| Einige Anmerkungen zur Diskussion um die Strommarktliberalisierung
Wendepolitik und Energiewende von Peter ProbstAuf dem Strommarkt ist viel in Bewegung. Die europaweite Liberalisierung muss oft als Begründung für verschiedene Phänomene herhalten: Preisstürze, Arbeitsplatzabbau, Übernahmen, Fusionen, vermeintliches Ende der regenerativen Energien usw. Doch Arbeitsplatzabbau und Verkauf kommunalen Eigentums an E-Werken auf Grund leerer öffentlicher Kassen sind Entwicklungen, die nicht erst durch die Liberalisierung, sondern bereits vorher durch politische und ökonomische Strategien geschaffen wurden. Betriebswirtschaftlich ist bei den Konzernen seit den 90er Jahren das Konzept des Shareholder Value maßgebend. Diese Strategie zielt auf einen möglichst hohen Aktienkurs, begleitet von einer ertragsreichen Dividendenausschüttung. So sollen vorrangig die Interessen der Anteilseigner bedient werden. Wichtiges Instrument dabei ist der Abbau laufender Kosten: Einerseits durch Rationalisierung im Betrieb, d.h. technischer Fortschritt und Erhöhung des Leistungsdrucks auf die ArbeitnehmerInnen und andererseits die Auslagerung von Abteilungen, um die gleiche Leistung sodann billiger einzukaufen. Auch in großen Konzernen werden die einzelnen Abteilungen dem Konkurrenzdruck des Marktes preisgegeben: bei Leistung gleicher Qualität zählt nur noch das günstigste Angebot. Die Folge ist ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Ein ebenso wichtiges Instrument ist die Übernahme anderer Firmen, um den eigenen Marktbereich zu vergrößern und dann doppelt vorhandene Abteilungen und Arbeitsplätze zu vernichten (die sog. Synergien). Wo Übernahmen nicht gehen, finden dann Fusionen statt. Im Energiesektor gab es bereits die erwähnten Einkäufe der Energiekonzerne in städtische E-Werke, die spätere Übernahmen vorbereiten helfen. Eine erste Fusion unter den großen Stromkonzernen fand 1996 zwischen den Badenwerken und der EVS zur EnBW statt. In der gesamten Strombranche wurden zwischen 1991 und 1995 knapp 30.000 Arbeitsplätze (von 217.590 auf 187.860) gestrichen. Die europaweite Liberalisierung sichert diese Entwicklungen auf den Strommärkten ordnungspolitisch ab und führt gleichzeitig zu ihrer Beschleunigung. Die Preiskonkurrenz in allen Marktsegmenten erhöht den Druck, die Kosten zu senken, um am Markt bei sinkenden Preisen bestehen zu können. Gleichzeitig bieten Fusionen unter den großen Energieversorgern die Möglichkeit, die eigene wirtschaftliche Macht zu vergrößern sowie Hauptkonkurrenten auszuschalten, in dem man mit ihnen zusammengeht. Durch die derzeit beschlossenen Fusionen reduziert sich die Zahl der großen Energieversorger auf drei bis vier Unternehmen, die bundesweit in allen Bereichen tätig sind.
Arbeitslosigkeit + Gewinne steigen - Steuern sinken Energiepolitisch geht es um mehr als nur der Frage nach dem Ende der Atomenergie. Wegen des zunehmenden Treibhauseffekts wird seit Jahren auch das Ende fossiler Energieträger diskutiert. Welche Folgen hat also die Liberalisierung des Strommarktes auf die weitere Entwicklung? Eine ökologische Energiewende ist anhand von vier Punkten zu definieren:
Zu 1.:
Zu 2.:
Zu 3.:
Zu 4.: Werden diese Prognosen realisiert, wäre es Rot-Grün tatsächlich gelungen, negative Folgen der Liberalisierung für regenerative und KWK-Erzeugung zu verhindern und diese Bereiche sogar auszubauen. Über den Erhalt der KWK-Anlagen wäre dann auch der Arbeitsplatzabbau bei den Stadtwerken bei weitem nicht so heftig wie im völlig liberalisierten Markt. Damit ließe sich ein Teil der SPD-Basis (Stadtwerke) und ein Teil der Grünen-Basis (Energiewende-Szene) wieder in rot-grüne Regierungspolitik einbinden, ohne dass es zum großen Konflikt mit den AKW-Betreibern kommt. Eine echte ökologische Energiewende ist dies natürlich noch lange nicht. Der verhaltene Ausbau von Ökostrom bekämpft weder wirksam den Treibhauseffekt noch verdrängt er in absehbarer Zeit den Atomstrom. Durch das Bedienen ökonomischer Interessen wird jedoch entstandener Unmut bei Stadtwerken und Ökoverbänden befriedet. Politisch bleibt es deshalb erforderlich, die gegenwärtige Energiepolitik zu bekämpfen, ohne dabei die veränderten Rahmenbedingungen aus den Augen zu verlieren.@ aus: ak - analyse + kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 437 / 13.04.2000 Ende |