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Bergung des Mülls aus der Asse II ?
vom antiAtom-Plenum Braunschweig Am 23.11.2006 hatte die GSF (ehemals Gesellschaft für Strahlenforschung – heute neudeutsch: Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit) turnusmäßig zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung ins Dorfgemeinschaftshaus Remlingen eingeladen. Die mit fast 250 Interessierten sehr gut besuchte Veranstaltung hatte sicherlich wegen des brisanten Themas des zweiten Vortrags für so viel Aufmerksamkeit gesorgt: Dietmar Glaubitz von der Fichtner Consulting & IT stellte die im September abgeschlossene „Gutachtliche Stellungnahme zu einer Rückholung der in der Schachtanlage Asse II eingelagerten radioaktiven Abfälle“ vor. Im ehemaligen Bergwerk Asse (Landkreis Wolfenbüttel/Niedersachsen) wurden 1967-1978 Techniken zur Einlagerung radioaktiver Abfälle in Salzformationen „entwickelt und erprobt“. Das Projekt galt offiziell als „Forschungsbetrieb“, der Etikettenschwindel war schon damals offensichtlich: in den Schächten des Bergwerks verschwand im oben genannten Zeitraum der gesamte zum damaligen Zeitraum in der Bundesrepublik Deutschland angefallene Atommüll. Nur 10 Jahre nach dem Einlagerungsstopp traten Salzlösungszutritte aus dem Deckgebirge auf, die das zuständige Bergamt in Goslar schließlich zu der Annahme bewegten, dass ein nicht kontrollierbarer Wassereinbruch – ein sogenanntes „Absaufen“ des Schachts - zu befürchten sei. Würde die Flüssigkeit nicht abgepumpt, wäre das gesamte Bergwerk nach 300 Jahren vollgelaufen. Zusätzlich wird die Standfestigkeit des Deckgebirges beeinträchtigt, die Stollen könnten einbrechen. Zur Schadensbegrenzung empfahlen Gutachter damals das Verfüllen der unterirdischen Hohlräume mit sog. Fremdversatz. Seit 1995 fuhren nun Güterzüge voll Salzgrus von der Abraumhalde Ronnenberg bei Hannover durch die Asse, um unter Tage die 3,5 Millionen Kubikmeter Hohlraum zu verfüllen. Weitere zehn Jahre später stellt die GSF 1998 fest, dass die Laugenzutritte von täglich 12 Kubikmetern die Carnallititbereiche im Bergwerk auflösen (ein Liter Steinsalzlauge kann 3 Liter Carnallitit zerstören). In dem entstehenden Salzbrei würden auch die eingelagerten Radionuklide in Lösung gehen, und die Masse könnte durch den Konvergenzdruck des Deckgebirges aus dem Bergwerk gepresst werden. Seit 2001 propagiert die GSF jetzt ein Konzept, nach dem eine in die Hohlräume eingebrachte flüssige Magnesiumchloridlösung die Steinsalzlauge chemisch neutralisieren soll. Das Skandalöse an diesem Konzept: bis zu diesem Zeitpunkt war sich die Wissenschaft darin einig, dass Atommüll in jedem Fall langfristig trocken gelagert werden muss. Seit ein paar Jahren werden Wasserzutritte in Atommüllendlagern von denselben Institutionen billigend in Kauf genommen. In der Asse sollen bis 2009 alle unterirdischen Hohlräume geflutet werden. Die ständig nachgebesserte Konzeption sieht neuerdings vor, daß sogenannte „Strömungsbarrieren“ eingebaut werden. Diese stellen allerdings keine Abschottung der Strahlenfässer dar, sondern sollen lediglich den Vorgang der Flutung lenken. Im Klartext bedeutet dies, dass auch die Einlagerungskammern mit den Atommüllfässern nach und nach geflutet werden. Damit werden nicht nur für die Rückholbarkeit der atomaren Abfälle unumkehrbare Tatsachen geschaffen, sondern auch bewusst in Kauf genommen, dass die Atommüllfässer durch die Salzlauge angegriffen werden. Deshalb haben sich antiAtom-Initiativen in den letzten Jahren immer wieder dafür ausgesprochen, die bewusste Flutung des Bergwerks zu stoppen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat noch in der letzten