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Thesen zur aktuellen deutsche Außen- und Militärpolitik
Begräbt die EU ihren zivilen Charakter?
von Lühr Henken
In meinen thesenartigen Ausführungen steht zunächst die Hardware des Militärischen im Vordergrund. Wenn im Anschluss daran die politischen Aspekte an Bedeutung gewinnen, so sind auch sie stark vom Militärischen geprägt.
Bundeswehr 2. Die im Jahr 2000 von Rot-Grün beschlossene Aufstockung der sogenannten Einsatzkräfte der Bundeswehr auf 150.000 Mann wird planmäßig bis 2006 abgeschlossen sein. Während unter Einbeziehung des Kongoeinsatzes in den kommenden Wochen rund 8.400 Bundeswehrsoldaten in zehn Ländern im Auslandseinsatz stationiert sind, können es ab dann 50.000 sein. Nicht 150.000, denn je 50.000 davon sind in der Vorbereitung bzw. pausieren nach dem Einsatz für ein halbes Jahr. Aktuell wird die Erweiterung des Bundeswehreinsatzes im Westen Afghanistans zum Schutz von Aufbauhelfern diskutiert. Allerdings scheint das Erkundungsteam mit einem negativen Befund aus Afghanistan zurückgekommen zu sein. Entschieden soll erst nach der Sommerpause werden. Die NATO übernimmt in Afghanistan ab Herbst das Kommando vom deutsch-niederländischen Korps. Das NATO-Kommando bleibt jedoch in der Hand eines deutschen Generals. Darüber hinaus werden Bundeswehreinsätzen öffentlich diskutiert.
3. Um erfolgreich global militärisch mitmischen zu können, sind die Beschaffungsaufträge für die entsprechenden Kriegswaffen und Ausrüstungen der Bundeswehr weitgehend unter Dach und Fach. Der Zulauf beginnt spürbar ab dem nächsten Jahr und wird den vorläufigen Höhepunkt gegen Ende des Jahrzehnts erreichen, wenngleich die kostspieligen Military-Airbusse für den strategischen weltweiten Schnell-Transport von Vorauskommandos samt gepanzerten Fahrzeugen erst ab Beginn des nächsten Jahrzehnts zur Verfügung stehen werden. Bis dahin will man sich mit Mietflugzeugen behelfen. Die Bundeswehr wird für alle denkbaren Konfliktszenarien mit dem Neuesten vom Neuesten ausgerüstet. Die folgende unvollständige Liste unterstreicht den kriegerischen Charakter: Den Tornados und Eurofightern werden Marschflugkörper und lasergelenkte Bomben untergehängt. Die Marine erhält bis Ende des Jahrzehnts Korvetten, deren Marschflugkörper und manuell lenkbare Präzisionsflugkörper insbesondere für den Landbeschuss geeignet sind. Mit 80 hochmodernen Kampfhubschraubern TIGER nimmt das deutsche Heer eine europäische Spitzenstellung ein. In der Entwicklung befindliche automatisierte Kampfdrohnen sollen das später noch unterstützen. Um weltweit rund um die Uhr und wetterunabhängig erspähen zu können, was am Boden geschieht, erhält die Bundeswehr ab 2005 ein Radarsatellitensystem. Und, wie den VPR zu entnehmen ist, wird der Plan weiterverfolgt, ein kostspieliges Raketenabwehrsystem für Truppen im Einsatz zu entwickeln. Also Raketenverteidigung nicht für den Heimatschutz, sondern für die Truppen im Auslandseinsatz. 4. Die Kosten der Bundeswehraufrüstung werden sich in den kommenden 20 Jahren schätzungsweise auf 140 bis 150 Mrd. Euro belaufen - allein für neue Waffen und Ausrüstungen. Bis 2006 können diese Aufwendungen im Haushalt noch kompensiert werden durch Einsparungen bei Betriebsmitteln, Zivilpersonal, durch Stilllegung von Kasernen, eines Tornadogeschwaders, eines Schnellbootgeschwaders, Dezimierung der Kampfpanzerverbände auf knapp ein Drittel (d.h. ihrer Kaderung, nicht Verschrottung) usw.. Zu Beginn dieser Woche, also noch vor der Verkündung der Streichorgie des Haushalts 2004, haben sich die Minister Eichel und Struck darauf geeinigt, den Verteidigungshaushalt "vom Jahr 2007 an jährlich um 800 Millionen Euro zu erhöhen." (FAZ 24.6.03) Er würde in 2007 dann offiziell 25,2 Mrd. Euro betragen und 2008 dann 26 Mrd. Euro usw. 5. Der