Renaissance für olle Kamellen

von Elisabeth Krüger, aaa


Der Streit um die Atomenergie ist noch lange nicht zu Ende.

Vom „Ausstieg aus dem Ausstieg“ war so häufig schon die Rede. Aber gibt es auch einen Ausstieg aus der „Stilllegung aller Atomanlagen!“ ? Also die Tendenz in den sozialen Bewegungen, das Thema Atom von der persönlichen Tagesordnung zu streichen? Bequeme Begründungen dafür bieten sich an. Bloß: bei genauerem Hinschauen halten sie nicht Stand.

Einerseits ist es rotgrüner Politik gelungen, Begriffe anders zu besetzen und in den Köpfen der Menschen einen ungestörten und reibungslosen Weiterbetrieb der Atomanlagen als „Ausstieg“ aus der Atomenergie zu verankern. Teile der Öffentlichkeit haben sich damit zufriedengegeben. (Dabei sind in diesem „Ausstiegsnebel“ immer wieder sehr klar atomwirtschaftliche Interessen sichtbar, zumindest bei genauerem Hingucken: Export von Atomanlagen und Forschungs-Know-how in andere Länder, Beteiligung an AKW-Neubauten wie EPR in Frankreich und Finnland, der Ausbau der Urananlagen in Gronau, um nur einiges zu benennen. Auch die sehr vordergründige Diskussion um die Gefahr durch Terroranschläge vernebelt, was an tatsächlichem Gefahrenpotential tagtäglich weiterbetrieben wird, indem es die Aufmerksamkeit auf die Gefahren von außen lenkt. Und die Aufregung um den Export der Hanauer Anlagen, mit der sich rot-grüne PolitikerInnen ihre Glaubwürdigkeit versichern, lässt völlig außen vor, was sonst noch für Atom- und Waffengeschäfte weltweit von Siemens und Konsorten betrieben werden.)

Andererseits würden auch wir uns in der aktuellen gesellschaftlichen Situation, in der viele Menschen mit der Verschlechterung und Verschärfung ihres Lebensalltags zu kämpfen haben, gerne in dem Glauben wiegen, die Atomenergie wäre ein auslaufendes Modell und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser „Ausstieg“ abgewickelt ist. (In diesem „Ausstiegs“-Szenario ist der Weg nicht mehr weit, sich in die Suche nach einem Endlagerstandort mit einbinden zu lassen, obwohl klar ist, dass es ein sicheres Endlager nicht geben kann. Dies wäre die unauffälligere Variante des Ausstiegs aus der „Stilllegung!“)


Die Anlagen laufen weiter....

...und unübersehbar mehren sich die Zeichen, dass die Atomwirtschaft gerade ein besonderes Interesse hat, den „Ausstieg“ in Frage zu stellen und die Option Atomenergie auch in Deutschland wieder denkbar zu machen. Auch wenn am Konsens nicht gerüttelt wird – und das gehört nun mal zu dem agreement, welches die besten Bedingungen für die Atomwirtschaft garantiert - , so bleiben die Stimmen derer hörbar, die auf Veränderungen warten oder hoffen, beziehungsweise solche versprechen. Für Herrn Maichel vom Deutschen Atomforum ist die Atomenergie noch längst kein Auslaufmodell. „Kernenergie mit Ökosiegel“ ist der große Aufmacher der Technology Review aus dem Heise-Verlag im vergangenen Dezember. Sie wolle keine pro-Atom-Position vertreten, schreibt die Zeitschrift einleitend, sondern allenfalls dafür werben, nochmal „über die Kernkraft nachzudenken“ – dafür gäbe es gute Argumente.

Wenn in vielen Teilen der Welt, so wird argumentiert, die Atomkraft eine Renaissance erlebt, können wir doch nicht so technik- und fortschrittsfeindlich, so verbohrt sein und immer wieder mit den alten Argumenten kommen. Woanders geht’s doch auch, wird suggeriert, da kommen wir einfach nicht dran vorbei, wir wollen doch mithalten. Und überhaupt ist doch alles viel sicherer geworden, auch alle anderen Probleme scheinen gelöst. Die Wissenschaft hat das alles im Griff.

