„AKW sind harmlos - verglichen mit der Lagerung von Atommüll“
Die Illusion
vom sicheren Atommüll-Zwischenlager


aaa-Bericht über einen Text von Detlef von dem Winkel

Der Betrieb der deutschen Atomreaktoren sei, verglichen mit der über ganz Deutschland verstreuten Lagerung des atomaren Mülls, noch harmlos. Das zumindest behauptet Detlef Winkel in einem Artikel „Technische Intelligenz und Idiotie“ in der Zeitschrift Konkret (1/07): „Die Sicherheitsphilosophie des Kraftwerke-Baus verfolgte ursprünglich das Ziel, die Außenwelt vor dem zu schützen, was im Reaktor ist. Dann kam hinzu, das, was drin ist, vor eventuellen katastrophenartigen Einwirkungen von außen zu schützen. Bei der Zwischenlagerung haben wir einen Zustand erreicht, wo nichts vor niemandem geschützt ist“

„Vier Wochen nach dem Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 richteten einige Umweltverbände eine Petition an den Deutschen Bundestag, in der die Unterzeichner zu bedenken gaben, daß die deutschen Atomkraftwerke und besonders die Brennelemente-Zwischenlager nicht gegen ein solches Szenario ausgelegt und daher zu schließen seien. Schon im Februar 2005 (!) erhielten sie eine Empfangsbestätigung, verbunden mit der Nachricht, die Angelegenheit sei an das zuständige Land Niedersachsen weitergeleitet worden. Im April 2006, also nach viereinhalb Jahren, teilte die BI Lüchow- Dannenberg mit, daß man eine Antwort erhalten habe. Die an den Tag gelegte Eile kann als sensationell in die parlamentarische Geschichte eingehen.“

Die Politik hat einen mächtigen Aufwand betrieben, um schließlichnach Jahren zu dem Ergebnis zu kommen: „Damit ist die erforderliche Sicherheit für die Aufbewahrung von Kernbrennstoffen für die bislang untersuchten Standort-Zwischenlager nach dem STEAG- bzw. WTI- Konzept auch unter Zugrundelegung eines terroristischen Angriffs mit einem großen, vollbetankten Verkehrsflugzeug gegeben.“ Nach Detlef von dem Winkel „kann das ganze Zeug getrost in den Papierkorb wandern. Denn es handelt sich um haarsträubenden Unsinn, der nur durch die scheinbare Autorität der Gutachter und durch die Unverständlichkeit des technischen Gefasels imponiert. - Der Kaiser ist nackt!“ „Die Bundesrepublik wird durch die Petition vom Herbst 2001 peinlich entblößt, haben doch die Umweltverbände den Finger auf eine sehr delikate Stelle gelegt(…): die Verwundbarkeit deutscher Atomanlagen durch einen terroristischen Angriff nach dem Vorbild 9/11. Um zu verstehen, warum diese Verwundbarkeit so offensichtlich ist, muß man kurz in die Geschichte des Scheiterns der nuklearen Entsorgung und damit des Scheiterns der Atomtechnik insgesamt zurückblicken. Alle Betreiber von Atomkraftwerken sind dazu verpflichtet, den Nachweis einer sogenannten gesicherten Entsorgung vorzulegen. Sie erhalten keine Betriebsgenehmigung, wenn sie nicht glaubhaft machen können, daß der in ihren Werken anfallende Atommüll gefahrlos beseitigt werden kann. Es handelt sich um eine jener gesetzlichen Regelungen, die von der freien Marktwirtschaft herzzerreißend beklagt werden, weil sie den Standort Deutschland so gräßlich benachteiligen.

Wie aber sollte man einen solchen Nachweis führen, während doch bekanntermaßen keine Entsorgung existierte, weder eine Wiederaufarbeitung noch eine Endlagerung der nuklearen Abfälle? Rettung kam aus Frankreich. Die Energiekonzerne schlossen Verträge mit dem mehr oder weniger staatlichen Unternehmen Cogema ab, wonach der deutsche Atommüll in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, Normandie, verarbeitet werden sollte. Dies, das heißt die Vorlage der beglaubigten Papiere, de facto nicht mehr als eine Absichtserklärung, reichte den deutschen Aufsichtsbehörden und Gerichten als Entsorgungsnachweis. Fortan wurden die abgebrannten Kernbrennelemente nach Frankreich transportiert.

Schon in den achtziger Jahren sprach sich allmählich herum, daß es sich tatsächlich größtenteils nur um Absichtserklärungen gehandelt hatte. Die strahlende Fracht konnte in La Hague immer weniger verarbeitet werden (wie auch immer), sie wurde dort nur noch gelagert. In den neunziger Jahren neigten sich auch die Lagerkapazitäten von La Hague dem Ende zu. Seitdem rollen die Castor- Behälter zurück nach Gorleben. Aber was heißt zurück? Da kommen sie ja gar nicht her.

