| In den nächsten Jahren stehen Entscheidungen über Investitionen in Milliardenhöhe an. Jetzt geht es um die Bedingungen Sonne, Wind und Wasser In Berlin jagt zur Zeit eine energiepolitische Debatte die nächste. Quer durch alle Parteien wird über Versorgungssicherheit, Einspeisevergütung und Klimaschutz gestritten. Dabei geht es auch um die Rolle der Atomenergie und der Kohle. Vor allem aber geht es um die Größe des Tortenstücks, das die erneuerbaren Energien für sich beanspruchen. Wer den jetzt stattfindenden Machtkampf als einen gut in Szene gesetzten Streit um die Förderung einzelner Windräder abtut, der irrt - es geht um einen harten ökonomischen Verteilungskampf. In Deutschland gibt es etwa 900 Energieversorgungsunternehmen. 80 Prozent des Strommarktes teilen sich jedoch die vier großen Konzerne E.ON, EnBW, RWE und Vattenfall Europe. Als am 29. April 1998 das neue Energiewirtschaftsgesetz in Kraft trat, standen die Energieversorger vor einer völlig neuen Situation. Sie waren es nicht gewohnt, auf einem Markt mit mehreren Wettbewerbern aufzutreten. Bis dato besaßen sie alle ein Versorgungsmonopol und konnten mehr oder weniger frei die Tarife bestimmen. Mit Öffnung des Strommarktes kam es zu einem Strompreis-Dumping, der seines gleichen suchte - der Kampf um die 44 Millionen Stromkunden hatte begonnen. Diesen Preiskampf konnten die kleinen EVUs oder Stadtwerke nicht lange durchhalten. Übernahmen und Fusionen standen und stehen noch immer auf der Tagesordnung. Die Großen werden größer, die Kleinen werden "geschluckt". Doch das stete Weiterwachsen der vier großen Atomkonzerne ist nicht gesichert. Es drängen neue Konkurrenten auf den Markt - die Ökostrombranche. Es geht um den Energiemix Ein Großteil der deutschen Kraftwerke wird in den nächsten 20 Jahren altersbedingt abgeschaltet und noch ist nicht ausgemacht, ob es wieder nur die großen Dinosaurier-Technologien sein werden, die den Großteil des Strombedarfs decken. Bis zum Jahr 2010 haben über 40 Prozent der installierten Kraftwerksleistung 35 Jahre und mehr auf dem Buckel. Hierzu gehört zirka ein Drittel der Steinkohlekraftwerke, 45 Prozent der Braunkohlekraftwerke und über 40 Prozent der Gaskraftwerke. Wie viele neue Kraftwerke - und vor allem welche - gebaut werden, hängt im Wesentlichen davon ab, wer seine Visionen einer zukünftigen Energiepolitik am erfolgreichsten durchsetzt. Die CDU-Vorsitzende Merkel heizt die Debatte um den künftigen Energiemix schon mal durch die Äußerung an, eine unionsgeführte Regierung werde den Betreibern der AKWs wieder frei Hand lassen. Wie lange die Meiler am Netz blieben, sollten die Konzerne selbst entscheiden. In die gleiche Kerbe schlägt Hubertus Schmoldt, Chef der IG Bergbau, Chemie und Energie. Schmoldt setzt sich dafür ein, erst im Jahr 2010 darüber zu entscheiden, welchen Anteil die Atomenergie am künftigen Strommix haben solle. Über diese Forderungen freute sich besonders der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, der eine Chance wittert, die Schrottreaktoren Brunsbüttel und Krümmel weit über die festgelegten Restlaufzeiten hinaus betreiben zu können. Die gleiche Reaktion zeigte sich beim Chef des AKW Unterweser, Karl Ramler. Mit viel Pressewirbel feierte er dieser Tage die 25-jährige Betriebszeit "seines" Atommeilers. Auch im Namen der E.ON kündigte Ramler an, dass der Reaktor locker mehr als 60 Jahre Strom produzieren könne. Im Jahr 2002 betrug der Anteil des Atomstroms am Energiemix zirka 31 Prozent. Die deutschen Atomkonzerne brüsten sich wieder einmal damit, die vierthöchste Strommenge hinter den USA, Frankreich und Japan zu produzieren. Wie lange sich die Atomstromer noch an diesem Kräftemessen beteiligen werden, ist nicht abzusehen. Nach Atomgesetz soll sich in Deutschland Mitte 2020 kein AKW mehr am Netz befinden. Ob das so bleibt, kann heute niemand vorhersagen. Bereits im Jahr 2010 wird es nach Aussagen des Bundesumweltamtes einen Bedarf von etwa 10.000 MW neu installierter Kraftwerksleistung geben, dieser Bedarf werde bis zum Jahr 2020 auf 40.000 MW ansteigen. Insgesamt geht es bei den Kraftwerksneubauten um ein Investitionsvolumen von etwa 50 Milliarden Euro. Der Verteilungskampf geht in die nächste Runde Strom aus erneuerbaren Energien hat