Subjekte der Geschichte sind selbst geschichtliche Subjekte
Soziale Bewegung und Erinnerung

von Thomas Seibert

Wer zum Thema „Soziale Bewegungen und Erinnerung“ und also über die Geschichte schreibt, sollte die Position benennen, die er mit seiner Rede bezieht. Denn Geschichte ist die Geschichte sozialer Kämpfe unter den Bedingungen von Klassengesellschaften, von patriarchaler und rassistischer Herrschaft. Deshalb fordert die Geschichte denen, die von ihr sprechen wollen, stets ab, Partei zu ergreifen, ideologische Position zu beziehen.

Diese Forderung ist keine abstrakte Forderung, kein moralisches Postulat, dem man sich verweigern könnte: Man hat ihr vielmehr schon in dem Augenblick entsprochen, in dem man - so oder so - das Wort ergreift. Erinnerung und Geschichte werden damit notwendig selbst zum ideologischen Gegenstand und zum Gegenstand ideologischer Kämpfe. Das schliesst nicht aus, sondern ist sogar die Voraussetzung dafür, dass es Erinnerungen, in denen Geschichte wirklich gegenwärtig wird, gibt. Nach dem gegebenen Stand der sozialen und ideologischen Kämpfe ist die Erkenntnis der Geschichte zugleich die Erinnerung des Kontinuums der Niederlagen, die bis zum heutigen Tag auf jeden Sieg sozialer Bewegungen folgten.

Den Begriff des Kampfes verwende ich nicht aus einer Vorliebe für gewaltsame Auseinandersetzungen oder in Reduktion des historischen Geschehens auf ein simples Freund- Feind-Schema. Ich verwende ihn, weil es in jedem historischen Handeln um Sieg oder Niederlage geht - selbst dort, wo Kompromisse geschlossen werden, und auch dort, wo es um die historische Erkenntnis, um Erinnerungen geht.


Die Position der Erinnerung

Die Position, von der aus ich schreibe, ist ein historischer Materialismus, den die Erinnerung an die bisherige Geschichte zum Pessimismus hat werden lassen. Die Erinnerung ist jedoch nicht nur der Grund, sie ist zugleich die Grenze dieses Pessimismus: Wer die Geschichte als den Raum und die Zeit sozialer Kämpfe denkt, der denkt sie auf die Möglichkeit hin, dass der Sieg zuletzt doch denen zufällt, die um ihre eigene und um die Befreiung aller kämpfen - eine Möglichkeit, die offen steht, solange die Geschichte noch nicht abgeschlossen ist. Deshalb ist die Rede von einem hier und heute schon erreichten Ende der Geschichte stets eine Rede der Herrschaft und der herrschenden Ideologie gewesen. Es sind die Herrschenden, die allein daran interessiert sind, die Geschichte in ihrer Gegenwart abzuschliessen und jene zum Schweigen zu bringen, die ihnen gestern unterliegen mussten.

Im Jahr 1940, als im bis dahin ungebrochenen Siegeszug der faschistischen Armeen die Geschichte schon einmal an ein katastrophisches Ende gekommen zu sein schien, schrieb Walter Benjamin, selbst auf der Flucht, seine 28 Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Dieser Text ist eine der wichtigsten Schriften des historischen Materialismus, ich werde ihn im folgenden immer wieder erinnern. Benjamin versucht dort, einer der Absicherung der Herrschaft dienlichen Geschichtsschreibung eine revolutionäre Geschichtsschreibung entgegenzusetzen. Er schreibt: „Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. (...) Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht ohne Grauen bedenken kann. (...) Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist. Der historische Materialist rückt daher nach Massgabe des Möglichen von ihr ab.“ Von wo aus aber bestimmt sich die „Massgabe des Möglichen“, die dem historischen Materialisten das Abrücken vom Überlieferungsprozess der herrschenden Ideologie und die Rettung der Erfahrungen wie der Hoffnungen der Unterlegenen erlaubt? Für Benjamin ist diese „Massgabe des Möglichen“ einem „Anspruch“ zu entnehmen, der von den verlorengegangenen Kämpfe der Vergangenheit an diejenigen ergeht, die sich heute der Fortdauer der Herrschaft widersetzen.