Auch die sinnlosen, ausschließlich der Umgehung der Rechtslage geschuldeten Transporte nach Frankreich mußten beendet werden. Die abgebrannten Kernbrennelemente werden nun am Tatort selbst, das heißt in den Atomkraftwerken, zwischengelagert. Bis auf Weiteres, bis zur Lösung des seit einem halben Jahrhundert ungelösten Problems des radioaktiven Mülls. Da der erste Castor-Transport in die Amtszeit des grünen Umweltministers Trittin fiel, wirft man in der Regel ihm vor, in diese Situation eingewilligt zu haben. In Wirklichkeit mußte bereits seine Vorgängerin Merkel das Scheitern und die Haltlosigkeit des Deals mit Frankreich eingestehen, so daß man mit Fug und Recht sagen kann, es handelt sich um eine Chefsache.

Im April 2006 finanzierte der sogenannte Informationskreis Kernenergie, also die Atomkraftlobby, eine aufwendige Werbekampagne unter dem Titel „Comeback der Kernkraft?“. Vierseitige Beilagen erschienen in mehreren großen Tageszeitungen. Der Schlamassel wurde auf zehn dürftigen Zeilen als „weit vorangeschrittenes Entsorgungskonzept“ bezeichnet. Bald darauf meldeten sich ein paar CDU- Kronprinzen, allen voran der hessische Ministerpräsident Koch, mit der Forderung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke entgegen dem rotgrünen und von der großen Koalition bisher übernommenen Energiekonsens zu verlängern. Zur Frage des viele hundert Tonnen schweren, täglich wachsenden, in Gorleben immer weiter angehäuften und in den Atomkraftwerken weiter gestauten radioaktiven Mülls schweigt die Politik, und wenn sie es nicht täte, wüßte sie ohnehin keine Antwort.

Die Situation ist sehr ungemütlich und spitzt sich langsam, aber unaufhaltsam zu, auch ohne die Existenz von Al Qaida. Gleichwohl wirft die terroristische Bedrohung ein grelles Licht auf einige weitverbreitete und grotesk falsche Annahmen über die nukleare Zwischenlagerung. So denkt man beispielsweise, die deutschen AKW seien alles in allem relativ sicher, auch wenn Umweltschützer und Grüne ständig etwas daran auszusetzen haben. Sind nicht die Reaktorkuppeln meterdick verstärkt worden, damit sie selbst einem Flugzeugabsturz standhalten können? Ja, das ist passiert. Der simple, aber gravierende Irrtum liegt in der Annahme, die in die Castoren gepackten Brennelemente lägen unter diesem Schutzwall. Aber die Zwischenlagerung findet nicht in den Reaktoren, sondern daneben, in eigens - und hastig - zu diesem Zweck errichteten Hallen statt. Das sind die eingangs zitierten „Standort-Zwischenlager nach dem STEAG- bzw. WTI-Konzept“, die den Weichteilen eines Großraumflugzeugs erfolgreich widerstehen und brennendes Kerosin zügig abfließen lassen.

Daneben! Neben den Reaktoren mit ihrem immerhin jahrzehntelang ausgetüftelten Sicherheitskonzept, das uns vor ihrem gigantischen radioaktiven Inventar schützen soll, liegt inzwischen ein Vielfaches dieser radioaktiven Menge. Mit einer „Sicherheit“, die den Gebäuden erst im Nachhinein angedichtet wurde, erst aufgrund jener äußerst ärgerlichen Anfrage im Bundestag, deren Beantwortungsdauer immer verständlicher wird. Die Gefährdung und das sogenannte nicht auszuschließende Restrisiko besteht nicht darin, daß ein wie immer geartetes zerstörerisches Objekt einen Atomreaktor trifft. Die Gefahr liegt vielmehr darin, daß das Ziel verfehlt wird, und zwar knapp. Die blühendste Phantasie des wütendsten AKW-Gegners hätte vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren nicht ausgereicht, eine derart alberne Realität vorauszusagen.

