Die Klima-Gas-Emissionen der Atomenergie

Klimaschutz: Falsche Rechtfertigung für eine Renaissance der Atomkraft

von Iris von Knorre

Viele, die schon mal einen Anti-Atom Infostand in der Stadt gemacht haben, werden diesen Spruch kennen: „Aber wenn alle Atomkraftwerke ausgeschaltet werden, dann entsteht vielmehr CO2, und das macht unser Klima doch kaputt?“ Mal wird dies besorgt gefragt, ein anderes Mal so bestimmt gesagt, dass jede Widerrede zwecklos ist. Oft genug antworten die Bürgerinitiativen, es gebe auch andere CO2-freie Energieerzeuger und außerdem seien die Gefahren eines Atomunfalls und die ungelöste Endlagerfrage für Atommüll viel gefährlicher für uns als das CO2.

Tageszeitungen und andere Medien wiederholen gebetsmühlenartig die These vom klimafreundlichem Atom. Die internet-Seite des Nuclear Energy Institutes (www.nei.org) zum Beispiel vermittelt plump, dabei aber nicht minder wirkungsvoll, dass nur mit Atomkraft Umweltschutz zu erreichen sei: “Atomkraft ist eine emissionsfreie Energiequelle, es wird nichts verbrannt, um Elektrizität zu erzeugen.“ Daneben das niedliche Bild einer Wildkatze.

Um zu zeigen, wie unterschwellig uns die Behauptung immer wieder begegnet, zitiere ich hier einige Auszüge aus Presseerzeugnissen der letzten Monate:

Vwd 03.02.04: „ Die E.ON Energie AG fordert im Ausgleich für den Atomausstieg zusätzliche Rechte, Kohlendioxid (CO2) emittieren zu dürfen. e.on-Energie-Vorstand Rainer Frank Elsässer rechnet damit, dass sich der höhere CO2-Ausstoß in Folge des Atomausstiegs bis zum Jahre 2012 auf 27 Mio t CO2 addiert.“

Handelsblatt - 16. Jan. 2004: „Die Energiewirtschaft ist in Bewegung: Sie muss die Kyoto-Verpflichtung zur Reduktion der CO2-Emissionen umsetzen, den Ausstieg Deutschlands aus der CO2-freien Kernenergie verdauen und den Ersatz von einem Drittel ihrer Kraftwerkskapazitäten in den kommenden Jahren verkraften.“
Werner Schnappauf, MdL (CSU) 2. Dez. 2003: „Auch wenn die Bundesregierung ihre hochgesteckten Energieeinsparziele erreichen sollte, kann das Loch, dass die Abschaltung der Kernkraftwerke bei der Stromversorgung unseres Landes reißen wird, auf lange Sicht nur um den Preis eines erhöhten CO2-Ausstosses und damit nur auf klimaschädliche Weise gestopft werden.“

Reuters 14.11.03 „Der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) hat sich mit Blick auf die anspruchsvollen Klimaschutzziele der Bundesregierung für eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken ausgesprochen. „Wenn tatsächlich die Klimavorsorge brennender wird, muss man über eine Laufzeitverlängerung nachdenken“, sagt der VDEW-Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller in einem Reuters-Interview am Freitag in Berlin.

Stuttgarter Zeitung 08.10.03 Erwin Teufel: „Wir kommen an der Nutzung der Kernenergie nicht vorbei, das ist kostengünstig und klimaneutral.“

Auch Wirtschaftsminister Clement fordert, dass die Atomindustrie für den Ausstieg aus der Atomenergie beim kommenden Emissionshandel besser bedient wird: „Unter anderem die Konzerne Eon und EnBW sollen kostenlose Zertifikate für 5 Millionen Tonnen Kohlendioxid erhalten“ So Clement in der TAZ vom 20.03.04.

Die Liste von Zitaten, welche die Atomkraft bewusst und unbewusst als CO2-frei und klimaneutral beschreiben, könnte noch endlos weitergeführt werden, mit VertreterInnen aller Parteien. Das oft verwendete stilistische Mittel, den angeblichen Klima-Vorteil der Atomenergie nur im Nebensatz zu erwähnen, lässt dabei diese Behauptung umso glaubwürdiger erscheinen. Gerade so, als wüssten dies alle, und niemand könnte in Frage stellen, dass es so wäre.

