Als einer der größten Produzenten von Uran ist die Republik Niger gleichzeitzig das ärmste Land der Erde
Elend und Uranförderung in der Republik Niger

von Stefan Valentin

Die Republik Niger ist drittgrößter Produzent von Uran und gleichzeitig ärmstes Land der Erde. Man muss davon ausgehen, dass etwa 2/3 der Bevölkerung seit vielen Jahren ständig hungert. Die Bevölkerungen der Haupthandelspartnerländer des Niger, Frankreich, Deutschland und die USA, also die Länder, in die der Niger seine Uranproduktion exportiert, zählen im Gegensatz hierzu zu den reichsten der Erde.

Stellt man die Bedeutung des Urans für die Energiegewinnung dieser reichen Länder in Rechnung, ergibt sich, dass sich ihr Wohlstand zu einem nicht unerheblichen Teil auf den Lieferungen des Niger mit Uran aufbaut. Das trifft insbesondere auf die Republik Frankreich zu, die das Gebiet des heutigen Niger im 19. Jahrhundert militärisch unterworfen hatte und heute seine gesamte Stromproduktion (Strom ist in Frankreich auch Energieträger für die Beheizung) mit nigrischem Uran in Kernkraftwerken bewerkstelligt.

Objektives Interesse der reichen Empfängerländer des Uran, also wiederum insbesondere Frankreich und Deutschland, war und ist hierbei seit der Unabhängigkeit des Niger von Frankreich 1960 erstens, das Uran zu einem niedrigen Preis zu erhalten und zweitens, die Produktion ungestört bzw. möglichst unangefochten betreiben zu können. Ein Interesse an nigrischem Wohlstand bestand und besteht seitens dieser Empfängerländer nicht.

Im Gegenteil: Das Elend des Niger seit etwa 5 Jahrzehnten und insbesondere seit 6 Jahren entspricht dem Interesse an ungehindertem Zugriff auf die Uranproduktion des Niger insofern, weil die durch Not geprägte und damit auch gespaltene Bevölkerung sowie ihre durch Verschuldung abhängig gehaltene Regierung kaum in der Lage ist, eigene Vorteile gegenüber diesem Interesse geltend zu machen. Programme zur Armutsbeseitigung blieben und bleiben deshalb aus.

Was Deutschland angeht, und damit sogenannte „Entwicklungspolitik“ und neuerdings „Entwicklungszusammenarbeit“, ist deshalb zu schließen, dass auch diese Politik keineswegs eine ökonomische Stärkung des Niger bezweckt, sondern im Gegenteil die Aufrechterhaltung seiner ökonomischen Schwäche. Etwa 54 km² nutzbargemachtes Land seit „Ende der 80er Jahre“ (GTZ), sowie die Fortbildung von etwa „250 bis 300 Gemeidevertretern“ in Sachen „Gemeindeorganisation und -finanzen“ (ebd.) in den letzten 2 Jahren müssen vor diesem Hintergrund als bloßes Aushängeschild dieser „Entwicklungszusammenarbeit“ angesehen werden. Die Effizienz dieser Maßnahmen wird von ihren Betreibern (BMZ, GTZ) selbst infrage gestellt.

Obendrein werden die Maßnahmen dieser „Entwicklungszusammmenarbeit“ sowie die aller anderen westlichen Länder durch den Kapitalexport der Republik Niger selbst finanziert. Hieraus ergibt sich auch die Transformation der „Entwicklungshilfe“ zu „Entwicklungszusammenarbeit.“

Für das Jahr 2002 kann der Autor die Differenz zwischen Kapitalausfuhren und -einnahmen des Niger mit 44 Millionen Dollar beziffern. Die Ausgaben der „deutschen Entwicklungszusammenarbeit“ im Niger (GTZ, DED, KfW) lagen für das Jahr 2005 bei etwa 8,5 Millionen Euro. Seit 1973 haben im Niger mindestens 4 schwere Hungersnöte stattgefunden. Bei diesen Hungersnöten sind mindestens eine halbe Million Menschen an Hunger gestorben, eine weitaus größere Zahl an Menschen hat durch insbesondere frühkindliche Unterernährung bleibende Schäden davongetragen, die auch die genetische Reproduktionsfähigkeit der nigrischen Bevölkerung geschwächt haben dürften. Hinzu kommen die Belastungen durch radioaktive Verunreinigungen im Zentrum des Landes.

Die Folgen dieser Politik seitens der reichen Länder, insbesondere Frankreichs und Deutschlands, sind offenkundig und bezeugen ihren repressiven Charakter, dem das ausbeuterische Interesse unterliegt.


