| Wer über Energiepolitik diskutiert, muss auch den Aspekt Proliferation einbeziehen.
Das falsche Signal Christina HackerUmweltinstitut München e.V. Spätestens seit dem 11. September 2001 wissen wir, dass die westliche Welt empfindliche Schwachstellen hat. Statt den Twin Towers in New York oder dem Pentagon in Washington D.C. hätten auch Atomanlagen als Zielscheibe dienen können. Planungen dazu hat es offenbar gegeben.
Neues Täterprofil
Atomforschungsreaktor FRM-II Garching: In diesem Jahr wurde die letzte Teil- und damit Betriebsgenehmigung erteilt. Sie wird derzeit von Mitgliedern der Bürgerinitiative gegen den Forschungsreaktor beklagt und ist deshalb noch nicht rechtskräftig. Diese Genehmigung wurde von der Bundesregierung abgesegnet, allerdings mit einer Umrüstungsverpflichtung bis Ende 2010 als Auflage. Bis dahin darf der Reaktor jedoch mit dem umstrittenen HEU als Brennstoff betrieben werden. Inwieweit dann umgerüstet wird und ob tatsächlich nicht waffentauglicher Uran-Brennstoff zum Einsatz kommen wird, ist noch völlig offen. Die Aussagen der bayerischen Befürworter des HEU-Einsatzes, seien es die Betreiber oder die bayerische Staatsregierung, lassen Zweifel aufkommen. Sie liebäugeln damit, dass vielleicht doch ein Regierungswechsel das Schlimmste verhindern kann. Wenn sie von Umrüstung sprechen, meinen sie keinesfalls niedrig angereicherten LEU-Brennstoff (LEU - low enriched uranium), der gemäß Definition nicht mehr waffentauglich ist, sondern bestenfalls eine Reduzierung der Urananreicherung von 93 auf ca. 50 Prozent. Damit gilt der Brennstoff noch immer als waffentauglich, die für eine etwaige Waffenanwendung erforderliche kritische Masse erhöht sich lediglich um den Faktor 3. Erst ab einer Anreicherung unter 20 Prozent gilt Uran als nicht mehr waffentauglich.
Internationale Abreicherungsbemühungen torpediert Eine weitere Verwendung von hoch angereichertem Uran-Brennstoff, wie es beim FRM-II vorgesehen ist, macht die internationalen Bemühungen, waffenfähiges Material aus dem zivilen Kreislauf zu verbannen (Non-Proliferation), zunichte. Seit 1980 wurde in der westlichen Welt kein einziger neuer HEU-Reaktor mehr gebaut. Deutschland reiht sich damit zusammen mit China und Libyen in die Liste der Staaten, die sich über diese Vereinbarung hinwegsetzen.
Angebot weckt Begehrlichkeiten Solange ein Bedarf für waffengrädige Materialien besteht, ist die Gefahr der Abzweigung für Waffenzwecke gegeben. Politische Situationen bleiben nicht zwangsweise stabil. Sie können sich schlagartig ändern, wie wir es in der Geschichte schon mehrmals erlebt haben. Dass manche Staaten offen über diesbezügliche Begehrlichkeiten spekulieren, sollte uns nachdrücklich zum Handeln bewegen. Der FRM-II darf nicht zum schädlichen Präzedenzfall werden und potenziellen Nachahmern den Boden bereiten.
Deutschland hat Vorbildfunktion Ein Land, das zwar den Atomausstieg gesetzlich verankert, aber gleichzeitig mit einem neuen Forschungsreaktor der Proliferation, der Verbreitung von waffenfähigem Material, Tür und Tor öffnet, ist nicht glaubwürdig. Der FRM-II ist aus atompolitischer Sicht das völlig falsche Signal. Damit wird das gesamte Umstellungsprogramm für Forschungsreaktoren konterkariert: Wenn ein industrialisiertes Land wie Deutschland auf die Nutzung von waffenfähigem HEU besteht, welches Land wäre dann bereit, sich selbst auf den Gebrauch von LEU-Brennstoff zu beschränken, wie es die letzten Jahre erfolgreich praktiziert wurde? Gerade in der heutigen Zeit neuer terroristischer Bedrohungen ist die konsequente Verfolgung der Non-Proliferationspolitik von herausragender Bedeutung. Das deutsche Ausscheren könnte international Schule machen, mit möglicherweise verheerenden Folgen für die Weltgemeinschaft. Auch deshalb werden wir weiterhin auf einen HEU-Verzicht drängen und zumindest die Umrüstung beim FRM-II auf nicht waffenfähigen Uranbrennstoff nachhaltig einfordern.@ Ende |