Ein letztes Beispiel: In einer Bundestagsrede sagt Michaele Hustedt am 13. November 2003: „Ersetzt man ein altes Kohlekraftwerk gar durch ein Kraftwerk mit Auskopplung von Wärme, (…) dann kann man 80 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen einsparen. Das heißt, das Ziel 40 Prozent CO2-Reduktion, also Klimaschutz, und der Atomausstieg sind miteinander vereinbar.“
Schaue ich mir diese Formulierung an: „Klimaschutz und Atomausstieg sind vereinbar“, dann stelle ich fest, dass die energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Grüne selbst in ihrem Bemühen, Werbung für Alternativen zur bisherigen Versorgung mit Strom zu machen, indirekt auch die Richtigkeit der Behauptung stützt: „bei der Produktion von Atomstrom wird dem Klima nicht geschadet.“ Das Gegenteil ist der Fall.

Es lohnt sich, die Gewissheit zu erschüttern! Atomenergie schützt das Klima nicht.

In der Klimaschutzdebatte, die im Moment in der BRD geführt wird, wird immer nur jenes CO2 berücksichtigt, welches während des Kraftwerksbetriebs direkt im Kraftwerk entsteht. Emissionen die im Ausland anfallen, während die Brennstoffe abgebaut und bearbeitet werden, werden in dieser Debatte in aller Regel nicht berücksichtigt.

Da in den Atomkraftwerken kein CO2 anfällt, wundert es nicht, dass in der Klimaschutzdebatte so getan wird, als gäbe es keine CO2 Emissionen im Zusammenhang mit Atomkraftwerken. Wird jedoch die gesamte Brennstoffspirale berücksichtigt, kommen einige WissenschaftlerInnen zu Ergebnissen, die ein völlig anderes Bild erzeugen.
Bei der Atomenergie entsteht CO2 hauptsächlich beim Uranabbau und der Umwandlung des Uranerzes zu Kernbrennstoff. Da bis heute völlig ungeklärt ist, wie mit Atommüll in Zukunft umgegangen werden kann, ist es auch denkbar, dass bei der weiteren Behandlung des Atommülls erhebliche Mengen an Klimagasen frei werden.

Das Ökoinstitut Darmstadt hat versucht, CO2-Gesamtbilanzen für die verschiedenen Energieträger zu erstellen. In Gesamtbilanzen, in denen auch der Rohstoffabbau und die Aufbereitung des Brennstoffes berücksichtigt werden, hat sich gezeigt, dass bei der Erzeugung von Atomstrom 25-50 Gramm CO2 pro erzeugte Kilowattstunde Atomstrom entsteht. Das ist mehr CO2 als bei modernen Gas-Blockheizkraftwerken emittiert wird, weil die Abwärme der AKW fast gar nicht energetisch genutzt wird. Demgegenüber emittiert ein Gas-Blockheizkraftwerk etwa 23 Gramm CO2 pro Kilowattstunde Strom. (Kurzbericht zum GEMIS Modell von Januar 2001, Ökoinstitut Darmstadt) In den Gemis Bilanzen werden mögliche Emissionen der Atommüllbehandlung nicht berücksichtigt. Atommüll sind hier zum einen die abgebrannten Brennstäbe aus den AKW´s; aber auch das abgereicherte Uran, welches bei der Urananreicherung anfällt, sowie Uranabraumhalden, die nach dem Uranabbau hinterlassen werden, und gesichert werden müssen, hat die Studie nicht mit einbezogen.
In einer Studie von Günther Haupt für die Firma Siemens zum CO2 Ausstoß der Atomkraft sind es „nur“ 25 Gramm pro erzeugte Kilowattstunde. Hier wird der Betrieb des AKW´s, die Bereitstellung des Brennstoffs und der Anlagenbau berücksichtigt. Auch hier finden sich keine Daten zur Lagerung des Atommülls. Welche Posten unter: „Bereitstellung des Brennstoffs“ fallen, ist hier nicht aufgezählt.

Es gibt weitere Studien zu den C02 Emissionen der Atomenergie. Die Minimalwerte liegen bei (inzwischen widerlegten) 5 Gramm und die Maximalwerte bei 129 Gramm pro Kilowattstunde (siehe auch http://www.jpberlin.de/wiga/uran/rundgang/klima.html Stand 26.03.04). Die Grundlagen der Betrachtungen sehen sehr unterschiedlich aus, je nachdem was mitgerechnet wird.

Da wir derzeit überhaupt nicht voraussehen können, welche weiteren Emissionen durch den Müll anfallen, sind hier prinzipiell jedoch keine festen Werte ermittelbar. Deutlich wird:

  • Atomkraft ist nicht CO2 frei
  • fossile Gas-Blockheizkraftwerke erzeugen weniger CO2 als Atomkraft.