Der Abbau von Uran im Niger

Uranvorkommen wurden im Niger nach Angaben von COGEMA-AREVA 1957 nachgewiesen. Nach Angaben der World Nuclear Association (WNA) war der Niger 2004 der drittgrößte Produzent von Uran nach Kanada und Australien und vor Kasachstan. Nach Angaben der WNA stiegen die Uranexporte des Niger seit Ende der 60iger Jahre stark an. Die Fördermengen erreichten hiernach einen Spitzenwert von 4500 Tonnen Uran (tU) Anfang der achziger Jahre, sanken ab etwa 1984 auf durchschnittlich 3500 tU und betrugen 2002 wieder 4800 tU. Während die Fördermengen also relativ stabil blieben, sanken die Preise für das Uran durch weltweite Überproduktion insbesondere in den neunziger Jahren - zum Vorteil insbesondere für europäische AKW-Betreiber.

Das Uran wird im Zentrum des Landes um die Stadt Arlit gefördert. Dieser Landesteil des Niger mit der Hauptstadt Agadez befindet sich in der Sahelzone, also in einem nur spärlich bewachsenen und trockenem Gebiet. Die französische Gesellschaft COGEMA-AREVA ist Haupteigentümerin der beiden Minengesellschaften im Niger SOMAÏR (Société des Mines de l‘Aïr, gegründet 1968) und COMINAK (Compagnie minière d‘Akouta, gegründet 1974). Die COGEMA-AREVA beziffert ihren Anteil am Kapital der SOMAÏR-Mine auf 63,4%, den an der COMINAK-Mine auf 34%. Erstere betreibt die Tagebau-Minen um die Stadt Arlit, letztere die Untertagebau-Minen um die Stadt Akokan, etwa 20km von Arlit entfernt.

Die beiden Minengesellschaften SOMAÏR und COMINAK beschäftigten im Niger nach Angaben der World Nuclear Association maximal 4400 Arbeiter und hätten Ende 2003 noch 1700 Personen auf ihren Lohnabrechnungen gehabt. Im September 2001 wurde aus der COGEMA-AREVA, der französisch-deutschen FRAMATOM (SIEMENS) sowie FCI (Framatome Connectors International) die AREVA-Gruppe gebildet.

Nach Angaben von „World Information Service on Energy (WISE)“ sind an der Uranförderung in der Region um Arlit mit der deutschen „Urangesellschaft“ als Gesellschafter der SOMAÏR auch die deutsche EnBW AG sowie E.ON AG beteiligt. Daneben sind an der SOMAÏR die STEAG AG (Ruhrkohle AG) und COGEMA-AREVA Deutschland GmbH beteiligt.

Die COGEMA-AREVA beziffert den Uranabbau der Minen im Niger seit Ende der sechziger Jahre mit etwa 94 000 Tonnen Uran (Uran 238). Ein Bericht für ein Jahressymposium der ‘World Nuclear Association’ 2004 gibt die Fördermenge für beide Gesellschaften ab 1980 mit jährlich 4800 Tonnen Uran an. Beide Stätten bzw. Gesellschaften unterhalten nach diesem Bericht jeweils eine Uranmühle, die das Gestein zerkleinert. Das zerkleinerte Gestein wird anschließend mit Schwefelsäure behandelt, wobei das Uran herausgelöst wird. Die benötigte Schwefelsäure stellen die Gesellschaften selbst her, der dazu notwendige Schwefel sei importiert, so der Bericht der WNA. Das herausgelöste Uran bezeichnet man nach weiterer chemischer Behandlung als „Yellow Cake“ (v.a. UO2, U3O8), Grundstoff zur Herstellung von Brennstoff in kerntechnischen Anlagen.

Nach Angaben der COGEMA-AREVA weist der gefördete Abraum für die SOMAÏR-Mine einen Urangehalt (U-238) von 3 - 3,5 kg pro Tonne auf, bei der COMINAK-Mine seien es 4,5 – 5 kg pro Tonne geförderten Abraums. Die COMINAK-Mine sei die größte unterirdische Uranmine der Welt mit 250 km Stollen. In den Tagebau-Minen der SOMAÏR wurden seit 1971 ca. 500 Millionen Tonnen Abraumhalden und Rückstände aus der Aufarbeitung (Trennung des Fördermaterials vom Uran) produziert

