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Für eine weniger verrückte Welt Radiomeldung vom 9. November 2004, 9.12 Uhr: “Der achte Castor-Transport ins niedersächsische Gorleben hat ohne größere Zwischenfälle sein Ziel erreicht.” Moment mal! Waren nicht am Nachmittag des 7. Novembers im französischen Avricourt bei einer Blockadeaktion (4 Personen wollten sich in einem unter der Schiene deponierten Rohr anketten) mehrere Atomkraftgegner verletzt worden und einer tödlich verunglückt? Den Berichterstattern internationaler Medien floss die Begründung für das Unglück zügig aus der Feder. Innerhalb weniger Stunden wurde ohne Kenntnis des Unfallhergangs den BlockiererInnen Leichtsinn und Dummheit unterstellt. Zunächst sprachen alle Meldungen von einem angeketteten Demonstranten, den der Zug überrollt hätte. Schon wenig später musste bereits von einer “Verkettung unglücklicher Zufälle bzw. Umstände” gesprochen werden, die zum Tod des jungen Mannes geführt haben sollen. Zu den genannten Umständen zählten die Tatsachen, dass der dem Castor voranfliegende Helikopter, welcher die Strecke auf Hindernisse absucht, ersatzlos zum Tanken geflogen war und dass der Zug, der aufgrund seines Gewichtes bei hohen Geschwindigkeiten einen Bremsweg von 600 - 800 m hat, zu diesem Zeitpunkt trotz eingeschränkter Sicht in einer Kurve mit fast 100 km/h in die Blockade raste. Wie die Eisenbahnergewerkschaft „Sud Rail“ bekannt machte, dürfte ein solcher Gefahrguttransport in dieser Kurve, hinter der sich die geplante Blockade abspielen sollte, aufgrund der eingeschränkten Sicht und möglicher Proteste eigentlich nur mit ca. 20-30 km/h bewegen. Zumal der Zug nach einer erfolgreichen Blockade in der Nähe von Nancy erst seit 70 Minuten wieder unterwegs war. Diese Einzelheiten machen deutlich, dass es sich nicht um eine Verkettung unglücklicher Zufälle handelt, sondern um bewusst in Kauf genommene Fahrlässigkeit. Bundesumweltminister Jürgen Trittin war der Vorfall eine sonntägliche kurze Pressemitteilung wert, wo er hübsch gewaltfrei rezitierte: „Kein Ziel rechtfertige es, das eigene Leben oder die Gesundheit anderer zu gefährden.“ Schön konsensfähig, dass er das so sieht; oder hat er die Doppeldeutigkeit seiner Aussage nicht bedacht? War es aber vielleicht gar nicht unbedingt die Gruppe der BlockiererInnen selbst, die sich hier in Lebensgefahr brachte, sondern auch der schon ins Rutschen geratene Zeitplan des teuer bewachten Atomtransports, der hier Leben und Gesundheit anderer Menschen gefährdete? Diejenigen, die vor dem Hintergrund der erst zeitverzögert bekannt gewordenen Fakten immer noch fordern, AtomkraftgegnerInnen sollten ihre Widerstandsformen überdenken, ohne im gleichen Atemzug die Transport- und Sicherheitstechniken zu kritisieren, zeigen deutlich, auf wessen Seite sie stehen. Priorität hat bei den Betreibern und Transporteuren nicht die Sicherheit des Atommüllbehälters oder der Menschen, die – bewusst oder unbewusst – in seinem Weg stehen, sondern die Einhaltung eines Zeitplans und die größtmögliche Kostenersparnis bei den Polizeikräften. Dass ein Unfall dieser Art erst jetzt tödlich endete, ist nur ein Zufall. Auch in den letzten Jahren wurden bei Castor-Transporten immer wieder und zunehmend Sicherheitsvorkehrungen seitens der Betreiber unterlassen. Schon wiederholt wurde mit unvermindertem Tempo auf DemonstrantInnen zugefahren, die sich auf den Gleisen der Transportstrecke befanden. Oft konnten sich die Beteiligten nur durch einen Sprung in letzter Minute retten. Mehrfach wurde berichtet, dass international gültige Notsignale zum Stoppen eines Zuges bei Castor-Transporten nicht berücksichtigt wurden. Eine solche Praxis zeugt mindestens von Hemmungslosigkeit, wenn nicht sogar von einem Kalkül, durch die ungebremste Fahrt bisher erfolgreiche Protestformen auf der Transportstrecke bewusst abzuschrecken. Der Unfall von Avricourt, bei dem – nach jetzigen Erkenntnissen - der Luftsog des Transportzugs den vom Bahnkörper fliehenden Atomkraftgegner erfasste und unter die Lok zog, macht auf tragische Weise erneut deutlich, dass die Atomindustrie zur Durchführung und Umsetzung ihrer Interessen über Leichen geht. Der 22jährige Sébastien Briat ist nicht das erste Todesopfer der Atomindustrie. Im französischen Malville wurde 1977 Vital Michalon bei einer Demonstration gegen den „Schnellen Brüter“ durch eine Polizeigranate getroffen und starb an seinen Verletzungen. Im Juli 1985 wurde das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“ auf seinem Kurs Richtung Mururoa-Atoll, wo Atombombentests verhindert werden sollten, in die Luft gesprengt. Der Fotograf Fernando Pereira ertrank. Am 2. März 1986 starb nach einem Knüppeleinsatz der Polizei auf einer Demonstration gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf Erna Sielka durch einen Herzinfarkt. Nur drei Wochen später starb dort auch Alois Sonnleitner an einem Asthma-Anfall, den er in Folge eines CS-Gas-Angriffs der Polizei bekam. Doch nicht nur in der öffentlichen Auseinandersetzung um den Weiterbetrieb der Atomanlagen gab und gibt es Todesopfer. Von den Strahlenopfern der Uranminen, in denen der Rohstoff unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen geschürft wird, über den Normalbetrieb der Atomanlagen z.B. in Krümmel, Sellafield oder La Hague bringt die Atomindustrie tausendfach den schleichenden Strahlentod. Auch die ungezählten Toten des Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 zählen zu den menschlichen Opfern dieser tödlichen Industrie. Wie war das? - „Kein Ziel rechtfertigt es, das eigene Leben oder die Gesundheit anderer zu gefährden...“. Wir weisen in aller Schärfe Anschuldigungen zurück, leichtsinnige Aktions- und Widerstandsformen zu wählen. Wir werden den gezielten Einschüchterungsversuchen durch rasende Castoren, prügelnde Polizei, Zurückhaltung predigende Grüne und diffamierende Presse weiterhin mit offenen und kritischen Augen und großer Wachsamkeit entgegentreten. Wir werden den Appell Sébastiens, sich entschieden gegen die Atomindustrie zu stellen und für eine „weniger verrückte Welt“ zu kämpfen, nicht ungehört verhallen lassen.
Denn die tödliche Gefahr geht nicht von denjenigen Menschen aus, die den Ausstieg aus der Atomenergie in aller Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit weiter erkämpfen wollen, sondern von denjenigen, die Kraftwerke bauen und betreiben, Atomkraftwerke und -transporte sponsern, genehmigen und gegen unseren Protest und Widerstand durchsetzen.@ im November 2004
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