Widerstandsformen

Zwischen Stromabschaltung
und „Robin Hood“

aus labournet vom 25.6.2004

Nach der Großdemonstrationen vom 27. Mai 2004 in Paris haben viele Angehörige der CGT und andere EDF-Mitarbeiter täglich an weitere Protestaktionen unternommen. So kam es zu „wilden“ Stromabschaltungen im Laufe der letzten anderthalb Wochen: beim Elysée-Präsidentenpalast, beim Arbeitgeberverband Medef oder bei Parlamentariern, die sich besonders zugunsten der „Reform“ aus dem Fenster gelehnt hatten.

Aus ap-Meldungen vom 14. Juni 2004 geht hervor, dass GewerkschafterInnen der CGT das AKW Saint-Alban-St-Maurice im Südosten Frankreichs besetzt und die zwei Reaktoren von je 1500 MW vom Stromnetz der EDF getrennt haben. Außerdem ist es in Toulouse zu Abschaltungen der öffentlichen Straßenbeleuchtung gekommen. Mittellose Menschen, denen der Strom abgestellt war, werden wieder versorgt. Eine Autobahn wurde gesperrt. Im AKW Golfech im Südwesten verschwanden Computertastaturen, -mäuse und Telefone. Diese Nadelstichaktionen gehen weiter:

Am 21. Juni 2004 wurde beispielsweise bei 30 größeren Unternehmen (Renault, dem Flugzeugbauer Snecma, dem Pariser Flughafenbetreiber...) die Spannung deutlich herabgesetzt, und mehrere Betriebe mussten Notstromaggregate einsetzen. Bereits am vorigen Freitag hieß es in der Boulevardpresse (Le Parisien), 100 Großkunden, meist Unternehmen, hätten Strafanzeige gegen EDF wegen der Stromausfälle erstattet oder beabsichtigten dies. Am Dienstag vormittag bestellte die Leitung von EDF eine Stromlieferung von 1.000 Megawatt in Großbritannien; in „normalen“ Zeiten exportiert der französische Energieversorger eine ebenso große Menge über den Ärmelkanal. Anlässlich eines Besuchs von Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy am Montag in Crolles (bei Grenoble), wo er sich zu einer Betriebsbesichtigung bei STMicroelectronics aufhielt, wurde der Saft gleich ganz abgestellt. Der Stromausfall bei der Besichtigung dauerte nach Angaben der CGT (die den Kontrollposten des Stromverteilernetzes besetzt hatte) 30 Minuten, wenngleich der Minister behauptete, er habe nur „20 Sekunden“ gedauert. -

Mehrere Atomkraftwerke mussten ihre Produktion drosseln, da Beschäftigte ihre Arbeitsstätten blockierten, so im nordfranzösischen Reaktor Gravelines. Am Donnerstag, an dem die Gewerkschaften (CGT, die sozialdemokratische CFDT, Force Ouvrière und die christliche CFTC; daneben die kleinere linke SUD Energie) bei EDF einen „Aktionstag“ ausgerufen hatten, standen Streikposten vor insgesamt 20 Atom- und konventionellen Heizkraftwerken. Dabei wurde jedoch sorgfältig darauf geachtet, die Technologie nicht unbeaufsichtigt zu lassen, um keine zusätzlichen Risiken zu schaffen.

Am 24.Juni 2004 wurde ab 14 Uhr ein Abfall der Stromproduktion um 3.825 Megawett beobachtet. Mehrere Großunternehmen im Pariser Raum (Péchiney in der stromintensiven Aluminiumproduktion, das Luftfahrtunternehmen Aérospatiale, Andros, Nestlé...) wurden dazu aufgerufen, ihren Stromverbrauch zu drosseln. Zugleich waren Anfang der Woche zunächst 9, später 14 Verteilerzentralen im 120.000-Volt- Hochspannungsnetz besetzt. Am Donnerstag, dem Aktionstag, waren es ihrer 23. Dabei zeigten sich die Streikenden allerdings jederzeit verantwortungsbewusst und darauf bedacht, keine Risiken im Umgang mit der Technologie zu schaffen, die bspw. zu unkontrollierten Spannungsschwankungen oder zu unvorhersehbaren Stromausfällen bei den Privathaushalten führen könnten.

Der Versuch, jene von Saint-Etienne-de-Rouvray (bei Rouen) zu besetzen, wurde jedoch am Dienstag durch ein martialisches Polizeiaufgebot unter Einsatz von Wasserwerfern verhindert und im Anschluss durch die Bereitschaftspolizei CRS auseinander geprügelt. Daraufhin besetzten die Streikenden von EDF jedoch einen privaten Stromerzeuger, der eine große Papierfabrik mit Elektrizität versorgt und gemäß einem Vertrag mit EDF bei Bedarfszeiten auch Strom in’s öffentliche Netz einspeist (vgl. „L’Humanité“ vom Mittwoch).

