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... gehört zu den tückischsten Tötungsmitteln
von Rolf Bertram Vortrag am 23. 11. in Braunschweig Ein Rückblick auf die Geschichte der Atomenergie zeigt, daß das Atommüllproblem jahrzehntelang überhaupt nicht erkannt beziehungsweise geleugnet wurde. In einer frühen Standardbroschüre aus dem Jahre 1953 - damals für jeden physikalisch interessierten Schüler und Studenten Pflichtlektüre - wird der Atommüll mit keiner Zeile erwähnt. Auch ein in vielen Auflagen erschienenes Lehrbuch der Atomphysik (W.Finklnburg) kennt weder radioaktive Rückstände noch deren Endlagerung. Hinter einem solchen Versäumnis steckt mehr als Vergesslichkeit, zumal schon in den 60er Jahren die Gefährlichkeit des Atommülls im ganzen Umfang bekannt war: Walter Heitler - einer der bedeutendsten europäischen Physiker jener Zeit - sagte bereits 1962: „Der radioaktive Abfall der Reaktorindustrie gehört zu den tückischsten Tötungsmitteln, die es gibt“. Oder C.F. Barnaby (1970): „ (...) die radioaktiven Abfälle von Atomkraftwerken werden für die Menschheit allmählich eine ebenso große Gefahr darstellen wie die Auswirkungen eines Atomkriegs“. Andere frühe Mahner wie Amory B. Lovins und John H. Price (1975), Kingsley Dunham, der schwedische Nobelpreisträger Hannes Alfven (1972) werden nicht zur Kenntnis genommen oder als „Panikmacher“ diskriminiert. Seit über 50 Jahren wird - bisher erfolglos - versucht, ein „sicheres Endlager“ zu finden. Bis zur Stunde gibt es nicht einmal verbindliche Kriterien zur Endlagerung. Ob Salz, Ton, Granit oder anderes Material: immer stellt sich bei der Eignungsprüfung heraus, daß die Lösung des Problems mit jeder neuen Erkenntnis schwieriger wird. Es geht nämlich nicht darum, den Atommüll möglichst tief zu verscharren; es geht darum, ihn für alle Zeiten von der Biosphäre fernzuhalten (1). Das aber kann nach dem heutigen Kenntnisstand niemand garantieren. 1967 wird erstmalig eine Lagerkonzeption im Salz erwähnt (Salzfeld „Lyon“ in Kansas). Der damalige Chefgeologe von Kansas (W. Hambleton) verwirft bereits 1970 dieses Kozept mit folgenden Worten: „ (...) man spricht von Behältern. Nach einer kurzen Zeit werden sie nicht mehr vorhanden sein. Die Metallbehälter werden sich auflösen. Die radioaktiven Substanzen sind dann nur noch vom Salz umschlossen. Die Möglichkeiten des Wassereinbruchs, der Verseuchung des Grundwassers, die Probleme des Wärmeflusses, des Druckaufbaues bis hin zur Explosion und alles dies auf unbegrenzte Zeit, das macht mir Sorgen (...)“. Selbst Klaus Kühn - einer der Hauptverantwortlichen für den seit 1967 in der ASSE eingelagerten Atommüll - erkennt 1976: „ (...) das Grubengebäude (Asse) mit seinen Kammern, Pfeilern und Schweben stellt gebirgsmechanisch gesehen ein relativ kompliziertes Gebäude dar. Es ist mit den heute zur Verfügung stehenden Meß- und Rechenmethoden noch nicht möglich, eine gesicherte Aussage über die Standfestigkeit dieses Grubengebäudes für einige hundert oder gar tausend Jahre zu machen (...)