Ankettaktion in Frankreich:

Zwischen Freude und Trauer

Erlebnisbericht von Cécile

Tief in der Nacht zum 07. November 04 machten wir uns auf dem Weg nach Laneuveville-devant-Nancy. Die 14-köpfige Gruppe setzte sich ins Gebüsch neben der Schiene. Der Anfang einer langen kalten Nacht.

Gegen 11 Uhr kam die erste Nachricht: „der Zug passierte gerade Nancy“. Ganz schnell wurde der Schotter weg geschoben und der Hubschrauber, der dem Zug voraus flog, entdeckte gleich die Gruppe. Bald bekamen wir das Signal: „der Zug bremst“. Eine kleine Gruppe ging Richtung Zug mit Transpi und empfing die CRS (Bereitschaftspolizisten) mit einem Zettel worauf stand, es gehe um eine gewaltfreie Aktion gegen Atomkraft. Zur Überraschung der Polizei war die Presse auch schon vor Ort.

Es ging uns darum, Atomkraft und Atomtransporte durch eine entschlossene Aktion zu denunzieren. Seitdem Atomtransporte zu Militärgeheimnis erklärt wurden, wissen die Leute nicht einmal, dass solche Züge durch Städte und Gemeinde fahren. Die Blockadestelle befand sich dazu in der nähe einer Chemiefabrik. Ich komme aus Toulouse in Frankreich und weiß, wie eine solche Fabrik explodieren kann!! 2001 in der Fabrik der AZF (Azote de France) bei Toulouse zu einer Explosion, bei der 31 Menschen starben und ein riesiges Chaos entstand.

Erst als die Polizei sich Richtung Blockadestelle bewegte, kettete ich mich an den Schienen an, zusammen mit Camille. Die 12 weiteren UnterstützerInnen besetzten die Schiene. Die Polizei versuchte, mich erstmal mit Gewalt loszuziehen, was aber nicht ging. Sie musste Werkzeug holen und flexen. Der Rest der Gruppe kommentierte die (uneffiziente) Handlung der Polizei amüsiert, es wurden Lieder gesungen.

    foto: fotograf david sterboul

Nach anderthalb Stunden Arbeit wurden wir „befreit“ und gleich mit Handschellen gefesselt. Der Polizeichef nahm offenbar die Sache ernst und kam vor Ort, um die Ingewahrsamnahme beider „Angeketteten“ selber zu zustellen. Die Festnahme wurde mit Akkordeonspiel begleitet, eine Unterstützergruppe aus Nancy war nachgerückt und wartete beim Bahnübergang. Die 12 weiteren BlockiererInnen wurden zum Zweck der Personalienfeststellung mitgenommen. Der Zug fuhr gegen 13:30 Uhr weiter.

Der Abtransport dauerte noch etwas Zeit, da die Polizei meinen Ausweis haben wollte. Aber mit gefesselten Händen war das ja nicht möglich. Im Polizeiauto habe ich dann auch meinen Senf dazu gegeben, z. B. als die Polizei mit Blaulicht und Alarmsirene fuhr: „das Spielzeug da, es darf nur im Notfall benutzt werden, wir haben es nicht eilig...“ Mir wurde später erzählt, ich sei von den Bullen die „Fanatikerin“ genannt worden, als ich ankam. Wir wurden wie üblich verhört und anschließend in engen Einzelzellen - mit getrockneter Blutlache am Boden - stundenlang eingesperrt. Beeindruckt war ich nicht. Wir hatten uns gut vorbereitet und wussten, wie wir mit Repression umgehen wollten. Die Freude, den Zug für über 2 Stunden zum Stehen gebracht zu haben, war groß.


Trauer, Wut und Empörung

Die Freude dauerte aber nicht lange. Ein Polizist kam Ende des Nachmittags grinsend zu mir und sagte: „Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie: der Zug hat einen Atomkraftgegner überrollt.“ Trauer, Wut und Empörung, ich konnte es nicht fassen. Es war umso schwieriger, dass ich alleine in der Zelle war und mich mit Menschen nicht unterhalten konnte.

Wir kamen gegen 20:30 frei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt. Uns wird Eingriff in den Schienenverkehr vorgeworfen.

Beide Aktionsgruppen haben unabhängig gehandelt. Die Gruppe um Sébastien hatte genauso viel Erfahrung wie unsere. Für uns ist eines klar: Atomkraft hat getötet, und Menschenleben sind der Atomlobby nichts Wert. Wir sind alle schockiert und bekunden unsere Solidarität. Wir wollen weder Helden noch Märtyrer. Aber wir vergessen die Nachricht von Sébastien nicht und wir werden uns weiterhin quer stellen.

Weiter kämpfen!! Eine neue Widerstandsidee keimt auf: wir wollen ein Bündnis aufbauen: ähnlich wie das Bündnis „freiwilliger MäherInnen“, das erfolgreich gegen Genfood handelt. Es soll zu einem „Bündnis des zivilen Ungehorsams gegen Atomkraft“ werden. Eine offene Plattform ohne juristische Form, ein Zusammenschluss von Menschen, die ein schriftliches Engagement unterschreiben. Eine Diskussionsgruppe wird gerade gegründet, und einen Aufruf wird es in wenigen Monaten geben.@

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Ende