Einladung zum 10. Energiegipfel

von Unruhigen Ornithologinnen, Sektion Krähenfuß

Eine kleine Vorgeschichte

Es ist Sommer und eine kleine Gruppe unruhiger AktivistInnen trifft sich zur Vorbereitung eines alljährlichen Rituals. “Wir müssten mal wieder einen Aufruf schreiben”, und “was soll denn da drin stehen, was nicht schon alles gesagt worden ist?”

“Wir könnten doch was zum Zusammenhang von Energiepolitik, Gipfelprotesten und Castor machen, wenn wir eh schon bei Heiligendamm rumspringen.” - “Das ist doch total aufgesetzt: nur weil wir linke Politik machen, glaubt uns trotzdem keineR, dass wir da Verbindungslinien sehen. Für die globalen Event-Hopper sind wir doch lokaltümelnd, nur weil wir nicht jedes Jahr das Thema und den Ort wechseln.” - “Selbst wenn, ich finde es demonstriert wenigstens unseren guten Willen, die Welt jenseits von Atomtransporten zur Kenntnis zu nehmen. Und mal ehrlich, wer außer uns kann denn hier vor dem Gipfel 2007 noch ein echtes Großereignis mit Blockadecharakter zum Üben anbieten?”

“So unter dem Motto: Energiepolitik wird hier verhandelt! auf den Schienen und Straßen zwischen La Hague und Gorleben. Mit mehr als 10tausend Bullen und trotzdem noch mit jeder Menge Camps und Aktionen, die durchaus in der Politik als Seismograph registriert werden. Dazu diese Mischung von Leuten aus verschiedenen politischen Spektren und Lebenswelten: das ist doch das ideale Terrain zur Vorbereitung auf den G8. Zumal auch dort die Energiepolitik samt geplantem weltweiten Ausbau der Atomkraft Thema ist.”

“Und international sind die Proteste selbst im Wendland schon seit Jahren. Mal mit internationalen Blockaden, mal mit Redebeiträgen. Wann waren denn noch mal die Leute aus Australien da, von den Protesten gegen den Uranabbau dort?” - “Das war vorletztes Jahr, oder? Also gut, wer macht den ersten Entwurf?”


Spektakel und Widerstand?

Viele Großereignisse scheinen ideale Anknüpfungspunkte für emanzipatorische Politik mitzubringen - was von vielen dankbar aufgegriffen wird. Für den G8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm bei Rostock gibt es Netzwerke und Bündnisse, die sich auf - hoffentlich - entschlossene Proteste nicht nur in der Steppe Mecklenburgs vorbereiten. Anscheinend sind sich ein Jahr zuvor viele einig: Klar, wenn der G8-Gipfel schon mal vor der eigenen Haustür stattfindet, dann muss auch was passieren! Aber was und wie kann mensch sich darauf vorbereiten?

Zu den Schwerpunkten des diesjährigen Gipfels gehörte auch die Sicherung der Energieverschwendung im Norden, Energiesicherheit genannt. Dieses Thema birgt abseits der Kameras eine Menge Konfliktstoff. So ist mit dem Thema Energiesicherung der Wunsch vieler führender Politiker verbunden, verstärkt auf Atomkraft und fossile Energie zu setzen. Und mit der Situation im Iran und im Nahen Osten standen aktuelle politische Krisen und die militärischen und geostrategischen Aspekte auf der Agenda. Auch im nächsten Jahr - 2007 in Heiligendamm - wird neben der Armen- bzw. Armutsbekämpfung die “Energiefrage” auf die Agenda gesetzt werden, nicht zuletzt angereichert um die typisch deutschen Besorgnisse rund um den Klimaschutz und den Drei-Liter-Panzer für die out of area Einsätze der Bundeswehr.

