| Die neue nukleare Bedrohung
Der Finger ist nach wie vor auf dem roten Knopf aus: IPPNW online
Der Kalte Krieg ist längst vorbei. Aber: Bis heute bedrohen uns rund 28.000 Atomwaffen im Besitz der neun Atomwaffenstaaten (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Nordkorea und Pakistan). Das ist zwar weniger als die Hälfte der Atomwaffen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, jedoch noch genug, um die Welt mehrere Male zu zerstören. 96% der Atomwaffen gehören den USA oder Russland. Ungefähr 13.500 sind sofort einsatzfähig. Davon sind ca. 4.000 in ständiger Höchstalarmbereitschaft. Sie erreichen ihr Ziel in wenigen Minuten und töten Millionen von Menschen. Das Risiko eines versehentlich ausgelösten Atomkrieges ist genauso hoch wie im Kalten Krieg.
Die neue nukleare Bedrohung
Es gibt heute noch eine zusätzliche Gefahr. Die USA haben ein Tabu gebrochen: Atomwaffen sollen nicht mehr nur der Abschreckung dienen, sondern auch in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden. Ein Strategiepapier des Pentagon beschreibt Planspiele für den Einsatz von Atomwaffen gegen mindestens sieben Länder, darunter Russland, China, Libyen, Syrien und „Achse des Bösen“: Irak, Iran und Nordkorea. Atomwaffen sollen einerseits dort militärisch „präventiv“ eingesetzt werden, wo die angegriffenen Ziele konventionellen Angriffen standhalten könnten; andererseits dort, wo Länder atomare, biologische oder chemische Waffen besitzen. Wegen der „veränderten Bedrohungslage“ planen die USA Mini-Atomwaffen oder bunkerbrechende Atomwaffen zu entwickeln. Weitere Staaten wie z.B. Frankreich und Russland folgen diesem Weg in ein neues nukleares Zeitalter. Damit wird die atomare Hemmschwelle herabgesetzt. Es wird suggeriert, dass solche Waffen einsetzbar seien, weil sie nur minimale „kollaterale Schäden“ verursachen würden. Das Gegenteil ist wahr: Eine Atomwaffe, die in die Erde eindringt bevor sie explodiert, verursacht noch mehr tödliches Fallout als eine herkömmliche Atomwaffe.
Atomwaffen für alle
Und last but not least gibt es die Verbreitung von Atomwaffen. 35 Jahre hat es gedauert, bis der Atomwaffensperrvertrag seine Glaubwürdigkeit verlor. Weil immer mehr Staaten sich durch die USA bedroht fühlen und irrtümlich meinen, nur Atomwaffen könnten sie dafür schützen, droht jetzt der Verkauf von Materialien und Wissen zum Bau der Atombombe auf dem freien Markt.
USA
Offiziell anerkannter Atomwaffenstaat (seit 1945) und Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NVV). Die USA verpflichten sich darin, „in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung sowie über einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung“ (Artikel VI).
Die USA besitzen noch 10.300 Atomwaffen, wovon sich 5.000 in „aktiver“ Reserve befinden (d.h. sie sind z.Zt. nicht stationiert). Seit 1945 haben sie etwa 70.000 Atomwaffen produziert; darunter 70 verschiedene Typen, von der kleinen Atommine bis zu gewaltigen Wasserstoffbomben mit Megatonnensprengkraft. Zur Zeit überholen die USA ihr komplettes atomares Arsenal, um für die „neue Bedrohungslage“ gewappnet zu sein. Dies schließt die Entwicklung neuer Atomwaffen, wie z.B. die sogenannten Mininukes und Bunker Busters ein.
Die USA halten sich erklärtermaßen nicht an bestehende Verträge (NVV) und lehnen weiterführende Abkommen zur Begrenzung der nuklearen Bedrohung ab (Atomteststoppvertrag, Vertrag über ein Verbot der Produktion von spaltbarem Material für Waffenzwecke, Raketenabwehrvertrag).
Großbritannien
Die Briten sind Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages und damit als offizieller Atomwaffenstaat anerkannt. Rund 200 Atomsprengköpfe befinden sich im britischen Arsenal.
Bis auf 25 Sprengköpfe, die in Reserve gehalten werden, befinden sich alle strategischen Atomwaffen auf Trident U-Booten. Nur eins von den insgesamt vier U-Booten befindet sich ständig auf dem Meer, bestückt mit bis zu 48 Atomwaffen. Die Trident-Raketen an Bord tragen 3-4 Mehrfachsprengköpfe, deren Atomwaffen gegen verschiedene Ziele im gleichen Zielgebiet eingesetzt werden können. Jeder Sprengkopf hat eine Sprengkraft von 100 Kilotonnen (das entspricht der 960-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe mit ca. 200.000 Toten). Über einen Ersatz für das Trident-System wird in England ernsthaftdiskutiert. Großbritannien ist dem Atomteststoppvertrag beigetreten.