Tatsächlich gibt es immer noch das Interesse der Atomindustrie, an ihrer Technik festzuhalten und sie weltweit auszubauen, verspricht sie doch – mal abgesehen vom Risiko für Mensch und Umwelt - beträchtliche finanzielle Gewinne. Vorausgesetzt, die Meiler dürfen so lange laufen, wie die Betreiber es wollen, und das gesellschaftliche Klima stellt sich dem nicht mehr so entgegen.


Gerade jetzt stehen folgeträchtige
Entscheidungen für die
Energiewirtschaft an.

Bis 2020 steht ein Drittel des gesamten europäischen Kraftwerkparks zur Erneuerung an. In dieser Situation muß sich die Atomlobby mächtig ins Zeug legen, diese Entscheidungen mitzubestimmen. Daraus erklärt sich ihr Interesse und Bestreben, bei jeder Gelegenheit auf einen Ausbau der Atomenergie weltweit hinzuweisen, der quasi naturgesetzlich vonstatten geht. Die Zahlen scheinen ihnen recht zu geben:

Frankreich und Finnland planen, den Europäischen Druckwasserreaktor EPR zu bauen. Südafrika möchte mit deutschem Rest-Know-how Kernkraft am Fließband fertigen. Ende 2003 befanden sich 32 AKW-Blöcke in zwölf Ländern in Bau. China will bis zum Jahr 2020 mehr als zwanzig neue Meiler errichten. Und Indien hat letztes Jahr mit dem Bau von sechs Atomreaktoren begonnen. Der Anteil an der weltweiten Stromerzeugung hat stetig zugenommen, auf heute 17 Prozent. In Europa stammt ein gutes Drittel des Stroms aus Atomreaktoren. Selbst Deutschland verlässt sich noch zu etwa 30 Prozent auf Atomenergie, in Frankreich liegt ihr Anteil gar bei knapp 78 Prozent. In Kanada werden vorübergehend stillgelegte Reaktoren wieder in Betrieb genommen und die USA und Frankreich erhöhen ihr Kernenergiepotenzial durch Leistungserhöhungen und Laufzeitverlängerungen.

Hat sich tatsächlich etwas verändert oder geht es darum, den Eindruck zu erwecken, als wäre diese Entwicklung unabwendbar und zwingend im Sinne des „Fortschritts“? Andere AutorInnen kommen bei der Bewertung des selben Zahlenmaterials zu einem ganz anderen Ergebnis: die Branche stagniert. Hochfliegende Pläne gab es schon immer, aber handfeste Probleme werden immer deutlicher. So oder so: diese Analysen sind ein Versuch, das gesellschaftliche „Klima“ zu verändern und das „Atom-Drama“ aufzulösen.


Dazu gehört eine geschickte
Werbung, die sich nicht als solche
zu erkennen gibt.

Ganz gezielt werden alle Ängste und Argumente der KritikerInnen aufgegriffen und mit „wissenschaftlich fundierten“ Versprechungen in Nichts auflöst. Das klingt ungeheuer verführerisch. Aber es erinnert auch sehr an die Zeit, als sich noch viele Menschen haben beeindrucken lassen von den „phantastischen“ Möglichkeiten der Atomenergie. Gleiche oder ähnliche Visionen finden sich in den Veröffentlichungen der 60er und 70er Jahre: die Anlagen werden so klein und sicher, daß sie in den Vorgarten passen. Der atomare Brennstoff ist ein perpetuum mobile; einmal aus dem Boden geholt, läßt er sich wieder und wieder nutzen. Der Müll am Ende verschluckt sich selbst. Verteilungsgerechtigkeit bricht aus: Meerwasser wird entsalzt; der reiche Norden überläßt dem armen Süden die fossilen Brennstoffe. Das, was den alten Reaktoren angedichtet wurde, wird jetzt im gleichen Brustton der Überzeugung der vierten Generation von Atommeilern zugeschrieben.