“. Was nun das Atommüll-Lager im Salzbergwerk AsseII betrifft - vom Niedersächsischen Umweltministerium neuerdings als „Endlager-Forschungsbergwerk Asse“ bezeichnet - , so fällt es mir schwer, im Umgang mit den Urhebern und Betreibern des aktuellen Flutungskonzepts die Fassung zu bewahren. Bei der Ausarbeitung waren offensichtlich wissenschaftliche und technische Laien am Werk. Der Begriff „Schutzfluid“ ist in diesem Zusammenhang eine Zumutung. Unbestritten wird durch die beabsichtigte Flutung das Grubengebäude stabilisiert - aber um welchen Preis? Mit dem Einbringen des Schutzfluids (gesättigte wässrige Magnesiumchloridlösung) wird die Gefahr eines Kontakts mit der radioaktiven Fracht erheblich erhöht. Für die Korrosion und für radiolytische Prozesse wird damit ein geradezu ideales Reaktionsmilieu geschaffen. Das geht auch aus einem Wissenschaftliche Bericht aus dem Jahre 2003 hervor. Dort heißt es: „Gelangen wässrige Lösungen in das Nahfeld eines Endlagers, unterliegen die Abfallgebinde sowie die umliegenden geotechnischen Barrieren einer Vielzahl chemischer Reaktionen. Durch ablaufende Lösungs- und Transportprozesse können Radionuklide aus den Abfallgebinden remobilisiert und aus dem Nahfeld eines Endlagers transportiert werden.“ Aus diesen Gründen wird in allen bekannten Konzepten zur Endlagerung nachdrücklich erwähnt, daß unter allen Umständen ein Wasserzutritt verhindert werden muß. Kann das nicht garantiert werden, so ist damit der anvisierte Standort obsolet.
Kann die Radioaktivität zurückgehalten werden? Zur Beurteilung der Rückhaltewirkung müssen genaue Kenntnisse zur chemischen Wechselwirkung zwischen Problemelementen, Lagerungs- und Verfüllmaterial, dem Wirtsgestein und vor allem den Salzlaugen vorliegen. Bis zur Stunde sind jedoch weitgehend unbekannt
Was geschieht zum Beispiel beim Kontakt der wässrigen Lauge („Schutzfluid“) mit Plutonium (Pu239) und den anderen Transuranen oder Actiniden, wie sie auch genannt werden? Kann dann die erforderliche Langzeitsicherheit noch gewährleistet werden? Diesbezügliche Untersuchungen zur aquatischen Chemie der Transurane befinden sich noch im Anfangsstadium. Diese Transurane haben die teuflische Eigenschaft, daß ihre Radioaktivität durch in der Zerfallskette gebildete stärker strahlende Isotope im Verlauf der Einlagerung sogar zunimmt. Dazu äußert sich die Gesellschaft Deutscher Chemiker 2005 wie folgt: „Um nukleare Abfälle in tiefen geologischen Formationen wie Salzstöcken sicher und auf Dauer lagern zu können, muss bekannt sein, wie sich die Actiniden in der Geosphäre verhalten. Denn nicht nur durch langlebige Spaltprodukte kann Gefahr drohen, auch die Actiniden selbst, früher unterschätzt, bergen Umweltrisiken: Dringt Wasser in das Lager ein, könnten die Radionuklide in die Biosphäre gelangen. (...) Diese Prozesse müssen verstanden sein, wenn verlässliche Prognosen das Ziel sind.“ Es ist unverantwortlich bei einem derartig defizitären Kenntnisstand, radioaktiv strahlenden Atommüll nichtrückholbar zu vergraben: Atommüll, der für Hunderttausende von Jahren gefährlich bleibt, von dem niemand weiß oder mit Sicherheit voraussagen kann, was in einem verschlossenen Endlager damit passiert. Man gewinnt den Eindruck, daß es bei den Befürwortern und Akteuren des Flutungskonzepts an der Kompetenz zur Beurteilung chemischer, kernchemischer und strahlenchemischer Prozesse fehlt. Die erwähnten Defizite sind gravierend und alarmierend. In Anbetracht der Tragweite dieser Unterlassungen sind daher die sogenannten „Sicherheitsberichte“ als unvollständig und irreführend zurückzuweisen.
