„Zivilisationskonflikte“
im Zeitalter der Globalisierung –
der Fall USA und Iran

von Farshid Feridony

Nach der Beendigung des kalten Krieges werden die internationalen Staatenbeziehungen nicht durch Geopolitik dominiert. Die Geoökonomie gewinnt für die politischen Entscheidungen zunehmend an Bedeutung. Die Position einer Welthegemonie der USA, die erst mit der Beendigung des zweiten Weltkrieges und mit der Entstehung einer bipolaren Weltordnung ihre eigentliche Gestalt annahm, scheint allmählich unterminiert zu werden.

Die Krise hat allerdings mit der Zusammenbruch des Bretton-Woods Systems in Jahre 1971 begonnen, als die festen Wechselkurse mit dem Gold und US$ aufgehoben wurden. Mit zunehmender Tendenz der Regionalisierung der Weltwirtschaft, mit der verstärkten Integration der europäischen Union und nicht zuletzt mit dem Euro als rivalisierendes Weltgeld zum US-$ entwickeln sich offensichtlich neue Hegemonie-Strukturen.

Die USA sind allerdings nicht bereit, die Position einer Welthegemonie tatenlos aufzugeben. Die bereits im Verlauf des zweiten Golfkrieges verkündete neue Weltordnung wird aktuell im Mittleren Osten mit militärischem Mittel erzwungen. Der exklusive Zugang zu Erdölressourcen und die Verteidigung des Dollars als Weltgeld bestimmen maßgeblich darüber, ob die Hegemoniebestrebungen der USA erfolgreich werden. Gleichzeit ist das islamische Regime entschlossen, die panamerikanischen Strukturen in dieser Region zu verhindern.

Hegemoniebestrebungen Irans im Mittleren Osten haben allerdings eine längere Geschichte. Die erste Erdölkrise in Jahren 1973/74, die als Ergebnis des Zusammenbruches des Bretton-Wood Systems entstanden ist, führte zu Verschiebungen der Weltliquidität zu Gunsten der OPEC Staaten. Daraus folgte mit der Unterstützung der USA die militärische Aufrüstung Irans, um den Petrodollar zurückzuerhalten. Der Iran stieg gleichzeitig zur regionalen Hegemoniemacht auf. Dar Schah formulierte jedoch im Sinne der pre-islamischen iranischen Könige die Absicht, das Interesse des Irans über die Grenzen des Landes hinaus zu wahren.

Die Unterstützung des Iran als regionale Hegemonialmacht bedeutete allerdings für die USA, dass die Interessen der westlichen kapitalistischen Länder in dieser Region durch das monarchistische Regime und seine Streitkräfte verteidigt werden sollten, ohne dass sie selbst für die Kosten aufkommen mussten. Mohammed Reza Schah strebte jedoch angesichts der zunehmenden Stärke der iranischen Streitkräfte einen Aufstieg in die mittlere Hierarchie der Weltordnung an. Dieses Vorhaben passte aber aufgrund der geostrategisch wichtigen Position des Iran nicht in das Sicherheitskonzept der US-Hegemonie, denn damit wäre möglicherweise die Kontrolle der Erdölversorgung der westlichen kapitalistischen Staaten vom Iran übernommen worden, was die vitalen Interessen der USA in dieser wichtigen Region gefährdet hätte. Aus diesem Grund wurde Mohammed Reza Schah in der „revolutionären“ Umwälzungsphase von der amerikanischen Administration nicht mehr unterstützt beziehungsweise die „Islamische Revolution“ nicht durch eine subversive Aktion oder eine amerikanische Militärintervention verhindert.

Nach der „Islamischen Revolution“ bekam die Hegemoniekonflikt in dieser Region eine neue Dimension. Die Islamisten beabsichtigten, mit dem „Export der Revolution“ ein islamisches Reich zu gründen. Der folgende erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran und die aktuelle massive Einmischung des islamischen Regimes in innere Angelegenheiten Iraks kann folglich aus den Hegemoniekonflikten in einer schwierigen Region verstanden werden. Also: es wird um Macht, Geld und Recht zum Zugang der Erdölressourcen in dieser Region gekämpft. Während die Forcierung einer „Pax Americana“ im Mittleren Osten mit der „Bekämpfung des Terrorismus“ und von „Schurkenstaaten“ gerechtfertigt wird, beabsichtigen die iranischen Islamisten, mit dem Bau der Atombombe ihren Hegemonieanspruch zu unterstreichen.

Zivilisation und Feinden der Zivilisation im Iran

Vor genau hundert Jahren hat die iranische Bevölkerung den Qajarenkönig, Mozafaredin Schah, gezwungen, die konstitutionelle Verfassung anzuerkennen und seine politische Kompetenz auf zeremonielle Aufgaben zu beschränken. Es wurden Parteien zugelassen und ein Parlament gegründet. Dies ist das Ergebnis eines Zivilisationsprozesses. Norbert Elias hebt hervor, dass die Zivilisation keine europaspezifische Entwicklung ist, denn unterschiedliche Gesellschaften verfügen über ähnliche soziale Ressourcen und können freilich ihren eigenen Zivilisationsprozess bestreiten.

Der Prozess Zivilisation beruht auf den Veränderungen der äußeren und inneren Welt. Einerseits stellt der Staat friedliche Räume her, verbindet die weit auseinander liegenden Märkte mit einander, beschließt die Strafmassnahmen und garantiert den Austausch der Waren. Andererseits werden im Verlauf des Zivilisationsprozesses die tierischen Instinkte und soziale Konflikte des Menschen schrittweise zurückgedrängt und in eine innere Welt verlagert. Dies hat psychologische Wirkungen auf Staatsbürgerinnen und -bürger, welche sich in der Teilung der inneren Welt in Alter und im Ego auszeichnet. Der Mensch wird also zum Maß aller sozialen Werte und Normen.

Die Verweltlichung deR StaatsbürgerIn ist folglich nur das Ergebnis des Zivilisationsprozesses, der sich in Form der Deklaration der allgemeinen Menschenrechte und Verabschiedung der säkularen Staatsverfassung institutionalisieren. Damit wird die Souveränität des Volkes in drei Fundamenten der modernen Staatsverfassung manifestiert: Legalität, Positivität und Legitimität.

Mit der Verabschiedung der konstitutionellen Verfassung waren die konservativen Kräfte des Landes nicht einverstanden. Sie bestehen aus drei Fraktionen. Die erste besteht aus iranischen Chauvinisten, die zweite aus Islamisten und die dritte aus nationalistisch religiösen Kräften. Über diesen Strukturen steht der Schah und bezieht seine Legitimität aus diesen Kreisen.

Die Geschichte Irans zeigt, dass die konservativen Kräfte in allen unterschiedlichen Zeiten das Parlament, die Parteien und Gewerkschaften bekämpft haben. Aus diesen Gründen sind Zivilisationskonflikte keine zwischenstaatlichen Angelegenheiten, da diese Konflikte innerhalb der Staaten geführt werden.

Im Fall des islamischen Regimes ist es notwendig, die Arbeiter-, Frauen- und Studentenbewegung hervorzuheben, deren FührerInnen entweder zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden oder massiven Repressionen unterworfen sind. Herr Osanlu, Frau Ebadi (Friedensnobelträgerin), Herr Mohamedi .... gelten als VertreterInnen dieser Bewegungen. Die genannten Bewegungen können sich allerdings im Iran nicht institutionalisieren, weil sie von Hizbullah unterwandert und ihre AktivistInnen ermordet oder ins Ausland verjagt werden.

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