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die Autonomen und der nächste CASTOR nach Gorleben
von Fritz Storim Wer kann heutzutage schon von den Autonomen, von der autonomen Politik sprechen? Manche meinen sogar, daß es die Autonomen gar nicht mehr gibt. Wir sind von dem historischen Bezug des Begriffs und der damaligen Bedeutung für die politische Auseinandersetzung weit entfernt, und er hat sich stark in verschiedene Richtungen aufgefächert. Jede und jeder kann sich heute so bezeichnen, und das schafft sicher auch einige Irritationen unter uns, aber auch nach außen – wir sind inhaltlich schwer greifbar und damit auch schwer kritisierbar geworden. Die Leute außen stehen vor einem Phantom, mit dem sie sich nicht auseinandersetzen können, weil sie gar nicht wissen, mit wem sie es eigentlich zu tun haben. Darin sehe ich eine große Gefahr: Wenn wir uns abkapseln, unsere eigenen „Weisheiten“ zur absoluten Norm setzen, die Auseinandersetzung mit anderen politischen Vorstellungen nicht mehr suchen, werden wir in unseren Erkenntnismöglichkeiten erstarren und so jede gemeinsame Entwicklung mit anderen Menschen unmöglich machen. Wer sich gesellschaftlich isoliert, sich selbst nicht mehr bemüht, sich in den gesellschaftlichen Widersprüchen zu verorten, kann abstrakte Wahrheiten verbreiten, alles sagen, behaupten, kann Andersdenkende beschimpfen, diffamieren, weil er sich niemanden gegenüber nach außen verantworten muß und sich für niemanden verantwortlich fühlt – das bedeutet aber auch, daß gesellschaftliche Emanzipation in so einem Verhältnis nicht stattfinden wird. Starre, feste Prinzipien / Regeln / Dogmen / Kommandos widersprechen der Idee von Autonomie. Auch sollte Autonomie nicht nur als technische Struktur, Methode oder gar nur über bestimmte Erscheinungsbilder verstanden werden, sondern besonders als Prozeß der ständigen Auseinandersetzung um eine eigene gesellschaftliche Praxis, Theorie und Utopie im Kontext der gesellschaftlichen Widersprüche. Weil heute die inhaltliche Auseinandersetzung und Positionierung unter uns und nach außen kaum noch stattfindet, ist der Begriff Autonomie weitgehend zum Etikett, zum Label verkommen. Aber zum anderen erfahre ich auch immer wieder: es gibt doch eine ganze Menge Gemeinsamkeiten, einige gemeinsame, verbindende grundlegende Vorstellungen, die zum Teil inzwischen auch schon allgemeines Selbstverständnis geworden sind. Mehr Wunsch / Anspruch als Realität? - Ich will versuchen, meine Sicht dazu in die Diskussion zu stellen, und wenn ich dabei von "wir" rede, dann, weil ich mich als Teil der Auseinandersetzung um einen konkreten / praktischen Begriff von "Autonomie" verstehe und weiterhin verstehen will. Die Autonomen – wer sind wir, was wollen wir? "das Private ist politisch!" – und das Politische ist in uns: Privateigentum, Staat, Familie, Patriarchat, Kapitalismus, Konkurrenz, Leistungsdenken, ... spiegeln sich in unserem Denken und Handeln wieder. Wenn wir uns – in unserer Lebensweise, unseren Kommunikationsformen, Beziehungen, Auseinandersetzungen – nicht von denen unterscheiden, die wir bekämpfen, dann ist unsere Idee nichts als abstrakte Theorie, nichts als abstrakter Anspruch, reine Kopfgeburt, überflüssig und beliebig oder sogar schädlich, weil sie Illusionen erzeugen kann, die Veränderungen blockieren. Die politische Stärke des Kollektivs läßt sich nicht verordnen, sonder ist eng an das politische Selbstbewußtsein des einzelnen gekoppelt – kein Führer, keine Partei kann das ersetzen. Dieser grundsätzliche Respekt anderen gegenüber und dessen Bedeutung für die Entwicklung eigener Kommunikationsmöglichkeiten drückt sich auch in unserer Haltung aus, jegliche Normierung, Kategorisierung und Selektion von Menschen abzulehnen: seien es Menschen mit unterschiedlichen biologischen Merkmalen oder mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Bedingungen und Fähigkeiten, mit verschiedener