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Fragen an einen, der fordert, „den Begriff Autonomie“ immer auch in seinen historischen Bezug zu stellen Wir haben uns ganz schön überschätzt aaa-Interview mit Fritz Storim ? Die autonome Szene ist ständig medial präsent. Vor allem, wenn es darum geht, die stärksten Feinde der bürgerlichen Gesellschaft in den schlimmsten Farben darzustellen. Dennoch nimmt eben diese Szene zahlenmäßig aktuell ab. Worauf führst Du das zurück? Es müssen eben mehrere Dinge politischen Anspruchs zusammenkommen. Zum einen der Wille und die Lust anzugreifen und zu verändern, die Erfahrung aus dem historischen Prozeß, die Analyse der Situation und die Einschätzung unserer Möglichkeiten. Laufen wird das nur, wenn die verschiedenen Beteiligten sich offen machen, nachvollziehbar und bereit sind, miteinander zu streiten und voneinander zu lernen. Das wird nicht über Ansprüche zu erreichen sein, sondern nur, wenn wir auch was Gemeinsames voneinander und miteinander wollen. Alter ist dabei kein Verdienst und auch kein zu akzeptierendes Argument, Jugend aber auch nicht. Dennoch habe ich den Eindruck - und das macht mich manchmal ganz unruhig und ich stehe dem auch etwas ratlos und mit vielen Fragen gegenüber -, daß jahrzehntelange Erfahrungen in die aktuellen Auseinandersetzungen kaum bewußt einfließen, daß immer wieder von Neuem die gleichen Fehler gemacht werden, daß das Handwerkeln immer wieder von vorne beginnt. ? Warum sind wir nicht gefeit, die selben Fehler, die wir in der “autonomen Vergangenheit” gemacht haben, immer wieder zu machen? Das Gedächtnis der Szene greift bestenfalls 5 Jahre zurück; die unmittelbare „Betroffenheit“/ Empörung und spontanen Befindlichkeiten prägen stark das politische Handeln Und das trägt dazu bei, daß unser Widerstand, unsere Kämpfe sich hauptsächlich und immer wieder gegen einzelne Erscheinungsformen oder Auswüchse der herrschenden Verhältnisse richten wie z.B. nur gegen das Vorgehen der Bullen, diese aber nicht grundsätzlich in Frage stellen. Wir vernachlässigen damit die Möglichkeit, uns einen eigenen Begriff von Herrschaftsfreiheit, Solidarität, Kommunikation, Emanzipation anzueignen; d.h. unser Handeln wird bestimmt durch kurzfristiges Reagieren, aber weniger durch bewußtes, auch strategisch, taktisches und kontinuierliches Eingreifen/ Verändern im Kontext eigener gesellschaftlicher Utopie, eines eigenen Menschenbildes/ Gesellschaftsbildes. Das führt dann auch leicht dazu, sich immer wieder neuen Politikfeldern zuzuwenden, die scheinbar schneller, leichter und mehr „Erfolg“ versprechen. ? Seit wann bringst Du Deine politischen Handlungen mit dem Begriff “Autonome Bewegung” und Anti-AKW-Bewegung zusammen? Das war die Zeitspanne von etwa Anfang der 70iger Jahre, als die Auseinandersetzungen um ein geplantes AKW in Wyhl (1973) und kurz darauf in Brokdorf (1974) anfingen, über die Anfängen des Widerstandes im Wendland (1977) und die Demonstration gegen das AKW-Grohnde (19.3.1977), bis vielleicht zu den bundesweiten massiven Protesten auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl (26.4.86) und der drohenden Inbetriebnahme des AKW-Brokdorf und der quasi militärischen Reaktion durch Bullen und Bundesgrenzschutz z.B. in Wackersdorf, Brokdorf und Kleve. Für viele von uns war diese Zeit von einer Aufbruchstimmung geprägt: Wir packen es, wir kommen wieder, uns kann niemand aufhalten, wir sind viele und werden immer mehr, die Zustimmung zum Widerstand war massenhaft und international! Da wurden die Zweifel und Ängste zur Seite geschoben, da wurde heftig gestritten, da ging´s um die Zukunft, auch die eigene. Viele fühlten sich angesprochen, waren