Studie untersucht die Folgen von Flugzeugabstürzen auf Atomkraftwerke

Warnung vor dem Super-GAU

von Reimar Paul

Gezielt herbeigeführte Flugzeugabstürze auf deutsche Atomkraftwerke können verheerende Folgen haben und einen »Super-GAU« auslösen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit (GRS).

Das Gutachten wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland stellte jetzt eine Kurzfassung des offiziell geheimgehaltenen Reports ins Internet (www.bund.net). Dem Papier zufolge sind insbesondere die neun älteren Atomkraftwerke Biblis A und B, Brunsbüttel, Esenshamm, Neckarwestheim 1, Obrigheim, Ohu 1, Philippsburg 1 und Stade stark gefährdet. Bei diesen Meilern könnte schon der Absturz eines kleineren Verkehrsflugzeugs eine Katastrophe auslösen. Beim Siedewasser-Reaktor Brunsbüttel zum Beispiel, der gegen Abstürze überhaupt nicht ausgelegt ist, werden die Folgen eines solchen Crashs als dramatisch beschrieben.

Nach Ansicht der GutachterInnen wäre der weitere Kraftwerksbetrieb nach einem Aufprall hier im günstigsten Szenario »fraglich«, im schlechtesten Fall die Freisetzung gewaltiger Mengen Radioaktivität sehr wahrscheinlich. Die GRS-WissenschaftlerInnen hatten die Folgen eines Terroranschlags mit drei unterschiedlich großen Passagierflugzeugen (Boeing 747, Airbus A 300 und Airbus A 320) bei zwei verschiedenen Aufprallgeschwindigkeiten (100 Meter pro Sekunde und 175 Meter pro Sekunde) berechnet. Beim Abstürzen größerer Maschinen könnten dem Gutachten zufolge aber auch alle übrigen zehn Reaktoren außer Kontrolle geraten. »Fraglich« sind die Folgen demnach auch, wenn ein Triebwerk die Gebäudewand eines Reaktors durchschlägt. Mit einer »erheblichen Freisetzung« von Radioaktivität ist unter Umständen bereits dann zu rechnen, wenn Wrackteile die Reaktorkuppel treffen und beschädigen

Die BUND-Vorsitzende Angelika Zahrnt glaubt, daß die Folgen eines Super-GAU in Deutschland wegen der großen Bevölkerungsdichte viel katastrophaler wären als beim großen Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986. Die Bundesregierung und die Bundesländer wüßten um diese Gefahr und seien der Öffentlichkeit eine Erklärung schuldig, welche Gegenmaßnahmen sie ergreifen wollten. Die jüngst bekannt gewordenen Pläne, Atomkraftwerke im Fall eines Flugzeugangriffs einzunebeln, bezeichnen Atomkraftgegner als unseriös und hilflos. Solche Vorhaben seien »im Zeitalter der Navigationssysteme lächerlich«, sagt Francis Althoff von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

Das Bundesumweltministerium hatte kürzlich Überlegungen bestätigt, wonach künstlich erzeugter Nebel etwaige TerrorpilotInnen irritieren soll. Mehrere Landesregierungen haben inzwischen allerdings eingeräumt, daß sie auf Reaktorkatastrophen nach Flugzeugabstürzen überhaupt nicht eingestellt sind. @

Junge Welt 6.02.04

Zum Inhaltsverzeichnis

Ende