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eine „Arbeitsgruppe zum Autonomie-Begriff“, stellte Pfingsten 95 auf einem Kongreß in Berlin zur Diskussion: Thesen zum Autonomiebegriff von I. und L. Die politische Identität vieler von uns, die sich jetzt auf den Kongreß vorbereiten, ist davon geprägt, daß sie sich als Teil der »autonomen Bes wegung« begreifen oder begriffen haben. Was verbirgt sich hinter dem politischen Etikett » autonom « 1. Eine lange Begriffs-Geschichte, die wir nicht abschütteln können: Autonomie als Freiheitsbegriff aus der deutschen Aufklärung (Kant), der, bürgerlich- individualistisch uminterpretiert, die Voraussetzung für die Entfaltung des kapitalistischen »freien« Marktes schuf. Autonomie als Kampfziel territorialer, oft nationalistisch bestimmter Befreiungskämpfe. Autonomie als politische Bestimmung der norditalienischen Betriebskämpfe von »autonomia operaia« gegenüber Partei und Gewerkschaften. Autonomie als Parole, um die antipatriarchalen Kämpfe von Frauen aus der Umklammerung und Instrumentalisierung durch Männerpolitik zu befreien. Autonomie als Abgrenzung der undogmatischen und spontan organisierten Kräfte gegenüber den parteiorientierten kommunistischen Gruppen in der AntiAKW-Bewegung ab Mitte der 70er Jahre. In den 80er Jahren sind »die Autonomen« in der Öffentlichkeit teils zum Mythos, teils zum BürgerInnenschreck geworden, in den 90er Jahren - nicht unverschuldet - eher zur Karikatur. 2. die Hoffnung auf eine revolutionäre Alternative zu autoritärem Staats- und Parteisozialismus und pseudodemokratischer Kapitalherrschaft: Wir können nicht übergehen, wie der Begriff »Autonomie« im allgemeinen benutzt wird, müssen uns aber auch nicht darauf festlegen lassen. Wir wollen versuchen, seine revolutionäre Sprengkraft freizulegen. Dazu ein paar Thesen: 1. Autonomie ist nicht Unabhängigkeit ... Im allgemeinen Sprachverständnis wird »Autonomie « in erster Linie als Anspruch auf Unabhängigkeit verstanden. Das ist aus Behaupzweierlei Gründen zu kritisieren: Erstens wird der Anspruch als Forderung an die Gegenseite gerichtet, macht diese also zu einer Instanz, die das Recht hat, ja oder Nein dazu zu sagen, und schreibt damit gerade die Abhängigkeit fest. Zweitens ist vor allem persönliche Unabhängigkeit in der Bedeutung: Freiheit von sozialen Bindungen und Verpflichtungen, Hauptcharakteristikum des spätbürgerlichen Individualismus und Grundlage der totalen Konkurrenzgesellschaft, die wiederum alle sozialen Beziehungen zerstört. 2. ... sondern die Bereitschaft zu Selbstbestimmung und Eigenverantwortung Politisches Terrain für emanzipatorische Bewegung gewinnen wir erst, wenn wir uns ausdrücklich auf den Ausgangspunkt von Autonomie beziehen (autonomos = eigengesetzlich). Dem Kampf um Freiheit von Fremdbestimmung muß die Bereitschaft zu Selbstbestimmung und Eigenverantwortung bereits vorausgehen, denn die innere Loslösung, die Negation des äußeren Herrschaftsanspruchs, ist Voraussetzung für den Kampf um äußere Freiheit. In dem äußeren Freiheitskampf geht es nur noch darum, den Gegner dazu zu zwingen, die Grenzen, die meine Autonomie ihm setzt, zu akzeptieren. Autonomie ist die Bezeichnung für die Entscheidung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen, ihre Geschicke aus einer Verantwortung für das Ganze heraus selbst in die Hand zu nehmen. Man kann sie nicht einfordern, man kann sie sich nur selbst nehmen, indem man sie praktiziert. Wer sich dessen bewußt ist, wartet nicht mehr darauf, daß jemand anderes sagt, wie seine/ihre Probleme zu lösen sind, sondern sucht sich Verbündete und guckt, was man gemeinsam tun kann. Solche Gruppen sind gerade so stark, wie die Bereitschaft der einzelnen Beteiligten, ihre Eigenverantwortlichkeit auch in der Kollektivität beizubehalten. 3. Nach Verursachung fragen, die eigenen Handlungsspielräume erkennen
Das heißt nicht, andere aus ihrer Verantwortung zu entlassen - sie haben genauso die Konsequenzen für ihre Entscheidungen und Handlungen zu tragen, ob sie das nun wollen oder nicht -, aber es heißt, die Veränderung der eigenen Situation nicht davon abhängig zu machen, ob die Appelle und Forderungen von der Gegenseite erfüllt werden. 