Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
 
Foto widersetzen

weiter zu widerreden

 

widerSetzen

ab Seite 59.

Zu einem gemeinsamen „Straßenkonzept“ gehören Blockadepunkte in drei Dörfern auf den beiden möglichen Transportstrecken.

zur Übersicht

 
Sitz - Blockade
Von Sigrid Stutynka

(...) Es ist schon dunkel, und uns ist klar, dass wir darauf achten müssen, auf der Straße zu sein, bevor die Polizei "zumacht", es werden auch immer mehr Polizisten in voller Rüstung, die da am Rand hin und her gehen. Auch wir gehen in kleinen Gruppen, besonders an den Enden der Menschenansammlung, Richtung Laase und auf der anderen Seite, um zu sehen, ob sie von diesen Seiten her massiv vorrücken und uns etwa überraschen. Aber wir sehen nichts.

Und dann plötzlich wird es ernst, der Kessel wird geschlossen, und wir sitzen auf der Straße. Ich habe es geschafft, und die große Angst ist weg. Mein wichtigstes Problem ist, wo die Beine hintun. Ich sitze neben Thea, und ein Mann, noch älter als ich, ist auch da. Ich bin doch ziemlich erleichtert. Da kommt aus dem Lautsprecher die verblüffende Meldung: "Die Menschenmenge auf der Straße in Grippel ist in Gewahrsam genommen."

Ist denn so was möglich? Wasserwerfer fahren auf, und bevor ich es richtig kapiere, wird eine Rolle Plastikfolie über uns ausgerollt, von erhobenen Händen weitergegeben. Auf beiden Seiten sollen Wasserwerfer stehen. Draußen sitzt Jochen am Lautsprecher des Musikwagens und kommentiert. Korrigiert, was die Polizei falsch durchsagt, Und wir sitzen unter der Folie und schreiben auf Zettel unsere Namen und dass wir eine richterliche Überprüfung wollen. Becher mit heißem Tee und Kekse werden durchgegeben.

Ich weiß nicht, wie lange das alles gedauert hat, jeder Zeitbegriff ist mir verloren gegangen. Starke Scheinwerfer leuchten durch die Folie. Ich weiß nicht mehr alle Lautsprecherdurchsagen, nur dass zu unserer großen Freude Jochen oft korrigiert und die Sitzenden zur Besonnenheit aufruft. Er sorgt dafür, dass es nicht eskaliert, immer wieder höre ich "lasst euch nicht provozieren, bleibt ruhig". Wir unter der Folie singen.

Und dann wird es ernst, die Folie wird von der Polizei weggezogen – brr, ist das kalt ohne, jetzt merkt man erst, was für ein guter Kälteschutz das war. Noch eine Durchsage, wir sollen uns freiwillig in die Absperrung begeben! Soweit ich sehen kann, rührt sich keiner. Und dann geht das Abräumen los. Vom Musikwagen kommt tiefes Glockengeläute.

Ich hab es ja noch nie selbst erlebt, wie das ist, und wie diese gerüsteten Polizisten aus dieser Perspektive aussehen. Ich sitze ganz starr da, wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich hätte doch genau aufpassen müssen, was sie mit meinen Mitsitzern tun, aber dann kommen diese großen Stiefel, die zwischen uns trampeln, nur eine schnelle Drehung, sonst hätte ich einen im Bauch gehabt. Es geht ihnen wohl sonst zu langsam, nur vom Rand weg die Menschen zu holen. Ich seh, wie sie mit ihren behandschuhten Händen in Gesichter hineingreifen und Köpfe nach hinten drücken, viele skandieren "keine Gewalt, keine Gewalt", da sind sie bei mir. Anscheinend wird jeder gefragt "kommen Sie freiwillig mit", und ich habe Angst und sage ja. Von 2 Seiten wird man hochgerissen, ich weiß gar nicht, wie es mir gelingt, den Sani Rucksack zu behalten. So wird ein Verbrecher im Krimi abgeführt.

Und dann kommt die Lautsprecherdurchsage: Man hat Kenntnis davon, dass aus unseren Reihen Straftaten geplant seien. Und wenn irgendeine Aktion von uns ausgehe, würde man ohne Vorwarnung Gewalt anwenden, auch Wasserwerfer. Allen ist klar, jetzt kommen sie. Und kurz danach erscheint der erste weiße Block, gespenstisch gleitend, in einem ohrenbetäubenden Pfeif- und Pfuiruf Konzert. Ich bin wie erstarrt, und doch schrei ich mit. Ich hab nicht mitgezählt, aber – das können doch nicht alle sein? Nein, es war nur eine Pause, diese kurze Unterbrechung hat jemand verursacht, doch schon kommen weitere. Bis zum vorletzten halt ich’s aus, dann verlier ich die Nerven und fang zu heulen an. Und werde von einer neben mir stehenden Frau in Mantel mit Pelzkragen ganz lieb getröstet. Nachher erzählt sie mir, dass sie eigentlich nur gekommen war um zu schauen – und schon war sie mitgefangen.

Es wird noch einige Zeit dauern, bis für mich das Leben wieder normal wird. Körperliche und seelische blaue Flecken brauchen eben Zeit.