fasziniert, wurden mitgerissen. Mit unerschütterlichem Selbstbewußtsein haben wir die herrschenden Verhältnisse in Frage gestellt. Eine ähnliche Stimmung habe ich vorher in der Studentenbewegung und später dann - aber lange nicht mehr so ausgeprägt - in den Häuserkämpfen (z.B. Hafenstraße) in Hamburg erlebt. ? Was passierte damals? Was uns in der Anti-Atom-Bewegung einte war die Ablehnung des Atomprogramms. Wir wollten alle „kein AKW in Brokdorf oder anderswo“. Aber darüberhinaus gab es die unterschiedlichsten Ziele, Lebensentwürfe, Utopien und Alltage. Wir mußten immer wieder feststellen, wie sehr doch unser gesellschaftliches Sein unser Bewußtsein prägt, und daß du erst einmal von dir weitgehend unbeeinflußt und ohne dir groß Gedanken zu machen in eine bestimmte gesellschaftliche Rolle hineingerätst und wie schwierig es ist, dann da wieder rauszukommen. Die politisch Herrschenden verstanden dieses Zusammenkommen sehr richtig als Bedrohung gegen sich und versuchten, uns zu spalten: In die „betroffene“, vernünftige Bevölkerung vor Ort mit ehrenvollen Absichten, die anfänglich hofiert und umschmeichelt wurde, und in die angereisten „Chaoten“, „Gewalttäter“, „Staatsfeinde und Kommunisten aus den Städten“, denen ganz andere Absichten unterstellt wurden, als gegen das AKW zu sein - und da hatten sie natürlich nicht nur unrecht. Das hat schon auch gewirkt, Mißtrauen unter uns gesät, immer wieder zu Verunsicherung und Irritation geführt. Ich denke auch, wir waren da allzuschnell, um der scheinbaren „Stärke willen“ auf Glättung des Konflikts aus, und haben uns zu wenig auf die vorhandenen Widersprüche eingelassen. Aber es wurde auch immer klarer, wir aus den Städten (und da gab es auch wieder die unterschiedlichsten Vorstellungen) kommen nicht ausschließlich nach Brokdorf, um der örtlichen Bevölkerung beizustehen, sondern aus eigenem Anliegen und das geht über den Kampf gegen die Gefährdung durch radioaktive Strahlung hinaus. Und wir hingegen mußten einsehen, daß die Aktiven vor Ort nur wenig mit unseren politischen Vorstellungen „am Hut“ hatten. Aber andererseits brauchten wir uns gegenseitig und das war nicht nur bestimmt aus abstrakter Einsicht über die „objektive Notwendigkeit“ oder aus politischem Kalkül -, sondern wir bekamen Interesse aneinander, wir hatten Lust aufeinander, wir fühlten uns gemeinsam stärker, weil wir die Erfahrung machten, wir können viel voneinander lernen, müssen unsere eigenen Vorstellungen offen machen und immer wieder neu hinterfragen/ hinterfragen lassen, und das bringt uns gemeinsam weiter, schafft Solidarität, Beziehung, Kommunikation. Das war die eine Seite unseres Verhältnisses. eine andere war geprägt durch unausgesprochenes gegenseitiges Mißtrauen: „die Spinner aus der Stadt, aber sie sind ganz nützlich” und „Die konservativen BäuerInnen, mit denen ist die Revolution doch nicht zu machen” waren solche gegensätzlichen Meinungen. Aber trotzalledem, sich genau in diese Widersprüche hineinzubegeben, sie zuzulassen, darin die Auseinandersetzung und gemeinsame Möglichkeiten zu suchen - und das gelang eben immer wieder -machte das emanzipatorische Verhältnis aus. ? Wie entstand dann der Begriff der “Autonomie”? Eine Grundidee war, die unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen nicht der eigenen Politik oder Mehrheitsbeschlüssen unterzuordnen, sondern sie aufzufordern und zu unterstützen, eigene Positionen zu entwickeln und zu artikulieren - und diese auch zu respektieren - und auf der Grundlage solcher unterschiedlichen Positionen gemeinsam festzustellen, ob und mit wem in der speziellen Situation Zusammenarbeit möglich ist, oder auch getrennte Wege zu gehen, ohne sich