| Organisieren wir die notwendigen Eingriffe in den gesellschaftlichenNormalbetrieb 11/2005
Castoralarm November 2005
„Eine Gesellschaft, die den Betrieb von Atomanlagen akzeptiert, muss weiterhin mit unserem Widerstand rechnen.“ Ausstieg lieber nie als gar nicht? Ist Gerhard Schröder ein Widerstandsrecke? Findet Jürgen Trittin in den Schoß des außerparlamentarischen Widerstandes zurück? Wird also alles gut? Wohl kaum. Aber wenn mensch sich das aktuelle parteipolitische Gerede zur Energiepolitik anschaut, wenn mensch sieht, wie SozialdemokratInnen und Grüne sich darin üben, gegen den Neubau von Atomanlagen und für den Atomkonsens zu streiten, könnte mensch auf diese Idee kommen. Dabei scheint es irgendwie egal, ob die AKWs nun heute vom Netz gehen oder nach etwa 35 Jahren Laufzeit. Nur neue sollten möglichst nicht gebaut werden oder zumindest nicht in der brd oder so. Doch ganz so beliebig sind die Dinge nicht. Normal ist das nicht Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield, Tokaimura, Brunsbüttel: Die Liste schwerer Störfälle ist lang und dabei ist schon der „Normalbetrieb“ ein Störfall. Tag für Tag werden in den Uranabbaugebieten in Kanada, Australien oder dem Niger weite Flächen mit radioaktivem Abraum verseucht, der noch 80% der Radioaktivität enthält. Tag für Tag werden durch die Wiederaufarbeitungsanlagen in LaHague und Sellafield radioaktive Abwässer in die Nordsee geleitet. Bereits heute liegen die Leukämieraten im Umfeld dieser Anlagen um ein Vielfaches über dem Landesdurchschnitt. Im Frühjahr 2005 verlor in Sellafield die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage gut 100.000 Liter hochradioaktive Flüssigkeit, ohne dass dies über Wochen hinweg bemerkt worden wäre. Tag für Tag wird an den AKW Niedrigstrahlung freigesetzt. Viele WissenschaftlerInnen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Niedrigstrahlung und der erhöhten Zahl von Leukämieerkrankungen in der Nachbarschaft der Anlagen. Tag für Tag wird neuer Atommüll produziert. Keine weiß wohin damit. Alle bisherigen Endlagerversuche sind kläglich gescheitert. Für die brd heisst dass: Der Salzstock Asse säuft nach und nach ab. Das „Endlager“ in Morsleben, jahrelang auf Weisung der damaligen Umweltministerin Merkel weiterbetrieben, muss jetzt notverfüllt werden damit es nicht zusammenstürzt. Und auch der letzten Regierungsstelle sollte im Jahr 2005 bekannt sein, dass der Salzstock Gorleben zwar ein Deckgebirge bräuchte, aber keins hat. Weltweit gibt es kein einziges Endlager. Die Verhältnisse sind „radikal“ Die Forderung der sofortigen Stillegung aller Atomanlagen ist die Konsequenz aus diesen Verhältnissen. Sie ist nicht radikal, die Verhältnisse sind es. Tatsache ist, dass bereits der „Normalbetrieb“ der Atomanlagen einem Störfall gleichkommt. Daher bleiben alle Maßnahmen hinter dem eigentlich erforderlichen Tempo zurück, denn kein einziger weiterer Betriebstag der Atomanlagen ist akzeptabel. Jede Debatte um Restlaufzeiten trägt dazu bei, die täglichen Opfer der Atomenergie in den Uranabbaugebieten und an den Atomanlagen gegen Konzerninteressen bzw. volkswirtschaftliche „Sachzwänge“ aufzurechnen. Schon das Aufmachen dieser Rechnung und nicht erst ihr vermeintlich falsches Ergebnis ist der Menschen verachtende Zynismus hinter den Verhandlungen über „Konsens“ vs. „Neubau“ von Atomanlagen. Die Tatsache, dass in der Debatte um Restlaufzeiten nicht einmal von Uranabbau und dessen Folgen die Rede ist, spricht für sich. Dieses „Unsichtbarmachen“, dieses Leugnen der Existenz Betroffener ist Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse, gegen die wir angehen. Hier liegt die Trennlinie zur grünen „Realpolitik“, nicht bei der schlichten Substraktion der verbleibenden 19 Jahre Restlaufzeit. Die Forderung „Sofortige Stillegung aller Atomanlagen“ ist der Versuch an wenigstens einer Stelle dieser Gesellschaft aufzuzeigen, dass nicht alle den HERRschenden Zynismus mitmachen, Menschenleben gegen Konzernprofite aufzurechnen. Das „Sofort” ist ein Nein dazu, die Opfer der Atomkraft in Uranabbaugebieten und an den übrigen Atomanlagen zur Verhandlungsmasse zu machen. "Wir sind mit der Gesamtsituation unzufrieden"Atomausstieg ist Handarbeit Ende der 80er Jahre war das Thema Atomenergie ähnlich am Boden, wie es autofreie Verkehrssysteme heute sind. Durch die strategische Entscheidung, Atomtransporte als Achillesferse der Atomindustrie anzugreifen gelang es uns, den Konflikt um die Atomanlagen nach den verlorenen Kämpfen um die AKW-Bauplätze erneut zuzuspitzen. Schon der erste Castortransport nach Gorleben kostete atemberaubende 50 Mio. DM, bei allen weiteren Transporten waren Parteien und Einsatzleitung hektisch bemüht, die Kosten der „Aufstandsbekämpfung“ durch allerlei Tricks nach unten zu rechnen (z.B. nur die Überstunden zu