Auf zum 10. Castor
Energiepolitik wird hier verhandelt

Auch wenn es mittlerweile zu einem lokalen Ereignis heruntergebeamt zu sein scheint: Die Proteste gegen Atomanlagen, stellvertretend ausgetragen zwischen La Hague und Gorleben, werden in der Politik und den Energiekonzernen aufmerksam registriert. Das sie nur noch als “verpolizeilichtes Problem” delegiert werden, ist eher einem sich verändernden staatlichen Umgang mit Protesten als einem materiellen Bedeutungsverlust zuzuschreiben. Diese Logik eines Sicherheits- und Kontrollregimes dürfte auch den Rahmen für die Proteste gegen den G8 in Heiligendamm strukturieren.

Einer thematisch abgeflachten Integration vermittels eines niemandem schadenden kritischen Dialogs und Gegengipfels seitens der “Bettelorden des Empire” (so Klara Fall über die Rolle der NGOs) steht eine Debatte über Krawalle und Gewalttäter gegenüber, die sowohl politisch wie handlungspraktisch von Innenmysterien und Polizei vorangetrieben wird.

Wer da wirksam intervenieren und blockieren möchte, muss gut vorbereitet sein. Unser Angebot: Die wendländische Trainingseinheit im November, ein Auftakt zum (nicht nur Energie-) Gipfel 2007 in Heiligendamm. Und alles für einen guten Zweck!

Wir laden euch ein, euch an den nächsten Widerstandsaktionen gegen den Castor vom 11. bis 14. November zu beteiligen. Das ist zum Teil parallel zur Aktionskonferenz Rostock von Attac bis IL, aber interveniert wird in diesen Tagen definitiv eher auf den Schienen und Straßen in “Gorleben ist überall” als beim Stelldichein der selbsternannten Organisatoren des Widerstandes gegen den G8. Unsere Botschaft richtet sich nicht nur an die “Gegenseite” (Energiewirtschaft, Bullen, Politik und wer-das-alles-toll-findet), sondern nebenbei an die demokratische Weltöffentlichkeit und das Management der Gipfelproteste: Wir sind unregierbar und mit uns ist kein Staat zu machen. Jedenfalls als Idealvorstellung.


Sachdienliche Fragen und Hinweise

Gibt es eine Online-Demo gegen den Transporteur Bahn AG? Wo überall wird die Clowns Army zu sehen sein? Wie sieht der Umgang mit den Medien aus, die beim Castor gut abgeschirmt im sogenannten “Mediendorf” beim Verladekran sitzen und dort bestens und aktuell vom kompetenten 24-Stunden-Presse-Service der Polizei bedient werden?

Wo wollt ihr hin? Zum nächsten Bahnhof und mal gucken was da so los ist? Zu den Klassikern “Blockade und Sabotage - jedenfalls als ernsthafter Versuch”? Zum Infosystem mit vielen Infopunkten und Küchen? Zum selbstgemachten “Radio Freies Wendland”? Zum nächstgelegenen Scheunenplenum? Zum von euch selbst organisierten Quartier, wo ihr schon vorher Materialien deponiert habt? Zum ersten Praxistest eurer neuen G8-Bezugsgruppe?

Oder nur mal spontan auf den letzten Drücker vorbeischlittern, ohne Plan und ohne Karten und mal wieder nicht wissen, wo gerade die nächste Aktion läuft und wer eigentlich wo zu finden ist? Zumal auf dem flachen Land das Handy auf einmal ganz ruhig ist im Funkloch und wo ist das nächste Internetcafe und warum ist da vorne eigentlich eine Bullenkontrolle?

Eigentlich weiß mensch es hinterher immer besser.
Und sind Fehler eigentlich dazu da, wiederholt zu werden?
Who knows?

Antworten und Informationen findet ihr in den nächsten Tagen und Wochen in den einschlägigen Zeitschriften im Infoladen eures Vertrauens, im internet und ab dem 11. November in den bewährten “Widerstandscamps” und Anlaufpunkten:

  • in Lüneburg,
  • Metzingen/Göhrde,
  • Hitzacker,
  • Dannenberg
und bestimmt auch noch woanders. @

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