Nach Angaben der französischen Organisation CRIIRAD ( unabhängige Forschungs- und Informationskommision Radioaktivität) hat die COGEMA-AREVA eine dritte Förderstelle (Imouraren) 100km südlich von Arlit ausgemacht. Bis 2001 sei hier aber noch kein Uran gefördert worden. Imouraren wird auch als mögliche Förderstätte im Niger in einem Bericht der OECD-Atomagentur und der internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) vom Dezember 2003 genannt. Die COGEMA-AREVA selbst weist in einer Broschüre auf mehrere entdeckte, neue Förderstätten um die Stadt Arlit hin. Der nigrischen Regierung liegen seit 2005 die Anträge des 2003 in Kanada eingetragenen Minen-Unternehmens „Northwestern Mineral Ventures Inc.“ für Konzessionen für zwei Uranförderstätten im Niger vor. Diese würden die Fläche von insgesamt 4000 Quadratkilometern [!] umfassen. Dass es sich hierbei um Imouraren handelt, ist wahrscheinlich.


Radiolog. Untersuchungen 2003

Laut der Internetseite von WISE hat die COGEMA-AREVA im November 2005 angekündigt, bis Ende Dezember 2005 eine Untersuchung der öffentlichen Gesundheit in der Region um die Stadt Arlit sowie in der Region der Uran-Minen durchzuführen. Im wesentlichen würden hierzu die Krankenhäuser der Städte Arlit und Akokan (zusammen über 100 000 nach Angaben der WNA) befragt und eine epidemiologische Erhebung angestellt. Die COGEMA-AREVA hätte angekündigt, die Ergebnisse zu veröffentlichen, zitiert WISE die Organisation CRIIRAD. Aus einer Pressemitteilung, der AREVA geht hervor, dass es eine Veröffentlichung von Meßergebnissen Ende 2005 oder im Jahr 2006 nicht gegeben hat.

CRIIRAD wollte die diesbezügliche Situation in der Minenregion des Niger um die Stadt Arlit schon Ende 2003 selbst untersuchen. Die Gruppe wurde aber noch auf dem Flughafen in Niamey gestoppt und ihre sehr empfindlichen Strahlenmeßinstrumente beschlagnahmt. Ein weniger empfindlicher Geigerzähler, nutzbar für große Umgebungen, hätte die Organisation zuvor vorsorglich der nigrischen Umweltorganisation AGHIR IN’ MAN per Post geschickt, sodass die Gruppe nach den Schwierigkeiten bei der Einreise trotzdem Messungen in der Minen-Umgebung durchführen konnte.

Nach diesen und weiteren Untersuchungen erhebt CRIIRAD in einem Bericht von Ende 2003 schwere Vorwürfe gegen COGEMA-AREVA. Die Abraumhalden der Minen, zu Bergen aufgehäuft, würden noch 80% der ursprünglichen Radioaktivität enthalten und seien ungenügend gesichert. Die Bevölkerung würde durch radioaktive Stäube gefährdet, was zusätzlicher Untersuchungen bedürfe. CRIIRAD berichtet, dass nach COMINAK-eigenen Berichten für die Mine diese Berge insgesamt 25 Meter hoch seien und sich auf einer Fläche von 50 Hektar erstreckten. Dies entspräche einer Menge von 10,5 Millionen Tonnen und einer Strahlung für alle strahlenden Partikel wie Thorium 230, Radium 226 und Blei 210 von 500 000 Bequerel pro Kilogramm, so CRIIRAD. (Der Lebensmittel-’Grenzwert’ in der EU liegt gegenwärtig bei 600 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel.) Alle aufgeführten Teilchen hätten eine sehr starke Strahlungstoxizität, das Thorium 230 sei hierin mit Plutonium 238 zu vergleichen.

Weiter führt der Bericht von CRIIRAD auf, dass das Personal der nigrischen Strahlenschutzbehörde nur hospitalisierte Menschen untersuchen würde, nicht hingegen die Umgebungsstrahlung. Die Behörde verfüge weder über Geräte zur Erfassung von Radonstrahlung noch über solche, die Strahlungsquellen im Körper von Minenarbeitern detektieren könnten. Messergebnisse ließe sich die Behörde vom Strahlungsinstitut ALGADE liefern, welches ein ehemaliges Unternehmen der COGEMA-AREVA und jetzt ein französisches sei und keiner kontrollierenden Instanz unterliege. Der Behörde 1995 von der internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA/IAEO) zur Verfügung gestellte Strahlungmessgeräte zur Erfassung von Gammastrahlung hätten von Anfang nicht funktioniert, weil eine elektrische Leitung seit der Lieferung defekt gewesen sei. Durch die radioaktiven Stäube und das Versickern verunreinigten Wassers sei von einer radioaktiven Verseuchung des Wassers in der Umgebung auszugehen und damit auch von einer der Nahrungskette für die Menschen in der Umgebung der Minen.

