Es hing am seidenen Faden

aaa-Interview mit einer Mastensägerin aus dem Rhein-Main-Gebiet

 

aaa: Du hast sicher gehört, dass beim letzten Castor-Transport ein junger Aktivist zu Tode gekommen ist. Vor einigen Jahren bist Du bei einer Widerstandsaktion in eine vergleichbare Lage geraten. Willst Du davon erzählen?

Das war 1986, nach Tschernobyl. Anläßlich des Tschernobyl-Unfalls hatten sich damals einige Leute zusammengetan, um auf eine etwas andere Art und Weise gegen die Atommafia vorzugehen, nämlich dahingehend, daß wir Strommasten umgelegt haben. Und bei einer Aktion, die wir gemacht haben, gab es einen Unfall, bei dem eine Freundin schwer verletzt wurde; mich hat es damals auch fast erwischt. Ich hatte wirklich ein Riesenglück, ansonsten hätte ich auch schwer verletzt oder tod sein können bei diesem Unfall.


aaa: Wie bist Du dazu gekommen, Dich an einer solchen Aktion zu beteiligen?

Ich hatte so eine Riesen-Wut auf den Staat und auf diese Verdummung; dass wir hingestellt wurden, als seien wir alle ein bisschen blöd. Also es sei alles ganz harmlos und uns könnte gar nichts passieren. In der Bundesrepublik bestünde keine Gefährdung! Gleichzeitig wurden Lebensmittel untergepflügt, damit man die Werte drücken konnte. Oder sie haben Lebensmittel noch verkauft, obwohl sie verseucht waren. Also man hat einfach billigend in Kauf genommen, dass die Leute Jahre später krank werden. Und man hat getönt, hier könnte so etwas nicht passieren, was natürlich so nicht stimmt, weil es natürlich schon viele Fast-Unfälle in AKWs gegeben hat.


aaa: Und dagegen wolltet ihr Euch wehren mit dieser Aktionsform?

Richtig, ganz genau, das erschien uns als eine Aktionsform, die tolerierbar war, weil es sich nicht gegen Menschen gerichtet hat, das sollte auch um Gottes Willen nicht sein, sondern es sollte ein Druck auf die Atommafia ausgeübt werden, dass sie sich genau überlegen, was hier für eine Energieform genutzt wird.


aaa: War das damals so etwas ganz Abseitiges, oder wie standen die Leute damals in der Bewegung dazu?

Soweit ich mich zurückerinnere, hatten die Leute in der Bewegung damit keine Probleme. Weil es ja auch eine Aktionsform war, die keine Menschen gefährden sollte. Es sollte lediglich Sachschaden geben. Und ich glaube, damals im Jahr 86, das war ja nicht nur hier im Gebiet, das war ja bundesweit so, dass Strommasten umgesägt wurden.


aaa: Ich kann mich daran erinnern, dass es oft passiert ist.

Ja, im ganzen Bundesgebiet! Worauf dann ja auch im Januar 87 dies mit dem §129a belegt wurde - weil es halt ganz viele solcher Aktionen gegeben hat und der Staat dann gedacht hat, er muss das unter den 129a stellen, also: „terroristische Vereinigung“, was dann eine ganz andere Konsequenz war von Staatsseite aus.


aaa: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf diese Unfallsituation. Was ist da eigentlich passiert?

Der eine Strommast ist zu früh und in die falsche Richtung gefallen.


aaa: Der, an dem ihr hantiert habt?

Richtig. Es waren zwei damals. Soweit ich mich erinnere, hatten wir den einen schon fertig, und der andere ist dann früher gefallen, als wir gedacht haben und ist obendrein in die falsche Richtung gefallen. Und ich bin in diese Richtung gerannt, deswegen hätte es mich ja auch fast erwischt. Es war, wie soll ich das heute sagen, nicht schlecht vorbereitet, aber unbedacht. Da hat wohl keiner dran gedacht, dass sowas auch passieren könnte. Wir haben mit sowas nicht gerechnet.


aaa: Was genau ist denn passiert? Die Stromleitung ist gerissen, das habe ich in Erinnerung, und es hat einen Lichbogen gegeben ...

Ja, und dabei hat sie schwere Verbrennungen erlitten. Sie ist dann - von jemand anderem - ins Krankenhaus gebracht worden. Dann ist sie in eine Spezialklinik gekommen. Wir waren alle unter Schock, klar.


aaa: Sie ist aber mit dem Leben davongekommen?