Hautfarbe, mit verschiedener geographischer, kultureller Herkunft oder sei es auch menschliches Leben in einer sehr frühen Form, oder auch Menschen mit unterschiedlichen moralischen und politischen Ansichten, usw. Kommunikation – gemeint ist nicht Informationsaustausch z.B. über internet – ist immer nur in herrschaftsfreien, gleichberechtigten Verhältnissen möglich. Die wird es vielleicht nie geben, aber wir müssen beständig die Auseinandersetzung darum führen. Hierarchien, Normierung, Kategorisierung, Selektion verhindern und zerstören Kommunikation, sind immer Ausdruck von Herrschaft, Macht, Gewalt. Was nicht heißt, daß es nicht auch nötig sein wird, sich von Menschen zu trennen oder sie sogar zu bekämpfen, die z.B. nicht bereit sind, sich den gesellschaftlichen Widersprüchen zu stellen, oder deren Ziel es ist, andere Menschen zu unterdrücken, zu beherrschen und auszusondern. GegenMacht! Die Beseitigung des Kapitalismus steht immer noch auf der Tagesordnung. Und da gibt es keinen ergebnisoffenen Dialog und keinen Frieden mit den herrschenden Verhältnissen. Verhältnisse, die sich auf Gewalt gründen, werden nicht durch "Vernunft" verändert werden können. (Da stellt sich die Frage, durch wessen "Vernunft": durch die Vernunft der Herrschenden oder die der Unterdrückten?) Unser Kampf kann sich nicht auf Einsicht, Erkenntnis, Aufklärung, Überzeugung, Argumente, Apelle, Dialoge beschränken, sondern wir werden auch die politische Macht entwikkeln müssen, die Veränderungen selbst herbeizuführen. Wobei "GegenMacht" in sehr verschiedenen Formen auftreten kann und immer widersprüchlich ist: Sich Macht aneigenen, um Macht zu bekämpfen! Und das im Kontext der Utopie einer herrschaftsfreien, solidarischen Gesellschaft? Das wird nicht ohne Gewalt gehen. Damit diese GegenMacht sich nicht verselbständigt und so Herrschaftsverhältnisse einrichtet, muß sie ständig neu auf Ursache und Wirkung, auf Methode, Sinn und Legitimation (wer legitimiert?) hinterfragt (wer hinterfragt?) werden. Wir wollen keine Macht erobern, sondern wir werden GegenMacht nur vorübergehend und gezielt ausüben. Das ist ein sehr komplexer, dialektischer, kontinuierlicher Vorgang, und da sollten wir keinen einfachen Lösungen, keinen Rezepten, keinen fertigen Modellen, keinen Fundamenten vertrauen .Nur die gesellschaftliche Erfahrung, die Erkenntnis im dialektischen Prozeß von Praxis, Theorie und Utopie kann Kriterium für "Wahrheit" sein. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen: es gibt kein "draußen", Aussteigen ist nicht möglich: Identität und Bewußtsein sind immer auch Definition über herrschende Gesellschaftsbilder. Die Theorien der kommunistischen Bewegung (Marx, Lenin, ...) bezogen sich hauptsächlich auf die Gesamtgesellschaft, auf das Gesamtsystem. Es gibt bei uns heute nicht mehr die Hoffnung auf die proletarischen Massen als "objektiv" revolutionäres Subjekt - die wir mit unseren Aktionen nur in Bewegung setzen müssen (siehe K-Gruppen-Bewegung oder RAF nach 1968). Diese Hoffnungen sind immer wieder enttäuscht worden, die deutsche ArbeiterInnenbewegung hat zu keinem Zeitpunkt in der Nach- kriegsgeschichte der BRD die "Systemfrage" gestellt, und unser Begriff von Revolution – auch durch die Erfahrungen mit den kommunistischen Regimen und zum Teil auch mit den nationalen Befreiungsbewegungen - hat sich grundsätzlich geändert. Das liegt sicher auch mit daran, daß die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse nicht mehr so eindeutig äußere sind, sondern weitgehend anonymisiert und sehr viel subtiler und komplexer die Gesellschaft durchdringen, verstärkt auch von uns weitgehend verinnerlicht sind und vielfältig auf den unterschiedlichsten Ebenen selbst reproduziert werden. Das gesellschaftliche Sein, das Bewußtsein, der Begriff von Revolution bedingen sich gegenseitig! Wir beziehen die "Revolutionierung" der Individuen, der Beziehungen, der Geschlechterrollen (in