gleich gegeneinander zu stellen. Das alles waren keine Kopfgeburten, sondern entstanden aus dem Bedürfnis, trotz unterschiedlicher sozialer und politischer Sichtweisen/Zugehörigkeit zusammenkämpfen zu wollen, ohne den anderen/die andere zu vereinnahmen. Und das nicht aus einem moralischen Anspruch heraus, sondern weil die verschiedenen Beteiligten selbstbewußt genug waren, sich nicht vereinnahmen zu lassen. “Autonomie” beinhaltet nach diesem Anspruch die Begriffe von „Selbstbestimmung und Kollektivität“, „Eigenverantwortung“, „Kommunikation“, „direkte Aktion“, „Koordination statt Führung“ und „Selbstorganisation”. Und auch eine Kritik an dem herrschenden Menschenbild, Menschen nach ihrer Verwertbarkeit/Brauchbarkeit für die Industriegesellschaft zu klassifizieren. Ein Hinweis, wie sehr der bürgerliche Wertbegriff sich in unserem eigenen Politikverständnis widerspiegelt, ist der bis heute berechtigte Vorwurf, die Radikale Linke würde all zu schnell die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit oder Brauchbarkeit für den politischen Kampf zu bewerten. ? Wie bewertest Du diese Zeit heute? Wir wurden von einer unheimlichen Euphoriewelle getragen. Die plötzliche Publizität/Sympathie, die uns entgegengebracht wurde, die vielen und unterschiedlichen Menschen, die sich einmischten, die permanent anstehenden Konfrontationen, „berauschten“ uns und ließen uns ungenau werden, besonders was die Beziehungen untereinander - die immer stärker durch taktische und technische Gesichtspunkte bestimmt wurden - und auch, was die unterschiedlichen Vorstellungen von den gesellschaftlichen Utopien betrafen. Zurückblikkend erscheint mir jetzt manches illusionär, auch naiv und oft ganz schön oberflächlich, von Selbstüberschätzung geprägt. Wir stürmten voran, ohne zurückzuschauen. Doch das ist nicht alles. Wir haben uns in dieser Zeit eine Menge von dem angeeignet, was Leben ausmacht, haben Fremdbestimmung hinterfragt und abgeschüttelt und untereinander eine ganz besondere Berührung und Kommunikationskultur entwickelt. ? ... die Kritik überwiegt beim Rückblick? ... Die Begeisterung hat viele Konflikte weggebügelt und dadurch manche von uns abgeschreckt und zurückgelassen. Als sichtbar wurde, daß unsere Ziel „kein AKW in Brokdorf oder anderswo« so schnell und so leicht nicht zu verwirklichen war, mußten wir feststellen, daß wir zu wenig dafür getan hatten, um uns eine gemeinsame Grundlage für den „Langen Atem“, der jetzt angesagt war, zu schaffen. Die Auseinandersetzungen, die wir vorher nicht ausreichend geführt hatten, die Verhältnisse unter uns, die nicht geklärt waren - z.B. die reformerischen, gewaltfreien oder militanten Widerstandsformen, die oft unvermittelt nebeneinander standen, sich aber für die eigenen Interessen zu funktionalisieren versuchten - fielen uns jetzt auf die eigenen Füße und machten die Bewegung anfällig für Spaltung und für Integration in die herrschenden Verhältnisse. Wir hatten uns zu stark auf die technischen Aspekte des Widerstandes und auch zu ausschließlich auf AKW, auf Atomtechnologie und auf das Geschäft mit der Atomenergie konzentriert, hatten keine übergreifende Perspektive entwickelt - vielleicht auch, weil uns das davon „befreite“, uns selbst, unser „gesellschaftliches Sein“ ausreichend in die Auseinandersetzungen mit einzubeziehen; was erfahrungsgemäß ja immer große Schwierigkeiten macht - und als der Staat uns dann quasi militärisch gegenübertrat und wir versuchten, diese Konfrontation aufzunehmen, konnten wir dem nicht mehr besonders viel entgegensetzen. Wir können uns technisch noch so anstrengen und auch immer perfekter werden, wir werden aber nur dann daran beteiligt sein, den „Lauf