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Neue Zeugen für einen vertuschten Unfall: Hat die hohe Leukämie-Rate unter Kindern in der Elbmarsch mit Atombombenversuchen im Kernforschungszentrum zu tun? Es ist ein Unfall, um den sich viele Geheimnisse ranken - und es gibt ein merkwürdig geringes Interesse an seiner Aufklärung. Und dies, obwohl der Unfall Folgen hatte. Er ereignete sich am 12. September 1986 auf dem Gelände des Kernforschungszentrums Geesthacht 30 Kilometer vor den Toren Hamburgs. Nach der für Leukämie typischen Latenzzeit von vier Jahren wurde ab 1990 in einem engen Kreis um die Atomanlagen eine eklatante Häufung von Leukämie-Erkrankungen überwiegend bei kleinen Kindern registriert, die weltweit in dieser Konzentration einzigartig ist. Durch international anerkannte Wissenschaftler einer Untersuchungskommission, mit Hilfe der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, der ‘Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch’ und nicht zuletzt durch einen couragierten Dokumentarfilm im Auftrag des ZDF, gesendet am 2. April 2006 um 23.30 Uhr, kommt nun allmählich Licht ins Dunkel eines „Skandals, der in Deutschland seinesgleichen sucht“, so die Frankfurter Rundschau. Jetzt meldeten sich erstmals Zeugen öffentlich zu Wort, die den Brand beobachtet hatten. Radioaktive Kügelchen, die sich an einer Vielzahl von Stellen um das Kernforschungszentrum fanden, erwiesen sich - nachdem sie mehrfach durch Institute in staatlichem Auftrag als völlig harmlos qualifiziert worden waren - als industriell gefertigt und in ihrer Zusammensetzung hochgefährlich. Diese sogenannten Mikrosphären enthalten Plutonium, Americium, Curium und Thorium in Konzentrationen, die so in der Natur nicht vorkommen. Eine Untersuchung an der Minsker Sacharow-Universität durch den international renommierten Experten für Plutoniumverortung Professor Vladimir Mironov ergab, dass es sich weder um Fallout früherer oberirdischer Atomwaffenversuche noch um Spaltprodukte aus der Wolke der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl handeln kann. Denn: Diese Mikrosphären sind mit einer Titan-Ummantelung versehen. Art und Aufbau der Mikrosphären verweisen darauf, dass sie aus einer Hybridanlage stammen, bei der Kernreaktionen zur Energiefreisetzung genutzt werden sollten. Seitdem stellen kritische Experten die Frage: Wurden in Geesthacht Experimente durchgeführt, die der Entwicklung von Mini-Atombomben dienten? Schleichwege zur Atombombe? Weitere Recherchen ergaben, dass das Kernforschungszentrum bei Geesthacht - unter dem harmlosen Namen ‘Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt GmbH’ (GKSS) eingetragen - bereits seit seiner Gründung in die Entwicklung von Militärtechnologie verwickelt ist. Schon 1989 erschien eine Dokumentation mit dem Titel „Atomforschung in Geesthacht - Schleichwege zur Atombombe?“. Eine fünfköpfige Redaktionsgruppe deckte auf, dass das Kernforschungszentrum mit anderen Zentren zusammen eine Infrastruktur aufgebaut hatte, die eine Plutoniumwirtschaft im Labormaßstab ermöglichte. Der frühere SPD-Forschungsminister Volker Hauff wird mit der Äußerung zitiert, dass es sich dabei um eine ausreichende Infrastruktur zum Bau einer Atombombe handele. Die Geesthachter Forscher beschäftigten sich demnach bereits seit den 1950er Jahren mit Technologien zum Bau von Atombomben. Nachgewiesen werden können darüber hinaus Auftragsarbeiten für die Bundeswehr in den 1960er Jahren. Franz Josef Strauß, von 1955 und 1956 Bundesminister für Atomfragen, danach bis 1962 Verteidigungsminister und von 1966 bis 1969 Finanzminister in einer schwarz-roten Bundesregierung, bekannte in seiner Autobiografie, dass der deutsche, der französische und der britische Außenminister bei einem Geheimtreffen 