Die herrschende Ideologie versucht die Unterlegenen von ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Tradition zu trennen und jedes Bewusstsein darüber auszulöschen, dass die Subjekte der Geschichte selbst geschichtliche Subjekte sind. Sie tut das, in dem sie uns in der Gegenwart einschliesst. Sie konstruiert diese Gegenwart als Vollendung der Vergangenheit und Höhepunkt der Geschichte, und sie konstruiert die Zukunft als Verlängerung der Gegenwart. Damit wird die Geschichte zur homogenen Zeit, die, in flüchtige Gegenwarten zersplittert, unumkehrbar von der Vergangenheit in die Zukunft fliesst. Wer historisch existiert, lebt aber nicht nur im gegebenen Augenblick, sondern im offenen Prozess der sozialen und ideologischen Kämpfe. In diesem Prozess sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht definitiv getrennt und niemals endgültig bestimmt: Was gewesen sein wird, entscheidet sich jetzt und morgen, ist Teil gegenwärtiger wie künftiger Kämpfe, und nicht einfach nur ein vergangenes Ereignis, das im Fluss der Zeit immer weiter in die Vergangenheit versinkt und irgendwann gänzlich verloren geht. Deshalb führen wir nie allein die Kämpfe unserer Gegenwart, sondern immer auch die Kämpfe derjenigen, die uns vorausgegangen sind. Darum ist uns die Möglichkeit gegeben, in unseren Siegen die Niederlagen umzukehren, die andere gestern hinnehmen mussten. Um die Niederlagen der Vergangenheit umkehren zu können, dürfen wir uns aber gerade nicht in unserer Gegenwart einschliessen lassen, sondern müssen uns dem Anspruch öffnen, den die Vergangenheit an uns richtet. Benjamin schreibt: „Vergangenes historisch artikulieren heisst nicht, es erkennen `wie es denn eigentlich gewesen ist‘. Es heisst, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. (...) In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwinden.“


Der Tigersprung in die Vergangenheit

Stimmt das, dann kommt alles darauf an, den Anspruch, der aus der Vergangenheit an eine Gegenwart ergeht, angemessen zu verstehen. Ein solches Verständnis schliesst ein: Sich als den Angesprochenen zu verstehen und zugleich zu verstehen, was im Anspruch gefordert wird. Anspruch und Hören des Anspruchs sind selbst historisch, das heißt es gibt sie immer nur in einer gegebenen historischen Situation. Unsere historische Situation ist von der Niederlage der sozialen Bewegungen der letzten vierzig Jahre bestimmt, mit der der neoliberale Globalisierungsprozess erst so richtig in Fahrt gekommen ist. Historisch genauer gesprochen: Die Globalisierungsoffensive des Kapitals beginnt in den 70er Jahren, und sie beginnt als Antwort auf seine globale Infragestellung durch die sozialen Revolten der 60er und 70er Jahre. An der Oberfläche der Ereignisse markiert das Jahr 1989 die für uns heute entscheidende Wendemarke, als das Jahr, in dem der ganze staatssozialistische Block und damit die historische Konstellation der Nachkriegszeit zusammenbrach. Die Niederlage betraf allerdings nicht allein die staatssozialistischen Regime und Parteien. Sie betraf sämtliche soziale Bewegungen und alle Strömungen der Linken, auch und gerade die, die sich nicht allein der kapitalistischen, sondern auch der staatssozialistischen Herrschaft widersetzt hatten. Weil die Niederlage von 1989 in diesem Sinn eine umfassende Niederlage aller sozialen Bewegungen und der gesamten Linken war, hat sie auf der Seite der Sieger zu einem Antikommunismus neuen Typs geführt. Der alte gehörte zum Kalten Krieg, er erkannte die kommunistische Alternative zum Kapitalismus ausdrücklich an und denunzierte sie zugleich als das real existierende Böse zum Guten des „freien Westens“ und der liberalen Demokratie.

Der neue Antikommunismus besteht dem gegenüber in der Leugnung einer Alternative überhaupt; auch und gerade deshalb ist „Globalisierung“ eines seiner Schlüsselwörter: Es soll nur Eine Welt und Eine Weltordnung sein, neben der es andere gar nicht mehr geben kann, andere nicht einmal denkbar sind. Dies ist die zeitgenössische Form, uns in unserer Gegenwart einzuschliessen, unsere Überlieferung dem Konformismus der Herrschaft einzuverleiben und unsere Niederlage dergestalt in der leeren Gegenwart des Von-jetzt-an-Immergleichen zu vollenden. Wer von einer Niederlage spricht, und darüber hinaus von einer Niederlage diesen Ausmasses, der spricht von der Übermacht des Gegners. Damit würde allerdings übersehen, dass eine Niederlage immer auch auf Ursachen zurückgeht, für die allein die Unterlegenen verantwortlich sind: Das Ende, das von aussen hereinbricht, ist von innen vorbereitet worden.