Legislaturperiode ein Gutachten in Auftrag gegeben, ob und wie die Atomgebinde geborgen werden könnten. Im September legte die Fichtner Consulting & IT ihre Studie vor, die nun der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Studie beschreibt zunächst den Sachstand, diskutiert dann kurz die rechtliche Situation, beschreibt mögliche Verfahren zur Bergung der Gefahrstoffe und setzt sich mit den strahlenschutztechnischen Notwendigkeiten auseinander. Kosten und Zeiträume werden abgeschätzt. Zusammengefasst kommt sie zu dem Ergebnis: eine Rückholung ist möglich, aber nicht ratsam. Der Verdacht drängt sich auf, dass letztgenanntes Ergebnis von vornherein feststand. Das zuständige Ministerium hat in einer Fragestunde des Bundestags am 29. November bereits deutlich gemacht, dass sie die Arbeit vor allem als Bollwerk zur Abwehr von Fragen nutzen will. Trotzdem lohnt sich mehr als ein flüchtiger Blick in die 80-seitige Broschüre. Auf insgesamt 16 Stockwerken wurden 131 große Hallen angelegt, im Grundriss 40 x 60 Meter und 15 Meter hoch. Die ältesten davon sind über 80 Jahre alt; die tragenden Elemente dieses „Gebäudes“ haben sich bereits im trockenen Zustand verformt. Im Kontakt mit Wasser könnte diese Verformung eine ungeheure Dynamik entfalten. Bei Veränderungen in der Tiefe ist - auch nachdem die Abbaue mit Salz versetzt worden sind - mit einem Gesamtvolumen von 1,4 Millionen Kubikmetern zu rechnen. Würden diese sich an der Erdoberfläche im Maßstab 1:1 abzeichnen, dann entstände ein 10 Hektar großer und 14 Meter tiefer See. „Der Zustand des Grubengebäudes ist auf Grund des hohen Durchbauungsgrades, der langen Standzeit und ständiger Konvergenzbewegungen durch eine bereits fortgeschrittene Entfestigung der Tragelemente gekennzeichnet, so dass ohne weitere flankierende Maßnahmen eine ausreichende Resttragfähigkeit des gesamten Systems nur noch für eine begrenzte Dauer von einigen Jahren prognostiziert werden kann.“ fassen die Autoren die Situation zusammen. Ein von der antiAtom-Bewegung in all den Jahren oft genanntes und von der GSF immer zurückgewiesenes Argument wird jetzt ins Feld geführt, um eine Argumentation gegen die Rückholung des Atommülls aufzubauen. Auch wie die rechtliche Situation beschrieben wird, dürfte der GSF gefällig sein: zu der Zeit, als die jetztige Situation herbeigeführt wurde, gab es noch kein Gesetz, gegen das verstoßen worden wäre. Solange die strahlenden Hinterlassenschaften nicht angerührt werden, ist nach Recht und Gesetz alles in Ordnung. Anders wäre es, wenn die GSF damit beginnen würde, die Gebinde anzufassen. Dann würde sie zur „Erzeugerin und Eigentümerin des unter Umständen größten Aufkommens radioaktiver Abfälle in Deutschland“. Plötzlich wäre das jetzt geltende Atomrecht die Grundlage einer rechtlichen Bewertung. Warum eigentlich erst dann? Fachlich ist die GSF offenkundig überfordert: Maßnahmen, die sie im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit vor drei Jahren als sinnvoll dargestellt hat, mußte sie im vergangenen Jahr als höchst riskant revidieren. Der vollmundig angekündigte Langzeitsicherheitsnachweis läßt auf sich warten. Trotzdem schafft sie mit sogenannten Pilotmaßnahmen Fakten in Richtung Flutung. Das muß aufhören! Die Menschen in der Region haben einen Anspruch auf eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Rückholbarkeit der Gefahrstoffe. Daß dies ein Sonntagsspaziergang wäre, hat niemand behauptet. Aber eine parteiische Darstellung wie die von Fichtner vorgelegte, die die klare Absicht erkennen läßt, das Konzept der GSF als alternativlos darzustellen, kann für anstehende Entscheidungen keine Grundlage sein. Und die Zeit drängt! @ anti-atom-aktuell.de |