Frankreich
Zur „Force de Frappe“ der Franzosen gehören Atomwaffen mit insgesamt 350 Sprengköpfen auf Flugzeugen und U-Booten. Bis auf 60 Luft-Boden-Raketen für Flugzeuge auf Flugzeugträgern handelt es sich um U-Boot-gestützte Raketen mit einer Reichweite von 6.000 km und einer Sprengkraft von 100-150 Kilotonnen. Der Unterhalt dieser Waffen kostet 2,3 Milliarden US $ pro Jahr.
Frankreich modernisiert seine gesamte Atomstreitmacht. Das Arsenal wird auf „Schurkenstaaten“ ausgerichtet. Zudem werden neue Miniatomwaffen entwickelt.
Frankreich ist der einzige Atomwaffenstaat, der sein Atomtestgelände auf Moruroa im Südpazifik nach weltweiten Protesten geschlossen hat. Der Atomteststoppvertrag und Raratonga-Vertrag (atomwaffenfreie Zone) sichern den französischen Atomteststopp. Zudem erklärte Frankreich 1992, kein Plutonium für Atomwaffen mehr herzustellen und hat seine Plutoniumfabrik in Marcoule 1997 geschlossen.
Südafrika
Südafrika zerstörte seine sechs Atomwaffen kurz vor dem Ende der Apartheid, um dem Atomwaffensperrvertrag 1991 beizutreten und sich damit wieder in die internationale Gesellschaft eingliedern zu können. Bis 1994 waren alle südafrikanischen Atomwaffenanlagen komplett abgebaut.
US-Atomwaffen in Europa (NATO)
Die USA haben Stationierungsplätze für bis zu 816 taktische Atomwaffen vom Typ B-61 in Europa. Experten gehen davon aus, dass 480 Atomwaffen stationiert sind. Diese Atomwaffen gehören unter US-Kommando, können jedoch im Ernstfall von europäischen Piloten und Flugzeugen eingesetzt werden. Dies würde im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“, über die alle NATO-Mitglieder in die Planung eines Atomkriegs eingebunden sind, geschehen. US-Atomwaffen sind in den folgenden Staaten stationiert: Belgien (20 in Kleine Brogel), Deutschland (20 in Büchel, 130 in Ramstein), Großbritannien (110 in Lakenheath), Niederlande (20 in Volkel), Italien (40 in Ghedi Torre, und 50 in Aviano), Türkei (90 in Incirlik). Zusätzlich befinden sich wieder aktivierbare Atomwaffendepots in Deutschland (Memmingen und Nörvenich), in Griechenland (Araxos) und in der Türkei (Murted und Balikesir), wo momentan aber keine Atomwaffen stationiert sind.
Russland
Die Sowjetunion wurde 1949 Atomwaffenmacht, ist Vertragspartei des NVV und führte über 700 Atomtests durch. Man schätzt, dass Russland bzw. die Sowjetunion seit 1949 etwa 55.000 Atomwaffen produziert hat. Das russische Arsenal beinhaltet 7.200 einsatzfähige Atomsprengköpfe, davon 3.800 strategische Atomwaffen. In Lagern befinden sich zusätzlich bis zu 10.000 „inaktive“ Atomwaffen.
Das Moskauer Abkommen aus dem Jahr 2002 zwischen USA und Russland sieht vor, dass beide Staaten ihr strategisches Arsenal auf 1.700 bis 2.200 „aktive“ Atomwaffen bis 2012 reduzieren. Das Abkommen enthält jedoch keine Verifikationsmaßnahmen. Beide Parteien dürfen mit nur dreimonatiger Kündigungsfrist ohne Begründung aus dem Abkommen austreten. Wahrscheinlich wird es nicht zu weiteren Verhandlungen über taktische Atomwaffen kommen.
Russland hat im Oktober 2003 verlautbart, eine Modernisierung der Atomstreitmacht durchzuführen. 2004 kündigte ein russischer Beamter die Entwicklung eines neuen mobilen Sprengkopfes an, der ein Abwehrschild umgehen könne. Die russische Föderation ist Mitglied des Atomteststoppvertrages.
Weißrussland, Ukraine, Kasachstan
Diese ehemaligen sowjetischen Republiken sind nach der Auflösung der Sowjetunion atomwaffenfrei geworden. Alle Atomwaffen wurden bis 1996 nach Russland abgezogen. Die drei Staaten haben sowohl den Atomwaffensperrvertrag als auch den Atomteststoppvertrag unterzeichnet und ratifiziert.