Klimawirkung von Krypton 85

Krypton 85, welches im Atomkraftwerk entsteht und spätestens bei der Wiederaufarbeitung oder Konditionierung von Atommüll frei wird, findet bei aktuellen Klimadebatten keine Beachtung. Die Konzentration von Krypton 85 in der Erdatmosphäre hat in den letzten Jahren durch die Atomspaltung stark zugenommen, und war noch nie so hoch wie heute. Das kaum beachtete Krypton 85 wirkt sich intensiv auf das Klima aus, spielt jedoch bei aktuellen Debatten keine Rolle.

Helga Linsler schreibt über Krypton 85: „Das radioaktive Edelgas Krypton 85, ein Produkt der Kernspaltung, ionisiert die Luft unter allen radioaktiven Stoffen am intensivsten. Einmal freigesetzt, bleibt Krypton 85 so lange in der Atmosphäre, bis es innerhalb eines Zeitraumes von 110 Jahren auf 1 Promille zerfällt. Es löst sich in den Meeren nur gering – etwa 15mal weniger als CO2.“ (http://www.sofortiger-atomausstieg.info/krypton85.htm Stand 20.03.04)

Kollert hat 1994 Studien zu den Auswirkungen von Krypton 85 durchgeführt und sagt dazu: „Ein Krypton-85-spezifischer, also durch Atomenergie verursachter Treibhauseffekt und anders geartete Störungen von Klima und Wetter sind möglich, wenn die Konzentration des Krypton-85 in der Atmosphäre weiter steigt“. (aaa 113)

Leider fehlt eine allgemein anerkannte Quantifizierung der Wirkung von Krypton 85 im Verhältnis zu CO2.


Emissionsrechte

Bei der aktuellen Diskussion um die Zuteilung von Emissionsrechten versucht die Energiewirtschaft, Zusatzrechte als Entschädigung für den ach so bitteren „Atomausstieg“ zu ergattern. So droht die Energie Baden-Württemberg (ENBW) damit, Atomstrom von ihrem Mutterunternehmen in Frankreich zu kaufen, wenn es nicht einen Ausgleich für die Atomkraftwerke gebe, die jetzt wegen dem Atomausstieg abgeschaltet würden. Bei der Emissionsrechtsvergabe werden Krypton 85 und die CO2 Emissionen bis zum Atomkraftwerk nicht beachtet, so dass Unternehmen durch Atomstromeinkauf aus dem Ausland Vorteile haben können. Ab 2008 sollen deutsche Unternehmen für Klimaschutzprojekte im Ausland mit zusätzlichen Emissionsrechten belohnt werden. Das Europäische Parlament hat jedoch 2002 einen Richtlinienvorschlag verabschiedet, der dabei die Begrenzung von projektbezogenen Gutschriften auf solche reduziert, die nicht aus Atomkraft- oder Senkenprojekten stammen. Andererseits werden ja keine CO2 Emissionen direkt am AKW frei werden, sodass hier auch bei neuen AKWs keine zusätzlichen Zertifikate erworben werden müssen, anders als beim Neubau von Kohle- oder Gas-Kraftwerken. In einem Pressetext der Internationalen Energieagentur vom 15. März heißt es: „Finnland muss den Zeitplan zum Bau des Kernkraftwerks Olkiluoto-3 einhalten und das neue Kernkraftwerk wie geplant 2009 ans Netz bringen, um die Treibhausgas-Emissionen in den Griff zu bekommen.“

Zu guter letzt: was wäre wenn?

Selbst wenn AKWs sicher wären, und selbst wenn es eine sichere Entsorgung gäbe, und selbst wenn AKWs keine Klimagase emittieren würden: Der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Primärenergieversorgung ist mit nur 5% sehr gering. (Quelle: World Energy Council 1993) Die Weltenergiekonferenz kam zu dem Ergebnis, dass auch bei einer Verzwölffachung der Atomenergie bis zum Jahre 2050 das klimaschädliche Kohlendioxid von heute 24 auf über 43 Milliarden Jahrestonnen ansteigen würde. (Quelle: FUSER-Studie Kommentar, Berliner Zeitung, 16.6.2001) Angenommen, die Energieindustrie wollte tatsächlich viele weitere Leichtwasserreaktoren bauen, dann wären jedoch sehr bald die Uranreserven nicht mehr in der Lage, den Bedarf der AKW´s zu decken, da schon bei heutigem Bedarf die Uranreserven nur noch wenige Jahrzehnte für die bestehenden Leichtwasserreaktoren reichen.

Was tun? Da sich die CO2 Minderung als Argument für Atomkraftwerke hartnäckig zu halten scheint, bleibt es an uns, hartnäckig diese Lüge immer wieder aufzudecken, in Leserinnenbriefen, bei Infoständen und wo immer das Gespräch auf dieses Thema kommt.@

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