Die Wahrheit war vielfältiger: eine Erwiderung von WiderSetzen

Die Macht bloßstellen

von Katharina von Bechtolsheim

In dem Text der Gruppe „SAND“ wird Widersetzen dazu aufgefordert, zu bestimmten Ereignissen bei der Sitzblockade in Grippel Stellung zu beziehen; die Menschen von Widersetzen erhalten dies Kritikpapier aber erst, nachdem sie über Umwege darüber erfuhren, dass es dieses Vorwurfsschreiben gibt. Inzwischen wurde ein Gespräch zwischen „SAND“ und Widersetzen- Menschen geführt. Dennoch landet der SAND-text leider unverändert in der Diskussionsrubrik der aaa- website. Wir möchten jetzt darauf erwidern.

Ganz klar: verschiedene Menschen handeln aus verschiedenen Überzeugungen und Motiven verschieden. Der Castorwiderstand vereint eine Menge Menschen unter einem gemeinsamen Willen: Gorleben soll nicht als Endlager zementiert werden; der Landkreis soll nicht rechtlich geknebelt werden, der selbstbestimmte Mensch darf nicht einfach ausgehebelt werden. Darin sind sich alle einig.

Und schon sind wir bei den Unterschieden angekommen.
Wir wechseln den Standort und landen bei dem Teilbereich „Sitzblockade Grippel“, vorbereitet von Menschen, die sich unter dem Namen Widersetzen treffen.
Eine andere Gruppe von Menschen, die AutorInnen des SAND-Textes, erleben an einer Stelle, an der Scheune neben der Straße – also neben dem Hauptgeschehen der Nacht, Dinge, die sie untragbar finden. Was über den Lautsprecherwagen kommt, der am Rand des Geländes zur Straße hin steht, empfinden sie als „offene Kooperation mit der Polizei“. Sie erleben es als Verrat, dass der Sprecher dazu aufruft, die Ruhe zu bewahren. Die Geste, mit der sie am liebsten auf das Gebaren der Polizei antworten würden, sähe anders aus: sie würden lieber aktiv aufbegehren, sich der Polizei in den Weg stellen, verhindern, dass Menschen herausgegriffen werden, verhindern, dass die Polizei überhaupt aufs Gelände kommt. Die Polizei, finden sie, hat hier nix zu suchen! Andere AktivistInnen, die sich vor der Scheune aufwärmen oder sich nicht durchringen wollen, sich auf die Straße zu setzen verhalten sich passiv – und SAND empfindet es als feige („keine Courage“), dass sie sich nicht lautstark für diejenigen einsetzen, die abgeführt werden Sie erleben das Verhalten anderer als entsolidarisierend, sehen sich – oder andere, das wird nicht ganz deutlich – auch wegen ihrer äußeren Erscheinung (dunkle Kleidung, Kapuzis) an einer Stelle in der Sitzblockade ausgegrenzt.

Alle diese Teilerfahrungen geben für sie ein enttäuschendes Bild, über das sie empört sind. Wie sie selbst sich in dem Ganzen verhalten haben, wird nicht ganz klar. Ganz offensichtlich entspricht aber das Gesamtbild, das sich ihnen ergibt, überhaupt nicht den Vorstellungen und Grundsätzen, die sie selbst über eine gute, wirkungsvolle Blockade haben.

Ganz kurzer Ausflug in die Vogelperspektive:

zu gleicher Zeit sitzen auf der Straße zwischen 900 und 1000 Menschen. Die Polizei hat das halbe Dorf, die Straße und mehrere Grundstücke eingekesselt, alle dort befindlichen Menschen als „in Gewahrsam genommen“ erklärt. Viele der Sitzenden und Anwesenden sind erst in den letzten Stunden eingetroffen, unter anderem auch die Autoren des SAND-Papiers. Schon nachmittags herrschte dichtes Leben auf der Straße – Tanz, Musik, Präsenz. Jetzt ist abzusehen: die Polizei wird irgendwann räumen, es sieht jedoch nicht so aus, als wolle sie das gleich tun. Die Sitzenden signalisieren durch ihr Verhalten: von alleine gehen wir nicht. Äußerlich gesehen sitzen die meisten wie die Lämmer da. Wehrt sich keiner? Sogar der Sprecher ruft zur Ruhe auf?

Na,in Wahrheit ist das Bild wesentlich vielfältiger: an einigen Stellen wird „Haut ab!“ gerufen, an anderer Stelle herrscht weitgehend entspannte Stimmung; in den einen Reihen sitzen Autonome, grummelnd, aber tolerant, an anderer Stelle wird gesungen; gleich daneben wird darüber gewitzelt -dahinter Familien, Mütter, Väter, Söhne, Töchter – davor wohlvorbereitete Bezugsgruppen, Altgediente, junge Leute, daneben der ein oder die andere „Erstling“. Die juristisch einigermaßen blödsinnigen Durchsagen der Polizei werden vom Lautsprecherwagen aus kommentiert: „Vielleicht braucht die Polizei ja doch Nachhilfe in Rechtsfragen!“ und ähnliches.

Dazwischen ertönt Musik, alles mögliche wird reingereicht – ( zum Beispiel später auch die Schöneberger Rathausglocken mit dem unsäglichen Friedenstext). Irgendwann erreicht den Sprecher die Nachricht, dass die Polizei voraussichtlich hart durchgreifen will. Er ruft zur Ruhe auf. Sollte er die Sitzenden lieber ermuntern, sich der Polizei ordentlich entgegenzuschmeißen, damit Anlass gegeben wird, zuzuschlagen?