Obwohl die Grenzwerte für radioaktive Belastungen in der europäischen Union für die mit radioaktivem Material Arbeitenden 1996 auf 20 MSv pro Jahr gesenkt worden seien, gebe die COGEMA-AREVA in einem Bericht 2002 selbst zu, dass 78 Minenarbeiter der COMINAK-Mine einer radioaktiven Belastung von über 20 MSv pro Jahr ausgesetzt seien.


... und 2005

Eine weiterer Bericht der französischen Gruppe CRIIRAD in Kooperation mit der französischen Menschenrechtsorganisation SHERPA sowie der nigrischen Umweltorganisation AGHIR IN’ MAN vom Dezember 2004 und April 2005 erhebt weitere schwere Vorwürfe gegen die COGEMA-AREVA. Hier heißt es, dass die Analyse der während der Untersuchungen 2003 entnommenen Proben bestätige, dass „die Uranförderung durch die Filialen der Gruppe COGEMA-AREVA die Bevölkerung einer Strahlung aussetzt, die nicht zu rechtfertigen ist, dass bestimmte internationale Strahlenschutzbestimmungen nicht respektiert werden und dass bestimmte Angaben der Gruppe [COGEMA-AREVA; sv] falsch sind. In diesem Kontext ist es legitim, über gesundheitliche Konsequenzen der Uranförderung in Arlit nachzudenken.“

Diesen Schluss zieht CRIIRAD durch die Kontamination von Wasser, welches Minenarbeiter sowie die Bevölkerung trinke, die Verstreuung von Müll- und Schrottpartikeln, ein Transportunfall mit Uran im Februar 2004 und die Risiken, die sich aus der Inhalation von Staub und Radon ergäben.

Die Presseeinladung zu einer Vorstellung des Berichts durch CRIIRAD hebt überdies noch die „völlige Nicht-Existenz einer Behandlung des radioaktiven Abraums, schlechte Transportbedingungen für das konzentrierte Uran, Nicht-Beachtung fundamentaler Regeln des Strahlenschutzes und fehlende Transparenz“ hervor.

Insbesondere das Trinkwasser weise eine Kontamination mit radioaktiven Partikeln von Uran 238 und Radium 226 sowie eine nach den Richtlinien der WHO teilweise um ein Vielfaches überhöhte Belastung durch Alpha- und Betastrahlung auf und verletze damit „internationale Normen für die Trinkbarkeit von Wasser.“ Der COGEMA-AREVA seien die Kontaminationen des Wassers auch in einem Brief von ALGADE (s.o.) an das Unternehmen mitgeteilt worden.

Die Radon-Belastung durch Inhalation der Luft und Staub um die Minen und die Abraumhalden sei erhöht und könnte mehr als 1mSv/Jahr (Ein Milli-Sievert; zulässiger Grenzwert in der EU seit 2001) betragen. Große Mengen radonhaltige Abluft würde über die Belüftungsanlagen der COMINAK-Mine in die Luft geblasen.

In einem gesonderten, umfangreichen Bericht der französischen Menschenrechtsorganisation SHERPA von April 2005 zu Befragungen von Arbeitern und der Bevölkerung um die Stadt Arlit, wird von einem allgemeinen Klima der Angst gesprochen, dem die Mitarbeiter der Minen und ihre Angehörigen von den Betreibern unter Androhung von Repressalien ausgesetzt werden. Der Antrag der Gruppe von 2003, Einsicht in die Jahresberichte der Minengesellschaften nehmen zu können, sei bis zur Erstellung des Berichts im April 2005 von den Betreibern zurückgewiesen worden. Ein Besuch der Minen von Arlit sei der Gruppe, die vom französischen Fernsehsender Canal+ begleitet worden sei, von COGEMA-AREVA verweigert worden. „Die Gesellschaft [COGEMA-AREVA] tut alles, um die Realität zu verschleiern oder schlicht, eine andere Realität vorzugeben“, heißt es in dem Bericht. Ein Personalvertreter der SOMAÏR wird mit den Worten zitiert, dass es dem Unternehmen „zuallererst um die Sicherheit des Materials bzw. die Förderraten geht. Die Sicherheit der Arbeiter zähle nicht“, hätte dieser im November 2004 gesagt.