Denn die Sicherheitsphilosophie des Kraftwerkebaus verfolgte ursprünglich das Ziel, die Außenwelt vor dem zu schützen, was im Reaktor ist. Dann kam hinzu, das, was drin ist, vor eventuellen katastrophenartigen Einwirkungen von außen zu schützen. Bei der Zwischenlagerung haben wir einen Zustand erreicht, wo nichts vor niemandem geschützt ist.“

„Es scheint, als hätten die Wendlandbauern und die ihnen nahestehenden Umweltschützer demokratischen Bürgersinn bewiesen und uneigennützig gehandelt, indem sie das Thema nicht auf jenes andere Problem eingrenzten, welches sich direkt vor ihrer Haustür befindet. Dabei haben sie selbst mit einem phänomenalen Irrglauben zu kämpfen, der sich, medial bedingt, im Lande ausgebreitet hat und der kaum aufzulösen ist. Fragt man in der Regel informierte und politisch aufgeschlossene Mitmenschen, wo die quer durch die Republik gekarrten Castoren letztlich landen, dann wissen sie meist, daß die monströsen Behälter in einem kleinen Bahnhof vom Zug auf große Tieflader umgeladen werden. Die fahren dann nach Gorleben und dort ... Da ist doch dieser Salzstock, oder? Zwar ist allgemein bekannt, daß der berühmte Salzstock noch erforscht wird und keineswegs als Endlager freigegeben ist. Dennoch hält sich hartnäckig das Gerücht, die radioaktive Fracht würde irgendwie, wenn vielleicht auch nur vorläufig, aber jedenfalls unterirdisch verstaut werden. Die Ursache für diese falsche Annahme sind offenbar Bilder, welche die Fernsehanstalten in eigenwilliger Auslegung ihres Informationsauftrags gern senden und auf denen zu sehen ist, wie Fässer mit radioaktivem Inhalt in einem Bergwerksstollen gestapelt sind. .

Doch der Inhalt der Castoren ist weder schwach noch mittelmäßig, sondern hoch radioaktiv. Er kann nicht einfach in Fässer umgefüllt werden. Die meterlangen und tonnenschweren Behälter können auch nicht mit einem Gabelstapler in einem Stollen hin- und hergefahren werden. Sie werden auch keineswegs unter die Erde geschafft. In Wahrheit stapeln sie sich in einer schlichten Halle, deren Konstruktion von Gutachtern und Sachverständigen nicht genug gerühmt werden kann, sofern diese im Auftrag der Reaktorsicherheitskommission, der Gesellschaft für Reaktorsicherheit oder des Bundesamts für Strahlenschutz tätig sind.

In Gorleben lagert nichts unterirdisch. Anscheinend muß man in regelmäßigen Abständen daran erinnern. Von der Tagespresse und dem Fernsehen erfährt man es nicht.

Über die Verwundbarkeit dieses größten nuklearen Zwischenlagers mag man gar nicht reden, würde man doch zwangsläufig in ein unangenehmes Pathos fallen. Wagen wir lieber ein paar Prognosen. Gorleben wird, wenn der Terrorismusdiskurs anhält, über kurz oder lang in eine Raketenabwehrbasis verwandelt werden müssen. Falls es nicht schon geschehen ist. Der von Umweltminister Gabriel kürzlich angestoßene neue Anlauf, ein Endlager zu finden, wird möglicherweise noch eine, gleichermaßen schlechte, Alternative hervorbringen. Bedenken wir: Das Wendland wurde lange vor der deutschen Wiedervereinigung ausgesucht, weil es so weit im Osten lag (und wir mit diesem Standort unserer besonderen Verbundenheit mit unseren ostdeutschen Brüdern und Schwestern Ausdruck verleihen wollten).

Auch in Wackersdorf wollten wir etwas für die östlichen Regionen tun. Und aus purer Liebe zur Schweiz plazierte Frankreich seine gefährlichste Nuklearanlage, den Schnellen Brüter Superphénix, in Malville. So ist das nun mal, wenn man die vorherrschende Windrichtung in der nördlichen Hemisphäre kennt und die legendäre Sicherheit der Atomtechnik zu schätzen weiß.“

„Der Versuch, das real existierende Zwischenlagerungsproblem und die real existierende Verwundbarkeit der Atomabfallager gegenüber terroristischen Angriffen pseudowissenschaftlich widerlegen zu wollen - anstatt es, wenn schon, einfach zu bestreiten! - kann nur in einer Blamage enden. Darüber hinaus ist es bezeichnend für die Logik des Atomstaats, daß seine Befürworter gezwungen sind, ihre eigene Qualifikation Lügen zu strafen. Das kann in der Terminologie von Karl Marx und seiner Dialektik folgend in aller Kürze ausgedrückt werden: Wir bekommen Produktionsverhältnisse, welche die Produktivkräfte, die jene erst hervorgebracht haben, hemmen, zurückentwickeln und in Destruktivkräfte verwandeln.“

vollständiger Text in:
konkret 1/2007
externer Link konkret-verlage.de/kvv

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