China steigt massiv ins HTR-Geschäft ein!

Nukleare Premiere

von Horst Blume

„Die Ingenieure taten das Undenkbare: Sie schalteten die Sicherheitssysteme des kleinen Reaktors ab, dann gaben sie Vollgas und zogen bei voller Leistung die Kontrollstäbe aus der Brennkammer heraus – und das am Stadtrand von Peking. In allen anderen Atomkraftwerken der Welt wäre ein Tschernobyl-Desaster die Folge gewesen. Doch die Chinesen waren sich ihrer Sache sicher und hatten für das spektakuläre Experiment 60 Experten aus aller Welt in den Kontrollraum ihres Versuchsmeilers HTR- 10 eingeladen. Erleichtert applaudierten die Gäste im Kontrollraum, als die Katastrophe ausblieb.“

Über diese makabere Veranstaltung berichtete am 21.10.2004 das schweizer Nachrichtenmagazin „FACTS“ erkennbar bewundernd und setzte noch einen drauf: „Der Meiler sei ‚walk-awaysafe‘, sagen seine Erfinder. Will heißen: Nach einem Unfall könnte die Bedienungsmannschaft erst einmal Pizza essen gehen und in Ruhe beraten, was nun zu tun sei.“ Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um die internationale HTR-Tagung im September 2004. Im Jahr 2010 soll HTR Strom liefern

Inzwischen haben die jahrzehntelangen Bemühungen der deutschen HTR-Lobby Früchte getragen. Am 8.Febr.2005 meldete Spiegel-Online: „Ein chinesisches Energiekonsortium hat bereits einen Bauplatz in der Provinz Shandong ausgewählt. Dort soll ein 195-Megawatt-Reaktor entstehen, der nach dem Kugelhaufenprinzip arbeitet. Ein Verantwortlicher des chinesischen Energiekonzerns Huaneng erklärte, das Kraftwerk solle in fünf Jahren den Betrieb aufnehmen. Damit würde China eine Vorreiterrolle in Sachen Nukleartechnologie einnehmen. Das Land benötigt dringend neue Energiequellen, um den Energiehunger der boomenden Wirtschaft zu stillen.“

Mit im Boot sitzen auch die Freunde des Pebble Bed Modular Reactors (PBMR): „Südafrikas Präsident Thabo Mbeki kündigte an, mit China bei der Weiterentwicklung der Technologie kooperieren zu wollen.“

Das Schweizer Magazin „FACTS“ lässt den ehemals im Sold von Siemens arbeitenden Professor Günter Lohnert völlig unkritisch über den kleinen HTR schwärmen. Dieser Professor war seit fast 30 Jahren an der Entwicklung des HTR beteiligt, versuchte schon Indonesien diesen Reaktor aufzuschwatzen und hat seit 1997 den Lehrstuhl am Institut für Kernenergietechnik und Energiesysteme (IKE) an der Uni Stuttgart inne. Hier wird unter Rotgrün mit EU-Geldern HTR-Forschung betrieben und jetzt zu einem „Kompetenzzentrum für alle relevanten Fragestellungen der Kernenergie“ ausgebaut. Lohnert setzt für die Zukunft auf HTR-Module und kritsiert im Nachhinnein den THTR in Hamm-Uentrop: „Es war ein entscheidender Fehler, den Reaktor auf Grösse zu trimmen.“


Seit 30 Jahren Lobby-Arbeit

Bemerkenswert ist die jahrzehntelange Kontinuität, mit der HTR-Lobbyisten den Kontakt zu China förderten. Bereits 1976 bereisten Ingenieure der Essener Vereinigung der Großkraftwerke (VGB) China und sprachen Einladungen nach Deutschland aus. Am 19. 1. 1978 besuchte der stellvertretende Energieminister Chinas, Chan Pin, den THTR in Hamm-Uentrop. In der Folgezeit gab es Pläne der Essener Firma Innotec Energietechnik KG, kleinere HTRs nach China zu vermarkten. In den 80er Jahren bestanden intensive Kontakte zwischen dem Kernforschungszentrum Jülich und der Tsinghua Universität in Peking.

Siemens-Tochter Interatom und der schwedisch-schweizerische Konzern (ABB) planten in dieser Zeit HTR-Modulanlagen in China. Das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking im Jahre 1989 tat den Beziehungen keinen Abbruch. Zwischen 1990 und 1993 arbeiteten deutsche und chinesische Wissenschaftler zusammen am Forschungszentrum Jülich (FZJ) an drei Studien/Vorträgen zum HTR in China. Und im Jahre 2002 machte das FZJ auf ihrer Homepage stolz auf den Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Kooperation mit dem Institute of Nuclear Engineering Technology (INET) an der Tsinghua Universität in Peking mit folgenden Worten aufmerksam: „Sicherheitsanalysen zum chinesischen Reaktor HTR-10“.

