Fragen an einen alten Hasen

aaa-Interview mit einem Castor-Stopper

 

In den ersten Tagen nach dem Tod von Sébastien Briat kam die Frage auf: „wo war der Rat der Erfahrenen?“ Du hast seit Jahren persönliche Erfahrungen mit Schienen-Aktionen. Was kannst Du dazu sagen?

Als ich „als Anketter“ aufgefordert wurde, etwas über Ankettaktionen zu schreiben, wehrte sich erst einmal alles in mir dagegen. Schon allein die Anfrage zeigte mir, wie nahe das Mißverständnis liegt, dass bei der Aktion der Gruppe in Avricourt die Mißachtung von bestimmten Sicherheitsaspekten zum Tod von Sébastien geführt hätte. Ich halte das für grundfalsch. Wir wissen nichts über die genauen Umstände der Aktion in der Lorraine; eine Spekulation über „technische Fehler“ ist deshalb unangebracht.

Die Diskussionen der letzten Wochen haben mir aber deutlich gemacht, dass eine Menge seltsamer Vorstellungen über Ankettaktionen im Umlauf sind. Deshalb mache ich jetzt mit Euch dieses Interview.

Dann fangen wir zunächst mal mit Begriffsklärungen an: was ist eigentlich geschehen, wenn es in den Nachrichten heißt: „wegen einer Ankettaktion bei xy mußte der Atommülltransport seine Fahrt unterbrechen“?

Ich übernehme einmal den Begriff, der sich eingebürgert hat: als „Ankettaktionen“ werden alle Aktionen bezeichnet, bei denen eine Person sich aufgrund technischer Hilfsmittel nicht von einem Ort entfernen lässt. Die Bezeichnung „Ankettaktion“, die an hilflose Menschen, in schweren Ketten ans Gleis gebunden, denken läßt und ein gewisses „Opferbild“ produziert, ist dabei irreführend; sie hat sich aber durchgesetzt.

Viele Menschen stellen sich so eine Aktion vielleicht so vor: Menschen rennen (um ein Beispiel zu nehmen) zu einem Gleis und ketten sich mit einer schweren Kette oder ähnlichem fest. Das ist Unsinn! So etwas mag es schon gegeben haben, aber nicht auf befahrenen Gleisanlagen. Richtig formuliert müßte es heißen: Ein Zug wurde erst gestoppt, dann wurde seine Weiterfahrt durch angekettete Personen verhindert.

Der Zug wird immer durch eine VORAKTION zum Stehen bzw. fast völligem Abbremsen gebracht (d.h. der Zug rollt in kontrolliertem Schritttempo nah an die Ankettaktion, um z.B. Polizeikräfte und Technik heranzubringen). Diese Voraktionen wurden in der Vergangenheit auf verschiedene Weise durchgeführt: Durch eindeutige und in ausreichendem Abstand gegebene Signale (Lampen/Leuchtsignale, Transparente etc.) an den Zug oder auch ergänzt durch telefonische Benachrichtigung von Bahn und Polizei!

Es sind also nicht die Angeketteten, die den Zug zum Halten veranlassen?

Klar und deutlich: Mit Ankettaktionen stoppt man keine Züge! Ein Zug wird NICHT halten können, weil eine oder mehrere Personen sich auf Sichtweite auf den Gleisen befinden (egal ob angekettet oder nicht)! Kein Zug kann auf Sichtweite zum Stehen kommen! Dieser Satz gilt unabhängig von allen örtlichen Gegebenheiten.

Was hat es dann mit den Ketten auf sich?

Die Ankettaktionen an Gleisen sahen in den letzten Jahren zumeist so aus: Ein Mensch (bei einer Einzelaktion) umfasst einen Schienenstrang und steckt seine Hände von beiden Seiten in ein Rohr. An seinen Handgelenken sind Vorhängeschlösser befestigt, die er in der Mitte des Rohres an einem Stift einhakt. Alternativ gibt es Ankettaktionen mit zwei Personen, die jeweils einen Arm in die Seite eines Rohres stecken.

Wofür ist das Rohr?

Das Rohr hat zwei Funktionen: erstens soll nicht einsehbar sein, wann und ob überhaupt das Schloss verschlossen ist. Dies gibt der/dem AktivistIn eine Kontrolle über die Situation. Zweitens wird ein direkter Zugriff auf das Schloss verwehrt, was ein Lösen der Person je nach Art der Rohrkonstruktion erheblich erschwert. Anfangs waren diese Rohre recht einfach gebaut; über die Jahre wurden sie so solide, dass meist eher das Gleis aufgeschnitten als das Rohr geöffnet wurde.

