Hin und her gerissen
Ein „deutsch-französischer“ Erlebnisbericht

von Cécile

Nach einer langen Nacht im Bus aus Toulouse kommen wir in Cherbourg an. Dutzende von Bussen stehen schon auf dem Parkplatz und es kommen immer mehr Busse aus ganz Frankreich an. Aus dem Ausland treffen auch einige Busse ein. Trotz Regen, versammeln sich schon Tausende von Menschen auf dem Quai Lawton Collins, als wir vor Ort ankommen. Eine bunte kreative Mischung von Menschen. Ich suche gleich nach den FreundInnen aus Deutschland, die schon am Tag davor angekommen sind.

Wir wollen eine deutsch-französische Aktion durchführen. Es geht darum, das 150 Quadratmeter große Transparent vom Réseau Sortir Du Nucléaire aufzuhängen, worauf „Le nucléaire tue l’avenir“ - Atomkraft tötet die Zukunft- steht. Der EPR ist ja ein „deutsch-französisches“ Projekt von Siemens und Areva NP. Wenn die Atomlobby Geschäfte über Grenzen hinaus macht, muss unser Widerstand Ländergrenzen überwinden. Wir suchen uns einen Ort aus. Der 40 Meter hohe Baukran gefällt uns, wir klettern hoch. Beim Entrollen des Transparentes kämpfen wir mit Wind und Regen. Aber die Aussicht über die Demonstration vom Kran aus ist einfach genial. Wir können den gesamten riesigen Demonstrationszug mit etwa 25 000 TeilnehmerInnen, der durch die Innenstadt über mehre Kilometer zieht, beobachten. Vor der EDF-Zentrale findet ein Die-In statt. Es wird alles still, die Menschen knien. Sie gedenken der Opfer der Tschernobylkatastrophe. Kurze Zeit darauf schreien die Menschen. Wir wollen leben! Der bunte Demonstrationszug zieht weiter. Im Gegenteil zu Demos in Deutschland, sind fast keine Polizisten zu sehen.

Es wird noch windiger, der Kran dreht sich. Ein komisches Gefühl. Nach etwa einer Stunde rollen wir das Transparent wieder ein, ich bin nass und friere. Wir steigen ab. Zivilpolizisten warten schon auf uns. Unsere Personalien werden festgestellt. Sie sind etwas verwirrt, weil ich nur deutsch rede. Ich weiß eigentlich selber nicht wirklich woher ich komme. Ich bin Französin, aber... Was sind Grenzen eigentlich? Ich fühle mich immer hin und her gerissen.

Wir kommen im VAAAN gegen 19Uhr an. Das VAAAN ist das anarchistische antikapitalistische selbstverwaltete Dorf gegen Atomkraft. Hunderte von Menschen zelten dort. Es regnet immer noch. Wir bauen zuerst unser Zelt so schnell wie möglich auf und gehen zur Volksküche. Um 22 Uhr soll das Plenum stattfinden. Aber es wird nicht viel Wichtiges besprochen. Die Debatten beziehen sich fast nur ausschließlich auf die Verwaltung des Alkoholverkaufs. Die TeilnehmerInnen sind nass und müde, einige sind schon... besoffen und nicht mehr wirklich diskussionsbereit. Ich habe einfach keine Energie mehr, ich bleibe nicht bis zum Ende.

Am Tag darauf scheint die Sonne wieder. Wir wandern nach Cherbourg. Der Schuttelservice in die Stadt funktioniert nämlich nicht... Treffpunkt ist vor dem Arsenal de Cherbourg (Militärbasis). Von dort aus fahren wir mit Busse nach La Hague und Flamanville. Die Reise wird von der Gendarmerie strengst überwahrt. Wir dürfen nur außen rum fahren. Didier Anger (Mitbegründer der örtlichen Anti-atom-initiativ CRILAN) erläutert uns die Geschichte der Region, der Atompolitik. Er wohnt seit 30 Jahren in Flamanville. Er hat vergeblich gegen das AKW in Flamanville und die WAA gekämpft. Er ist aber trotzdem der Meinung, dass wir gemeinsam stark genug sind um den EPR zu verhindern. Die Atomindustrie ist gerade nicht wirklich in Aufschwung. In La Hague wurde zum Beispiel eine Produktionseinheit geschlossen, weil immer weniger Verträge mit dem Ausland vereinbart werden. Der deutsche Widerstand wird hierzu gelobt. Die Rundfahrt führt letztendlich über Flamanville. Eine sehr schöne Küste eigentlich! Schade dass die Atomindustrie hier alles verseucht!

Wir machen uns gegen 21 Uhr auf dem Weg nach Deutschland. Die Polizei erwartet unsere Gruppe. Wir warten auf dem Bus vor dem Zeltplatz und sie will Ausweise von uns haben - was verweigert wird. Die Polizei will wissen, ob es „die deutsche Gruppe mit einer Französin“ ist. Weiß sie, dass wir noch nach Valognes wollen? Wir machen in der Tat auf dem Rückweg noch eine kurze Pause am Verladekran in Valognes. Von dort aus fahren u.a. die Castoren aus La Hague nach Gorleben. Mit dem Geigerzähler können wir einen beladenen Castorbehälter entdecken. Seine Abfahrt in die Niederlande sollte 2 Wochen früher stattfinden. Aber er wurde auf Grund der Proteste gegen die Reform des Arbeitsmarktes in Frankreich verschoben. Einige AktivistInnen hatten beschlossen die Kämpfe zusammenzulegen und die Schiene in Caen zu besetzen...

Jetzt soll der Kampf weiter gehen. Die französischen AktivistInnen rufen für den Sommer zu Aktionen des zivilen Ungehorsams auf. Ich werde bestimmt wieder nach Frankreich fahren.@

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