Familie und Staat, Patriarchat, Geschlechterkategorisierung, Sexismus), der Organisationsformen, der Verkehrsformen als unverzichtbar mit ein: der selbsttätige, gleichberechtigte Mensch innerhalb des Kollektivs! Selbstbestimmung und Kollektivität eine untrennbare dialektische Einheit! Dies steht im Gegensatz zur "Partei der Avantgarde". Revolutionäres, autonomes Subjekt und "Partei der Avantgarde" sind wie Feuer und Wasser. Die "Partei der Avantgarde" verlangt von ihren Mitgliedern ein sehr hohes Maß an Disziplin, Unterordnung unter die Partei- und Entscheidungshierarchie. Sie löst den Widerspruch zwischen Kollektiv und selbstbewußtem, kritischem Individuum dahingehend auf, daß sich das Individuum den von der Partei vorgegebenen Kollektivstrukturen unterzuordnen hat. Zugespitzt formuliert: Sie setzen für ihre Organisationsstrukturen geradezu das vereinzelte Individuum – den Parteisoldat! – voraus (nach: Metropole und revolutionäre Strategie, Hauke Benner, 01.01.92). Im Rahmen der herrschenden Verhältnisse sind viele unserer Forderungen, Ideen und Vorstellungen unrealistisch, und wir werden sie nur verwirklichen können, wenn wir auch diese Verhältnisse in Frage stellen und verändern. Zum Außenbild der Autonomen Überall da, wo in politischen Auseinandersetzungen irgendetwas kaputt geht, wo etwas brennt, Steine geschmissen werden, wo Leute vermummt auftreten und schwarz angezogen sind, Kaputzenpullis tragen, die Polizei angegriffen wird, ... da waren die Autonomen am Werk - so zumindest nach der Presse und nach dem politischen Gegner, aber auch nach einem großen Teil der Öffentlichkeit. Über Motivation und Inhalte wird kaum noch geredet. Erscheinungsbilder treten in den Vordergrund. Und darüber wird versucht, Angst und Panik über angeblich unkontrollierte Gewalt – und die kann ja jede und jeden treffen, wird suggeriert – zu verbreiten. Jeder und jede, der/die es wagt, das Gewaltmonopol des Staates in Frage zu stellen – und das ist sicher oft nicht nur eine technische Handlung, sondern darin artikuliert sich auch ein eigener Begriff von Gewalt, Widerstand, Recht, Legitimität - wird von den Staatsschutzorganen wie von den Gerichten als kriminell denunziert. Die Kriminalisierung hat in erster Linie die Funktion, Menschen davon abzuschrecken, es zu wagen, die Gewalt (auch die strukturelle Gewalt), die von den herrschenden Verhältnissen ausgeht, ernsthaft zu hinterfragen. Aufpassen müssen wir, daß die Außendefinition, die über "Steineschmeißen" läuft (als Metapher gemeint), nicht in Selbstgefälligkeit von uns akzeptiert wird und wir darin verharren, und so unsere politische Aktion zum Ritual, zur Inszenierung von Widerstandsperformance verkommt. Militanz kann Ausdruck der entschiedenen Gegenerschaft, des Antagonismus zu den herrschenden Verhältnissen sein, ist aber sicher nicht per se richtig, gut, berechtigt oder klug – da wird es manchmal unbedingt notwendig sein, - wenn uns an Vertrauen und Glaubwürdigkeit gelegen ist - öffentlich Selbstkritik zu äußern. Gelingt es dem politischen Gegner, uns politisch zu isolieren - und das findet statt, wenn wir nur noch über "kaputte Scheiben" wahrgenommen werden und nicht über den politischen Kontext, in dem "die Scheiben" kaputt geworfen wurden -, dann landen wir bald politisch bedeutungslos ohnmächtig in einem Raritätenkabinett, und da wird es nicht so angenehm für uns sein. Aber andererseits, uns gibt es ja schon ziemlich lange, und wir gehen eigentlich davon aus, daß unsere Utopie einer solidarischen Gesellschaft ohne Herrschaft und Gewalt und die Auseinandersetzungen in diese Richtung vielen Menschen neue Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben vermitteln kann – nur das läuft nicht automatisch, da müssen wir das gesellschaftliche Gespräch suchen, die Ghettogrenzen immer wieder öffnen, übertreten. (Wobei gesellschaftliches Gespräch nicht den Dialog mit der Macht meint, um diese womöglich noch