4. Wahrheiten sind subjektiv, aber nicht beliebig Wenn das Subjekt die letzte entscheidende Instanz ist, kann es keine Welterklärung mit absoluter, für alle verbindlicher Gültigkeit geben. Das müssen wir zugeben, wenn wir ehrlich sind, auch wenn wir es vielleicht einfacher fänden, uns vorzustellen, daß wir auf der Seite der »objektiven und ewigen Wahrheit« kämpfen. Alle Menschen und Menschengruppen organisieren ihre Interessen und erklären sich die Zusammenhänge aus der Perspektive dieser Interessen. Das festzustellen, heißt nicht etwa, alle Theorien in gleicher Weise für berechtigt zu halten. Wir nehmen Stellung zu ihnen, finden sie absurd, gelogen, Ausdruck irregeleiteter Hirne (daßelbe denken unsere GegnerInnen natürlich von uns!). In erster Linie kennzeichnen wir unseren politischen Standort durch die Haltung, die wir zu den Theorien anderer einnehmen. Das ist wichtig, denn daran sind wir zu erkennen, finden Verbündete und werden zu einer politischen Kraft. Insofern ist jeder politische Standpunkt von außen betrachtet (also von einem Punkt, den es nur als Konstruktion gibt) zwar relativ, aber für jedes politische Subjekt (ob Individuum oder Gruppe) trotzdem absolut. 5. Theorie wird dadurch gültig, daß sie ein gemeinsames Verständnis von Erfahrung abbildet. Es ist Teil des politischen Kampfes auf der Ebene der Ideologie, wenn Theorien als absolut gültig hingestellt werden und ihre Subjektivität und Interessensgebundenheit verschleiert wird, so daß dem Gegner nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich der scheinbar alleingültigen Welterklärung zu unterwerfen. Die politische Macht, die auf dieser Einschüchterung beruht, bricht in sich zusammen, wenn die Gegner doch entdecken, daß die Theorie nicht der Wahrheit, ihrer Wahrheit entspricht, daß es andere Theorien gibt, die ihre Lage besser erklären und sie handlungsmächtiger machen. Ein »autonomes« Verhältnis zu Theorie verträgt sich schwer mit einem einklagbaren Anspruch auf objektive Gültigkeit. Theorie ist der Versuch, Praxis zu begreifen, wobei es zwangsläufig nur um die eigene Praxis bzw. den eigenen Blick auf die allgemeine Praxis gehen kann. Trotzdem ist Theorie nicht beliebig, weil wir untereinander darüber streiten und sich so ein gemeinsames Verständnis herausbildet. Ein solches gemeinsames Verständnis ist eine wichtige, ja notwendige Voraussetzung, um zu einer gemeinsamen Bestimmung von politischer Strategie zu kommen, deshalb werden wir natürlich weiter versuchen, andere von unserer Sichtweise der gesellschaftlichen Verhältnisse zu überzeugen. 6. Die Hierarchisierung von Unterdrückungsverhältnissen ist ein Konstrukt. Jede Hierarchisierung von Unterdrückungsverhältnissen (das Patriarchat bedingt den Kapitalismus, oder umgekehrt) ist aus dem genannten Grund nichts weiter als eine Behauptung. Sie stellt den - durchaus berechtigten - Versuch dar, die Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse aus der Perspektive der eigenen Interessen zu ordnen. Wenn sie hilft, sich Mut zu machen, hat sie vielleicht einen Sinn, aber sie liefert eigentlich keinen Beitrag zur Erklärung der Verhältnisse. Es ist leicht einzusehen, daß es keine (objektive) Gesamtbewertung der ineinandergreifenden Unterdrückungsverhältnisse geben kann. Und es entspricht nicht autonomem Selbstverständnis, anderen zu sagen, welches das wichtigste Unterdrückungsverhältnis für sie zu sein hat. Nach dem »revolutionären Subjekt « zu suchen, auf das sich der revolutionär kämpfende Mensch beziehen muß, wird uns nicht weiterhelfen. Das heißt aber nicht, daß wir nicht immer wieder nach anderen Menschen suchen, die mit uns gemeinsame Interessen haben und mit denen wir zu einer politischen Kraft zusammenkommen. 7. Es geht um die Veränderung unserer politischen wie persönlichen Praxis Der stärkere Bezug auf Autonomie als Eigenverantwortlichkeit würde auch unsere ganz konkrete Praxis sehr verändern, und zwar sowohl in der Art, wie wir in gesellschaftlichen Konflikten intervenieren, als auch im ganz direkten und persönlichen Verhältnis untereinander: weniger Versuche, für andere mitzudenken, ihren Widerspruch vorwegzunehmen (sie sind selbst verantwortlich), weniger Warten darauf, daß andere den Karren aus dem Dreck ziehen (ich bin genauso verantwortlich). 8. offene, herrschaftsfreie Kollektivität gibt es nur auf der Basis von Autonomie! Der Widerspruch zwischen Kollektivität und Autonomie ist nur ein scheinbarer, denn Eigenverantwortlichkeit ist die Basis jeder nicht-hierarchischen kollektiven Struktur. Nur dadurch kann die Aufspaltung in »Aktivistlnnen« und »Fußvolk« und die Unterordnung einzelner unter ein ideologisches Gesamtkonzept verhindert werden. Und nur so kann die gegenseitige Angewiesenheit, die es in jeder Form von Kollektiv gibt, die oft sogar seine Bedingung ist, zu einer produktiven Größe werden. Eigenverantwortlichkeit heißt eben auch: verantwortlich mit den eigenen Kräften umgehen, Verantwortung abgeben, und die anderen genauso verantwortlich machen. Wir wissen noch nicht, wie das in der Praxis aussehen kann, gerade an dem Punkt gibt es wahnsinnige Schwierigkeiten, aber wir wissen, daß der Konflikt nicht in der Alternative: Autonomie oder Kollektivität gelöst werden kann; das wäre der sichere Weg in die Vereinzelung.@ | |||||
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