Es hing wohl am seidenen Faden. Und sie hat dann, obwohl sie wochenlang unter polizeilicher Überwachung stand - es durfte sie niemand besuchen, das muss unglaublich hart gewesen sein, - sie hat trotzdem gegenüber der Polizei keine Namen genannt!


aaa: Aber sie wurde verhört?

Sie haben es versucht. Nicht sofort, aber es stand immer ein Polizist vor ihrer Zimmertür im Krankenhaus. Es durfte niemand rein außer dem Personal und ihrem Anwalt, aber ansonsten durfte sie niemand besuchen.


aaa: Und ihr wusstet auch gar nicht, wie es ihr geht oder was sie denkt?

Nein, wir konnten keinen Kontakt aufnehmen, es durfte ja niemand rein.


aaa: Wie seit ihr denn dann damit umgegangen?

Was sollten wir machen? Wir konnten sie nicht besuchen, und haben auch nicht gesagt, dass wir uns jetzt stellen. Das hätte an ihrer Situation auch nichts geändert.


aaa: Aber ihr habt Euch getroffen und darüber gesprochen?

Ja. Natürlich. Das war auch ganz wichtig, um das zu verarbeiten. Das war ein furchtbares Erlebnis. Und wenn man solche Aktionen macht - das ist auch ein Vorwurf, den ich mir selbst gegenüber mache: Man muss ganz klar und ehrlich mit sich selber sein. Was kann passieren? und: bin ich bereit, dafür mein Leben zu riskieren? Und wenn etwas passiert, kann das getragen werden, kann man das vor sich selber verantworten? Das finde ich eine ganz wichtige Sache. Und wie geht eine Bewegung damit um?


aaa: Wie haben denn die Leute in Eurem Umfeld darauf reagiert?

Das war großes Entsetzen, natürlich, und auch Vorwürfe ... klar ... das ist wohl auch richtig so gewesen.


aaa: Vorwürfe?

Vorwürfe ist der falsche Ausdruck, eher Kritik ... Kritik daran, dass wir nicht vorher überlegt haben: was tun wir, wenn jemand verletzt wird? Das hatten wir so nicht überlegt. In der Situation war das ein Riesen-Problem! Ich hatte mir gesagt: Was soll da passieren? Das war so diese Blauäugigkeit! Und dann standen wir da und waren völlig unfähig zu entscheiden, wie sie jetzt die nötige Hilfe bekommt, ohne daß wir alle im Knast verschwinden.


aaa: Wie habt Ihr das gelöst?

Wir haben sie mit ihren schweren Verletzungen eingepackt und sie bei einer bekannten Person vor der Haustür abgelegt. Der ist dann mit ihr ins Krankenhaus gefahren und hat sich um sie gekümmert. Klar, daß so ein Vorgehen ganz schön auf Kritik gestoßen ist.


aaa: Gab es auch Unterstützung?

Ja, natürlich. Es gab auch die Abmachung, die Polizei erfährt erstmal gar nichts. Das klären wir selber. Es hat dann schon auch eine Auseinandersetzung gegeben, wo man im Ergebnis gesagt hat, dass man das eigentlich vorher hätte klären müssen. Und ab diesem Zeitpunkt konnte niemand mehr blauäugig mit sowas umgehen.


aaa: Also Leute, die dann im Anschluß eine ähnliche Aktion gemacht haben, die hatten das Risiko auf dem Schirm? Die wussten, was auf sie zukommt?

Ja, auf jeden Fall. Dann war klar, es ist nicht ungefährlich, und man muss einfach für sich selber klarhaben: Wie geht man dann mit so einer Situation um? Für sich selber. Kann man das tragen, kann man das einer Bewegung aufbürden? Ich meine: wir haben das damals jemandem anders aufgehalst, der damit eigentlich nichts zu tun hatte. Der mußte dann seinen Namen hergeben für eine Sache, wo völlig unklar war, was sie ihm dafür anhängen.

Das muss man einfach für sich selber vorher klar machen. Hält man dann auch dem Druck der Polizei stand? Das ist ja auch noch so eine Sache, wenn es einem dann besser geht, dann kommen die Verhöre ...


aaa: Wie ist das, wenn Du heute versuchst, eine Parallele zu ziehen? Wenn Du hörst, bei einer Aktionsform, die bei grossen Teilen der Bewegung erstmal so abgenickt wird, da kommt jemand jetzt zu Tode ...