1958 ein Abkommen zur geheimen Produktion von Atomwaffen unterzeichnet hatten. Die wissenschaftlichen Einrichtungen und Erkenntnisse der GKSS wurden insbesondere von der deutschen Industrie genutzt. Darunter befanden sich prominente Rüstungskonzerne wie MTU München, Rheinmetall, Rohde & Schwarz, HDW Kiel und das durch seine U-Boot-Blaupausen bekannte Ingenieurkontor Lübeck. Mehrfach arbeitete die GKSS auch direkt mit militärischen Einrichtungen zusammen. In den 1980er Jahren führte die ‘Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz’ Bestrahlungsversuche in den Forschungsreaktoren der GKSS durch. Gegründet wurde die GKSS 1956 von den Kernphysikern Erich Bagge und Kurt Diebner. Kurt Diebner war Leiter des Leiter des Kernforschungsreferats in Hitlers Heereswaffenamt sowie des NS-“Uranprojekts“ und Gründer einer Forschungseinrichtung in Gottow auf dem Gelände der Heeresversuchsstelle Kummersdorf. Im Herbst 1944 begann er in Gottow mit einem neuen Reaktorversuch, in dessen Verlauf es zu einem Unfall kam. Die Umstände sind bis heute nicht eindeutig geklärt, aber es müssen bei diesem Unfall mehrere Mitarbeiter verstrahlt worden sein. Nachgewiesen sind Versuche Diebners zwischen 1943 und 1944, mittels Implosion thermonukleare Reaktionen einzuleiten. Ein „Verfahren zur Verwertung der Fusionsenergie von Deuterium und Tritium mit Hilfe konvergenter, periodischer Verdichtungsstöße“ hat Diebner nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Nummer 1414759 zum Patent angemeldet. Dieses Verfahren hat Jahrzehnte später bei der US-amerikanischen Entwicklung von Mini-Atombomben, den sogenannten ‘Mini-Nukes’, zum Durchbruch geführt. Forschungsschwerpunkte auf diesem Gebiet existierten in den 1980er Jahren nicht nur im GKSS, sondern auch im Kernforschungszentrum Karlsruhe, in der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt und am Forschungsinstitut IPP Garching. 1947 gründete Diebner in Hamburg die Firma Durag. Ab Mai 1955 meldete er gemeinsam mit Professor Erich Bagge weitere Reaktorpatente an. Darunter befinden sich unter anderem Patente zum Schnellen Brüter sowie zur Plutoniumgewinnung und -separation. Zwei Patentanmeldungen erfolgten 1955 zusammen mit Dr. Friedwardt Winterberg zu thermonuklearen Bomben. Am 4. März 1957 erschien Diebners Name in der deutschen Presse mit der Ankündigung, er habe das „Geheimnis der Kernverschmelzung“ enträtselt. Der ‘Spiegel’ brachte am 20. März 1957 einen größeren Artikel darüber, doch die wissenschaftlichen Erwartungen wurden nicht erfüllt. Uranprojekt der Nationalsozialisten Erich Bagge arbeitete in der NS-Zeit in der „Gruppe Diebner“ von Kurt Diebner. Die mit großem Enthusiasmus vorangetriebene Aufgabe dieser Gruppe bestand in der Entwicklung einer deutschen Atombombe. 1939 war das Jahr, in dem der globale Wettlauf um den Erstbesitz der Atombombe begann. Die Nationalsozialisten beauftragten bereits Anfang 1939 den Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Professor Abraham Esau - auch Mitglied im Reichsforschungsrat -, mit der Organisation einer Geheimkonferenz. Auf dieser Konferenz zum „Uranproblem“, die in Berlin am 29. April 1939 stattfand, trafen die Teilnehmer eine Reihe von wichtigen Vereinbarungen. So wurden die in den böhmischen Gruben von Joachimsthal geförderten Uranerze der alleinigen deutschen Nutzung unterstellt. Man rief das NS-“Uranprojekt“ ins Leben und fasste deutsche Kernphysiker in Forschungsgruppen zusammen, um effektiv an der Entwicklung der Atombombe zu arbeiten. Ziel der ab 1939 im „Uranprojekt“ koordinierten Forschergruppen war - wie eine Reihe erhaltener Unterlagen beweist - die Schaffung der technischen Grundlagen zum Bau der Atombombe. Bagge bestritt zwar in späteren Jahren, jemals etwas mit der Entwicklung der