20 Tonnen Uran und Plutonium im englischen Atomkraftwerk ausgelaufen

Sellafield :gigantisches Leck
aus Presseberichten vom 14. Mai 05

In der englischen Wiederaufbereitungsanlage ist innerhalb des Werks durch eine undichte Rohrleitung eine Salpetersäurelösung mit hoch radioaktivem Material ausgelaufen. Es soll insgesamt 20 Tonnen Uran und Plutonium enthalten. Nach der Entdeckung des enormen Lecks wurde ein Teil der Anlage sofort geschlossen. Eine Gefahr für die Außenwelt besteht nach Angaben der Werksleitung nicht. Aber Sellafields Aufbereitungsanlage wird voraussichtlich monatelang stillliegen - und ob und wie der Schaden überhaupt behoben werden kann, weiß bisher noch niemand zu sagen.

Der Vorfall ereignete sich bereits im vorigen Monat in Sellafields modernster Anlage, dem Wiederaufbereitungs-Werk Thorp, wurde aber erst jetzt bekannt. Die Flüssigkeit, die vom Volumen her das Becken einer olympischen Schwimmhalle füllen würde, hat sich offenbar in einer riesigen Stahlkammer gesammelt, die jetzt so verstrahlt ist, dass sie kein Mensch mehr betreten kann. Wie diese Flüssigkeit wieder aufgesogen und das in ihr enthaltene Uran und Plutonium unschädlich gemacht werden kann, ist bislang unbekannt. Auch andere Fragen bedürfen der Antwort. Zum Beispiel die Frage, wie es zu dem Vorfall überhaupt kommen konnte. Unklar ist bisher zudem, wie lange es dauerte, bis das Leck entdeckt wurde - und wie lange, bis die Bevölkerung die entsprechenden Informationen erhielt.

Eine erste Meldung des Rundfunksenders BBC am 23. April klang noch sehr viel harmloser als die präzisere Nachricht, mit der am Montag die Londoner Presse aufwartete. Spekulationen sprachen am Dienstag davon, die Sellafield-Betreiber hätten mit der Veröffentlichung der Details bis nach den Wahlen warten wollen. Ein Untersuchungsbericht, der in wenigen Wochen fällig ist, könnte Licht in dieses Dunkel tragen.

Material für 20 Atombomben

Bei den Sellafield-Betreibern war am Montag davon die Rede, dass man Roboter konstruieren müsse, die sich des Schadens annehmen könnten. Gespräche mit den Atominspektoren der Regierung sind im Gange, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Während Uran offenbar den größten Anteil des ausgeflossenen radioaktiven Materials ausmacht, werden auch mindestens 200 Kilogramm Plutonium in der verstrahlten Stahlkammer vermutet - nach britischer Expertenmeinung das Äquivalent von 20 Atombomben.

Umstritten ist die Atomanlage Sellafield im Nordwesten Englands seit Jahrzehnten. Die jüngste Panne hat Erinnerungen an eine ganze Serie von Zwischenfällen in Sellafield geweckt. Der schwerste Zwischenfall in der früher nach dem Nachbarort Windscale benannten Anlage ereignete sich im Oktober 1957. Damals brach in einem zum Bau von Bombenplutonium genutzten Reaktor ein Feuer aus und radioaktive Gase verseuchten ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern. Später folgten Alarmmeldungen über die Verstrahlung der Irischen See. Die Geschichte des Kraftwerks ist begleitet von Gefahrenmomenten, verschwiegenen Vorfällen und Besorgnis erregenden Studien. Bei der Wiederaufarbeitung von atomaren Brennstoffen wurden hier große Mengen radioaktive Stoffe in die Irische See geleitet. Berichte über erhöhte Leukämie-Gefahr in der Region, speziell bei Kindern, führten zu Beunruhigung und Protest in der Bevölkerung. Fehlerhafte Kontrollen der Produktion und spurlos verschwundene Plutonium-Bestände trugen zur weiteren Verunsicherung bei.

Akzeptiert haben die Inspektoren fürs erste die Versicherung Sellafields, dass nach dem Vorfall im Thorp-Werk „für die Außenwelt keine Gefahr“ bestehe. Für das zwei Milliarden Pfund teure Werk selbst ist das Mega-Leck aber auch so eine Katastrophe. Mit den Einnahmen Thorps, die sich auf eine Million Pfund pro Tag belaufen sollten, wollte die britische Regierung den stufenweisen Abbau ausgedienter Atomanlagen im Königreich, und die „Bereinigung“ der betreffenden Gelände, finanzieren. Schon in den ersten Produktionsjahren blieb Thorp wegen technischer und kommerzieller Probleme weit hinter den Erwartungen zurück. Nun muss sich das Werk - und mit ihm die Regierung - die Frage stellen, ob es jemals die erhofften Profite einspielen werde. Ein prominenter Sprecher der Anti-Atomkraft-Lobby, Martin Forwood, erklärte dazu, es sei von Anfang an „naiv“ gewesen, die nötigen Stilllegungs-Kosten der Branche durch zusätzliche Wiederaufbereitung bestreiten zu wollen. Die Sellafield-Eigner, meinte Forwood, „würden dem Steuerzahler den größten Dienst damit erweisen, das Werk ein für alle mal still zu legen.“

Für Premier Tony Blair kommt das Thorp-Leck zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der just wiedergewählte Londoner Premierminister Tony Blair wollte die Nation gerade auf eine spektakuläre Kehrtwende in der britischen Atompolitik einstimmen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt haben ihm die Vorfälle in der Mammutanlage Sellafield, dem Kernstück der britischen Atomindustrie, die Sache nicht leichter gemacht. Noch vor der Sommerpause, hoffen die Industriellen, wird die Regierung Blair dem Parlament einen Plan zum Bau von mindestens zehn neuen Atomreaktoren in Großbritannien zur Absicherung der britischen Stromversorgung vorlegen.

Nach dem Betriebsunfall in der seit Jahrzehnten umstrittenen Atomanlage Sellafield fordert die EU-Kommission nun strengere europaweite Regeln für die Sicherheit von atomaren Einrichtungen.

Europaweite AKW-Sicherheitsstandards sind bisher aber am massiven Widerstand von Deutschland und Großbritannien gescheitert.@

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