| Jahrestagung Kerntechnik, der Versuch einer Wiederaufarbeitung
Pfeifen im nuklearen Wald von Francis AlthoffHunderte Vertreter aus Lobby und Industrie trafen sich vom 25. bis 27. Mai in Düsseldorf zur alljährlichen „Jahrestagung Kerntechnik“. Dabei wurde das gegenüber Medien gerne gezeigte neue selbstbewusste Hoffen auf eine Renaissance der Atomenergienutzung während des internen „Klassentreffens“ der Atomindustrie schnell zum Bangen um die visionierten lukrativen Nuklearpfründe. Das Pfeifen im nuklearen Wald der Atomjunkies hing wohl auch mit dem Wissen zusammen, dass sich der Focus ein paar Tage später auf saubere regenerative Energien und deren expandierenden Markt richten würde. So waren dann auch die internationalen Tage der erneuerbaren Energien in Bonn klarer Berichterstattungs-Punktsieger in den Medien. Auch wenn CDU/CSU und FDP - PolitikerInnen zeitgleich verzweifelt versuchten lobbyistisch gegenzusteuern, und der Nuklearindustrie bei einer 2006 erhofften Machtübernahme zusicherten, ebendiese gleich demütig an sie abzutreten. Essenz der eiligen Statements durch Angela Merkel: „Atommeiler dürfen nach einem Regierungswechsel so lange laufen, wie die Atomindustrie es wünscht.“ Der Auftritt des schrillen Chores zusammen mit Stoiber und Westerwelle im Szenenbild „Neue Atommeiler braucht das Land“ wurde bei der Kerntechniktagung schon im Vorfeld uninteressiert abgewunken. Michael Müller, stellvertretender SPD - Bundestagsfraktionsvorsitzender erinnerte süffisant an die Paradoxie: „Die damalige Umweltministerin Merkel hat als Auflage für den Bau eines neuen AKW verankert, dass die Folgen eines nie auszuschließenden Unfalls auf die Anlage selbst beschränkt sein müssen. Das ist technisch nach wie vor nicht möglich.“ Umbaupause in den Medien. Peter Piazorek, umweltpolitischer CDU/CSU - Sprecher relativiert den Atomkurs und widerspricht den Forderungen nach einem Wiedereinstieg in die Atomenergie: „Klimaschutz kann man nicht durch einen Ausbau der Kernenergie erreichen, sondern nur über Erneuerbare Energien.“ Die Grundlage für sein Vorpreschen war absehbar, hatte doch die Zeitschrift der Elektrizitätswirtschaft, VDEW-Monitor, frisch eine Umfrage veröffentlicht, die ergab, dass nur 23 % die Meinung vertreten, Atomenergie solle länger genutzt werden. Souffleure aus dem Merkel - Umfeld verordneten ihr eine Redepause, weil sich mit dem Thema nun mal keine Wahlen gewinnen lassen. Das Düsseldorfer atomare Klassentreffen zeigte sich bei der Jahrestagung mit den für sie unter rot/grün ausgehandelten komfortabelen Laufzeiten äußerst zufrieden und denkt zur Zeit gar nicht daran, diese ernsthaft in Frage stellen zu wollen. Auch wenn perspektivisch ein Offenhalten der Option Atomenergie gefordert wird. „Regierungen kommen und gehen, aber die deutsche Kernkraft bleibt bestehen,“ fasste ja bereits Wilfried Steuer, ehemaliger Präsident des deutschen Atomforums, das Ergebnis der Atomkonsensverhandlungen vom 14. Juni 2000 zusammen. Überraschend in diesem Zusammenhang war auch nicht die Darstellung, Deutschland würde sich international isoliert um ein Ende des Atomzeitalters bemühen. Als vorbildlich wurden Länder (wie Schweden) erwähnt, die den Ausstieg zwar beschlossen haben, diesen real aber nicht umsetzen. Die EU-Erweiterung wird dabei als Hoffnung auf eine verstärkte Atomfraktion wahrgenommen. Allgemein Bejammernswert wurde das zunächst gescheiterte „Nuclear Package“ der scheidenden EU-Kommissarin de Palacio dargestellt. Eine strahlende Zukunft weltweit? Nicht der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) soll die umjubelte neue Galleonsfigur des sinkenden atomaren Bootes werden. Der erste EPR soll zwar 2009 in Finnland in Betrieb gehen und Frankreich will auch