dadurch zu legitimieren!) Zur Entspannung und Erbauung jetzt die Sichtweise des Landesamtes für Verfassungsschutz, Hamburg über »Autonome und anarchistische Szene«, 1996: Staat und Öffentlichkeit werden durch politisch motivierte Gewalt und Militanz von Linksextremisten herausgefordert, die sich als „Autonome” definieren. Sie stellen sich außerhalb der „herrschenden” Gesetze und „Zwänge”, verhalten sich zumeist aggressiv, antistaatlich und in den Zielperspektiven subversiv. Spontaneität, „Null Bock“-Mentalität, permanente Revolte (statt permanenter Revolution) und „praktischer“ Widerstand sind Eckpunkte autonomen Selbstverständnisses. Nicht fürs Proletariat, sondern für ein universell selbstbestimmtes Leben wird gekämpft. Autonome lassen sich weniger von Ideologien wie Marxismus, Sozialismus und Kommunismus leiten, weil sie davon ausgehen, daß auch diese nicht auf staatliche Macht (z.B. „Diktatur des Proletariats“) und Staatlichkeit an sich verzichten. Vielmehr wollen sie das System zerschlagen und „Autonomie“ als totales Prinzip in einer herrschaftsfreien Gesellschaft („Keine Macht für niemand!”) durchsetzen. Gewaltbereitschaft ist konzeptioneller Bestandteil autonomen Selbstverständnisses. Statt einer Revolution der proletarischen „Massen“ stehen bei Autonomen die eigene Person und individuelle Betroffenheit im Vordergrund. Hierarchien und Machtzentren, damit auch der Staat („Schweinesystem“), werden abgelehnt. Ihr von dogmatischen Linksextremisten abweichendes Politikverständnis hindert Autonome aber nicht mehr, mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn es den eigenen Zielen dient. Autonome Gruppen sind zumeist lokal/dezentral und unstrukturiert angelegte Personenzusammenhänge, deren Willensbildung sich auf Plenumstreffen vollzieht. Einzelne Plenen halten untereinander Kontakte. Stabile und stringente überregionale bzw. bundesweite Vereinheitlichungen scheiter ten bisher am antihierarchischen, antiautoritären und organisationsfeindlichen autonomen Selbstverständnis. Die Praxis autonomer Gruppen hat sich vom „Häuserkampf“ über die Antiatom- und Fr iedensbewegung, „Antirepressions“-Kampagnen, „Antifaschismus“, „Antimilitarismus“ und Widerstand gegen Munitionstransporte ständig wechselnde Schwerpunkte gesucht. „Antifa“, „Antirassismus“, Asylverfahrensfragen, Umstrukturierung von Wohnvierteln, Widerstand gegen Atommüll- bzw. Castortransporte und internationalistische Ambitionen standen das Jahr über im Vordergrund autonomen Denkens und Handelns. Angebliche autonome „Gegenwehr“ kennt in ihrer Vielfalt und Erfindung von Rechtfertigungen kaum Grenzen. Sie kann sich in Massenmilitanz und Straßenkrawallen entladen, oder aber in spontanen oder konspirativ vorbereiteten und durchgeführten Anschlägen bemerkbar machen. Unabhängig von Art und Ausmaß ihrer Gewalt legen Autonome Wert darauf, ihr Handeln öffentlich zu begründen. „Vermittelbarkeit“ ist ein Grundprinzip ihrer Anknüpfungsstrategie. Insbesondere unter Jugendlichen versuchen Autonome, Interessenten einzufangen, deren Bedürfnis, Frust oder Haß aktionistisch auszuleben, entgegenzukommen. Verbindungen und Kontakte ergeben sich zumeist über „befreite“ Räume, besetzte Häuser, Wohngemeinschaften, Jugendzentren, Kneipen, Info- und Buchläden. Als eine Art „befreites“ Terrain definieren Autonome in Hamburg das im Zuge einer Besetzungsaktion „angeeignete“ Stadtteilzentrum „Rote Flora“ im Szenequartier Schanzenviertel. zum Widerstand gegen den nächsten CASTOR-Transport nach Gorleben Der nächste CASTOR-Transport nach Gorleben soll voraussichtlich Anfang November stattfinden. Die unterschiedlichsten Gruppen bereiten sich darauf vor, diesen Transport zu behindern oder wenn möglich aufzuhalten. Das gemeinsame Ziel ist es dabei, zu demonstrieren, daß, solange die Atomkraftwerke nicht endgültig abgeschaltet sind, wir den Betrieb behindern oder verhindern werden, wo immer wir können, und auch auf