| „Der Wind macht die Sache sehr, sehr kompliziert“
Nebulöse Sicherheit von Christopher SchraderDer Plan der bayerischen Staatsregierung, das Atomkraftwerk Isar 1 nahe Landshut bei einem drohenden Terrorangriff per Flugzeug durch eine künstliche Vernebelung zu tarnen, stößt bei Experten auf Kritik. „Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit immer wieder von Dingen erzählt wird, die dann doch nicht funktionieren“, sagte der Hamburger Chemiker Günther Schaidt. Schaidt gilt als Experte für Vernebelung, spätestens seit er 1984 einen „Technischen Oscar“ der Motion Picture Academy gewonnen hat – für die Entwicklung von ungiftigem Bühnennebel. Besonders der Wind, sagt Schaidt, mache die Vernebelung eines Gebäudes „sehr, sehr kompliziert“. Mit den Plänen zur Vernebelung reagierte die Staatsregierung auf Berichte, besonders Isar 1 sei unzureichend gegen den Absturz eines Verkehrsflugzeugs geschützt. Künstliche Nebelwände, hatte Umweltminister Werner Schnappauf angekündigt, sollten das Kraftwerk bei Terrorangriffen wie auf das World Trade Center in New York unsichtbar machen. Wie dieser Schutz funktionieren soll, erklärt ein Fachbeamter des Umweltministeriums, der „aus Sicherheitsgründen“ nicht genannt werden möchte: Rings um das Kraftwerk werden Batterien aus Nebelgranaten aufgestellt. Sie lassen sich bei einem Alarm elektronisch zünden, die Reihenfolge und Frequenz hänge von den Windverhältnissen ab, so der Beamte. Vertreibe der Wind die Nebelwand zu schnell, könne man „noch mal zünden“. Auch über diese Vernebelung erstellt die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) zurzeit ein Gutachten. Ein Versuch dazu hat Fachleuten zufolge vor Monaten auf einem Schießplatz in der Lüneburger Heide stattgefunden. Der Wind weht nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes im Isartal durchschnittlich mit 2,5 Meter pro Sekunde. Die Spitzenböen, die am nahen Münchner Flughafen registriert werden, sind besonders im Herbst und Winter aber zehnmal so schnell. Das heißt, dass die Nebelwolke schon bei Durchschnittswind von 150 Meter in der Minute weitergetrieben wird, bei böigem Wind wäre es weit mehr. Die Batterien mit den Granaten, sagt Schaidt, müssten also „wahrscheinlich in mehreren Radien um das Kraftwerk aufgestellt werden“, um auf alle Windstärken eingestellt zu sein. Zudem müssten die Granaten gleichzeitig am Boden und auf Masten gezündet werden, „denn der Nebel muss auch Zeit haben, sich nach oben und unten zu verbreiten“. Diese Anlagen und die Bunker zur Lagerung der Granaten seien nach dem Sprengstoffgesetz zu bewachen. „Das ist eine riesige logistische Aufgabe.“ Wie realistisch diese Art der Verteidigung gegen einen Terrorangriff ist, hängt nicht nur vom Wetter ab. Entscheidend ist die Vorwarnzeit, und diese wäre bei Isar 1 womöglich sehr kurz. Die nächste Luftstraße verläuft drei Kilometer südlich des Meilers. Bis auffällt, dass eine Maschine auf Isar 1 gelenkt wird, ist diese womöglich schon auf wenige Minuten an das Kraftwerk herangekommen. Falls die Nebelwand noch rechtzeitig gezündet werden kann, soll sie einem Luftpiraten das genaue Zielen erschweren. Denn trifft er zehn Meter „daneben“, bleibt die Reaktorhülle womöglich intakt. Allerdings, so fürchten Experten, könnte ein Entführer sein eigenes GPS-Gerät mit ins Cockpit bringen, und sein Ziel dank Satellitennavigation finden – trotz künstlichen Nebels. Ende |