Energiesparen, KW(K)K und Erneuerbare als Alternative zur Kernenergie im Iran?

Kristallisationspunkt für Annäherung

von Wolfgang Irrek

Die Energiesituation im Iran ist durch ein enormes Energie-Verbrauchswachstum gekennzeichnet, das in keinem vernünftigen Verhältnis zur Produktivitätsentwicklung der Wirtschaft steht. Negative Strukturmerkmale dieses Verbrauchsmusters sind: überdurchschnittliche Energieintensität, expandierender Energieverbrauch im Verkehrssektor, hohe Wachstumsraten beim Strom und überdurchschnittlich hohe Umweltbelastungen.

Irans Energiepolitik hat sich bisher darauf konzentriert, die wachsende Energienachfrage durch Öl und in den letzten fünfzehn Jahren auch durch sukzessive Erhöhung des Gas-Angebots zu befriedigen. Der Ausbau des Gas-Angebots wäre allerdings nur im Rahmen einer Energiepolitik sinnvoll, die kurzfristig die bestehenden Potentiale zur Nutzung von Energieeinspar-Technologien, Kraft-Wärme-(Kälte-)Kopplung (KW(K)K) und erneuerbaren Energien verstärkt nutzt und langfristig weitestgehend auf erneuerbare Energiequellen und Technologien umstellt. Das iranische Kernenergieprogramm ist keine sinnvolle Antwort auf den künftigen Energiebedarf. Für Irans berechtigtes Sicherheitsbedürfnis sollten bessere Lösungen angestrebt werden. Doch wie können alternative Lösungswege angestoßen werden?

Ausgangspunkt einer Reihe von Kooperationsaktivitäten zwischen dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, dem Büro Ö-quadrat in Freiburg, dem Center for Environment and Energy Research and Studies (CEERS, Teheran) und der Universität Osnabrück (Professor Massarrat), die in den letzten Jahren von der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert wurden, ist der folgende:

Eine Stärkung der europäisch-mittelöstlichen Beziehungen hat große strategische Bedeutung für das Überwinden bisheriger Barrieren und für eine neue Form von internationaler Kooperation in der Diskussion um globale Themen wie Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung. Iran und Deutschland besitzen eine hervorgehobene politische Bedeutung in diesen Regionen. Eine intensivierte Kooperation zwischen beiden Ländern in diesen Politikfeldern kann daher ein Kristallisationspunkt für eine darüber hinausgehende Annäherung Öl produzierender und industrialisierter Staaten sein. Dabei kann gleichzeitig ein Beitrag zur Wirtschaftsförderung und zur Friedenssicherung geleistet werden, der letztlich auch zu einem Verzicht auf die Nutzung der Kernenergie führen könnte.

Vor diesem Hintergrund wurden zuletzt in einem gemeinsamen Forschungsprojekt der genannten Partnerorganisationen am Beispiel von Solarkollektoren

  • Ausgangssituation und typische Hemmnisse und Barrieren skizziert, die die derzeitige Energiepolitik des Irans in Bezug auf den verstärkten Einsatz von erneuerbaren Energien, KW(K)K und Energieeinspar-Technologien als mögliche Alternative zur Kernenergie kennzeichnet,

  • dabei die konkreten Auswirkungen der derzeitigen und zukünftig zu erwartenden Rahmenbedingungen auf Potentiale und Umsetzungschancen im ausgewählten Anwendungsbereich bzw. für die ausgewählte Technologierichtung beschrieben,

  • erste Ansatzpunkte für Politikinstrumente und Maßnahmen entwickelt, die geeignet sind, die identifizierten Hemmnisse und Barrieren zu überwinden, und

  • weitergehenden Forschungs-, Umsetzungs- und Umsetzungsbegleitungsbedarf konkreter identifiziert.

Die Studie versteht sich als eine Vorstudie zu einer möglichen größer angelegten Markt- und Barrieren- bzw. Szenariostudie zu Energieeffizienz, KW(K)K und erneuerbaren Energien im Iran. Die Endergebnisse der Vorstudie werden voraussichtlich Mitte Mai 2005 in Teheran veröffentlicht und in einem Workshop ausführlich diskutiert werden.

Die vorläufigen Ergebnisse für unterschiedliche Fallbeispiele zeigen:

  • Bei den heutigen, stark subventionierten iranischen Energiepreisen sind Solarkollektoren in keinem der betrachteten Fälle wirtschaftlich (rein betriebswirtschaftliche Perspektive). Dies gilt auch für den Fall, dass der iranische Staat die Investitionskosten zu 50% subventioniert.

  • Würde hingegen der iranische Staat die Heizölpreise auf das Weltmarktniveau angleichen (ohne steuerliche Zuschläge), so wäre Solarenergie auch ohne staatliche Zuschüsse zu den Investitionskosten hoch wirtschaftlich.

  • In einer überschlägigen Abschätzung wird ermittelt, dass die Volkswirtschaft des Iran aus der Nutzung der Solarenergie einen erheblichen ökonomischen Vorteil ziehen könnte. Würde der Iran den VerbraucherInnen kostenlose thermische Solaranlagen zur Verfügung stellen und könnten die durch die Solarenergie eingesparten Energiemengen über den Export in Devisen umgewandelt werden, so würde der Iran aufgrund der Deviseneinnahmen durch den Ölverkauf einen erheblichen gesamtwirtschaftlichen Vorteil erzielen.

Inwieweit der Iran, unterstützt durch Industrieländer wie Deutschland, bei einer auf einem solchen Wege angestoßenen, verstärkten Nutzung von erneuerbaren Energien und einer entsprechend verstärkten Nutzung von KW(K)K und Energieeinspar-Technologien gleichzeitig auch zu einem gesamtwirtschaftlich vorteilhaften Verzicht auf die Nutzung der Kernenergie bereit wäre, bleibt allerdings mit Blick auf die politischen Kräfteverhältnisse im Iran, die allgemeine politischen Lage im Nahen und Mittleren Osten sowie die militärische Bedeutung der zivilen Nutzung der Kernenergie für einflussreiche Kräfte im Iran eine offene Frage.@

    Wolfgang Irrek ist Mitarbeiter im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen

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