Brasiliens Ausbaupläne und die missachteten Rechte von Ureinwohnern
AKW-Risiken verschleiert

Brasiliens Regierung will ein umfangreiches Atomenergie-Ausbauprogramm beschließen. Über die Folgen dieser Pläne sprach Norbert Suchanek (ND - Neues Deutschland) mit dem Leiter der brasilianischen Umweltschutzorganisation SAP+, Rafael Ribeiro.

 



 

ND: Was halten Sie von aktuellen Aussagen, dass die Fertigstellung des Reaktors Angra 3 sowie der Bau von bis zu sieben weiteren AKW im Süden und Nordosten des Landes nötig seien, um den wachsenden Energiebedarf zu decken?

Ribeiro: Diese Nachrichten werden von der Nuklear-Lobby und den mit dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie verbundenen Institutionen und Baufirmen in die Welt gesetzt. Aber das Thema stößt auf Widerstand auch in der Regierung, angeführt von Umweltministerin Marina Silva.
 

ND: Hat der Bau von Brasiliens Atomkraftwerken - Angra 1, 2 und die Bauruine Angra 3 - zu Konflikten mit der Urbevölkerung geführt?

R :Die gesamte Region der Bucht von Angra dos Reis war bis zum 17. Jahrhundert von verschiedenen Indianervölkern bewohnt, die aber »verschwanden«. Zur Zeit des Baus der Kraftwerke befand sich das Küstengebiet in der Hand der Caiçaras, traditioneller Fischergemeinden, Nachfahren von ehemaligen Sklaven, Indianern und Europäern, die hier nach dem ökonomischen Abschwung Ende des 19. Jahrhunderts eine regionale, auf Selbstversorgung ausgerichtete Wirtschaftsweise praktizierten. Während der Militärregierung eigneten sich mit dem Militär paktierende Agenten von Interessengruppen diese Gebiete illegal an, und sie verliehen einer Serie von Großprojekten wie dem Bau der Straße von Rio de Janeiro nach Santos, dem Bau von Tourismusressorts oder dem Bau der Hafenanlagen von Petrobas den Anschein der Legalität.
 

ND: Neuere Studien von Anthropologen besagen, dass die bis heute in der Küstenregion Südostbrasiliens sowie in Paraguay, Nordargentinien und Uruguay als Nomaden lebenden Guarani Mbya die Region rund um Angra niemals verlassen haben. Beim jüngsten »Indigenous World Uranium Summit« kamen sie erstmals als Betroffene zu Wort. Wie ist Ihr Kenntnisstand?

R: Ende 80er, Anfang der 90er Jahre kehrten die Guarani Mbya in die Region zurück. Ihr Dorf von Bracui, 15 Kilometer vom Atomkomplex entfernt, wurde von der Indianerschutzbehörde FUNAI anerkannt.
 

ND: Wurden die traditionellen Landnutzungsrechte beim Bau der Reaktoren irgendwie berücksichtigt?

R: Das Verhältnis war gänzlich von Respektlosigkeit geprägt. Weder die Landrechte der Einheimischen wurden anerkannt, noch gab es eine offene Diskussion mit der Bevölkerung. Was die Stadt Angra betrifft, so gab es keinerlei Infrastrukturhilfe, um die Tausenden von Menschen aufzufangen, die der Kraftwerksbau aus anderen Teilen Brasiliens angezogen hatte.
 

ND: Wie ist das Verhältnis der Guarani Mbya zu dem staatlichen Atomkraftwerksunternehmen Eletronuclear heute?

R: Es gibt praktisch kein Verhältnis. Eletronuclear benutzt Fotos der Guarani im Austausch für »Glasperlen« - Spenden in Form von Computern, der Finanzierung einer Ausstellung von Kunsthandwerk der Guarani oder der Ausbesserung der Straße zum Dorf. Das Indianerdorf von Bracui wurde nicht einmal über die Verhaltensweisen im Falle eines Atomunfalls unterrichtet.
 

ND: Gibt es eine radioaktive Verseuchung der Bucht von Angra?

R: Es gibt keine unabhängige Information. Alle Kontrollen werden von Eletronuclear und der Nationalen Atomenergiekommission durchgeführt. Und die Praxis dieser staatlichen Institutionen ist es, alle Probleme zu verschleiern.
 

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