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Autonomie: eine Angelegenheit nur für die große Stadt? Gedanken aus dem Wendland Da blüht kurz was auf von alBa.dan Das erste Bild, das mir in den Kopf kommt, wenn ich über “die” Autonomen nachdenke, hat ganz viel mit dem Außenbild zu tun, mit dem, was Medien, Politik und Staatsgewalt konstruieren und verbreiten. Offensichtlich ist es auch in meinem Kopf präsent: Schwarze Kapuzenpullis, vermummte Gestalten, Steine und Signalmunition fliegen durch die Luft, Glasscheiben gehen zu Bruch, Polizeibullis brennen, Angst und Schrecken..... Zwar weiß ich um die Funktion solcher Bilder und was damit bezweckt wird. Aber trotzdem gibt es sie, diese Bilder, (und zwar nicht nur als Bilder. Hinter diesen Bildern weiß ich auch reale Menschen, die Militanz als ein mögliches und in bestimmten Situationen notwendiges Mittel ansehen.) Jetzt taucht da ein ganz anderes Bild auf von “den” Autonomen. Es ist verschwommen und schließt ganz viele Menschen mit ein. Manchmal ist es mehr ein Gefühl als eine konkrete Vorstellung. Aber es gibt auch das: Menschen, die auf vielfältige Weise hartnäckig und entschlossen Widerstand leisten; die entschieden nein sagen zu den herrschenden Verhältnissen und der Gewalt, die davon ausgeht; die den Mensch und nicht ökonomische Interessen in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen; eine Utopie von herrschaftsfreier Gesellschaft entwikkeln und auch ihr jetziges Handeln danach kritisch hinterfragen; die militantes Vorgehen auf dem Hintergrund staatlicher und gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse einordnen. Das sind keine kopflosen Gewalttäter......... Nur schade, daß dieses zweite Bild oft hinter dem ersten Bild verschwindet! Da fällt mir der letzte Castortransport nach Gorleben ein. Es gab so was wie autonomen Widerstand. Ich hatte ihn erlebt und wahrgenommen. Ich hatte ein Gefühl davon, was autonome Politik ist oder sein könnte. Aber ganz wenig von dem, was ich für unsere Ideen, Argumente und Aktionen hielt, von dem was “wir” wollen und tun, ist in die Öffentlichkeit durchgedrungen. Das lag zum einen daran, daß “wir” zu wenig versucht hatten, uns darzustellen und zu erklären. So ließ sich ganz leicht wieder das Bild der gedankenlosen autonomen Gewalttäter konstruieren, das die bürgerlichen Medien so gern aufgreifen. Es gab uns einfach nicht - oder wenn schon, dann als steinewerfende Chaoten, die – so einige Kirchenvertreter - einfach hätten weggefangen werden können. Oder aber als Provokateure, die den Widerstand in ein schlechtes Licht rücken wollen. Denn zum Mythos des friedlichen Widerstand passen wir wohl nicht so richtig dazu. Oder vielleicht doch? Ein bißchen gefährlich und unberechenbar wollen doch viele sein und freuen sich klammheimlich über gelungene Straßenunterhöhlungen und auseinandergebogene Schienen. Ein bißchen autonom sich gebärden, das entspricht dem eigenen Gefühl. Aber gleichzeitig wird ganz unüberlegt das angebotene Bild von “den” Autonomen übernommen. Empörung und Distanzierung wird geäußert, ohne zu registrieren, daß die eigenen Kinder sich unter schwarzen Kapuzen verstecken, sich dazu zählen: Dieser Widerspruch und diese Unklarheit im Gespräch mit Menschen aus dem Widerstand hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, autonome Politik zu vermitteln, uns und unsere Ideen greifbar und nachvollziehbar zu machen. Deckt sich überhaupt mein verschwommenes Bild, decken sich meine