die Gefährlichkeit solcher Transporte hinzuweisen. Die Gruppen vertreten sehr unterschiedliche politische Vorstellungen, und die beteiligten Menschen kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Realitäten: da sind u.a. die BI-Lüchow-Dannenberg, X-1000mal-quer, Robin Wood, Greenpeace, die Autonomen, viele spezielle auf bestimmte Themen ausgerichtete Initiativen, Einzelpersonen aus allen möglichen politischen Zusammenhängen usw.; erklärte Gewaltfreie, Militante, Zivile Ungehorsame; bei einigen steht die Angst vor Verletzung durch radioaktive Strahlung im Vordergrund, andere sehen in diesem Widerstand zusätzlich einen Hebel für Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Und zudem sind die einzelnen Menschen ja nicht festgelegt, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, sondern auch da finden Auseinandersetzungen um Methode, Inhalt, Ziel usw. statt. Eigentlich eine günstige Situation, um zu versuchen, zusammenzukommen, sich gegenseitig nachvollziehbar und damit auch kritisierbar zu machen. Das nicht nur aus taktischen Gründen oder um die Anzahl zu vergrößern, sondern weil das eine Chance ist, voneinander zu lernen, unsere eigenen Vorstellungen zu überprüfen, gemeinsam neue Vorstellungen zu entwickeln. Was aber stattfindet, sind haupsächlich technische Absprachen, ist ein sich Arrangieren auf dem Hintergrund des geringsten Ärgers. Da werden, wenn‘s hoch kommt, dann getrennte Orte verabredet, um sich nicht gegenseitig ins Gehege zu kommen. Die Angst vor Konflikten oder Vereinnahmung, gegenseitiges Mißtrauen, scheinen auf allen Seiten ziemlich groß zu sein. Es wird ausgewichen mit der Befürchtung, so eine Auseinandersetzung könnte das Bündnis sprengen und uns schwächen. Aber so ein Bündnis wird nicht tragen, wenn es wirklich zu politischen Belastungen kommt, und es wird uns selbst auch nicht weiter bringen. Dafür gibt es ausreichende Beispiele: denken wir nur an die offizielle Reaktion der BI-Lüchow- Dannenberg zur Schienenaktion vor dem letzten Gorleben-CASTOR-Transport, oder auch an deren Reaktionen auf die Auseinandersetzungen mit der Polizei in Dannenberg, als der Transport dort erwartet wurde, oder denken wir daran, daß auf der abschließenden Pressekonferenz - nachdem der Transport im Lager war – zwar die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag Rebecca Harms ausführlich zu Wort kommen konnte, aber die Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen des Schienenkonzepts nicht einmal vom Stattfinden dieser Konferenz informiert wurden. Da gibt es scheinbar noch viele Unklarheiten unter uns. Die Verhältnisse untereinander sind widersprüchlich und ambivalent. Aber in diese Widersprüche sollten wir uns hineinbegeben und die gemeinsamen Möglichkeiten immer wieder neu ausloten. Das ist sicher einfacher gesagt als getan. Wie z.B. mit dem Dilemma umgehen, wenn du Gespräche und Auseinandersetzung einforderst, aber auf taube Ohren stößt? Wenn du als GesprächspartnerIn nur akzeptiert wirst, wenn du als politisch bedeutend, wichtig, öffentlichkeitswirksam angesehen wirst? Die Antwort darauf - wenn wir uns nicht jeder emanzipativen Lösung verschließen wollen - kann aber sicher nicht heißen: "wie du mir, so ich dir!". Mir ist schon klar – auch nach diesem Text - , die Utopie klingt bombastisch, unsere Realität, unsere politische Praxis sind daran gemessen kümmerlich. Unsere Praxis besteht zur Zeit hauptsächlich aus kurzfristigem, aktionistischem Reagieren, weitgehend außerhalb unseres Alltags. Die Verhältnisse zu verändern, das ist eben mitunter auch ein mühevoller Weg, erfordert Mut und Ausdauer. Aber das Abenteuer Erkenntnis, Veränderung, Emanzipation – wenn wir uns denn darauf einlassen - entschädigt uns für die Mühen und birgt die Kraft in sich für diesen Weg. Und das scheint mir sowieso das zu sein, was das Leben interessant und lebenswert macht.@ | | |
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