Bist Du in dieser Position, also mit einem Schloß in einem Rohr befestigt, nicht ganz schrecklich der Situation ausgeliefert?

Ich weiß, daß viele Leute so denken. Aber es ist falsch und eigentlich ist das Gegenteil richtig: Vor einigen Jahren wurden für Ankettaktionen Karabiner benutzt, um die Handgelenke zusammenzuschliessen. Dahinter stand die Überlegung, die angekettete Person hätte mehr Einfluß auf die Situation, wenn die Möglichkeit besteht, sich jederzeit wieder frei zu machen.

Es wurde später von der Verwendung dieser Karabiner abgeraten, da die Gefahr bestand, dass die Polizei durch physische Gewalt (Schläge, Tritte) die Person zwingen würde, sich zu lösen. Es setzten sich deshalb Vorhängeschlösser durch.

Die Kontrolle über die Situation ändert sich dadurch nicht, da es, solange das Schloss nicht eingerastet ist, keinen Unterschied zu Karabinern gibt. Polizeikräfte wissen aber hier nicht, ob das Schloss eingerastet ist oder noch offen, sie werden also nicht das Risiko eingehen, einen womöglich Festgeschlossenen zu schlagen. Die Vorteile überwiegen deshalb eindeutig.

Wer also aussieht wie angekettet, muß es gar nicht sein?

Nocheinmal: Niemand kettet sich „einfach so an ein Gleis“ und kann nicht mehr weg. Auch die Süschendorfer AktivistInnen waren nicht „einbetoniert“, wie heute selbst in Bewegungskreisen gern noch kolportiert wird. Tatsächlich droht der „angeketteten“ Person weniger Gefahr als bei einer Sitzblockade, da hier Gewalt von Seiten der Polizeikräfte zur „Lösung der Situation“ ausscheidet. Während eine auf dem Gleis sitzende oder stehende Person weggeprügelt werden kann, ist dies hier nicht möglich.

Die Polizei ist heute zu high-tech-Lösungen übergegangen, um zu sehen, ob eine Person das Schloß eingerastet hat, zum Beispiel, indem sie eine Mini-Kamera in das Rohr einführt. Dann sieht sie natürlich ein Schloss, das sich nicht mehr öffnen läßt. Wenn es aber erstmal so weit ist, ist die Situation für alle Beteiligten ohnehin gesichert.

Viele Menschen, die solche Aktionen gemacht haben, empfinden sie sicherer als „Sitzblockaden“, da sie die Situation eher unter ihrer Kontrolle sehen.

In ersten Meldungen hieß es, Sébastien sei angekettet gewesen. Seine MitaktivistInnen haben in ihrer Erklärung hervorgehoben, daß dies nicht der Fall gewesen ist.

„Erst stoppen, dann klicken.“ Diese Regel gilt es wie ein Mantra zu wiederholen: Erst wenn die Situation absolut und glaubwürdig geklärt ist, der Zug zum stehen gekommen und die Strecke gesperrt ist: Dann erst ist überhaupt daran zu denken, ein Schloss zu schliessen. Nach allem, was ich darüber weiß, war diese Regel auch für die Gruppe in Lothringen eine Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, dass er aufstand und sich wegbewegen konnte, beweist dies.

Warum betonst Du das: die Situation muß „glaubwürdig“ geklärt sein?

Selbstverständlich ist Information der Gegenseite (Polizei etc) niemals glaubwürdig. Aussagen von Einsatzkräften vor Ort, daß alles in Ordnung sei, ist nicht zu glauben: Die wenigsten BeamtInnen wissen etwas über den Ablauf des Zugvehrkehrs. Ich habe Beamte gesehen, die selbst kaum wußten wo sie waren. Mehr als einmal haben Polizisten durch zynisches Taktieren versucht, BlockiererInnen zum Aufgeben zu bewegen. Standard sind Sprüche wie „Wir können den Zug nicht mehr anhalten, Wir haben hier ein Funkloch etc ...“. Deshalb ist es unersetzlich, eigene Informationen über Aufenthaltsort, Tempo etc. des Zuges zu haben. Anders kann es nicht funktionieren.