China
China ist erst seit 1992 Mitglied des Atomwaffensperrvertrags. Es fordert zwar stets einen Vertrag zur Abschaffung aller Atomwaffen und unterhält nur eine relativ kleine atomare Abschreckungsmacht, rüstet aber auch nicht ab. Stattdessen reagiert China auf die US-Raketenabwehrpläne mit einer beschleunigten Modernisierung seiner Atomstreitkräfte, vor allem der Trägersysteme. Es entwickelt Interkontinentalraketen, um seine Langstreckenraketen zu ersetzen. Ein neuer Typ von Interkontinentalraketen soll jederzeit und überall einsatzbereit sein. Auch die Raketen für seine U-Boot-Streitkräfte sollen mit besseren ersetzt werden. Im jetzigen Arsenal befinden sind rund 400 Atomwaffen meist kürzerer Reichweite, stationiert auf U-Booten, Flugzeugen und landgestützten ballistischen Raketen. Maximal 20 chinesische Interkontinentalraketen können die USA erreichen.
Indien und Pakistan
Diese beiden Staaten sind nicht anerkannte Atomwaffenmächte und treten dem Atomwaffensperrvertrag aus diesem Grund auch nicht bei. (Dies ist nicht möglich, da der Vertrag festschreibt, dass Atommacht nur sein darf, wer vor Vertragsabschluss schon getestet hatte). Obwohl vermutet wird, dass sie bereits seit langem Atomwaffen besitzen, ist ihr Atompotenzial erst seit der beiderseitigen Atomtestreihe 1998 definitiv bekannt. Indien hat schätzungsweise 30 bis 35 Atomwaffen, Pakistan 24 bis 48, das Arsenal wächst jedoch ständig. Auch die Stationierung in Indien geht voran und eine Befehlsstruktur wird aufgebaut, sodass das indische Abschreckungspotenzial „glaubwürdiger“ wird.
Beide Staaten besitzen weitreichende ballistische Raketen. Die Bedrohungsrhetorik beider Staaten erreichte im Jahr 2002 erschreckende Ausmaße. Seitdem ist die Lage zwar entspannter geworden, sie bleibt jedoch – trotz der jüngsten Gesprächsbereitschaft - höchst gefährlich.
Israel
Israel hat sein Atomwaffenpotenzial nie offiziell zugegeben, droht jedoch in Krisensituationen immer wieder damit, es könne Atomwaffen einsetzen. Experten schätzen, dass Israel 75 bis 200 Atomwaffen besitzt, die Arabische Liga behauptet, es habe eher 350 im Arsenal. Um die Diskussion über seine Atomwaffen und eine eventuelle Abrüstung zu umgehen, tritt Israel dem Atomwaffensperrvertrag nicht bei.
Iran
Die USA und Israel verdächtigen den Iran, ein geheimes Atomwaffenprogramm zu betreiben. Tatsächlich förderten Untersuchungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) zu Tage, dass der Iran mehr Uran angereichert hat und mehr Anlagen betreibt, als er in Wien gemeldet hatte. Die IAEO fordert die Einstellung des Anreicherungsprogramms. Deutschland, Frankreich und Großbritannien versuchen im Streit zu vermitteln und bieten die Lieferung bereits angereicherten Urans an. Israel droht, die Anlagen im Iran zu zerstören, falls der Iran Atomwaffen baut. Der Iran droht seinerseits die Zusammenarbeit mit der IAEO zu beenden und den Atomwaffensperrvertrag zu verlassen. Bis heute beteuert er keine Atomwaffen bauen zu wollen und nur ein rein ziviles Atomprogramm zu betreiben.
Nordkorea
Nordkorea hat für Schlagzeilen gesorgt, als es Anfang 2003 aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgetreten ist. Ungewiss ist, ob Nordkorea wirklich im Besitz von Atomwaffen ist. Im Februar 2005 behauptete Pjöng-Jang jedoch, bereits Atomwaffen entwickelt zu haben. Der Grund: Verteidigung gegen die „feindselige“ USA. Die US-Geheimdienste schätzen, dass es mindestens zwei Atomwaffen gebaut habe und genug Plutonium besitze, um weitere zu bauen.
Atomwaffenfreie Zonen
Fast die gesamte südliche Hemisphäre ist atomwaffenfrei. Der Pelindaba-Vertrag regelt die afrikanische atomwaffenfreie Zone, der Vertrag von Tlatelolco betrifft ganz Süd- und Mittelamerika, der Raratonga-Vertrag den Südpazifik. Der Vertrag von Bangkok deckt einen großen Teil von Südasien ab, leider nicht Indien und Pakistan. Auch die Mongolei hat sich für atomwaffenfrei erklärt. @
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