SHERPA berichtet weiter, dass Mitarbeiter in keiner Weise über die Risiken der Arbeit mit radioaktivem Material informiert worden seien. Andere Mitarbeiter hätten gesagt, dass sie niemals über die Radioaktivität von Uran informiert worden seien und dass ihnen die Betreiber gesagt hätten, sie würden helfen, „den Reichtum unseres Landes auszubeuten“. Staubmasken seien erst 15 Jahre nach Förderbeginn üblich gewesen. Üblich sei hingegen gewesen, dass die Arbeiter ihre Arbeitskleidung auch zuhause getragen und diese dort gewaschen hätten. Eine Waschanlage habe das Unternehmen in der Anfangszeit verweigert, ist im Bericht von SHERPA zu lesen. Ein ehemaliger Mitarbeiter hätte berichtet, dass seine Enkelkinder auf seinen Knien saßen und er dabei seine Arbeitshose angehabt hätte, die mit Uranstaub verunreinigt gewesen sei.

Erst seit 1986 wäre die Frage der Radioaktivität von den Betreibern berücksichtigt worden. Erst seit Anfang der 90iger Jahre hätte es Waschanlagen sowie Dosimeter bei der SOMAÏR gegeben. Bis heute verweigere die SOMAÏR den Beschäftigten von Subunternehmen die Ausrüstung mit Sicherheitsarbeitsmaterial, so der Bericht von SHERPA.

Schwerwiegende Vorwürfe erhebt der Bericht auch hinsichtlich der medizinischen Versorgung der Beschäftigten durch die SOMAÏR. In den SOMAÏR-eigenen zwei Krankenhäusern in Arlit und Akouta seien Fälle von Lungenkrebs und Leukämie im letzten Stadium nicht diagnostiziert worden. Dies sei erst in anderen Krankenhäusern geschehen (Agadez, Niamey). Der Bericht zitiert u.a. einen Krankenhausmitarbeiter, der gesagt habe, dass die Ärzte in den SOMAÏR-Krankenhäusern gehalten seien, „alle Krankheiten, die mit der Uranproduktion zu tun haben könnten, insbesondere alle des Atmungsapparats, (zu) kaschieren.“ Ein Arzt des COMINAK-Krankenhauses hätte bestätigt, dass Patienten generell nicht gesagt würde, dass sie Lungenkrebs hätten. Ebenso bestätigte er, dass nur die Patienten in Behandlung blieben, die die Mittel für eine Behandlung aufbringen könnten.

Die Behauptung der COGEMA-AREVA, dass die gesamte Bevölkerung von Arlit und Akouta von den eigenen Krankenhäusern umsonst versorgt würde, sei unwahr. Insbesondere den Arbeitern aus Subunternehmen, deren Anteil unter den Beschäftigten SHERPA bei 60% ansetzt, würde nicht die gleiche Behandlung zuteil werden, wie den direkt angestellten Arbeitern. Gerade aber diese „Leiharbeiter“ seien in den gesundheitsgefährdenden Abschnitten der Uranproduktion eingesetzt, wie laut SHERPA ein ehemaliger leitender Angestellter der Minen einem Journalisten von Canal+ berichtete.

Die Minengesellschaften würden nur zwei Krankheiten als berufsbedingt anerkennen: Eine Dermatose und Gehörschäden. Demgegenüber führe die nigrische Gesetzgebung zum Abbau radioaktiver Stoffe eine Vielzahl von Krankheiten auf, insbesondere eine Vielzahl von Krebserkrankungen wie Blut-, Knochen-, Augen- oder Lungenkrebs.

Systematisch würden die Gefahren und Verantwortlichkeiten von seiten der Minen-Gesellschaft geleugnet. „Die Vertrauenswürdigkeit von öffentlich gemachten Statistiken“ wird von SHERPA bezweifelt. Der Bericht führt eine Vielzahl von Beispielen auf, die diesen Verdacht als wahr erscheinen lassen. Unter anderem wird aufgeführt, dass von Seiten der Minengesellschaften von einer nachlassenden sexuellen Aktivität der Bevölkerung gesprochen würde, wenn ein evidenter Rückgang der Geburten in der Region in den letzten Jahren erklärt werden solle. Eine „Abnahme der sexuellen Aktivität ist aber etwas anderes als die Abnahme der Fruchtbarkeit“, so SHERPA. Bei Auffälligkeiten würde COGEMA-AREVA jeden Zusammenhang mit der Uranproduktion aus der Diskussion zu halten versuchen, so SHERPA, die ihren Bericht mit der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung abschließt.

April 2006

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