Dazu passt dann auch, dass der Chor der herrschenden Ideologen von Stimmen verstärkt wird, die sich auf die sozialen Bewegungen der 60er, 70er und 80er Jahre berufen und sich als deren historische Führer ausgeben. Diese Stimmen autorisieren die herrschende Ideologie und ihr Dogma von der Einen und Einzigen Weltordnung durch die Deutung, die sie den Bewegungen verleihen, die sie jetzt verleugnen und verleumden. Man habe 1968, so heisst es, die Verkrustungen des nachfaschistischen westdeutschen Staates und die Verdrängung der faschistischen Epoche gesprengt, um die Bundesrepublik in die liberale Demokratie und die westliche „Wertegemeinschaft“ zu führen. Man sei dabei, so ist zu hören, zeitweilig über das Ziel hinausgeschossen und habe sich gelegentlich in der Wahl der Mittel getäuscht. Doch sei im Überschwang die Demokratisierung geglückt, weshalb heute jeder Rückgriff auf die Revolte von damals unnötig geworden sei - was insbesondere die zu beherzigen hätten, die sich heute zu ihr aufgerufen fühlten.

Mag das auch viele 68er lebensgeschichtlich überzeugen: die sozialen Bewegungen der gemeinten Epoche gehen darin nicht auf, sie haben mehr und anderes gewollt und haben dieses Mehr und dieses Andere zugleich verfehlt. Zwar ist historisch richtig, dass die DemonstrantInnen der Studentenbewegung in ihrer Mehrzahl tatsächlich von den Motiven bestimmt waren, die ihre heutigen Repräsentanten jetzt als einzige gelten lassen wollen: das Erschrecken über die Kontinuitäten zwischen dem faschistischen und dem nachfaschistischen Deutschland, über die Leugnung der historischen Schuld, all dies aktualisiert in der Empörung über den Vietnamkrieg. Dem entspricht, dass sich die sozialen Bewegungen des Jahres 1968 zunächst keineswegs als sozialistische oder kommunistische Bewegung verstanden. Doch kam es mit der brutalen Zerschlagung der Schahdemonstration, der Ermordung Benno Ohnesorgs, dem Attentat auf Rudi Dutschke und der mörderischen Hetzkampagne der Springerpresse zu einer tief greifenden Radikalisierung der Bewegung. Wer dabei blieb, dem stellte sich eine ganz neue Frage: Wenn wir mehr sind als eine studentische Opposition mit beschränkter demokratischer Zielsetzung, was ist dann eigentlich unser historischer Horizont, in welcher Geschichte stehen wir und wie verhalten wir uns zu dieser Tradition?

In diesem Augenblick führte die soziale Bewegung der Jahre um 1968 zwei Ansprüche zusammen, die aus der Vergangenheit an sie ergingen: den Anspruch der Opfer des Faschismus, sich dieser furchtbaren Epoche zu stellen, ihre Verdrängung aufzubrechen, und den Anspruch, die Kämpfe derjenigen wiederaufzunehmen und fortzuführen, die mit der Machtübernahme des Faschismus ihre Niederlage erfahren mussten.

Es ist gerade diese Wendung, die von den herrschenden Ideologen und denen, die sich ihnen mittlerweile angeschlossen haben, verdeckt wird. Auf den Punkt gebracht: Die AktivistInnen der 68er Bewegungen entnahmen der Besinnung auf ihre historische Position den Auftrag, das Fortwirken des Faschismus durch die Fortsetzung der sozialen Revolution zu brechen, die der Faschismus besiegt hatte. Die Epoche des Faschismus und die Epoche vor dem Faschismus - der herrschenden Ideologie zufolge abgeschlossene Vergangenheiten, an denen nichts mehr zu ändern ist - wurden ihr - mit Benjamin gesprochen - zur „Jetztzeit“.

Kann man in der Aneignung der Vergangenheit, wie sie die sozialen Bewegungen vor allem der 70er Jahre versucht haben, von einem solchen „Tigersprung ins Vergangene“ reden? Haben die Subjekte dieser Bewegung sich dem Anspruch der Vergangenheit geöffnet, haben sie ihn verstanden oder missverstanden, war da überhaupt etwas zu verstehen? Und: was hat oder hätte dies mit ihrem eigenen Schicksal, d.h. ihrer letztendlichen Niederlage zu tun?

aus: CONTRASTE
Thomas Seibert
ist unter anderem Redakteur der
Halbjahreszeitschrift fantômas

 

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