Erstmal war ich total erschüttert, als ich das gehört habe. Ich habe erst gehört, der junge Mann sei angekettet gewesen, was ja so nicht stimmt ... Aber das hat man erstmal gehört, und ich war erschüttert. Man ist fassungslos, dass es nicht möglich ist, so einen Zug anzuhalten, daß sowas billigend in Kauf genommen wird, da fehlen mir die Worte ...


aaa: Nicht nur Dir! - Du hast ja einen Erfahrungsvorsprung: Euch ist vor 18 Jahren etwas ähnliches passiert. Was würdest Du Dir wünschen, was daraus in eine Bewegung einfliessen kann?

Die Leute müssen drüber reden, das ist ganz wichtig. Sie müssen sich damit auseinandersetzen. Das wird sicherlich eine Weile dauern. Es wird eine Weile dauern, bis sie über den Schock hinweg sind; bis man aufhört, alles abzuwehren und die Fragen an sich ranläßt. Aber dann sich damit auseinandersetzen: Was kann man tragen? Was können wir verantworten? Vor uns selber und auch vor anderen, vor der Bewegung.


aaa: Du spricht einen Begriff an, der jetzt häufig fällt: Verantwortung, was bedeutet das?

Verantwortlich ist man erstmal selbst, also die Leute, die an einer Aktion beteiligt sind. Das kann mir niemand abnehmen ... Die Verantwortung besteht auch darin, sich vorher zu fragen, wie kann eine Bewegung mit sowas umgehen. Man muß klar haben, dass auch andere Leute damit umgehen können sollten. Und dass man, wenn so etwas passiert, mit den Folgen leben können muss. ... kann man so etwas nochmal machen? Das Erlebnis vergessen die Leute ja nicht ...

Ich werde nie in meinem Leben vergessen, wie dieses Seil gerissen ist, ich hab es gemerkt, ich habe es gehört und ich habe es zischen hören ... wo der Mast dann gefallen ist. Und ich überleg mir oft: warum bin ich denn überhaupt losgerannt? Das war so eine Panik in mir!


aaa: Andere sind ja so damit umgegangen, dass sie versucht haben, die Fehler zu ergründen. Und dann gesagt haben: wenn wir die Fehler ausschliessen, dann können wir es auch riskieren ... Habt ihr denn damals rausbekommen, was schief gegangen ist?

Doch klar. Er war einseitig belastet, also er hatte Leitungen nur auf einer Seite. Das sind halt Sachen, die wir vorher nicht bedacht haben.


aaa: War es dann vorbei mit dieser Aktionsform?

Für mich war es vorbei. Ich war mir vorher des Risikos nicht bewusst. Das heisst nicht, dass alle Leute, die das gemacht haben, dumm waren. Wenn man sich vorher ein bisschen mehr einen Kopf gemacht hätte - ich kann das aus der heutigen Perspektive nicht mehr so beurteilen, was ich dann gemacht hätte. Vielleicht hätten wir dann was anderes gemacht, oder gar nichts, ich weiss nicht ... Es gab ja trotzdem noch immer diese Wut ...


aaa: Ich kann mich erinnern, als das mit dem Mastensterben damals anfing, ist es als eine besondere Qualität rübergebracht worden, dass das jeder und jede machen kann. Dass das nichts ist für Spezialisten, sondern man geht in den Baumarkt, holt sich eine Säge und ein paar Handschuhe, und dann kann es losgehen. Vielleicht lag es auch daran, das es zu einfach erschien ...

Ja, vielleicht. Das war es aber nicht. Man brauchte nicht nur eine Säge, ein bisschen Öl und ein paar Handschuhe. Man musste sich vorher auch die Örtlichkeit überlegen, um keine fremden Personen zu gefährden, wir wollten ja niemanden anderes gefährden. Also nicht in der Nähe von Autobahnen oder Häusern.

Also keine Personengefährdung, das war schon ganz wichtig. Es sollte nur Sachschaden sein und kein Mensch irgendwie gefährdet werden. Was sich ja dann ins Gegenteil verkehrt hat, gegen uns selber ... Ich will halt, dass manche Leute sich überlegen, dass es saugefährlich ist!


aaa: Hättest Du Dir denn gewünscht, daß alle damit aufhören?

Nein. Das, was uns wütend gemacht hat, war ja immer noch genau so da. Sie haben auch nicht aufgehört! Danach war das Risiko bekannter, und jede und jeder musste selbst entscheiden: kann ich das tragen oder nicht? Es war klar, dass es kein Spaziergang ist, ein bisschen sägen oder so ...@

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Ende