Was Ihr könnt, können wir schon lange!
Volkfiener Kessel
von W. Grimm
Sich regen bringt Segen, dachten sich Landwirte aus Volkfien und Umgebung. So schwangen sie sich auf ihre Traktoren und tuckerten los zur Auftaktkundgebung. Auf dem Heimweg nahmen sie den Weg am Feuerwehrmuseum vorbei, die allseits bekannte Abkürzung durch den Wald. Die Zeit drängte nicht und so machten sie noch einige Erkundungsfahrten rund um ihre Felder hinter der ehemaligen Kaserne Neu Tramm. Die ist ja in den Castor-Tagen wieder mal zur Gefangenen-Sammelstelle umfunktioniert.
Sparen wir doch Energie, dachten sie sich und fuhren ohne Licht - kannten sie doch ihre Felder wie ihre Jackentasche. Wozu also Licht? Der Polizei gefiel das natürlich nicht, so ein Rumgekurve der Trecker und dann ohne Licht! Wer weiß, was die da so machen? Es gab ein lustiges Hase und Igel Spiel, wie wir es so aus dem Märchen kennen.
Einige Landwirte standen inzwischen mit dem restlichen Dorf relaxt am Lagerfeuer. Es gab so einiges zu erzählen und der eine oder andere Glühwein wurde zum Aufwärmen getrunken. Bald konnten wir das Brummen der restlichen Trecker hören, die von den Feldern zurückkehrten. Kaum waren sie auf dem Dorfplatz, nahten 2 Wagen der Polizei. Sie mußten abrupt ihre Fahrt stoppen, da sich ihnen die Leute in den Weg stellten. Überhäuft mit Buh-Rufen, fuhren sie sogar rückwärts. Erbost über die Verfolgung bis in das Dorf, umrundeten die zuletzt gekommenen Treckerfahrer das Dorf von der anderen Seite und stellten ihre Trecker am Abzweig zum Feuerwehrmuseum ab. Der angetretene Rückzug der 2 Polizeiwagen kam zum Stocken. Am Ende standen die 2 Wagen inmitten von 6-8 Treckern.
Was die Polizei kann, können wir schon lang, dachten sich die Volkfiener, und hielten diese Kesselung aufrecht. Auch wir Dorfbewohner wollten uns diesen Spaß nicht entgehen lassen und machten uns auf, den Kessel zu betrachten. In dem Mercedes saßen 3 Männer mittleren Alters, sie trugen Zivilkleidung und waren mit der Situation augenscheinlich nicht einverstanden. Ebenso wie die Personen im Bulli hatten sie keine Lust, auszusteigen. So saßen sie da im Wagen bei laufenden Motor. Ihre Gesichter wurden immer finsterer, ließ die vermutlich angeforderte Hilfe doch auf sich warten. Wir, das Fußvolk, sprangen munter um den Fang herum: so eine fette Beute hat man doch nicht alle Tage. Das Gejohle unsererseits war groß, als die Insassen des Mercedes eine Karte des Landkreises entfalteten und sich grübelnd drüber beugten.
Doch dann, so gegen 23.00 Uhr näherten sich von Breselenz her wirbelnde Blaulichter, "das muß ja eine ganze Hundertschaft sein" dachte ich bei mir. Nach einem kurzen Telefonat hatte ich die Bestätigung. Eine Hundertschaft Bamberger war auf dem Weg. Die sind bekannt für ihr hartes Vorgehen. Diese Nachricht und die Tatsache, daß die 2 Fahrzeuge auf jeweils einem Reifen Luft verloren - keine konnte sich das erklären - ließ einen Rückzug sinnvoll erscheinen.
