| 7.-9. Mai 2004: Atomkongress der IPPNW
Atomwaffen & Atomenergie in einer instabilen Welt
Die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) veranstaltet vom 7.-9. Mai 2004 in Berlin einen Europäischen Kongress „Atomwaffen & Atomenergie in einer instabilen Welt – Analysen und Auswege“. Der Kongress wird von zahlreichen Verbänden der Anti-Atom-Bewegung unterstützt. aaa sprach mit einem der Organisatoren des Kongresses, dem Berliner Arzt Dr. Jürgen Hölzinger.
Herr Hölzinger, die IPPNW veranstaltet im kommenden Mai in Berlin einen Kongress zu Atomenergie und Atomwaffen. Sind diese Themen nach dem gescheiterten Atomausstieg noch von öffentlichem Interesse?
Vor einem Jahr haben wir beschlossen, diesen Kongress durchzuführen. Das waren damals tatsächlich keine Themen von großem Interesse. Dank US-Nuklearstrategie, Mininukes und Bunkerbusters sind Atomwaffen leider wieder aktuell geworden. Hanaufabrik-Export, EPR für Finnland und Nebelkerzen für deutsche Atomkraftwerke bei Terrorgefahr haben in Sachen Atomenergie für Schlagzeilen gesorgt. Dass der „Atomausstieg“ gescheitert ist, muss der Mehrzahl der Menschen bei uns noch vermittelt werden.
Auf der Kongress-Homepage werben Sie damit, insbesondere über die Strukturen, Hintergründe, Mechanismen, Interessengruppen und Verflechtungen in der Atompolitik informieren und diskutieren zu wollen. Was versprechen Sie sich davon?
Viele Menschen haben geglaubt, man brauche nur die politische Opposition zu wählen, und alles würde besser. Nicht nur beim „Atomkonsens“ wurde deutlich, dass mittlerweile leider nicht mehr Politiker die Politik bestimmen, sondern transnationale Konzerne, Lobbygruppen, Medien und Finanzmächte. Am Beispiel der Atompolitik kann man diese Mechanismen gut aufzeigen, die so auch in den meisten anderen Politikbereichen ablaufen. Wenn die ökonomische Alphabetisierung über die eigentlichen Zusammenhänge nicht fortschreitet, werden wir immer weiter an den kleinen und falschen Rädchen drehen und uns wundern, dass nichts passiert.
Wie soll das gelingen, die Dinge hinter den Kulissen auf einem Kongress offen zu diskutieren?
Wir haben Leute eingeladen, die Bescheid wissen. Wir haben sie gebeten, auch mal aus dem Nähkästchen zu plaudern und gerade das zu erzählen, was man sonst nur vereinzelt in den Kaffeepausen zu hören bekommt. Ob sie es tun, wird weitgehend von den hartnäckigen Nachfragen der Kongressteilnehmer abhängen. In zahlreichen Workshops ist Gelegenheit dazu.
Sie stehen nicht nur den Politikern skeptisch gegenüber, sondern auch den Medien. Sollen Journalisten wie Eckart Spoo auf Ihrem Kongress Medienschelte betreiben?
Medien – einschließlich Internet – liefern hervorragende Informationen und Kommunikation, aber auch Propaganda und Manipulation. Nach der Bundestagswahl 1998, als Öffentlichkeit und Politik auf einen Bestandsschutz statt auf eine Stilllegung der Atomkraftwerke eingeschworen werden sollte, konnte man in den Zeitungen zwar fast täglich die immer gleichen Argumente der Atomindustrie lesen. Die Argumente der Anti-Atom-Bewegung drangen hingegen nicht durch.
Als weiteres Terrain der atompolitischen Auseinandersetzung wollen Sie sich auch der Forschung zuwenden ...
... Atompolitische Entscheidungen werden ständig unter Verweis auf wissenschaftliche Gutachten legitimiert. Die Ärztin Helga Dieckmann und die Professoren Lengfelder und Schmitz-Feuerhake werden zu berichten wissen, wie Forschung behindert und für die jeweiligen Zwecke nutzbar gemacht werden kann.
Welche weiteren Informationen zum Thema Atomenergie dürfen wir auf dem Kongress erwarten?
Wir wollen zahlreiche Fragen diskutieren. Zum Beispiel: Lässt sich der Bau der Siemens/Framatome-Reaktoren in Finnland und Frankreich verhindern? Warum verschenkt Siemens seine Hanaufabrik an China? Was ist mit dem Iter, was mit der neuen Brüter-Generation? Was spielt sich in Zentraleuropa ab? Ist die Stilllegung der Atomkraftwerke verfassungsrechtlich zwingend? Wie verhindern wir die Zwischenlager? Sind Katastrophenschutz, Siemens-Boykott oder ausreichende Haftpflichtversicherung Wege für die Stilllegung der Atomkraftwerke?
Sie wollen sich auf dem Atomkongress auch mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Worum soll es da konkret gehen?
Das Festhalten an der Atomenergie korrespondiert mit den vielfältigen Versuchen der Energiewirtschaft, den Ausbau erneuerbarer Energien zu behindern. Diese Strukturen müssen öffentlich gemacht werden. Zugleich macht der eindrucksvolle Boom der Erneuerbaren Hoffnung und bietet Auswege aus der fossil-nuklearen Sackgasse, aus der Arbeitslosigkeit und aus den Kriegen ums Öl.
Es geht auf dem Kongress der Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges natürlich auch um Atomwaffen ...
... Amerikanische Kolleginnen und Kollegen werden aus erster Hand über die neue US-Nuklearstrategie berichten. Aus Russland kommt Lydia Popova. Auch in Deutschland lagern immer noch Atomwaffen. Ein Anliegen des Kongresses wird sein, über die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands zu diskutieren.
Sie sparen auch nicht am Rahmenprogramm mit Lesungen, Kultur und bekannteren Köpfen. Es gibt also mehr als nur trockene Analysen?
Um beim Atomthema nicht depressiv zu werden, brauchen wir alle Hilfe und Unterstützung. Kultur mit Wort und Musik kann eine solche Hilfe sein. Engagierte Menschen wie Helen Caldicott, Hans-Peter Dürr, Bernhard Lown, Hermann Scheer, Jakob von Uexküll und Konstantin Wecker können uns mit ihrem Optimismus helfen.
Auf Ihrer Kongress-Homepage findet sich unter der Rubrik „Wissenswertes“ eine Fülle brisanter Texte zum Einlesen. Das wirkt wie eine fundamentale Breitseite auf Staat, Medien und Atomindustrie. Wollen Sie dem Establishment das Fürchten lehren und die Anti-Atom-Bewegung neu beleben?
Es kann nichts schaden, kritische Artikel bereits im Vorfeld eines Kongressbesuches zu lesen. Da kriegt man bisweilen selbst das Fürchten. Der Kongress soll ein Stein im Mosaik der Anti-Atom-Bewegung sein. Diese aber ist weltweit und lebt von den vielen kleinen Inputs von Millionen von Menschen.
Der Kongress scheint eine runde Sache zu werden!
Ich hoffe es. Die Kongressteilnehmer sollen Gelegenheit haben, sich zu informieren, zu diskutieren, alte Freunde wieder zu treffen und neue zu finden.
Ausführliche Informationen und Anmeldeformular im Internet:
http://www.atomkongress.de
IPPNW-Geschäftsstelle
Körtestr. 10
10967 Berlin

Ende |