    Foto: htr-innen

„FACTS“ sei Dank geraten jetzt noch einige äußerst interessante Details der Peking-Jülich-Connection ans Licht der Öffentlichkeit: „Der Kernphysiker Wang Dazhong, heute Präsident der Pekinger Universität Tsinghua, hatte Anfang der 80er Jahre in Aachen (mit dem FZJ aufs engste verbunden, H. B.) promoviert und war der erste Wissenschaftler, der seine Doktorarbeit über kleine, sich selbst sichernde Kugelhaufenreaktoren verfasste. Wang erkannte den wachsenden Energiebedarf seines Landes und überzeugte die Nomenklatura in Peking. (...) Die Universität Tsinghua erhielt Geld, kaufte den Deutschen zunächst die stillgelegten Maschinen zur Fabrikation der Brennkugeln ab, dann erwarb China die in Deutschland erstellten Pläne für den kleinen Kugelhaufenreaktor“!!!


Der „vergessene“ HTR-Hanau-Skandal

Bei den stillgelegten Maschinen für die Fabrikation der Brennelementekugeln kann es sich nur um Anlagen der Firma Hobeg in der Hanauer Plutoniumfabrik handeln. Der Verkauf muß vor etlichen Jahren stattgefunden haben und es ging dabei kein Aufschrei durch die Medien, wie letztes Jahr bei dem Exportversuch des Plutoniumkomplexes Hanau nach China! Und zweitens: Auch nach der Stilllegung des THTR lässt sich offensichtlich immer noch Geld mit dem Verkauf von seinen Patenten verdienen. Auf diese Weise eröffnen sich für die umtriebigen Nuklearforscher in Zeiten knapper Kassen und der Beschränkung auf „Sicherheitsforschung“ doch noch einige Spielräume.

Außerdem ergeben sich noch einige Fragen: Hat das FZJ profitiert? Oder wer sonst? Etwa noch nach 1998 unter Rotgrün? Was ist das für ein mieses Spiel, wenn an der HTR-Linie fleißig sicherheitsgeforscht werden kann, die entstandenen Produkte anschließend an die Nuklearindustrie ins Ausland verhökert werden und dann die Atomlobby, unterstützt von vielen Medien mit dem erhobenen Zeigefinger vorwurfsvoll betont: Im Ausland wird diese fortschrittliche Reaktorlinie völlig selbstverständlich genutzt!

Es ist unglaublich: Da zieht ein kleines Grüppchen von HTR-Lobbyisten in dem Forschungszentrum Jülich (und oft auch in Karlsruhe) jahrzehntelang und massenhaft getreue Zöglinge heran, schickt sie in alle Welt hinaus, pflegt die Kontakte, verkauft für gutes Geld Patente und muss nur noch warten, bis die entsprechenden Leute die richtigen Positionen besetzt haben – und dann wird das gemacht, was sie zur Zeit in Deutschland nicht dürfen: Es wird ein HTR nach dem anderen gebaut! Und niemand von Rotgrün hindert sie daran, dieses Spielchen munter weiterzutreiben.

Am 2. Februar war NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn wieder einmal in Jülich. Sie interessierte sich nur für die Forschung an Dünge- und Pflanzen“schutz“mitteln. Atomkraft soll vor der NRW-Landtagswahl ein Tabu sein. Im Jahre 2000 hat ein interministerieller Ausschuss (IMA), der aus Vertretern des Wirtschafts-, Finanz-, Außen- und Entwicklungshilfeministeriums besteht, China Hermesbürgschaften genehmigt, mit denen die Lieferung deutscher Atomtechnologie gefördert wird. „Die Zeit“ titelte am 16. März 2000 dazu: „Deutschland ermuntert China zum Einstieg in die Atomkraft“ und resümierte zum Schluss: „Jeder weiß, dass die Atomindustrie mit dem Einstieg in China ihre Überlebenschancen verknüpft.“

Das Kalkül ist aufgegangen und die rotgrüne Ministerialbürokratie hilft fleißig mit und ruft dabei ganz laut immerzu: Es ist nur Sicherheitsforschung, Sicherheitsforschung, Sicherheitsforschung!@

aus www.thtr-a.de

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