deutsche Rüstungsexport wird sich im nächsten und übernächsten Jahr gegenüber dem letzten Jahr etwa verdreifachen und gegenüber diesem Jahr etwa verdoppeln. Zudem ist mit dem Antritt der Regierung Schröder/Fischer der Wert der Exportgenehmigungen von Kleinwaffen samt Munition erheblich angestiegen. Ein Vergleich der Werte der drei letzten Regierungsjahre Kohls mit den drei ersten Regierungsjahren Schröders verzeichnet bei Kleinwaffen ein Plus von mehr als 50 Prozent. Der von Rot-Grün propagierte Begriff, sie handhabten den Rüstungsexport restriktiv, ist reine Propaganda. Auch in den Jahren danach ist mit hohen Rüstungsexportzahlen zu rechnen, weil die Bundeswehr zur Finanzierung des gigantischen Aufrüstungsbedarfs alte Waffen im Ausland verscherbeln will und die Rüstungsindustrie am Export der neuen Waffen sehr interessiert ist.
NATO und EU 1. In diesem Jahr noch wird die Schnelle Eingreiftruppe der EU einsatzbereit. Der 80.000 Mann-Truppe aus Heeres-, Luftwaffen- und Marineverbänden zunächst aus 14 EU-Staaten steht neben der Heeresausrüstung, die öffentlich nicht bekannt ist, und 383 Kampfflugzeugen der Luftwaffen vier Flugzeugträger, 17 Fregatten und 5 U-Boote zur Verfügung. Die Bundeswehr stellt mit 18.000 Mann das mit Abstand größte nationale Kontingent zur Verfügung. Insbesondere im Bereich der Luftwaffe engagiert sich Deutschland: 108 der 383 Kampfflugzeuge stellt die Bundeswehr. Die deutsche Prägung wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Rot-Grün für den Soldaten-Pool von 100.000 Mann, aus der die Truppe jeweils zusammengestellt wird, 33.000 Mann anbietet. Ab 2005 genießt die Bundeswehr eine komfortable Stellung in der EU. Ab dann ist sie mit dem radargestützten Satellitensystem SAR-Lupe in der Lage, wetter- und tageszeitunabhängig auf 50 cm genau die Erdoberfläche zu beobachten. 2. Die Bundesregierung stellt für die von den USA angeregte schnelle Eingreiftruppe der NATO (NRP), die 21.000 Mann umfassen soll, Heeres- und Marineeinheiten zur Verfügung. Welche deutschen Kontingente vorgesehen sind, ist bisher öffentlich nicht bekannt. Die NRF soll am 1.10.2004 begrenzt einsatzfähig und am 1.10.2006 voll einsatzfähig sein. 3. Der Militarisierung der EU kommt von deutscher Seite Priorität zu. Die neuen VPR setzen dabei auf "selbständiges europäisches Handeln, wo die NATO nicht tätig sein will oder muss." In den Entwurf für eine europäische Verfassung haben Chirac und Schröder einen europäischen Außenminister verankern können, für den als einziger Kandidat zur Zeit Josef Fischer gehandelt wird. Ziel der Außenpolitik Europas ist eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungsunion. Die Absicht Schröders, das Einstimmigkeitsprinzip in der EU-Außenpolitik zu Gunsten einer qualifizierten Mehrheits-Entscheidung aufzuweichen, stößt allerdings bisher noch auf Widerstand vor allem bei Briten und Spaniern. 4. Wie ernst Deutschland und Frankreich ihr Bestreben nehmen, die Unabhängigkeit der EU-Militärmacht von den USA auch zu institutionalisieren, macht ihr Beschluss auf dem "Pralinengipfel" Ende April deutlich, in dem es heißt: "Schaffung eines Nukleus einer kollektiven Fähigkeit zur Planung und Führung von Einsätzen für die EU. Sie soll die EU anstelle nationaler Mittel für EU-geführte Operationen ohne Rückgriff auf Mittel und Fähigkeiten der NATO zur Verfügung gestellt werden können.." (FAZ 30.4.03) Das ist der institutionelle Einstieg in die Selbständigkeit einer Militärmacht EU, die den Kriterien der Zustimmung zu diesem Projekt durch die USA widerspricht. Ein Kriterium war, "bestehende Strukturen nicht (zu) verdoppeln" (FAZ 19.6.2000). Wenn auch vieles darauf hindeutet, dass die EU den Aufbau ihrer militärischen Fähigkeiten zum Zweck der Verselbständigung anstrebt, so läuft parallel dazu ein entgegengesetzter Trend.