Die Bullis und Mannschaftwagen fuhren in Kolonne in das Dorf ein und wir fragten uns: "Werden wir nu alle abgeholt?" Die Trecker hatten sich auf einen Hof gestellt. Dieser war für die Polizei wegen der Dunkelheit schlecht einsehbar. Die Polizei zögerte, wo waren die Trecker? Bevor sie handeln konnte, verließen die Treckerfahrer den Hof über das hintere Hoftor und machten sich über die moorigen Wiesen davon. Unerreichbar für die Polizei. Gleichzeitig fuhr ein Landwirt gerade mit seinem Trecker und einem 4-Scharpflug aus seinem Hoftor. Die Polizei ließ ihn natürlich nicht aus der Einfahrt und fragte den Landwirt was er denn wolle. "Ich will auf`s Feld zum Pflügen!" war die Antwort."Was jetzt um Mitternacht?" Die Polizei war nicht zu überzeugen.
So gab es lustige Dialoge zwischen Polizei und Dorfbewohnern. Auch die Polizisten wurden nach und nach gelassener und plauderten irgendwann über die bevorstehende Mondfinsternis. Die Moral von der Geschicht, ausgesprochen von einem Polizisten lautet in etwa: "Was sind die auch so blöd, mit nur 2 Wagen in ein mit Treckern übersätes Dorf zu fahren."
Laternegehen zum Nachbarn
Von Jens Magerl
Auf dem Weg ins Nachbardorf Quickborn weichen wir einer großen Pfütze aus.
Irgendeine undichte Wasserleitung. Noch können wir nicht ahnen, daß es diese Pfütze bald zu einer gewissen Berühmtheit bringen wird. Klar, jeder denkt sofort an die Geschichte von der Wasserleitung, die von Unbekannten in den neuen Bahndamm des Castorgleises verlegt worden sein soll. Durch alle Köpfe zieht dieselbe Fantasie und über alle Gesichter läuft ein Grinsen. Die Gedanken wenigstens sind frei...
Wir sind nicht viele. Auch als wir uns mit Laternenträgern aus Quickborn vereinigen, sind wir noch immer ein eher kümmerlicher Haufen. Vielleicht dreißig Menschen. Auf der Südstrecke in Gusborn sieht es anders aus. Dort sind schon wieder Traktoren auf der Straße. Und hunderte von Menschen. Und natürlich viel Polizei - ungeladene Gäste eines wendländischen Brauchtumsfestes. Offensichtlich wird dieses spontane Fest mal wieder als Straßenblockade mißverstanden.
Wir beschließen, unseren Nachbarn einen Besuch abzustatten. Ortskundige führen uns über enge Waldwege und quer über abgeerntete Felder. Das ist romantisch und ärgert die Magdeburger Polizeifahrzeuge, die uns begleiten und beobachten. Sie wechseln hektisch zwischen Vor- und Rückwärtsgängen. Die Ordnung verheddert sich. Wendländische Gepflogenheiten sind für Auswärtige manchmal schwer zu durchschauen.
Kurz vor dem Ziel schießt ein Einsatzwagen auf uns zu. Etwa 10 Beamte stellen sich uns in den Weg. Dabei sind wir noch ein paar hundert Meter vom Versammlungsverbot entfernt. Die Einsatzkräfte sind offensichtlich neu. Ehe sie es fassen können, sind wir durch ihre Kette hindurchgeflossen und gehen weiter in Richtung Volksfest. Die Uniformierten werden ärgerlich, überholen uns im Laufschritt und stellen sich erneut breitbeinig vor uns auf. Sie wissen noch nicht, daß sie bei diesem Zahlenverhältniss keine Chance haben. Wir glitschen durch die Absperrung wie ein nasses Stück Seife. Das haben wir schon oft praktiziert, und es passiert fast beiläufig. Hätte ich gewußt, daß dies für diesen Castortransport meine einzige Gelegenheit war, durch eine Polizeikette zu fließen - ich hätte es noch tiefer genossen. Man kann es sich theoretisch schwer vorstellen, aber es ist eine unvergleichliche Erfahrung. Dieses fassungslose Staunen, das sich auf den Gesichtern der Polizisten breitmacht.
Die Straße von Gusborn steht voller Traktoren, um die sich Trauben von Menschen gebildet haben. Dicht wie Ameisen kleben junge Leute auch auf den Dächern der Zugmaschinen. Aus einem Lautsprecherwagen plätschert Musik. Aus den Töpfen der Volx-Küche dampft heiße Suppe. Die Stimmung ist freundlich und gelassen.
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