NS-Atombombe zu tun gehabt zu haben. Doch seine eigenen Schriften legen Zeugnis darüber ab, dass er eine zentrale Rolle bei dieser „kriegswichtigen Forschung“ gespielt hatte. Zusammen mit Diebner publizierte er 1957 ein Taschenbuch, in dem auch sein Tagebuch über diese Zeit veröffentlicht ist: Bagge/Diebner/Jay: Von der Uranspaltung bis Calder Hall, Reinbek 1957. Zwischen 1941 und 1943 entwickelte Bagge die Isotopenschleuse, ein Gerät zur Anreicherung des Urans bis zu einem bombenfähigen Grad. Nach dem Zweiten Weltkrieg fasste Bagge in der jungen Bundesrepublik schnell wieder Fuß. Bereits 1948 wurde er zum Außerordentlichen Professor und Abteilungsleiter des Physikalischen Staatsinstituts in Hamburg berufen. Er gründet das Institut für Reine und Angewandte Kernphysik der Universität Kiel. Über Professor Bagge bestand von Anfang an eine enge Verbindung zum Forschungsreaktor Geesthacht, der später von der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt als Trägerorganisation betrieben wurde. Als Publikationsorgan gab Professor Bagge die Zeitschrift ‘Atomkernenergie’ heraus. Mitherausgeber war Professor Kraut von der Bundeswehrhochschule in Neubiberg. Im erweiterten Herausgeberkreis sind die Namen Friedwardt Winterberg und Walter Seifritz zu finden. Letzterer ist ein Schweizer Atomwaffenspezialist vom Atomzentrum Würenlingen. Er veröffentlichte in dieser Fachzeitschrift 1956 einen Beitrag, der technische Details verschiedener thermonuklearer Reaktionen behandelt und spezifische Kenntnisse von der Funktionsweise der Wasserstoffbombe verrät. Bei der Wasserstoffbombe handelt es sich um eine Atombombe, deren Wirkungsweise auf der Energiefreisetzung durch Kernfusion beruht. Bagge unterhielt immer enge Kontakte zur Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg sicherte ihm sein Sitz in der Atomkommission Einfluss im Ministerium für Atomfragen. Er rühmte sich zudem freundschaftlicher Beziehungen zu Franz Josef Strauß. Interesse an Mini-Atombomben Es könnte gut sein, dass diese Experimente im Kernforschungszentrum Geesthacht bis heute nachwirken. Am 2. November 2004 äußerte der Münchner Strahlenmediziner Edmund Lengfelder, Mitglied der Leukämie-Kommission, die die Erkrankungen in der Elbmarsch untersucht hat, gegenüber der Süddeutschen Zeitung den Verdacht, dass es sich bei den gefundenen Mikrosphären um PAC-Kügelchen handele. Die Bezeichnung PAC leitet sich ab von den drei Isotopen Plutonium, Americium und Curium. Diese oder ähnlich aufgebaute Mikrosphären könnten - so Lengfelder - auch benutzt werden, um damit unter Laser-Beschuss nukleare Mini-Explosionen auszulösen. von etlichen Physikern aus dem Umfeld des GKSS gebe es Publikationen, die ihr Interesse an eben solchen Experimenten belegten. Lengfelder äußerte die Vermutung, dass es am 12. September 1986 bei solchen illegalen Experimenten einen schweren Unfall gegeben habe, der von Atom-Lobby und Politik vertuscht werde. Hintergrund sei, dass die Bundesrepublik Deutschland bei einer Veröffentlichung der Umstände des Bruchs des Atomwaffensperrvertrages überführt worden wäre. Besonders heikel wäre dies nun in einer Zeit, in der eine ebensolche Ambition zum Bau der Atombombe dem Iran vorgeworfen wird und als Vorwand für Kriegsdrohungen dient. Darüber hinaus dürfte klar sein, dass mit einem solchen Skandal 1986 in Deutschland nur ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein tatsächlicher Ausstieg aus der Atomenergie - wie in Italien zu jener Zeit realisiert - besiegelt gewesen wäre. „Das Geständnis eines Unfalls (...) hätte den Atomenergie-Konzernen das Geschäft vermutlich auf Dauer verdorben“, so die Frankfurter Rundschau. Ein weiterer Fund bestätigt die Vermutung Lengfelders: Der Berliner Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, stieß