, aber funktionslos herum. Die Erdbebengefahr hatte Mitte der 80er Jahre für die größte AKW-Pleite in der Region Südostasien gesorgt. Bis heute gibt es in dieser Region keine Atomkraftwerke. „Möglicherweise wollen Touristen mal schauen, wie ein Kernkraftwerk aussieht“, meint Energieminister Raphal Lotilla, „und vielleicht hat jemand irgendwann eine Idee, was wir damit machen sollen.“ Das Atomkraftwerk kostete 2,3 Milliarden US-Dollar. Der Staat stotterte ab 1985 Kreditzinsen und Tilgung ab, täglich 155 000 US-Dollar. Die letzte Kreditrate wurde vor zehn Wochen überwiesen, so die Frankfurter Rundschau am 31. Juli 2007. Vielleicht könnte auf dem AKW Gelände ein Freizeitpark für Touristen eingerichtet werden, wie das mit dem Schnellen Brüter am Niederrhein in Kalkar passiert ist.
Arbeitskreis gegen Atomanlagen
Kontakt: Nuclear Free Philippines Coalition
Quellen:
Anti AKW Kalender 1985, ab Seite 18 ff
Philippinen - Die unvollendete Revolution
...und auch nicht anderswo!: WISE, Nr. 499/500, 16.10.1998 iwr, Energieletter, 03/2007, 16.01.2007 Frankfurter Rundschau vom 31.07.2007 wikipedia, 22.08.2007 anti-atom-aktuell.de |