In einem Artikel im Technology Review ist die Rede von einem grundlegenden Wandel im Ansehen der Atomenergie: „Sie könnte sich nahtlos einfügen in die Vision einer neuen Energieversorgung: sauber und effizient, auf der Grundlage von Wasserstoff, erzeugt in neuartigen Reaktoren.“ Trotz vieler gegenteiliger Erfahrungen und Argumente sind die AutorInnen sichtlich beeindruckt von dem ungeheuren Potential und den Träumen und Visionen der Atomlobby. Sicherheit wird wieder zu einer verhandelbaren Größe und aufgewogen gegen die grenzenlosen Verheissungen der neuen Technologie: sicher, sauber und klimafreundlich, recyclebar, unbegrenzt, effizient. „Die neuen Reaktor-Technologien lassen ernsthaft hoffen, dass sich der Super-GAU von Tschernobyl mit modernen Kraftwerken nicht wiederholen wird. Die Kerntechniker haben aus ihren Fehlern gelernt. Ihre Ideen vom Kraftwerk der Zukunft könnten zu der Erkenntnis führen: Atomkraft - warum nicht?“

Offensichtlich sind die AutorInnen den neuen Versprechungen bereits selbst auf den Leim gegangen. Ihnen genügt die Aussicht, auf dem Weg zu einer „sichereren“ Atomenergie zu sein. Aber auch „sicherer“ bedeutet: unabsehbare Risiken und Schäden für Mensch und Umwelt in unvorstellbaren Zeiträumen. Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Argumente lesen sich wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. - Haben wir das nicht alles schon mal gehört, bis uns die grausige Realität eines Schlechteren belehrt hat?


„Wir brauchen eine neue Bevölkerung,“ sagen die Atombetreiber,

um die Atomkraft auch in Deutschland wieder salonfähig zu machen. Auch sie haben aus der Vergangenheit gelernt. Es geht darum, vorhandene Ängste und Zweifel miteinzubeziehen und die Bereitschaft für Risiko zu schaffen. Für die weitere Durchsetzung der Atomtechnologie wollen sie das mit dieser Technologie verbundene Risiko nicht mehr verschweigen, sondern konsensfähig zu machen. Denn, wie der Soziologe Ulrich Beck sagt: „Die Ignoranz gegenüber Risiken rächt sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Risikonachrichten, die so sicher wie das Amen in der Kirche sind, entwerten Kapital, zwingen Unternehmen letztlich weltweit dazu, die möglichen Bedenken der Konsumenten in den wachen Ländern des Westens ernst zu nehmen. Eine der entscheidenden Fragen der zweiten Moderne lautet daher: Wie können riskante Produkte und Dienstleistungen konsensfähig gemacht werden“.

Es geht darum, nicht nur Akzeptanz zu schaffen für eine Technologie, sondern auch für die damit verbundenen Risiken. Wenn die Menschen die Entscheidung für einen weiteren Ausbau der Atomenergie mittragen, müssen sie auch die Folgen hinnehmen. Und fehlender Widerstand macht das ganze Unterfangen doch viel billiger und wirtschaftlicher - für die Betreiber.

Für uns als Teil der anti-Atom-Bewegung erscheint es wichtig, zum einen genauer zu gucken, was die Entwicklung in der Energiewirtschaft und Energiepolitik sowohl bei uns als auch weltweit betrifft. Was tut sich da wirklich und wie können wir dem begegnen? Wie lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen, sondern finden Wege, uns gemeinsam für eine sofortigen Stillegung aller Atomanlagen einzusetzen und unsere Kämpfe vor Ort gegenseitig zu unterstützen.

Wir sind mit einer Werbe- und Akzeptanzbeschaffungskampagne konfrontiert, die es als solche zu erkennen, zu entlarven, und der es was entgegenzusetzen gilt.@

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