Stoffliche Veränderung unter Bildung von Gasen und hochtoxischen Substanzen Die vorliegenden Sicherheitsbetrachtungen beruhen auf simulierten Endlagerbedingungen. Die Modelle zur mutmaßlichen Änderungen des geochemischen Milieus beruhen auf mathematischen Berechnungen. Diese Modellsysteme bilden keineswegs die Realität ab. In Ermangelung von Langzeitexperimenten stützen sich alle Aussagen zur Stabilität und Rückhaltung eingelagerter Radionuklide auf solche Rechenmodelle. Es sind hilflose Versuche etwas zu modellieren, was bei der Vielzahl der Komponenten (stoffliche Vielfalt) und der Unüberschaubarkeit der Einflußgrößen und Reaktionszeiten nicht modellierbar ist. Atommüll, die korrodierenden Gebinde, das Versatzmaterial (Nahfeld) und das umgebende Wirtsgestein (Salzstock) bilden über Jahrhunderte und Jahrtausende ein multiples dynamisches Reaktionssystem, dessen Veränderung prinzipiell nicht prognostizierbar ist. Sicher ist, daß neben der bereits vorhandenen Radiotoxizität auch andere hochgiftige Substanzen (Dioxine etc.) entstehen können. Über die Beherrschung und Auswirkung der Gasbildung (vorrangig durch Korrosion und Radiolyse) fehlen belastbare Informationen. Dazu noch einmal aus einer Stellungnahme der Gesellschaft Deutscher Chemiker aus dem Jahre 2005: „Gelangen hochkonzentrierte Magnesiumchlorid- beziehungsweise Natriumchlorid-reiche Salzlösungen in das Nahfeld eines Endlagers, werden die herrschenden pH-Werte und Redoxbedingungen durch die Radiolyse und die Behälterkorrosion verändert. Die Radiolyse führt zur Bildung von Wasserstoff, Sauerstoff und gelösten Chloriten“. Es geht aber nicht nur um Wasserstoff und Sauerstoff - als Knallgas schon gefährlich genug -, auch Methan, Schwefelwasserstoff und andere Spaltgase treten in der Nachbetriebsphase auf. Dieses Gasgemisch ist brennbar, giftig und hoch explosiv. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß diese kontaminierten Gase sich im Grubengebäude verteilen oder bei anwachsendem Gasdruck sogar entweichen. Die entstehende Gase sind in der Lage, radioaktive Flüssigkeiten über Klüfte und unbekannte Wegsamkeiten bis in den Grundwasserbereich zu pressen. Im schlimmsten Fall kann das gesamte Grubengebäude zusammenbrechen, eine Katastrophe, die zweifellos Auswirkungen bis in die Biosphäre hätte. Dazu aus der RSK-Stellungnahme „Gase im Endlager“ aus dem Jahr 2005: „Bei einem undurchlässigen Wirtsgestein können die Gasdrücke bei entsprechender Gasbildung den Gebirgsdruck überschreiten ..“
Fazit
Wie ist es zu erklären, daß von den Betreibern weder die frühen wissenschaftlich begründeten Bedenken noch die Erkenntnisse aus den jüngeren oben erwähnten Stellungnahmen berücksichtigt wurden? Ist es Leichtsinn, ist es Inkompetenz, ist es Fahrlässigkeit? Ist es mangelnde Vorstellungskraft, die daran hindert zu überlegen, was womöglich in 100, in 1.000 oder gar in 10.000 Jahren sein wird?
Oder ist es womöglich bewusste Mittäterschaft an einem lebensbedrohlichen Großexperiment, dessen Auswirkungen nicht prognostizierbar und schon gar nicht korrigierbar sind? Dann ist es Wahnsinn oder ein Verbrechen!! @
(1) Etwa 1950 tauchen die ersten publizierten Überlegungen zur Lagerung von Atommüll auf: Versenken im Meer (bis 1976 wurden ca. 70 000 Fässer mit Plutonium- und Cäsiumabfall vor der amerikanischen Küste im Pazifik versenkt), Schuss in den Weltraum, Vergraben im Untergrund ... anti-atom-aktuell.de |