IAEO prognostiziert einen Ausbau der Atomenergie weltweit: Interessengeleitetes Wunschdenken und Stimmungsmache.

Atommüll als negative „Begleiterscheinung“

aus Presseberichten vom 26. 6.04

Ende des Jahres 2003 lieferten weltweit 442 Atomkraftwerke Strom, 27 weitere Reaktoren befanden sich im Bau, geht aus der jüngsten Statistik der Internationalen Atom-Energie-Organisation (IAEO) hervor. Demnach kommt ein Sechstel der globalen Stromerzeugung aus der Kernkraft. Insgesamt produzierten die Kraftwerke 2.524,74 Terrawattstunden Strom, die installierte Gesamtleistung betrug 363.819 MW. Kernkraft-Weltmarktführer sind die USA mit 104 Reaktoren, gefolgt von Frankreich (59) und Japan (54).Die meisten neuen Atommeiler - acht Stück - werden in Indien gebaut. Die Ukraine errichtet 4, Russland 3 und China, der Iran und Japan jeweils 2 Atomkraftwerke. Je eines kommt in Nord- und Südkorea, Argentinien und Rumänien hinzu.

Bis 2020 werde die Kilowattstundenleistung weiter steigen, wenn auch nicht im bisherigen Ausmaß, schätzt die IAEO. 22 der 31 zuletzt gebauten Kernkraftwerke wurden in Asien errichtet, wo Bevölkerung und Wirtschaft rasch wachsen, aber wenig alternative Energiequellen zur Verfügung stehen, so die IAEO. Im Gegensatz dazu haben vier europäische Länder beschlossen, ihre Atomstromerzeugung einzustellen. Spitzenreiter beim Atomstromanteil ist Litauen mit 80%, gefolgt von Frankreich (78%), der Slowakei (57%), Belgien (55%), Schweden (50%) und der Ukraine (46%). Der Atomstromanteil in der Schweiz betrug 40%, in Ungarn 32%, in Tschechien 31% und in Deutschland 28%.

Vor 50 Jahren wurde in Obninsk bei Moskau das erste Atomkraftwerk angeschaltet. Es war der Startschuss für jenes Zeitalter, das „Atome für den Frieden“ einsetzen wollte, wie US-Präsident Dwight D. Eisenhower knapp sechs Monate zuvor vor der UN-Generalversammlung proklamiert hatte. Eisenhowers Rede war durchdrungen vom Willen zum Aufbau in den USA und Europa - und dieser Aufbau ging einher mit einem immer größeren Hunger nach Energie. Dieser Hunger hat bis heute nicht nachgelassen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) erwartet, daß die Nutzung der Kernenergie auf der ganzen Welt in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen wird. In einer Mitteilung stellt die Behörde eine „mittlere Schätzung“ vor, wonach die Menge des Atomstroms sich bis zum Jahr 2030 um das Zweieinhalbfache vergrößern wird. Der Anteil der Atomenergie an der globalen Stromversorgung läge dann bei 27 Prozent. Heute beträgt er 16 Prozent. Bis zum Jahr 2050, so die IAEA, könne der Ausstoß sogar auf die vierfache Menge steigen. Als Gründe für diese Entwicklung nennt die IAEA, eine Organisation der Vereinten Nationen, die „umweltpolitischen und wirtschaftlichen Vorteile der Kernenergie“. Am stärksten nehme ihre Nutzung derzeit in Asien zu.

Die Schätzung beruht nach Angaben der IAEA auf langfristigen Annahmen über die Erschöpfung fossiler Brennstoffreserven und den Energiebedarf, der nötig sei, um den Lebensstandard der wachsenden Weltbevölkerung zu heben. Würden dagegen alle heutigen Kernkraftwerke nach der vorgesehenen Laufzeit stillgelegt und außer den schon geplanten keine weiteren neuen gebaut, dann würde der Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion auf der Welt auf 12 Prozent im Jahr 2030 sinken. In der „höchsten Projektion“ der IAEA, die „zusätzliche vernünftige Vorschläge zum Bau neuer Kernkraftwerke“ unterstellt, würde die Atomkraft im Jahr 2030 siebzig Prozent mehr Energie erzeugen als 2002. In diesem Fall werde es aber auch zu einem sehr starken Anstieg der Stromerzeugung aus allen anderen Quellen kommen.

Der IAEO-Vorsitzende Mohamed el Baradei bei einer Fest-Konferenz in Moskau verwies auf die Vorteile der Atomkraft bei globalem Umweltschutz und Wirtschaftswachstum. Atomkraft produziere keine Treibhausgase - und die IAEO arbeite auch daran, die negativen Begleiterscheinungen, wie radioaktives Kühlwasser und Atommüll, zu lösen. Mike Townsley, Nuklearanalytiker von Greenpeace, widersprach: Atomkraft werde immer noch als „Statussymbol“ gesehen; in Staaten wie Iran, Indien, Pakistan, Israel und Irak „ dienen Atomkraftwerke ja vor allem der Verschleierung der wahren Absicht - nämlich dem Aufbau von Atomwaffen-Programmen“.

IAEO-“Experten“ gehen davon aus, dass die Atomenergie auch in Europa ein Comeback feiern wird. Begründet wird diese Einschätzung damit, dass die EU ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus instabilen Regionen zu vermindern sucht. Die erwartete Atomstrom-Renaissance wird sich vor allem in Osteuropa abspielen, wo bereits neue Reaktoren geplant sind.

„Der Atomausstieg hat ja praktisch noch gar nicht begonnen“, erklärt der Energieexperte. Dr. Manfred Horn vom DIW Berlin. Alexander Machowetz, , Pressesprecher bei Framatome ANP, dem führenden europäischen Nuklearkonzern, bestätigt: „Momentan haben wir in Deutschland ein Marktvolumen wie vor dem Ausstiegsbeschluss.“ Denn die Framatome ANP ist nicht nur mit dem Bau von Kernkraftwerken beschäftigt, sondern betreut sie auch, modernisiert sie und versorgt sie mit Brennstoffen - alles Aufgaben, die weiterhin anstehen. Ohnehin war der Bau von neuen Kraftwerken über die letzten zehn bis zwanzig Jahre nur von untergeordneter Bedeutung. „Da waren vor allem Serviceleistungen gefragt, sonst war der Markt praktisch tot“, erklärt Manfred Horn. Anders könnte es aussehen, wenn es erst mal richtig ernst wird mit dem Ausstieg. Aber selbst für den nuklearen Ausstiegs-Ernstfall ist die deutsche Atomindustrie gut gerüstet. „Wir sind inzwischen international gut aufgestellt“, erklärt Machowetz. Denn Framatome ANP ist das Ergebnis einer großen Atomfusion. 2001 haben Siemens aus Deutschland und die französische Framatome ihre Atomsparten zu dem neuen Konzern verschmolzen. Die Unternehmen hatten schon länger kooperiert und zusammen auch den europäischen Druckwasserreaktor EPR entwickelt. „Durch den Zusammenschluss“, erklärt Machowetz, „sind wir relativ unabhängig vom heimischen Markt.“ Der neue Großkonzern erhielt vor kurzem den Zuschlag für den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Finnland.@

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