unbedingt einen Vorzeigereaktor bauen. Weltweit favorisiert wird aber auf lange Sicht hauptsächlich eine Weiterentwicklung des gasgekühlten Hochtemperaturreaktors, dessen Reaktorlinie in den 80’er Jahren in den USA und Deutschland entwickelt wurde und scheiterte. Der damals atomindustriell hochgejubelte, aber störanfällige gasgekühlte Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop wurde im Oktober 89 stillgelegt. Der EPR, die „dritte Reaktorgeneration“ wird innerhalb der Atombranche nur noch als Übergangsreaktors eingestuft. Schon schwärmt ein unter anderem aus dem EURATOM-Vertrag mitfinanziertes kontinental übergreifendes Forschungskonsortium strahlender Eltern von ihrer „vierten Reaktorgeneration“. Sechs von Zwanzig ihrer geplanten „Nachwuchsreaktoren“ sind zur weiteren Forschung in der engeren Auswahl: Der Very High Temperature Reactor (VHTR), superkritische Wasserreaktor, gasgekühlte schnelle Reaktor (GFR), bleigekühlte schnelle Reaktor (LFR), natriumgekühlte schnelle Reaktor (SFR), und der Salzschmelzenreaktor. Für den ersten Prototyp des favorisierten heliumgekühlten VHTR ist eine Inbetriebnahme in 10 bis 15 Jahren angepeilt. Elektrizität und Wasserstoff soll dieser Reaktortyp erzeugen. Der Generator zur Stromerzeugung soll direkt in den Kühlkreislauf eingebunden und keramikummantelter Kernbrennstoff verwendet werden. Die französische Version soll zusätzlich zur Wärmegewinnung und Wasserentsalzung dienen. Transmutationsreaktoren und Fusionsreaktoren bleiben als mögliche „fünfte Generation“ Wunschtraum der Atom - Hardliner, deren Erforschung von der EU mit 750 Millionen € bezuschusst wird. Gezielt finanzieren will die EU-Kommission auch die Erforschung der vierten Reaktorgeneration. Preferiert ist ein experimenteller Versuchsreaktor und ein integrierter Brennstoffkreislauf mit Aktinidenrezyklierung. Also Wiederaufarbeitung „hoch drei“. Die Atom - Müller Während weiter von neuen Reaktorgenerationen geschwärmt wird, interessiert nicht wie zukünftige Menschengenerationen vor dem tödlichen Strahlenmüllberg geschützt werden. Auf der Tagung wurde eher zerknirscht festgehalten, dass in der Öffentlichkeit nach wie vor die ungelöste Entsorgung als eines der wichtigsten Argumente gegen Atomkraft wahrgenommen wird. Wie zu erwarten, machte Walter Hohlefelder, neuer Präsident des Atomforums, in einem Rundumschlag Umweltminister Trittin als Bremser für die Misere verantwortlich. Das Ein-Endlagerkonzept sei eine Schimäre und eine vergleichende Suche nach neuen Endlagerstandorten völlig überflüssig. Der Schacht Konrad sei schließlich genehmigt und Gorleben von den politischen Mehrheiten der Region akzeptiert. Mit dem angekündigten Gesetzentwurf würde Trittin nur Verantwortung und Kosten auf die Atomindustrie abwälzen wollen. Als Highlight wurde trotz der Problematik des hoch angereicherten Brennstoffs die Inbetriebnahme des Garchinger Forschungsreaktors (FRM II) gefeiert, der laut Plan ab September die ersten Neutronen produzieren soll. Eine weitere in rot/grüner Regierungszeit in Betrieb gehende Nuklearanlage soll 2005/6 die Verglasungsanlage in Karlsruhe sein. In der im Abriss befindlichen WAA (WAK) des dortigen Atomforschungszentrums wurden 208 t abgebrannter Kernbrennstoffe mit dem Ergebnis behandelt, dass in 2 Stahltanks eine hochradioaktive und selbsterhitzende strahlende Suppe mit 504 kg Uran, 16,5 kg Plutonium und anderen Spaltprodukten ständig gekühlt und durchmischt werden muss, um Explosionsgefahr durch Bildung einer kritischen Masse zu verhindern. Das brisante Strahlengebräu soll durch Verdampfung von 80 m³ auf 20 m³ reduziert, und die festeren Stoffe dann in Glaskokillen verpackt auf die Reise nach Gorleben geschafft werden. Die für die 1,30 m hohen 