Zurück zur Tagesordnung
Die EU begräbt ihren zivilen Charakter. Nachdem die EU-Außenminister am 16. Juni beim Vorgehen gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zum ersten Mal die Anwendung von Gewalt nicht ausschlossen, präsentierte der Außenbeauftragte Solana einen Entwurf einer EU-Sicherheitsstrategie. "In der Zeit neuer Bedrohungen - genannt werden Massenvernichtungswaffen, der Terrorismus und das Vorhandensein instabiler, schlecht regierter Staaten - werde die Verteidigungslinie dagegen oft außerhalb der Landesgrenzen liegen," berichtet die FAZ aus dem Papier. Die Reaktion könne auch militärisch sein. Wörtlich heißt es in Solanas Doktrin-Entwurf: "Als eine Union mit 25 Mitgliedern, die insgesamt 160 Milliarden Euro für die Verteidigung aufwendet, sollten wir nötigenfalls in der Lage sein, mehrere Operationen gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Wir müssen eine strategische Kultur entwickeln, die ein frühzeitiges, rasches und wenn nötig robustes Eingreifen begünstigt." Direkt bezogen auf diese Passage des Solana-Papiers bemerkte sein Nachfolger im Amt des NATO-Generalsekretärs, der Brite Robertson, dass "im Vergleich dazu [...] die Forderungen des Prager Nato-Gipfels im vorigen Herbst ‚nahezu milde'" seien. Robertson zeigte sich ob dieses Strategie-Papiers "optimistisch, dass die Sicherheitsstrategien der Vereinigten Staaten und Europas miteinander vereinbar seien." (FAZ 25.6.03) Im Klartext: Beide orientieren auf den Präventivkrieg. Das Solana-Papier wurde auf dem EU-Gipfel nach den Worten Schröders allseits "akzeptiert". Beobachter gehen davon aus, dass es von den EU-Regierungschefs am EU-Gipfel zum Ende der italienischen Ratspräsidentschaft im kommenden Dezember im wesentlichen angenommen wird. Allerdings stößt das militärische Vorgehen der EU in unserem Land auf überwiegende Ablehnung. Eine repräsentative Umfrage von NFI-Infratest vom 17. bis 19. Juni 2003 unter rund 1000 Deutschen im Auftrag des Spiegel lässt hoffen: "Frage: Die EU will künftig Staaten, die sich an der Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln beteiligen, als letztes Mittel auch mit militärischer Gewalt drohen. Was halten sie von dieser Strategie?" Befürworte ich: 18 %; lehne ich ab: 80 % (Der Spiegel 23.6.03, Nr. 26/03, S. 20). Hoffen soll nicht heißen, die Hände in den Schoß zu legen, sondern im Gegenteil, handeln wir, um die Mehrheit gegen die drohenden EU-Kriege zu mobilisieren. Hiroshimatag und Antikriegstag bieten dazu schon bald Gelegenheit. @ Die vorstehenden Thesen stellte Lühr Henken, Hamburg, auf dem gemeinsamen Wochenendseminar Friedensratschlag und Deutschem Friedensrat am 27.-29. Juni 2003 in Oberhof (Thüringen) vor. * Lühr Henken ist Sprecher beim Hamburger Forum für Frieden und Völkerverständigung, Sprecher im Bundesausschuss Friedensratschlag sowie Beirat der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. Ende |