Wieder zu SAND:

eine große Aktion hat viele Unwägbarkeiten. Sie wird nie alle gleichermaßen beglücken oder verärgern. Ihre Wirkung wird im Nachhinein immer unterschiedlich eingeschätzt werden. Und natürlich passieren immer auch Fehler. Von den Menschen, die auf irgendeinde Art dafür sorgen, dass ein Rahmen geboten ist, fordert sie, vorher so gut wie möglich zu überlegen, was sie tun und anbieten wollen. Wenn es dann so weit ist, fordert sie Geistesgegenwart. Das ist nicht immer leicht, besonders, wenn die Situation droht unüberschaubar zu werden. Auch in Grippel ist uns einiges danebengegangen, denn wir waren zwar recht klar in den Überlegungen – aber weit weniger perfekt organisiert, als es vielleicht schien.

Diese Blockade war über Wochen angekündigt als eine, die ein politisches und menschliches Zeichen setzen will; die den Castor voraussichtlich nicht zu quietschenden Bremsen bringen wird, die den unterschiedlichsten Menschen die Möglichkeit bietet zu zeigen, dass selbst ein Kessel oder die Androhung von rechtlichen Folgen oder Gewaltanwendung sie nicht davon abbringt, Gesicht zu zeigen. Und oftmals macht sich das Gesicht eines ruhig Sitzenden gar nicht schlecht gegenüber einem Vertreter der Staatsmacht, der sich nicht anders zu helfen weiß, als diesem das Handgelenk zu verdrehen.

Die äußerlich „kooperierende“ Geste („schleif mich doch weg, wenn du musst!“ – oder „kesselt uns doch ein, wenn Ihr euch nicht zu helfen wisst!“) mag aussehen wie Ergebenheit oder prima Zusammenarbeit: eigentlich entblößt sie den Machtausübenden. Und sie enttarnt das System. Bei all den widersinnigen Kesselungen im November hat die Polizei allein durch den ganzen juristischen Unfug, der passiert ist, ein sauberes Eigentor geschossen: die Entrüstung im Landkreis ist riesig! Und was die Mutfrage betrifft: ob es immer die mutigste Geste ist, die „Gegenseite“ auszubuhen und gegen sie anzurennen, ist eine Frage der Einschätzung. Für den Betrachter vor dem Fernseher kann es ein Aufwacherlebnis werden: „Die tun ja gar nix Schlimmes; sie zeigen einfach ihre Überzeugung– und werden trotzdem gehauen.... Kann das gerecht sein? Auf wessen Seite ist hier eigentlich das Recht? Und warum?“ Und der oder die Sitzende zeigt dem Polizisten, im bestem Fall auch dem Politiker: Dadurch, dass ich mich scheinbar passiv verhalte, kommt deine Geste umso deutlicher zur Geltung: und sie ist unsauber. Was du durchsetzen willst, ist unsauber. Das sehen jetzt alle. Statt dich anzugreifen, zeige ich: du bist der Täter. In dem, was du mir vielleicht antust – und in dem, was du vertrittst.

Wer nach Grippel kam, konnte ungefähr wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Konnte selbst entscheiden, wie weit er oder sie gehen will. Dass einige Menschen da waren, die sonst eher in anderen Spektren zu finden sind, hat viele von uns ehrlich gefreut. Eine gewaltfreie Sitzblockade ist eine Aktionsform, für die sich hier viele hundert Menschen entschieden haben. In der besagten Nacht ging es weit weniger „fanatisch gewaltfrei“ zu, als bunt, gemischt Diese lockere Mischung hat viele begeistert.

Wer es damit schwer hatte: es gibt viele Arten, Widerstand zu leisten! Und das ist gut so! Vom Aktivisten und der Aktivistin fordert die Teilnahme an jeder Aktion eine gesunde Selbsteinschätzung: Ist das seine oder ihre Aktionsform? Wer dazugeraten ist, ohne sich zu informieren, ist vielleicht auch ein Stück weit verpflichtet sich Klarheit zu verschaffen, ob er oder sie mit seiner oder ihrer Kritik richtig liegt... spätestens im Nachhinein! Am besten nachfragen! Und: Es liegt uns „Widersetzenmenschen“ absolut fern, irgendjemanden zu überrumpeln, zu benutzen oder auszugrenzen.

Dass einzelne AktivistInnen einzelne andere AktivistInnen ausgegrenzt haben mögen, liegt auch mit daran, dass es eben nicht die für alles verantwortliche Demoleitung gab, die den Verlauf der Aktion „von oben“ exakt bestimmt und gelenkt hat. Gott sei Dank!

Die einfachste und beste Lösung wäre, vorher miteinander zu sprechen und abzutasten, inwieweit verschiedene Aktionskulturen zusammenpassen, welcher Überzeugung sie entspringen, welches politische Ziel sie haben, wo sie sich ergänzen und wo etwaige Grenzen sind. Dazu würde allerdings ein gewisses Interesse am Andersartigen gehören und die leise Ahnung davon, dass unter Umständen auch andere Herangehensweisen als die eigene berechtigt sind.

Aus so etwas kann echte Solidarität entstehen! Wie wär‘s? Am Ende ihrer Forderungen-Liste fordert die Gruppe SAND die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen. Das finden wir auch gut – aber Widersetzen allein wird das wohl nicht schaffen; leider!@

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