auf Stasi-Dokumente über bundesdeutsche Nuklearforschungen (vgl. Publik-Forum 19/2002). In diesen Unterlagen der Abteilung 5 der Hauptabteilung XVIII von 1987 ist von „Mini-Nukes“ die Rede, an denen in der BRD gearbeitet werde und die man mit Hilfe eines Röntgen-Lasers zur Explosion bringen könne. Darin heißt es: „Interessanterweise sind in der letzten Zeit die erfolgversprechendsten Fusionskonzepte in einer ganz anderen Richtung angelegt worden“, die ergeben haben, dass bei „Fusions-Fissions-Kügelchen eine andere Anwendung wesentlich interessanter ist“. Das werde „durch die Zielrichtung der US-amerikanischen Atompolitik unterstützt“, bei der „das Streben der Kernwaffenforschung eindeutig zu kleineren und leichteren Kernladungen (...) geht“. Weiter ist in diesem Dokument des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit die Rede von Kügelchen mit Abmessungen im Millimeter- bis Zentimeter-Bereich, die gigantische Sprengstärken entwickeln. Obwohl der Wahrheitsgehalt von Stasi-Dokumenten durchaus kritisch geprüft werden muss, wird gegen diesen Dokumentenfund des früheren DDR-Bürgerrechtlers Pflugbeil auffallend schnell das Totschlagargument in Stellung gebracht, sämtliche Stasi-Unterlagen seien allein zur Desinformation produziert worden. Doch diese Unterstellung reicht nicht aus, um den Verdacht zu zerstreuen, dass bei dem Unfall im September 1986 schwer gesundheitsschädliche Kügelchen freigesetzt wurden, die etwas mit der Häufung von Leukämie-Erkrankungen unter Kindern in dieser Region zu tun haben könnten. Die Explosion in Hanau Hinzu kommt, dass der Brand in der GKSS nicht der einzige größere Unfall in jener Zeit war. Im Januar 1987 ereignete sich eine Explosion im Nukem-Werk in Hanau, die nicht völlig vertuscht werden konnte. Nach offiziellen Angaben wurde bei der „Panne“ lediglich eine Person durch Freisetzung von Plutonium aus einer kleinen Probe kontaminiert. Laut Aussagen eines mit der Untersuchung der Betroffenen betrauten Wissenschaftlers seien jedoch tatsächlich 36 Arbeiter einer Strahlendosis weit über den zulässigen Grenzwerten ausgesetzt gewesen. Viele dieser Arbeiter seien heute an Krebs erkrankt, doch sie gingen nicht an die Öffentlichkeit, weil sie um ihre Betriebsrente fürchteten. Als das von der Explosion zerstörte Gebäude in Hanau 2003 abgerissen und nach den entsprechenden Entsorgungsrichtlinien abgetragen wurde, war die Beteiligung der örtlichen Behörden unvermeidbar. Nukem-Ingenieur Paul Börner äußerte während dieser Arbeiten gegenüber einem Beamten: „Jetzt, wo es verjährt ist, kann ich es Ihnen ja sagen: Das ist das Gebäude, das uns damals hochgegangen ist.“ Protokolliert ist diese Aussage in den Akten der Hanauer Staatsanwaltschaft. Anfang 1987 war Joschka Fischer Umweltminister in Hessen. Laut Zeugen war er vom Ausmaß des Unfalls in Hanau, sowohl von den Hintergründen als auch von den Folgen, umfassend informiert. Auch in der Umgebung der Unfallstelle in Hanau fanden sich ominöse Brennstoffkügelchen. Im Unterschied zu jenen in der Umgebung von Geesthacht hatten sie jedoch keine auffällige Häufung von Leukämie-Fällen zur Folge. Da bleibt die Frage: Wurde in Geesthacht und in Hanau an verschiedenen Konzepten zur Entwicklung der Mini-Atombombe geforscht? Eine genauere Untersuchung der verschiedenen Mikrosphären mit Durchmessern von 5, 20 und 50 Mikrometern hätte längst darüber Aufschluss geben können. Doch an der genauen Aufklärung der Ereignisse besteht noch immer kein Interesse. Die Pressesprecherin des Sozialministeriums in Schleswig-Holstein, das für Reaktorsicherheit zuständig ist, erklärte auf Anfrage, dass keine weiteren Untersuchungen der Mikrosphären geplant seien.@ aus: Publik Forum vom 16.6.2006
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