150 l - Stahlbehälter notwendige 3. Änderungsgenehmigung für die Gorlebener Castorhalle steht kurz vor der Erteilung. Auch die französische COGEMA hat einen neuen Behälter (MX6/16) entwickelt. Dieser soll mehr frische MOX-Brennelemente und ein höheres Plutoniuminventar (Anreicherung) unterbringen. Alle 12 beantragten neuen dezentralen „Zwischenlager“ sind genehmigt, 8 sind beklagt, Lingen ist in Betrieb. Die Untersuchungen zum gezielten Absturz eines Verkehrsflugzeuges wurden in den Genehmigungsverfahren nicht nach den Vorgaben des Vorsorgegebots des Atomgesetzes, sondern nach den Vorgaben zur Einwirkung Dritter durchgeführt. Laut Bundesamt für Strahlenschutz betrage die höchste ermittelte Strahlenbelastung am Zaun 10 mSv für ein „Zwischenlager“ nach WTI-Konzept (süddeutsche, Ahaus, Gorleben). Im Herbst will das BMU standortunabhängige Endlagerungsbedingungen für gering wärmeentwickelnden Atommüll erlassen, an denen sich die Müllerzeuger bei der Konditionierung orientieren sollen. Im Planfeststellungsverfahren zur Stilllegung des Morslebener „Endlagers“ ist in „einigen Monaten“ mit dem Beginn der Öffentlichkeitsbeteiligung zu rechnen. Im Forschungszentrum Karlsruhe wird weiter zu geochemischen Prozessen in Endlagern geforscht. Zur Verhaltenserforschung radioaktiver Stoffe wurde bereits in der abgesoffenen Asse bei Wolfenbüttel experimentell Magnesium zugesetzt. Als Planzahl wiederaufzuarbeitender Brennelemente wird von 7.000 Mg (= 7.000 t) Schwermetall ausgegangen. Für die Vielfalt des in den Plutoniumfabriken La Hague und Sellafield anfallenden Strahlendrecks wurde eine Abfallgruppenzuweisung und Definition von 4 Kategorien vorgenommen. Drei Müllsorten sollen in die BRD zurückgeliefert werden: Ca. 3.500 HAW-Glaskokillen, 8.650 Kokillen mit hochdruckkompaktierten Brennelementhülsen und Strukturteilen. Das Zustimmungsverfahren für die Zusammensetzung wird zur Zeit (ohne Berücksichtigung organischer gasbildender Beimischungen) vom BMU durchgeführt. Momentan kann für die Zukunft jedoch Mischabfall nicht ausgeschlossen werden. Die Behälterzahl für bituminierte Abfälle bleibt unbekannt, da die Schlämme aus der La Haguer Usine Plutonium-2 (Plutoniumfabrik-2) noch nicht konditioniert sind. Aus der britischen Plutoniumfabrik Sellafield steht bislang ausschließlich die Lieferung von HAW-Kokillen fest. Seit Jahren laufen dort Verhandlungen über einen Atommüll-Deal, intern als Substitution bezeichnet. Am Endlagerstandort für schwach/mittelaktiven Müll, Briggs, nahe Sellafield, könnte deutscher Strahlendreck demnach verbuddelt werden, wenn Deutschland im Gegenzug mehr hochradioaktive Glaskokillen als abgebrannte Brennelemente geliefert zurücknimmt. Aus welchen Länder diese ursprünglich nach England transportiert wurden bleibt Geheimnis. Laut Gesellschaft für Nuklearservice sollen alle Glaskokillen aus La Hague bis 2011 in Gorleben sein. Von den 12 für den Herbst angekündigten Behältern waren sechs Ende Mai bereits beladen. Aus Sellafield sollen zwischen 2007 und 2012 jeweils 6 Behälter nach Gorleben rollen. Der kompaktierte Atommüll aus La Hague wird laut Plan zwischen 2008 und 2022 nach Deutschland geschafft. Als Ziel ist das „Zwischenlager“ im westfälischen Ahaus im Visier. Um eine beeindruckendere Zahl von 1000 Teilnehmern an der nuklearen Party vorweisen zu können, wurden übrigens eingeladene Schulklassen und Orchestermitglieder flugs mitgerechnet. Sicher fühlen sich die Atomjunkies trotz ungezügelter Wunschträume mit einer erhofften Renaissance der Atomkraft bei weitem nicht. Vielleicht war es ja doch eher das bange Pfeifen im nuklearen Wald? Und wie es in den Wald hineinpfeift, so sollten wir herausschallen! @
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