Ebenfalls am 21. 2004 Juni fand abends ein Autokorso von 200 bis 300 blauen Kleinbussen, das sind die typischen EDF-Dienstfahrzeuge, unter dem Eiffelturm statt. Da wegen des jährlich an diesem Tag stattfindenden Musikfests und der Riesenleinwand zur Fußball-WM, die gegenüber aufgebaut ist, viel Publikumsverkehr herrschte, war Aufmerksamkeit gesichert. Neben der CGT-Energie nahmen auch die CGT-Arbeitslosenkomitees und die CGT der Kulturbeschäftigten (die beide in ihrem Bereich gegen aktuelle „Reformen“ ankämpfen) an dem Umzug teil. Im Anschluss besetzten die TeilnehmerInnen eine EDF-Filiale in der nördlichen Pariser Vorstadt Saint-Ouen.

Am 7. Juni 2004 war auch der Strom an drei Pariser Bahnhöfen ausgefallen. 500.000 Fahrgäste vor allem von Pendlerzüge zwischen Paris und seiner Vorortzone einen halben Tag festsaßen. Dadurch hatten die Protestierenden allerdings einen Teil der öffentlichen Meinung gegen sich gekehrt. Die Boulevardpresse nutzt dies zum Anlass für Hetze, insbesondere die rechte Tageszeitung Boulevardblatt „France Soir“, die am folgenden Tag ihren Titel mit „Sévice public“ (Öffentliche Misshandlung), statt service public, aufmachte. Unter den Gewerkschaften bei EDF nutzte die sozialliberale CFDT die Aufregung, die durch diese mehr oder weniger unkontrollierte Aktion der CGT-Basis entstanden war, um gleich generell die Bremse gegen allzu sehr aus dem Ruder laufende Aktivitäten zu ziehen. Man solle es doch bitte eher bei Demonstrationen belassen, sonst drohe der Protest noch unpopulär zu werden...

Daraus haben die Protestierenden (auch wenn sie ihre Aktionen nicht in möglichst harmlose Bahnen kanalisieren lassen wollen) doch alsbald ihre Lehren gezogen, und sind zu anderen Methoden übergegangen. Seitdem versuchen sie verstärkt, das Publikum möglichst in ihre Protestaktionen einzubeziehen. Schon in den ersten Tagen nach dem 7. Juni fanden andersartige Aktionen statt: In Bordeaux und Lille etwa wurde der Strom tagsüber zum billigeren Nachttarif eingespeist oder für sozial bedürftige Familien, denen er abgestellt worden war, wieder angeschaltet.

Erneut wurden beim „Aktionstag“, am 24.Juni 300.000 Haushalte zum billigeren Nachttarif versorgt (darunter 30.000 Haushalte in Marseille sowie Verbraucher im französischen Jura, im Raum Bordeaux, in der Lyoner Region und im Großraum Paris).

Die CGT Energie rief ihre örtlichen Einzelgewerkschaften ferner dazu auf, Krankenhäuser und Einrichtungen der Sozialversicherungskassen kostenlos mit Strom zu versorgen. Seit 21. Juni läuft frankreichweit eine „Aktion Robin Hood“ (im Original „opération Robin des bois“): Die CGT und drei andere Gewerkschaften (FO, CFDT und die linke SUD-Energie) rufen die EDF-Beschäftigten dazu auf, systematisch solche Haushalte wieder an das Stromnetz anzuschließen, die aufgrund von Armut oder finanzieller Schwierigkeiten ihre Rechnungen nicht bezahlt haben und denen deswegen der Saft abgedreht wurde.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr die staunende Öffentlichkeit, dass aus solchen Gründen (im 21. Jahrhundert) derzeit 250.000 Haushalte im Dunkeln sitzen.@

 

Am 29. Juni 2004, wenige Stunden vor einem Beschluss der Pariser Nationalversammlung über die Teilprivatisierung des staatlichen Stromkonzerns EDF haben Beschäftigte des Unternehmens am Dienstag ihre Proteste gegen die Reform ausgeweitet. In Paris versammelten sich 2.000 bis 3.000 EDF-Mitarbeiter zu einer Kundgebung, an mehreren Atomkraftwerken wurde der Zugang teilweise versperrt, darunter auch der Atommeiler Cattenom.

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