der Dinge“ im Sinne von Herrschaftsfreiheit und Solidarität zu beeinflussen, wenn wir auch die Herzen und Köpfe vieler Menschen erreichen. ? Durch die Herrschenden wird uns immer vermittelt: “Wir haben die Atomenergie im Griff.” Diese lächerliche Behauptung haben nehmen viele Anti-Atom-Bewegte zum Anlass, die Unsicherheit dieser Technologie auf wissenschaftlichem Weg zu begründen oder sich auf die Wissenschaft zu beziehen. Du bist selbst Physiker ... Wieviele Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen mit VertreterInnen der Atomindustrie, Fernsehdiskussionen, Erörterungstermine, Prozesse, „Aufklärungs“-Broschüren, Zeitungsartikel, ... haben wir durchgeführt, geschrieben oder an wie vielen waren wir beteiligt? Unzählige. Immer mit der Gewißheit, wir sind im Recht“, „wir haben die besseren Argumente“ und mit der versteckten Hoffnung, den besseren Argumenten kann sich niemand verschließen. Im Kampf gegen das AKW Brokdorf 1974 war das Mißtrauen gegenüber den PolitikerInnen, BehördenvertreterInnen und gegenüber ExpertInnen der Atomindustrie irgendwann so groß, daß von uns als „unabhhängige“ PhysikerInnen erwartet wurde, daß wir die besseren Argumente lieferten. Der Respekt vor der Wissenschaft und ihren VertreterInnen, der Glaube, die besseren Argumente müssen sich letztendlich durchsetzen, waren am Anfang doch sehr verbreitet. Es war ein langer Weg, nicht nur abstrakt zu erkennen, sondern auch zu realisieren, daß der Bau und Betrieb von Atomanlagen nicht mit einem wertfreien, absoluten, politisch unabhängigen Menschen-, Grund-Recht - das nur eingefordert werden muß -, oder mit einer wissenschaftlichen Wahrheit - die nur gefunden werden muß -, verhindert werden kann. Dass ökonomische und politische Interessen hinter der Atomtechnologie stecken. Daß die herrschenden Verhältnisse u.a. auf der Ausbeutung und Vernichtung der Quelle menschlicher Arbeitskraft und der „Natur“ beruhen und daß deshalb unsere Lebensbedingungen nur als Kosten- Nutzen-Faktor in den Bilanzen der Atomindustrie und des Staates eingehen. Und weiter, daß es nicht nur darum geht, ob eine Maschine/Technologie zum Schaden oder zum Nutzen für die Menschen eingesetzt wird, sondern daß sie selbst Herrschaftscharakter in sich birgt. ? Worin siehst Du heute Deine Rolle als Wissenschaftler? Es setzte sich immer stärker die Erkenntnis durch, daß es nicht darum geht, PolitikerInnen zu überzeugen, sondern um politische Gegenmacht, verbunden mit einem eigenen Begriff von Emanzipation. So waren auch wir - die wir als WissenschaftlerInnen angetreten waren - aufgefordert, wollten wir uns vor uns selbst und vor den anderen glaubwürdig verhalten, unsere Verstricktheit in die herrschende Wissenschaft als Wissenschaft der Herrschenden kritisch zu hinterfragen und für uns selbst auch Konsequenzen zu ziehen, z.B. uns auch am praktischen Widerstand gegen Atomanlagen zu beteiligen. Eines unserer Hauptanliegen wurde es, die Rolle wissenschaftlicher Autorität und den Mythos der Wissenschaft zu entlarven. Das hat zu Berufsverboten, Kriminalisierung und politischer Verfolgung geführt. Aber sein eigenes Recht einfordern, politische Gegenmacht einfordern, kann immer nur auf der Grundlage eigener gesellschaftlicher Perspektive oder Utopie stattfinden.@
Dies ist ein fiktives Interview, dem ein umfangreicher
Text zugrunde liegt, den Fritz 1996 geschrieben
hat: “Bilanz und Perspektiven zum Widerstand
gegen Atomanlagen”. Dieser Text ist in
stark gekürzter Form in dem Buch “Die Geschichte
der Anti-AKW-Bewegung, Verlag die Werkstatt,
Göttingen 1997” erschienen. Der vollständige
Text kann bei der aaa bestellt werden.
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