der unendliche Geschichte zweiter Teil


Der Ministerialdirektor heißt
heute nicht mehr Bochmann

Seit vor zwanzig Jahren „Die Unendliche Geschichte“ in der Zeitschrift „natur“ stand, ist einiges anders geworden.

Der Sessel des Abteilungsleiters RS (wie Reaktorsicherheit) steht inzwischen nicht mehr im Innen-, sondern im Umweltministerium. Der Hintern, der ihn heutzutage wärmt, gehört zum Juristen Wolfgang Renneberg. Keine Ahnung, welches Bild sein Büro schmückt; wir wissen nichts über die Farbe seiner Krawatte. Möglich ist sogar, daß er nicht immer eine trägt.

Das Bild vom Betonkopfbeamten jedenfalls, der sich unerschütterlich zum Propagandisten der Atomindustrie macht, ist abgelöst. Die Botschaft, die seit einigen Jahren das Wahlvolk erreichen soll, lautet vielmehr: „die AtomkraftgegnerInnen haben ja so furchtbar Recht. Als Regierung tun wir alles, was wir können.“ - um dann den Energieversorgungsunternehmen Rahmenbedingungen zu schaffen, wie sie (gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung) komfortabler nicht sein könnten. Die Bestandsgarantien für die Reaktoren seien nur erwähnt; an dieser Stelle soll es darum gehen, wie beim Thema Endlagerung die Administration für die Atomwirtschaft die Kuh vom Eis holt.

„Es besteht kein Zweifel:“ hofft Ralf Güldner, der Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft bei der Eröffnung der Jahrestagung Kerntechnik 2005, „eine baldige Realisierung der Endlagerung in Deutschland wird eine weiter wachsende Unterstützung der Kernenergie zur Folge haben.“ Zuvor hat er die Bemühungen der Energiewirtschaft dargestellt, langfristig einen Stimmungswandel pro atom in der BRD herbeizuführen. Aber hartnäckig hält sich, sehr zu seinem Verdruß, “... dass die Bevölkerung die Entsorgung der radioaktiven Abfälle als das größte Problem der Kernenergie betrachtet.“

Wie in vor-tschernobylen Zeiten die Gemeinde der Atom-Befürworter auf die Unterstützung durch die Ministerialen rechnen konnte, ist im ersten Teil der Unendlichen Geschichte beschrieben; heute, wie gesagt, ist manches anders geworden. Bei jeder Gelegenheit tragen Vertreter der Energieversorger unisono mit UnionspolitikerInnen und Freidemokraten ihren Ärger vor, daß der Bundesumweltminister und seine Leuten nicht tun, was sie von ihnen erwarten: kurzen Prozeß mit Schacht Konrad und den Weiterbau des Endlagers in Gorleben. Wer ihren Worten Glauben schenkt, kann leicht der Vermutung aufsitzen, der entschiedenste Gegner der friedlichen Kernenergie-Nutzung säße mit auf der Regierungsbank.

Ebensowenig, wie wir die Schlipsfarbe von Ministerialdirektor Renneberg kennen, wissen wir, ob das Geschimpfe auf den BMU echt oder nur Theater ist. Denkbar wäre ja immerhin, daß die Atomstromer bemerkt haben, daß er für ihre Zwecke nichts mehr taugt, sobald sie ihn loben. Wer von den besorgten BürgerInnen würde einem Jürgen Trittin noch die Rolle des tapferen Kämpfers gegen die übermächtige Atomlobby abnehmen, wenn diese öffentlich anerkennen würde, daß er - mit einiger taktischen Raffinese - dabei ist, eines ihrer schwerst wiegenden Probleme zu lösen?

Seit 1967 die ersten Fässer mit Atommüll in der Asse unter die Erde geschafft wurden, ist es Betreibern und Behörden nicht gelungen, eine überzeugende Antwort zu liefern auf die Frage,wie der Atommüll sicher verwahrt werden kann. Im Gegenteil. Die praktischen Erfahrungen aus der „versuchsweisen“ Einlagerung in der Asse (und in Morsleben) legen eigentlich zwingend den Schluß nahe, von solchen Veranstaltungen tunlichst die Finger zu lassen.

An genau diesem Punkt wirkt es sich aus, daß im Apparat ein Personalwechsel stattgefunden hat. Während die Politischen Beamten alten Schlags eine robuste Fähigkeit entwickelt hatten, unangenehme Ergebnisse der Endlager-Forschung zu verdrängen und Tatsachen wie fehlende Deckbegirge, einstürzende Schächte und Wassereinbrüche schönzureden, nahmen sich die Neuen die Freiheit heraus, ganz neu zu würfeln. Statt sich an den bisherigen Standorten festzuhalten, unternahm der akEnd den Versuch, frei von erkennbar verkorksten Projekten die Geschichte von Anfang an neu zu erfinden.

Das ist natürlich nicht gelungen. Bei der anschließenden Konkretisierung kam die Diskutantenrunde nicht an den Unsummen vorbei, die im Gorlebener Sand verbuddelt sind; aber immerhin ermöglichte die Gedankenspielerei, Argumentationsmuster und ein Vokabular zu entwickeln, von dem viele Leute sich einwickeln lassen.

Die Vereinnahmung und Neutralisierung des Widerstands erfolgt häufig unbemerkt und unterschwellig. Grüne Durchsetzungsstrategie setzt nicht auf Konfrontation, sondern auf Erosion. Begriffe werden neu besetzt; unbewusst sollen sie in das Denken übernommen werden. So wie sich der reibungslose Weiterbetrieb der Atomanlagen in den Köpfen vieler Menschen zum „Ausstieg“ verklärte und „nationale Verantwortung“ sich festsetzte, so zeigten sich vor allem in der Endlagerdebatte Veränderungen in der inhaltlichen politischen Argumentation der Bewegung.

Bislang war mit dem Begriff Verantwortung die Aufgabe verbunden, kommende Generationen davor zu schützen, daß durch scheinbare Lösungen Tatsachen geschaffen werden, die auf Dauer eine Beeinträchtigung des Lebens darstellen. „Unsere Generation steht in der Verantwortung, den gefährlichen Atommüll so sicher wie möglich endzulagern. Wir halten den Salzstock Gorleben für ungeeignet und wollen eine neue, vergleichende Suche nach einem Standort“. Wie vielen spricht die Europa-Abgeordnete Harms mit diesen Worten inzwischen aus dem Herzen? Sie spricht nicht von „sicher lagern“, sondern von „sicher wie möglich! end!lagern“. Die Mitwirkung an der Suche nach einem alternativen Standort, ja selbst die Forderung danach transportiert die Botschaft, dass die aufwändige Suche nach dauerhafter Sicherheit sinnvoll ist, weil sie Erfolg haben kann.

Wer akzeptiert, daß es Aufgabe unserer Generation sei, etwas zu lösen, was nicht lösbar ist, wird von zwei Standorten den besseren nehmen. Mit Äpfeln ist es leichter: wenn beide faul sind, kommen eben beide auf den Kompost. Sobald Milliarden im Spiel sind, trennt sich niemand mehr von dem etwas weniger schlechten. In dieser Gewißheit läßt sich dann getrost weiter Müll produzieren. @

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Ende