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Gefahrzeit-Verlängerung von Axel MayerWie sehr haben wir uns schon an das Neusprech der Schönen Neuen Welt gewöhnt! An die Begriffe aus den Werkstätten der Akzeptanzforscher, Militärs und Werbepsychologen! Menschen werden durch schlanke Produktion nicht etwa entlassen, sondern freigesetzt und ein Pestizid ist ein Pflanzenschutzmittel. Ein versehentlicher Angriff auf die Zivilbevölkerung ist ein Kollateralschaden, und Friendly Fire ist der Spezialfall eines Kollateralschadens, bei der intelligente Waffensysteme Feind und Freund verwechselt haben. Statt von Atomkraft sprechen wir von Kernkraft, statt Entgiftung sagen wir Dekontamination und aus dem Katastrophenschutz wurde der harmloser klingende Notfallschutz. Die Internationale Bewertungsskala für Atomunfälle heißt Internationale Bewertungsskala für besondere Ereignisse, und bei diesen besonderen Ereignissen kann dann Radioaktivität freigesetzt werden. Begriffe wie Entsorgung und Entsorgungspark gehen uns locker über die Lippen. Sprache ist Macht, und Werbepsychologen und Akzeptanzforscher bestimmen auch mittels der Sprache das Denken der Menschen. Die Umweltbewegung sollte die Sprache zurückerobern und bewusster mit Sprache umgehen. Das darf allerdings nicht heißen, Manipulation durch Gegenmanipulation zu ersetzen. Wir sollten aber versuchen, die Dinge und Probleme wieder beim Namen zu nennen oder sogar neu und treffend zu benennen. Warum bezeichnen wir in der aktuellen Debatte um Biblis die Laufzeitverlängerung für AKW nicht Gefahrzeitverlängerung? Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke bedeutet mehr Atommüll, mehr atomares Risiko durch die Alterung der Atomkraftwerke, mehr Gefahr durch die Versprödung der Reaktordruckgefäße, durch die Weitergabe von Atomkraftwaffen und die zunehmende Gefahr von Atomterrorismus. Die aktuelle Debatte um die Laufzeitverlängerung, als Einstieg in den zukünftig geplanten Neubau von AKW, zeigt auch die undemokratische Machtfülle von RWE, EnBW und Co. Laufzeitverlängerung für AKW ist Gefahrzeitverlängerung. Tragen wir diesen Begriff selbstbewusst in die öffentliche Diskussion. Ich habe den Autor Walter Mossmann gefragt, ob diese Umbenennung nicht als Versuch verstanden werden könnte Manipulation mit Gegenmanipulation zu bekämpfen. Walter meint: „Natürlich ist der Begriff Gefahrzeitverlängerung auch eine bewusste propagandistische Unterstreichung. Aber er ist nicht identisch mit der Lügensprache, die oben kritisiert wurde. Wörter wie Entsorgungspark rufen ja lügnerisch eine Reklameromantik auf und versuchen, die Sache, die in Wirklichkeit gemeint ist, zu verstecken. Du versuchst, etwas Verstecktes zu enthüllen.“ Wie es enden könnte, wenn wir Sprache und Begriffe den Konzernen überlassen, hat George Orwell im Roman 1984 eindrucksvoll beschrieben. Die drei Leitsätze der von Orwell beschriebenen Gedankendiktatur waren: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. Wenn heute Atomkraftwerke die Umwelt schützen, Kriegsgründe von Werbeagenturen erfunden und die Hemmschwellen für den Einsatz von Atomkraftwaffen systematisch gesenkt werden, dann ist es hohe Zeit aufzuwachen.@ |