Ideen mit denen anderer, die sich als Autonome verstehen? Was ist uns gemeinsam? Je mehr ich darüber nachdachte und mit Menschen darüber sprach, desto mehr stocherte ich im Nebel. Zweifel kamen auf: War es nicht besser, das alles im Nebel zu lassen, denn gerade das Undurchschaubare bleibt unberechenbar und bietet auch ein Stück Sicherheit vor staatlichen Repressionen? Diesen Gedanken sollte ich zumindest im Hinterkopf behalten. Andererseits: vielleicht sind wir mehr für uns als die Gegenseite unberechenbar; wenn ich den Verfassungsschutzbericht lese, denke ich, der Staatsschutz hat überhaupt keine Probleme, uns zu differenzieren und aufs Korn zu nehmen. Der Nebel lichtet sich allmählich. Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, wer die Autonomen sind. Ich habe Menschen, Ideen und Vorstellungen gefunden, die sich beträchtlich unterscheiden. Aber auch Unklarheit und Unsicherheit, die sich hinter diesem Begriff verbergen. Offensichtlich wurde nicht nur mir bewußt, daß es viel Widersprüchliches und Wichtiges zu reden gäbe. Es entwickelte sich der Wunsch, das alles miteinander in Beziehung zu setzen, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche rauszukristallisieren und mehr Klarheit zu gewinnen. Wenn wir selber nur verschwommene Bilder in unseren eigen Köpfen haben und vermeiden, uns darüber auseinanderzusetzen, wird es uns nur schwer gelingen, unsere Utopie weiterzuentwickeln und auch anderen zu vermitteln. Es macht uns mit unseren Ideen nicht besonders glaubwürdig. Und wenn wir nicht darüber reden und zum Teil selbst dem Außenbild verhaftet bleiben, wie wollen wir da erreichen, daß unsere Aktionen nicht als unsinnig und inhaltsleer wahrgenommen werden?
Situationen, in den deutlich wird, daß “der Widerstand” nichts einheitliches ist, gibt es genug: beim Treffen der Castorgruppen wird über ein Flugblatt geredet, und hinter den Worten werden Vorstellungen und Ziele deutlich, die ganz anders sind als meine. Oder Ideen werden ausgesponnen, wo ich überhaupt keine emanzipatorische Richtung erkennen kann. Dann finde ich es nötig, klar aufzuzeigen, wo die Unterschiede liegen. Aber komme ich damit an? Ganz schnell laufe ich Gefahr, als besserwisserisch oder arrogant da zu stehen. In den Leserbriefen der EJZ wird ausgebreitet, wie gut und brav wir doch alle wären. - Natürlich kennen wir uns auch anders. Es bleibt ja nicht aus, daß wir uns bei dieser oder jener Aktion treffen. Dann sind die meisten: plötzlich erfreulich störrisch; aufrührerisch in ihrem Reden; trickreich und entschlossen. Auch welche, denen das nicht so anzusehen ist. Aber irgendwie bleibe ich skeptisch. Danach sind sie eben doch wieder “normal”, reden einen Stuß daher, verhalten sich sexistisch, sind angepaßt, wollen angepaßt sein. Während der Aktionstage blüht etwas auf, wenn auch nur kurz: Da gibt es die gemeinsame Erfahrung von Nein-Sagen. Von sich-nicht-allesgefallen- lassen. Regeln und Normen werden nicht nur hinterfragt, sondern auch folgerichtig durchbrochen. Ist es nicht denkbar, daß diese Ideen und vielleicht auch nur eine Ahnung von mehr Selbstbestimmung, der Traum von einem anderen Leben auch in den Alltag übergehen könnten? Wenn wir nichts dafür tun, ist die „Erfahrung von diesem anderen“ schneller wieder verschwunden, als sie gekommen ist. Autonome Politik im Landkreis bedeutet für mich, hier gemeinsam mit Leuten, die das ähnlich sehen, anzuknüpfen.@ | |||||
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