mittlerweile einen Anteil von 8 Prozent am gesamten Bruttostromverbrauch. Und dieser Anteil soll wachsen, darin sind sich die Branche, die Klimaschutz- und Umweltorganisationen einig. Langfristiges Ziel ist es, bis zum Jahr 2050 mindestens die Hälfte der Energieversorgung mit erneuerbaren Energien zu decken. Es ist noch gar nicht lange her, da bestand der nennenswerte Anteil erneuerbarer Energien aus Wasserkraft, andere Energiequellen waren nicht erwähnenswert. Das hat sich durch des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) schlagartig geändert. Dem Ökostrom wurde zu einer ganz neue Stellung auf dem Strommarkt verholfen. Seit 1990 schnellte der Anteil der erneuerbaren Energie von gut 3 auf über 8 Prozent. Hierbei hat sich die Windenergie besonders hervorgetan. Allein im Jahr 2002 wurden rund 3.250 MW Leistung neu installiert. In Schleswig-Holstein wird schon jetzt jede vierte Kilowattstunde in Windkrafträdern erzeugt, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 21 Prozent. Eine derartige Verschiebung im deutschen Strommix gab es zuletzt, als in den siebziger Jahren die ersten AKWs ans Netz gingen. Die erneuerbaren Energien sind ein nicht mehr zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor. Das Investitionsvolumen im Bereich der erneuerbaren Energien betrug im Jahr 2001 zirka 5,2 Milliarden Euro. Das Geld wurde hauptsächlich für den Neubau von Anlagen ausgegeben, ein nur geringer Teil ging in die Erneuerung oder Erweiterung alter Anlagen (z.B. Wasserkraftwerken). Auch die Umsatzerlöse dieser jungen Branche sind mehr als Klimpergeld, sie belaufen sich auf insgesamt 3,0 Milliarden Euro. Die regenerativen Energien erzielten im Jahr 2002 einen Gesamtumsatz von 8,2 Milliarden Euro, an dem die großen Energiekonzerne nicht den allergrößten Anteil hatten. Denn: Die dezentrale Struktur der erneuerbaren Energien bewirkt nicht nur eine breite regionale Verteilung der Arbeitsplätze, sondern auch der Akteure. Ob bei den Herstellern oder den Betreibern, bei den erneuerbaren Energien dominieren die kleinen und mittleren Betriebe. Rund die Hälfte der Investitionen in Windmühlen stammen nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie aus so genannten Windkraftfonds. 220.000 Menschen haben ihr Geld bisher in Windmühlen investiert. Bis zum Jahr 2010 sollen 12,5 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus regenerativen Quellen stammen. Der jetzt vorliegende Entwurf der EEG-Novelle nennt als Ziel 20 Prozent für die Erneuerbaren bis zum Jahr 2020. Unterstützung findet das Bundesumweltministerium auch durch ein Bündnis aus ver.di, IG Metall, dem Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft, dem Deutschen Bauernverband, EUROSOLAR und den Umweltorganisationen. Gegen den Ökostrom verbünden sich zur Zeit Wirtschaftsminister Clement und die großen Energiekonzerne. Denn weiterhin gilt, dass auch die "Großen" um jeden Prozentpunkt des Stromkuchens kämpfen müssen. Jede zusätzliche Kilowattstunde Ökostrom macht eine Kilowattstunde Kohle- oder Atomstrom überflüssig. Es geht um einen Gesamtumsatz von über 50 Milliarden Euro. Kein Wunder also, dass die Energiekonzerne das Erneuerbare Energien Gesetz als Kampfansage auffassen. In den nächsten Wochen werden in Berlin die tragenden Eckpfosten zur weiteren Förderung der regenerativen Energien eingeschlagen. Und es stehen noch weitere Entscheidungen auf der Tagesordnung: Bis Mitte 2004 muss Wirtschaftsminister Clement eine Energie-Regulierungsbehörde einrichten. Wer über den Wettbewerb wachen soll und mit welchen Kompetenzen die obersten Überwacher ausgestattet werden, soll ebenfalls in den nächsten Wochen verhandelt werden. Wie hoch soll die Kohle-Subventionierung künftig ausfallen? Auch hierüber wird sich Superminister Clement mit seinen KollegInnen einigen müssen. Welche Rolle die Kohle oder die Atomenergie künftig spielen werden, hängt - neben vielen anderen Faktoren - auch davon ab, welchen Anteil Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme am Energiemix der kommenden Jahrzehnte haben. Darum ist es wichtig, sich in die zur Zeit geführte Debatte um die künftige Energieversorgung einzumischen und eine weitere, angemessene Förderung der erneuerbaren Energien zu fordern!@ Ende |