Niemand sollte unterschätzen, mit welcher verkehrstechnischen Selbstverständlichkeit Castoren außerhalb des Wendlandes transportiert werden: Castor-Züge fahren mit dem gleichen Abstand und der gleichen Zugtaktung wie normale Gütertransporte. Für sie wird nicht etwa ein größerer Korridor freigehalten oder gar die Strecke gesperrt.

„No Risk No Fun“ war als Überschrift auf einem Aufruf zum Castor in diesem Jahr zu lesen. Zumindest auf das, was Du hier beschreibst, scheint dieses Motto nicht so recht zu passen.

Das stimmt. Ich kann nur vermuten, daß dieses Motto so auch nicht gemeint war. Ich verstehe die Plakate eher so, überhaupt wieder was zu tun, sich einen Ruck zu geben und nicht unterkriegen zu lassen. „Widerstand wagen“ ist auch so ein Slogan, das meint auch nicht: seine Gesundheit aufs Spiel setzen.

Aber um jeder Verwechslung vorzubeugen sage ich: Mit Spaß, der aus dem Risiko den besonderen Nervenkitzel zieht, hat eine Ankettaktion nichts zu tun. Jede Art von Aktion an befahrenen Gleisanlagen ist gefährlich. Gefährlich heisst, dass wir es hier mit Umgebungen zu tun haben, auf die wir als AktivistInnen keinen Einfluss haben.

Sind Schienen-Aktionen dann nur was für das Castor-Gleis im Wendland?

Schienen-Aktionen auch an Hauptstrecken sind möglich. Das wurde bei den Transporten nach La Hague in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Sie hängen aber ganz entscheidend von Voraussetzungen ab: alle Beteiligten brauchen genaue und vollständige Informationen; jeder Schritt im Ablauf muß sorgfältig und kritisch überlegt sein. Gute Kenntnisse des Aktionsorts sind ebenso wichtig wie die Fähigkeit, die Übersicht zu behalten. Nie zu unterschätzen ist, dass in Stresssituationen jede und jeder anders handelt als in ruhiger Umgebung.

Was spricht in Deinen Augen eigentlich für Ankettaktionen?

Immer wieder wurde mir die Frage gestellt, warum ich diese Form der Aktion gewählt habe: Ankettaktionen bieten immer wieder die Möglichkeit, in direkter Form Widerstand deutlich zu machen. Sie stellen einen direkten, nicht nur symbolischen Eingriff in einen Ablauf dar. Sie sind eine Art Manifestation des „No pasaran“.

Ich komme noch mal auf „den Rat der Erfahrenen“ zurück. Siehst Du Dich im Stande, Deine Erfahrung an andere weiter zu geben?

In der Vergangenheit haben wir uns - mit „wir“ meine ich die Leute, die praktische Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt haben, - ziemlich zurück gehalten, wenn es darum ging, die ganzen technischen und organisatorischen Details auszubreiten. Das hatte damit zu tun, daß nicht unnötig viele Leute in die Mühlen der Repression geraten sollten. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wie sich das anders machen läßt, dann deshalb, weil mir nach dem Tod von Sébastien die stark verkürzte und deshalb ganz verquere Wahrnehmung von „Ankettaktionen“ in der Öffentlichkeit deutlich wird.

Sébastien hätte nichts davon gehabt, wenn wir schon früher mit gesammelten Erfahrungen nach außen gegangen wären; nach dem Communique der Gruppe glaube ich, daß sie alles wußten, was zu wissen war. Trotzdem halte ich es für wichtig, daß mit dem Begriff „Anketten“ die Botschaft verknüpft ist: das ist nichts, was Du mal eben so machst!

Gibst Du zum Schluß noch einen Rat?

Wir sollten immer alle Aktionen kritisch untersuchen, das heißt: uns fragen, warum wir es machen und wie. Das ist keine spezielle Frage von Ankettaktionen. Und bitte, es geht hier nicht nur um technische Fragen, es geht um politischen Widerstand. Wir müssen uns immer fragen, welche Aktion unsere politischen Ziele am besten ausdrückt.

Dabei sollte jede und jeder selbst entscheiden, wie sie oder er Widerstand leisten will. Es steht mir nicht zu, anderen vorzuschreiben was sie zu tun oder - in diesem Fall - zu lassen haben. Vor allem nicht, sie im Erfolgsfall zu bejubeln und, wenn etwas schiefgeht, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Wenn Du schon einen Rat haben willst, dann: leiste Widerstand dort, wo Du es am besten kannst! Wenn dies eine Ankettaktion ist, ist es halt das. @

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