zählen). Vor 2001 fuhren im Schnitt zwei Castoren wöchentlich in normalen Güterzügen durch die brd. Seit Ende des Transportestopps für abgebrannte Brennelemente (1998-2001) wurde systematisch eine Kampagne gegen die WAA-Transporte aufgebaut. Kein einziger Transport konnte seither ungestört das Land durchqueren. Die rheinlandpfälzische Polizei sah sich beispielsweise außer Stande, parallel zur Beerdigung von Hannelore Kohl einen Atomtransport zu schützen. Seit 2002 wurden in den Transporten bis zu 16 Behälter in Sonderzügen zusammengefasst, die von mehreren Waggons des BGS und Hubschraubern begleitet wurden. Über die Jahre entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit französischen Gruppen, die es immer wieder schafften, die Transporte im französischen Streckenabschnitt zu stoppen. 2001 gelang es dort einigen AktivistInnen einen Güterzug direkt vor dem Castor an die Schienen zu schweißen und den Transport so um mehrere Stunden zu verzögern. Von den 91 Behältern, die 2001 in die WAAs gebracht werden sollten, konnten Polizei und BGS nur rund 50 durchsetzen. Der Bau der elf Zwischenlager unter Rot-Grün stellt daher im Wesentlichen ein Ausweichen vor dem Widerstand dar, für einen Atomausstieg ist diese Maßnahme unbrauchbar. Dazu sollte mensch wissen, dass ein Zwischenlager mit rund 50 Mio. Euro in etwa so viel kostet, wie ein einziger Atomtransport nach Gorleben. Dass es Rot-Grün eher um eine Stilllegung der Anti- Atom-Bewegung, als um die Stilllegung der Atomanlagen geht, wird deutlich daran, dass Rot- Grün keine Hemmungen hatte, die brisante Urananreicherungsanlage in Gronau (eine Anlage wie jene im iranischen Isfahan) auf die vierfache Kapazität ausbauen zu lassen. Sebastien Briat Es gibt viele Arten zu töten,
man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, Einem das Brot entziehen, Einen von einer Krankheit nicht heilen, Einen in eine schlechte Wohnung stecken, Einen zum Selbstmord treiben, Durch Arbeit zu Tode schinden, Einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staate verboten. B. Brecht Sébastien Briat wurde am 7.11.2004 getötet, als er sich dem Atomstaat in den Weg stellte. Der CASTOR- Transport vom französischen LaHague nach Gorleben überrollte ihn nahe der Stadt Avricourt. Der Zug fuhr zu schnell um rechtzeitig zu bremsen: Er sollte eine Verspätung aufholen. Atomtransporte sind unverzichtbarer Bestandteil des menschenverachtenden Normalbetriebs von Atomanlagen. Sebastien starb als er sich dagegen zur Wehr setzte. Sein Tod ist ein Grund mehr, im Widerstand gegen den Atomstaat nicht nachzulassen. Mit uns ist kein Staat zu machen JedeR einzelne muss für sich entscheiden, was sie gegen den Betrieb von Atomanlagen tun will, wo sie in den gesellschaftlichen „Normalbetrieb“ eingreifen will. Doch es geht bei diesen Eingriffen nicht nur um die Gesellschaft, wie sie jetzt ist, sondern auch darum wie sie sein sollte. Es ist kein Zufall oder rein technisch bedingt, dass sich Menschen in der Antiatom- Bewegung in Grupppen organisieren und nicht etwa in Parteien oder Verbänden. Wir begreifen unsere Politik als kollektiven Prozess, als Politik in der ersten Person. In der Art, in der wir die Auseinandersetzung hier und jetzt führen, versuchen wir über den Ist-Zustand der Gesellschaft hinauszugreifen. Wir laden Euch daher ein, Euch mit uns im November 2005 in Camps und Städte- Plena, Aktionsgruppen und DelegiertInnentreffen gegen den Castortransport 2005 zu organisieren. In diesem Sinne:Bildet Euch und bildet Banden!
Organisiert Euch in Bezugsgruppen TagX: 21. / 22.11.2005 Hier einige norddeutsche Strukturen - eine davon ist sicherlich in Eurer Nähe: Berlin: Anti-Atom-Plenum, squat.net/aap-berlin/ jeden Dienstag um 20:00 Uhr im Blauen Salon, Gneisenaustr. 2a im Mehringhof, Berlin Kreuzberg Bochum: Anti-Atom-Plenum Bochum, c/o Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, 44894 Bochum Braunschweig: SchülerInnen gegen Schacht Konrad, c/o Ökoscouts, Madamenweg 168, 38118 Braunschweig Bremen: Das Bremer Anti-Atom-Forum trifft sich jeden 3. Dienstag im Monat um 19:30 Uhr im Paradox, Bernhardstr. 12. Göttingen: Jeden Dienstag, 20.00 h Treffen des Anti-Atom Plenums Göttingen (im Stadtjugendring, Düstere Straße 20 a) Hamburg: Gruppe SAND, sand-hh@web.de; AntiAtomBüro Hamburg, aabhh@nadir.org Hannover: Atomplenum Hannover, info@atomplenum.de Oldenburg: Anti-AKW-/Antimilitaristische Gruppe, c/o Alhambra, Hermannstr. 83, 26135 Oldenburg Rotenburg (Wümme) - Buchholz i.d.N. - Hamburg - Göttingen: ContrAtom, contranetz.de/atom/index.htm Wuppertal: anti-atom-Bündnis Bergisch Land, c/o Infoladen Wuppertal, Markomann Str. 3, 42105 Wuppertal Zeitschriften: anti-atom-aktuell, redaktion@anti-atom-aktuell.de Blockiert und sabotiert Atomtransporte Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit |