Autonomie ist eine selbstbestimmte Abhängigkeit
ein Theaterstück,
in dem Ideen zu Wort kommen
A = Autonomia,
vertritt das Konzept der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
als revolutionäres Prinzip, untrennbar verwoben
und im perrnanenten Konflikt mit Kollektiva, A betont
allerdings die subjektive
»Ich«-Position.
Name: Autonomia Solamia
K = Kollektiva,
vertritt Kollektivität als revolutionäres Prinzip in Ausein
andersetzung mit A, betont die »Wir«-Position.
Name: Kollektiva Cosanostra
A und K sind eine nach außen neugierige, nicht fest gefügte
oder aggressive »Einheit«, der permanente Konflikt
bzw. die Korrektur durch die jeweils andere »rettet« vor
der Vereinnahmung durch 1 und T
I = Innovator,
schwimmt auf dem aktuellen Trend der herrschenden Gesellschaft,
d.h. macht Marketing für kapitalistischen Markt,
vertritt das Prinzip der Konkurrenz, des «anything goes«,
der Akkumulation, des Trend-Surfing.
Name: Innovator make-the-world-go-round
0 = Oktober,
verkündet die scheinbar unanfechtbaren linken Wahrheiten,
hat immer Recht, verachtet die, die das nicht einsehen,
vertritt das Prinzip der Unterordnung des Kollektivs
unter die »objektiven Gesetzmäßigkeiten«,
Name: Karl-Otto, Oktober
M= Moderator Veranstalter des Treffens,
stellt Fragen, versucht sich die abstrakten Aussagen an Beispielen
klarzumachen. Sammelt die strittigen Punkte
Name: Achsel Wieso
M (kommt auf die Bühne, redet zu sich):
Hach! gerade noch rechtzeitig geschafft, sie
sind noch nicht da, da bin ich ja mit den Vorbereitungen
gerade noch fertig geworden. jetzt
nur noch (geht zum Tisch, rückt ihn nach vorne,
sieht dabei das Publikum) Auweia! (zögert
einen Moment, geht dann aber nach vorne) Guten
(räuspert sich, lauter) Guten Tag, mein verehrtes
Publikum. Wie Sie sehen, sind die Vorbereitungen
sogleich abgeschlossen, die Veranstaltung
kann jeden Moment beginnen, bitte
gedulden Sie sich noch einen kurzen Augenblick,
bis ich (rückt dabei den Tisch gerade, legt
ein großes weißes Tuch darüber) ... so, fertig!
(zu sich) so, jetzt noch ein Stuhl (blickt sich
um, siebt hinten einen, geht darauf zu, in diesem
Moment betritt I die Bühne, schiebt einen
Einkaufswagen vor sich her, der eine Holzkamera
trägt, sucht etwas)
M: ja bitte, was machen Sie denn hier?
I (sucht weiter): Ich suche was.
M: Un warum ausgerechnet hier? Hier beginnt
gleich eine Großveranstaltung !
I: Großveranstaltung? Nicht schlecht, da bleib’
ich doch gleich hier. Darf ich mich vorstellen?
Innovator make-the-world-go-round ist mein
Name. Und mein Programm, hähä; Ich suche
nämlich Innovationen! Hallo Leute, Brüder und
Schwestern, das ist ja alles unheimlich großartig,
daß wir uns jetzt hier versammelt haben,
so gemeinsam alle auf einem Fleck, great, I love
it, we all come together, we are the world.
M: Hören Sie mal, Sie können hier nicht bleiben,
Sie müssen runter von der Bühne. Sie kann
nämlich jeden Augenblick kommen! Aber halt,
haben Sie sie vielleicht schon gesehen?
I: Wen oder was?
M: Na unsere Referentin, sie ist extra angereist,
sie wird zum Thema »Autonomie als besonderer
Aspekt der Autonomie« referieren, ein
hochspannendes Thema. Sehen Sie, all die Leute
hier warten schon, sind alle gekommen, um
sich über Möglichkeiten ihrer Autonomie aus
erster Hand von unserer Referentin informieren
zu lassen, aber sie ist noch nicht da!
I: Nee, also ich hab’ noch nix gesehen, aber
ich bleib’ mal da, vielleicht passiert ja hier was
wirklich Neues, was echt noch nie
Dagewesenes, mensch, ich witter’ was, da liegt
was in der Luft! ja, Kommunikation, das ist doch
was total Großartiges, laßt uns kommunizieren,
wir sind Teil einer weltweiten Kommunikationsgemeinschaft.
(Gezänk von hinten, zwei Frauen nähern
sich: Autonomie und Kollektiva)
A: Jetzt lauf mir nicht immer hinterher, du bist
doch gar nicht eingeladen!
K: Du weißt ganz genau, daß die dich nur deswegen
eingeladen haben, weil sie was über Freiheit
und Unabhängigkeit hören wollen. Und
wenn ich nicht aufpasse, bringst du das wieder
nicht richtig rüber, daß du keine Freibriefe zu
vergeben hast. Nachher heulst du dich wieder
bei mir aus, weil dich alle mißverstanden haben.
A: Deswegen brauchst du trotzdem nicht ständig
auf mich aufzupassen. Kannst mir ja widersprechen,
wenn du was falsch findest. - Müssen
wir denn immer als Zweierkiste auftreten?!
K: Ich möchte mal wissen, warum wir solche
Auftritte nicht vorher abquatschen können, anstatt
daß jede auf eigene Faust ...
M: Entschuldigung, aber was wollen denn Sie
jetzt hier? Wissen Sie, hier wird gleich ...
A: Ich bin die Referentin.
K: Wir sind die Referentinnen!
M: Sie sind die Referentin? Also das heißt, Sie
beide? Aber ich hatte nur eine ...! Aber dann
kommen Sie, nehmen Sie Platz. Oh je, es gibt
nur einen Stuhl.
K: Das macht nix, wir finden uns schon zurecht.
(Setzen sich auf den Tisch) So, dann können
wir ja anfangen.
A (schaut ins Publikum, dann zu M): Sagen
Sie mal, was ist das überhaupt für’n Publikum?
Wieviel Autonome sind denn dabei?
M: Wieviele Autonome?(dreht sich um zum
Publikum) Liebes Publikum, die Referent ...
innen möchten zunächst gerne wissen, wieviel
Autonome eigentlich im Saal sind! Können wir
ihnen den Gefallen tun und das mal eben feststellen?
Ich bitte Sie also um Handzeichen!
I: Halt, halt, sagten Sie gerade Autononie? Vorhin
sprachen Sie doch noch von Autonomie?
Aber jetzt ist das hier ein Autonomen-Kongreß?
Also ein Meeting dieser wunderbar
rebellischen 80er Jahre-Innovation,
das riecht ja nach Modernisierung
...
M: Nein, dies ist kein
Autonomen-Kongreß, sondern ein
Autonomie-Kongreß, auf dem allerdings
einige Autonome und eine Referentin,
also zwei, zum Thema der
Autonomie der Autonomen, oh je ...
Also seien Sie jetzt mal still und lassen
am besten unsere Referentinnen
alles erklären, bitte.
A (zu K): Wer fängt an? Also ich. (zum
Publikum) Ich hab was gegen lange
Vorreden, deswegen fang ich mal ganz
platt an - wir können das ja dann hinterher
noch genauer machen -: Also
Autonomie, so wie ich das verstehe,
ist, wenn ich sage, was ich denke, und
tue, was ich will, und dann über das Ergebnis
aber später auch nicht zu jammern
anfange ach so, ich hab mich noch
gar nicht vorgestellt: Ich heiße
Autonomia Solamia.
I (unterbricht, eilt auf A zu): Ja, aber
Frau Solamia, daß wir uns nochmal treffen.
Und dann auch noch auf einem Kongreß,
auf dem es um die Autonomen gehen
soll und zu dem soviele junge Leute
hier gekommen sind! Ich freue mich ja
riesig, daß ich hier sein kann. Man munkelte
ja bereits, daß die autonome Bewegung
ganz mirnichtsdirnichts in der Kiste
verschwunden sei, weg, aus, Schluß,
Ende. Das wäre ja fürchterlich schade gewesen,
denn wir brauchen sie doch noch!
M: Was meinen Sie damit?
I: Na, für die Innovation. Und was ist die
höchste Form der Innovation?! Die Revolution!
Deswegen sind Sie doch hier: wir
brauchen mehr technische Revolutionen,
um die Probleme der Menschheit im 21.
Jahrhundert zu lösen. Jawoll, meine Damen
und Herren, äh, liebe Freundinnen und
Freunde, die Revolution beginnt hier und
jetzt, ganz direkt auf der Straße, mit dem
3-Liter-Ökoauto. Können Sie sich noch an
die Werbung einer
BenzinTankstelle erinnern? Genau:
»Wir schaffen Bewegung!«.
ja, laßt uns alle eine ganz neue
autonome Bewegung von kaufkräftigen
Individuen schaffen!
0 (war langsam von hinten
dazugetreten): Individuum? Ich
denke, es geht hier um Politik!
Wer spricht hier vom Individuum?
I und A: Ich!
0: »Der Individualismus ist der Altersstarrsinn
der Autonomen! «,
hätte Lenin gesagt. (Pause, alle
gucken zu 0, der sich selbstzufrieden
mit verschränkten Armen
im Raum positioniert)
0: ja, stimmt doch: Das Individuum
ist eine Erfindung des vorletzten
Jahrhunderts. Der Kapitalismus
brauchte haftbare Einzelindividuen
für den sogenannten freien Markt.
Der ganze Zinnober von Geist, Seele,
Individualität und Selbstverwirklichung
...
M: Aber ich bitte Sie alle, ich weiß
zwar nicht, welche Motivation Sie
hier auf die Bühne getrieben hat,
aber wenn Sie sich schon äußern,
dann beziehen Sie sich doch bitte auf
unser Thema! Und darf ich auch bitten,
daß Sie sich vorstellen?
0: Karl-Otto Oktober, manche sagen
auch Rechthaber, aber das ist natürlich
billige Polemik. Ich denke, Individualismus
ist das Thema, das haben
Sie doch gerade von dem da (zu I) gehört:
Autonomie ist Individualismus,
Egoismus, Konkurrenz - das braucht
der Kapitalismus, damit die Akkumulation
funktioniert, und genau da haben
ihm die Autonomen der 80er Jahre bestens
zugearbeitet.
A: Gar nicht wahr ... !
I (gehässig zu 0): Da hören Sie’s!
A: Autonomie heißt überhaupt nicht
daß man seinen Trip ganz allein macht.
Wenn ich selbstbestimmt handle und
mich dabei auf mein eigenes Urteil verlasse,
dann heißt das doch nicht, daß ich
zu denken aufhöre, wenn’s nicht direkt
um meinen Bauch geht. So ‘ne form von
Egoismus ist einfach nur dumm ...
I ( verwirrt): Wieso denn, eine gesunde
Portion Egoismus gehört doch zum Überleben
...
O (vorwurfsvoll zu A): Da hören Sie es!
K (leise und eindringlich zu A): Jetzt
mach keinen Scheiß, jetzt laß mich mal.
(laut) Also erstens waren die Autonomen
der 80er Jahre überhaupt nicht besonders
autonom ...
O: / M: / I: Vor-stel-len!!!
K: Moment! Kommt gleich. Also ich finde
das nicht besonders produktiv, wenn wir von
hier vorne einen Vortrag über Autonomie, die
richtige oder die falsche, halten. Irgendwie müssen
da schon alle was zu sagen. Ich würde sagen,
wir machen als erstes mal alle hier im Saal
‘ne Runde, wo wir uns vorstellen und sagen,
was wir unter Autonomie verstehen. Da kann
ich ja gleich mal anfangen: Also ich bin
Kollektiva Cosanostra.
M: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche,
aber wir wollten eigentlich was über Autonomie
hören ...
K: ja, sehen Sie, das ist immer das Mißverständnis.
Autonomie heißt eben nicht nur »selbstbestimmt
«, sondern auch »eigenverantwortlich
«.
M: Ich verstehe! Wenn ich meine Nase in
anderer Leute Angelegenheiten stecke,
bin ich selbst schuld, wenn ich Ärger
kriege. Meinen Sie das so etwa?
A (trotzig und belehrend): Wer seine
Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten
steckt, kommt darin um!
0: Ich glaube, das haben Sie nicht ganz richtig
zitiert! Von wem ist das nochmal?
M: Also was heißt das jetzt mit der Eigenverantwortung?
Was hat das mit Autonomie zu
tun?
A: Erstmal heißt das: wenn ich mir keine Vorschriften
machen lasse, was ich zu tun habe,
daß ich mich dann auch nicht als Opfer irgend
welcher anderen hinstellen kann.
M: Also jeder ist selbst schuld?
K: Nein, Verantwortung ist was anderes als
Schuld. Sie bedeutet, daß ich die Folgen von
meinen Handlungen für andere und auch für
mich selbst in meine Entscheidungen miteinbeziehe.
Verantwortung heißt ganz wörtlich,
daß ich bereit bin, auf Kritik und Einwände gegen
mein Handeln zu antworten. Darum ist Autonomie
das Gegenteil von Unabhängigkeit.
A: Sie ist sozusagen »selbstbestimmte Abhängigkeit
«.
K: Denn so ein Geflecht von gegenseitiger Verantwortung
ist gerade eine Absage an den bürgerlichen
Freiheitsbegriff.
I: Also ich muß doch bitten, was gibt es denn
Wertvolleres als die Freiheit! Der Mensch lebt
nicht vom Brot allein ...
0 (unterbricht): Ach, hören Sie auf»Erst
kommt das Fressen, dann die Moral!« Bett
Brecht hatte ganz recht -zumindest in seiner
frühen bzw. spät-mittleren Phase. Sie können
hier doch nicht angesichts von millionenfacher
Verelendung und millionenfachem Analphabetentum
von individueller Freiheit quatschen.
Das ist doch der Blick des wohlgenährten Europäers
vom Balkon ...
I: ja, und? ...(wieder kurze verwirrte Pause,
dann weiter)
I: Lassen Sie sich nicht irritieren, keine Panik;
Sprücheklopfer gibt es leider ja fast überall.
Aber zurück zu unser aller Freiheit! Freiheit basiert
doch immer auf der Freizeit ... äh Freiheit
des Andersdenkenden, ist also doch nur individuell
zu begreifen. Und Kollektivität führt
doch nur zu Gleichmacherei auf dem niedrigsten
Niveau, aber das kennen wir doch jetzt
alle, meine Damen und Herren, diese Art von
Kollektiv: ritschratsch, alle einen Kopf kürzer,
bis alle in die gleiche Kiste passen! Dagegen
die Freiheit, die individuelle Entfaltung, die Erfahrung
der eigenen Welt, der eigenen Dinge,
des eigenen Besitzes. Selbsterfüllung, Selbstverwirklichung
- dazu braucht es doch auch klare
Abgrenzungen von den anderen. Ich muß
doch wissen, ob es mein eigenes Brot ist, das
ich esse, mein eigenes Video, das ich mir reinziehe,
mein eigener theoretischer Standpunkt,
den ich mir patentieren lasse. Und
die Autonomen haben doch
im Grunde nie etwas anderes
vertreten, als ...
A: Jetzt lassen Sie mal die Autonomen
aus dem Spiel! Die
können sich gegen Ihre Unterstellungen
hier nicht wehren.
Auf jeden Fall haben sie sich von
so einer Form, Selbstverwirklichung
zu vermarkten, immer abgegrenzt.
I: Aber nicht doch, aber nicht doch. Vergessen
Sie doch mal Ihre alten
SchwarzWeiß-Raster von Gut und Böse, lassen
Sie uns doch zusammen nach unseren Gemeinsamkeiten
suchen. Zum Beispiel die von Ihnen
erwähnte Abgrenzung der Autonomen. Ist doch
wunderbar! Wenn sich die 68er nicht von ihren
miefigen Eltern abgegrenzt hätten, wären wir
doch immer noch in der Steinzeit, ich meine
marktmäßig gesehen, hähä ... Und Abgrenzung
ist auch mein Interessensgebiet. Nur wer sich
klar von anderen unterscheiden will, ist überhaupt
für Moden, Trends, Musikstile, verschiedene
Fernsehkanäle oder auch unterschiedliche
Parteiprogramme empfänglich.
K: Gut, daß Sie das mal so deutlich sagen: Das
Kapital ernährt seinen fetten Bauch von der Differenz.
Darum erzeugt es sie auch immer und
überall: Rassismus, Nationalismus, Diskriminierungen
aller Art, Privilegien ...
I: Ach wissen Sie, Unterschiede wird es immer
geben, die müssen wir gar nicht erst erzeugen.
Und außerdem wüßte ich nicht, was daran so
verwerflich sein sollte. Die Autonomen sind ja
selbst unser idealer Kundenkreis dabei: sie haben
aus den Abgrenzungen ja einen richtigen
Kult gemacht: eigene Musik, eigene Treffs, eigene
Probleme, eigene Rituale auf der Straße,
eigene Tuchund Farbsignalkombinationen, eigene
Sprachregelungen, eigene Normenkataloge,
in dieser Perfektion eine fast deutsche
Kulturleistung - ja wirklich ... ja geradezu
...
0: Da kann ich nur mit Gramsci sagen»Die Linke
muß wieder die kulturelle Hegemonie über
den dynamischen Teil der Gesellschaft erreichen!
«
I: ja genau, darauf können sogar wir uns einigen,
auch wenn ich das etwas anders ausdrükken
würde: Das Konzept der Abgrenzung, das
Bedürfnis, sich von der Masse zu unterschei-
den, hat Trendsetter-Qualität. Das ist Freiheit:
die Freiheit, anders zu sein, und das ist natürlich
immer etwas teurer...
M: Entschuldigung, aber im Interesse des Publikums
muß ich doch intervenieren: Sprechen
Sie alle eigentlich über das gleiche Thema? Freiheit,
Unabhängigkeit, Autonomie, was soll das
alles, wo sind da die Unterschiede?
A: Die Freiheit, die dieser Herr
hier gerade beschrieben hat,
ist die Freiheit der Warengesellschaft.
jeder darf Geschäfte
machen, seine Arbeitskraft
verkaufen, konsumieren,
den andern übers
Ohr hauen. jeder darf alles
-solange er nur die Existenz des Eigentums
nicht in Frage stellt ...
I: Und das ist ja wohl auch richtig so! Alles
muß seine Grenze haben.
K: ja eben. Und das Eigentum, also die Aufteilung
in »meins« und »deins«, ist die Grenze
der Verantwortung für das, was ich mache. Eigentum
heißt ja gerade, daß ich nicht verpflichtet
bin, Rechenschaft darüber abzulegen. Da
liegt der Unterschied! Solange es Eigentum gibt
- und das gilt wirklich für jede Form von Eigentum
-, solange gibt es auch Herrschaft.
A: Und außerdem: unsere Selbstbestimmung
hat mit Ihrer Selbstverwirklichung nichts zu tun,
Herr Innovator.
K: Wenn die Selbstbestimmung nämlich nicht
gleichzeitig Verantwortlichkeit bedeutet, ist auf
sie geschissen. Deswegen kämpfen wir gegen
alle Arten von Eigentumsverhältnissen, weil der
Verantwortlichkeit da einfach ‘ne Grenze gesetzt
wird.
M: Darf ich mir das kurz klarmachen: Sie können
also jederzeit in meine Wohnung kommen
und sagen: ich will hier jetzt auch wohnen ...
A: Ich kann’s probieren, und dann gibt es eben
einen Konflikt!
M: ... kein Buch, kein Taschentuch, auf nichts
soll ich mehr einen Anspruch haben? Dann gibt
es ja gar keine Privatsphäre mehr ...
K: Ganz recht!
I: 0 Gott, wie entsetzlich! Das ist das Ende!
0 (leise, zu sich): Eigentum, das ist doch eigentlich
mein Thema! (tritt nach vorn, laut)
Liebe Genossinnen und Genossen wenn ich Sie
jetzt alle mal so anreden darf ...
A: Hängt davon ab, was jetzt kommt ...
0: Also das mit dem Eigentum ist doch - wie
heißt es so schön, bei ... naja, bei wem schon:
»Es ist das Einfache, was so schwer zu machen
ist ... « Die Eigentumsfrage revolutionär zu lösen,
heißt die umfassende Vergesellschaftung
der Produktionsmittel herbeizuführen. Die arbeitenden
Massen müssen dabei langsam an
diesen revolutionären Schritt herangeführt
werden, da ihr Bewußtsein an sich schon sehr
weit fortgeschritten ist, ihr Bewußtsein für sich
aber noch tätiger Anleitung bedarf.
M: »tätige Anleitung« - klingt gut, aber was ist
das?
0: Nun, um dem revolutionären Subjekt klarzumachen,
daß es ein solches ist, ist zunächst
die Propaganda in Wort und Tat erforderlich.
Erste Schritte könnten sein, wenn man den
ArbeiterInnen z.B. die Vorteile
prä-sozialistischer Produktion vor Augen führt,
entweder in Form von Gebrauchswerten aus
befreiten Gebieten, wie Kaffee, Zigarren
oder Rum, oder durch direkten Kontakt
in Form von politischem Tourismus.
A: Au Klasse! Endlich jemand, der in
diesen verworrenen Zeiten wieder einen
klaren Weg, eine klare Analyse
und eine klare revolutionäre Perspektive
hat! Herr Veranstalter, haben
Sie nicht mal ´ne Runde Klaren für uns,
damit wir auch alles so klar kriegen? - Wenn
ich so einen Quatsch schon höre: »Bewußtsein
an sich - Bewußtsein für sich „ -sind das
Wahrheiten erster und zweiter Klasse? Was die
Menschen selber nicht wollen, dazu kannst du
sie auch nicht anleiten, weder tätig noch untätig.
Und wenn du ihnen deine Wahrheit reindrücken
willst, dann endet das immer in Mord
und Totschlag.
0 (herablassend): Träumen Sie nicht! Niemand
läßt sich freiwillig sein Eigentum wegnehmen,
und die Kollektivierung der Produktionsmittel
bildet nun mal die Grundlage für den Aufbau
einer neuen Gesellschaft. Die Revolution
ist kein Deckchen-Sticken, meine Damen!
A: Unterlassen Sie Ihre patriarchalen Sprüche,
mein Herr!
K (zu 0): ... wobei Sie unter »Kollektivierung«
verstehen, die Produktionsmittel, Vorrechte
und andere Formen von Eigentum in die Hand
neuer herrschender Cliquen, zum Beispiel der
unfehlbaren Partei der Arbeiterklasse zu bringen.
Ich wüßte nicht, was dadurch anders werden
sollte ...
I (gehässig nachtretend): ... das hat sich ja
gezeigt, nicht wahr?
K: Sie wollen die Eigentumsverhältnisse ändern,
aber tasten das Eigentum als soziales
Verhältnis überhaupt nicht an ...
M: Würden Sie uns das mit dem »sozialen Verhältnis
« bitte erklären?
A: Das hat sie doch vorhin schon getan: Eigentum
ist sowas wie ein Stillhalteabkommen:
Stellst du meine Gartenlaube nicht in Frage,
dann stell’ ich auch deine Gartenlaube nicht in
Frage. Wenn jemand kommt, der da rein will,
weil er’s braucht, dann kriegt er was über die
Mütze.
K: ... und dadurch wird blockiert, daß die Bedürfnisse
in offenen Konflikten immer neu ausbalanciert
werden. Das gleiche gilt übrigens
auch für sogenannte Beziehungen; das sind
doch auch nichts als Eigentumsverhältnisse,
seit dreitausend Jahren in der Form der Ehe
festgeklopft, Eigentum an den sozialen und biologischen
Fähigkeiten von Frauen. Überhaupt
glaube ich, daß die ganze Idee mit dem Eigentum
eine Erfindung des Patriarchats ist.
0: Gewagte Behauptung. Sie können doch nicht
alles, was längst theoretisch auf den
Begriff gebracht worden ist, nachträglich
auf das Patriarchat schieben.
A: Auf dem Auge sind Sie blind, Genosse
l Sie sind doch hier der Oberpatriarch!
Da sehen Sie natürlich den
Wald vor lauter Bäumen nicht.
0: Na, hören Sie mal! Da bauen Sie jetzt
aber völlig falsche Fronten auf. Wie
schon Engels im »Ursprung der Familie«
ausgeführt hat ...
A: Hören Sie auf, Sie gehen mir auf die
Nerven! Merken Sie nicht, daß Sie und alle
anderen Polit-Gockel mit ihrem Standpunkt
wie mit einem Grundbesitz umgehen?
K: Wenn Leute wie Sie diskutieren, dann
liefern sie sich erbitterte Schlachten um ihre
politische Lobby. Sie sind gar nicht fähig,
Ihren Beitrag in einen kollektiven Prozeß einfließen
zu lassen. An alles müssen Sie Ihre
Duftmarke setzen. Und wehe, wenn Ihnen
einer das Terrain streitig macht. Sie konkurrieren
um jeden Fußbreit, egal, was Sie machen.
I: Sicher, sicher, auch nach meiner Erfahrung
neigen linke Theoretiker zur Rechthaberei,
aber Konkurrenz im allgemeinen halte ich
doch mehr für eine anthropologische Konstante.
0: Unsinn, wenn das Eigentum erst in Volkshand
ist, wird die Konkurrenz überflüssig.
K: Nein, Genosse, erst wenn das Patriarchat
besiegt ist, wird es keine Konkurrenz mehr geben!
A: Jedenfalls wenn es als Ergebnis von revolutionären
Kämpfen dann doch wieder
Entscheider und Entscheidungsobjekte gibt
und nicht jede ihre Sache selber in die Hand
nehmen kann, dann ist Eigentum als soziales
Verhältnis überhaupt nicht in Frage gestellt,
dann ist das einfach nur ein Machtwechsel und
keine Revolution.
K: Autonomia, wir müssen allerdings zugeben,
daß es die selbstbewußten, entscheidungsfähigen
Menschen als solche erstmal nicht
nicht gibt. Sie sind in die unterschiedlichsten
Gruppen gespalten, die sich gegenseitig bekämpfen.
Ihr Verhalten ist mehr von der Angst
voreinander als von ihren eigenen Bedürfnissen
und ihrem Selbstbewußtsein bestimmt.
Wenn alle diese verdrucksten und gehässigen
Menschen auf der Stelle tun könnten, was sie
wollen - ich weiß nicht, ich glaub’, da hätte ich
Angst. So eine starke Subjektivität der einzelnen
muß sich in einem kollektiven Kritik- und
Erfahrungsprozeß ja erstmal entwickeln können.
A: ... aber die Erfahrungen müssen die Menschen
in diesem Prozeß schon selbst machen;
vielleicht spielen dabei die Erfahrungen von anderen
auch eine Rolle. jedenfalls solche
Planquadrats-Revolutionen ändern nix. Die
funktionieren so, wie Kinder in dieser Gesellschaft
abgerichtet werden: Macht erst mal, was
euch vorgeschrieben wird, später
werdet ihr schon einsehen,
wozu das gut ist!
M: Augenblick. Sie meinen,
wenn ich richtig
v e r s t a n d e n
habe, daß Gesetz
und
Ordnung
überflüssig
sind, sogar
ein Hindernis
für die
autonome
Entfaltung,
aber wiederum
erst
dann, wenn
die Autonomie
funktioniert?
Äh,
also: Die Autonomie
ist
gleichzeitig eine
Voraussetzung und
ein Ergebnis von
kritisch-solidarischen Strukturen
mit gegenseitiger Verantwortlichkeit?
Wie soll ich mir das vorstellen?
I: Aber das ist doch absurd; merken
Sie das nicht? Das ist ja wie Münchhausen,
der sich am eigenen Schopf
aus dem Sumpf ziehen will.
A: Und? - Hat er ja schließlich auch
geschafft!
K: Die Autonomen der 80er Jahre haben
sicher viele Fehler gemacht, aber
eins hat sie immer ausgezeichnet: Sie
haben keiner Theorie blind geglaubt,
sondern versucht, sie aus der eigenen
Praxis zu gewinnen ...
0: Alles Mythenbildung! Die haben
überhaupt keine Theorien gekannt! Und
wenn sie mal eine verstanden hatten,
haben sie sie endlos wiedergekäut - siehe
die Drei-zu-Eins-Theorie - weil sie einfach
zu faul waren, mal ein Buch zu lesen,
wo nicht wenigstens alle drei Seiten
ein Comic drin vorkommt!
M: Können Sie bitte kurz erläutern, was
Drei-zu-Eins ...
0: Da haben ein paar kluge Menschen ...
K (ironisch einwerfend): ... und Sie waren
nicht dabei?! ...
0: ... aus den drei Herrschaftsprinzipien
Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus
eine einheitliche Unterdrückungstheorie
konstruiert. Die beruht darauf, daß das alles
miteinander verknüpft ist. »Netzförmig
angelegte Herrschaft«, sagen sie; Patriarchat
und Kapitalismus sind Fäden,
Rassismen sind Knoten, dann gibt es noch
Maschen usw.
A (versonnen): Klingt irgendwie nach
Deckchen-Sticken ...
K (wieder ironisch): Für das Bedürfnis, das
revolutionäre Subjekt exakt zu bestimmen,
müßten Sie doch Verständnis haben ...
M: Also, ich finde das sehr schön übersichtlich!
0: Genau, das fanden die
Autonomen auch und
haben das immer zitiert,
auch wenn es absolut gar
nichts erklärt. Theorie
sollte eine Anleitung zum
Handeln sein und keine
Selbstberuhigung ...
M (zu sich):
Ich weiß
nicht, ich
muß an Fußball
denken:
»... nach einem
g e k o n n t e n
Dribbling hängt das
Leder in den Maschen, gewebt
aus Kapitalismus und Patriarchat
- Tor! «
0: ja genau, darum heißt die Theorie
wahrscheinlich auch »Dribble-Oppression
« ...
A: Laßt mal euren Männersport hier raus. Wir
reden über das autonome Verhältnis zu Theorie
und Praxis. Eins steht jedenfalls fest: man
weiß erst, wie der Apfel schmeckt, wenn man
reinbeißt. Und das ist ein Grundpfeiler aller autonomen
Bewegungen, der nicht wieder verloren
gehen darf.
K: Aber haben die Autonomen denn wirklich
in den Apfel gebissen? Was haben sie schon
groß riskiert? Waren sie nicht, wie das vorhin
schon mal gesagt wurde, ein völlig normaler
Bestandteil der Gesellschaft: Nach außen ruppig’
egoistisch, feindselig, nach innen konformistisch
und ängstlich - nur halt alles ein bißchen
radikaler? Nachdem sie dann gemerkt
haben, wie der Apfel schmeckt, haben sie Zäune
um die Bäumchen gezogen, sie zu »befreiten
Gebieten« erklärt - auch ‘ne Form von Eigentum,
bloß mit einem anderen Namen. Da
ist doch der Wurm drin!
I: Wenn ich hier vielleicht nochmal ... Also, auch
ein berühmter US-Präsident hat mal gesagt, daß
er, auch wenn morgen die Welt unterginge, heute
noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde.
Also meine Damen und Herren - dieses Engagement,
diese Zukunftsgewißheit! Da gibt es
doch viele Gemeinsamkeiten!
0: Diese Amis sollen es nur wagen, auch nur
ein einziges Apfelbäumchen hier auf unseren
Boden ...
M: Aber bitte, Herr Oktober, was meinen Sie
denn jetzt mit »unserem Boden«?
0: Für die Landfrage gilt: Tierra y Libertad! Das
Land denen, die es bebauen!
M: Aber dann kann doch ein US-Präsident, der
den Boden mit einem Apfelbäumchen bebaut
...
I (zu M): ja, ich sehe, wir verstehen uns prima.
Im übrigen könnte ich den Samen besorgen,
ich kenne da jemanden ... Und das Ganze könnte
natürlich prima von einem kleinen Bauernkollektiv
... Also Sie, Herr Oktober, verfügen
doch über reichhaltige Erfahrungen, wie sowas
angeleitet werden will. Und ich wäre in meiner
Subjektivität durch eine kleine Gebühr für die
Idee durchaus zufriedengestellt. Also lassen wir
doch die Streitereien.
A: Wieso denn? Ich will mich aber streiten. Und
außerdem gibt es eine ganze Reihe von Sachen,
mit denen ich wirklich nichts zu tun haben will.
Von denen grenz’ ich mich ab und gegen die
kämpfe ich auch ...
M: Haben Sie uns nicht vorhin erklärt,
daß das mit den Grenzen
ganz falsch ist?
A: Nee, wieso? - Ach so, ja
doch. Aber deswegen, weil ich
das falsch finde, mich hinter irgendwelchen
formalen Schutzwällen wie
Recht, Gesetz und Eigentum zu verschanzen,
brauch’ ich doch auch nicht
gleich die ganze Welt zu umarmen! Natürlich
stehe ich zu vielen Sachen in dieser Gesellschaft
und dernzufolge auch zu vielen
Menschen in ei’ nein Kampfverhältnis. Solche
Linien verlaufen auch kreuz und quer durch die
sogenannte Szene.
M: Wo denn zum Beispiel?
A: Frauen gegen Männer, Lesben und Schwule
gegen Heteros und Heteras, Migranten und
Migrantinnen gegen Eingeborene, junge gegen
Alte. Das muß sich immer wieder neu in der
Praxis zeigen, wer mit wem gegen wen etwas
durchsetzen kann.
K: Aber da gibt es auch viele falsche
Grenzziehungen. Deswegen ist die Bewegung
ja so zersplittert. Das ist ein totaler Kleinkrieg:
jeder gegen jeden. Zum Schluß sind alle Feinde,
bis auf die, die so schlau waren, den Mund
überhaupt nicht aufzumachen.
A: Ach, ich glaube, das Problem liegt woanders.
Es fängt da an, wo die Grenzziehungen
starr werden und die gegenseitige Kritik zu ‘riet
Schuldzuweisung wird. Du darfst auch nicht vergessen,
daß es wichtig ist, sich gegen falsche
»Wir« -Begriffe zu behaupten. Du kennst das ja:
»Wir sitzen doch alle im selben Boot!« Nein,
wenn ich mit jemandem nicht einverstanden
bin, dann soll der mir nicht einreden, daß wir
doch »objektiv« eigentlich dieselben Interessen
haben, oder mich durch moralischen Druck für
seine Interessen einspannen.
K: Führen die Wege denn dann später nicht
wieder zusammen?
A: Das wird sich dann zeigen.
K: Es geht mir gar nicht darum, daß wir uns
vielleicht zu Unrecht von jemandem abgrenzen,
sondern daß wir unsere politische Identität
nur noch aus dieser Abgrenzung beziehen.
Wenn wir uns ständig damit beschäftigen, mit
wem wir nichts zu tun haben wollen, dann verlieren
wir leicht aus den Augen, was wir denn
eigentlich gemeinsam wollen. Wir müssen uns
an unseren Zielen und nicht an unseren Gegnern
und Gegnerinnen orientieren und uns daran
auch organisieren, das sagst du doch selbst
immer.
0: ja, genau! Wer sich nicht organisiert, wird
nie über Revolten hinauskommen. Und wer nur
revoltiert, der macht sich vom individuellen
Bock-Prinzip abhängig. Da können die abhängigen
Massen zurecht drauf pfeifen. Wir müssen
ihnen Strukturen anbieten, die sich durch
Kontinuität, Verläßlichkeit und Effizienz auszeichnen.
M: Abhängige Massen, Organisation was heißt
das jetzt für uns hier? Sind wir nun die, die organisiert
werden sollen, oder die, die die tätigen
Massen anleiten werden?
0: Das kann sicher nicht jeder, das ist auch eine
Frage der richtigen Analyse und der Schulung.
Nur die organisationsfähige Intelligenz kann ...
I: Halt - warum drehen Sie das nicht u
M: »intelligente
Organisation«, dann bin ich völlig einverstanden
... kollektiv erarbeitete Spitzenleistungen
A: jawohl, Phantasie an die Macht!
K: Autonomia, du spinnst ja wohl, laß dich doch
nicht einwickeln! Phantasie im Dienste der Konkurrenz,
jeder gegen jeden - das kann doch
nicht Kollektivität sein!
M: Was soll das denn jetzt heißen? Wenn ich
mit meinen Freunden ein Kneipenkollektiv aufmache,
dann müssen wir uns doch der Konkurrenz
stellen, ob wir wollen oder nicht.
K: Das stimmt, wir können die Marktverhältnisse
nicht einfach ignorieren, aber wenn wir
denken, wir könnten so eine einfache Trennung
zwischen drinnen und draußen machen ...
A: ... nachinnen Kollektiv, nach außen knallhartes
Business ...
K: ... das geht nicht, dann gehen wir auch selbst
bald warenförmig und konkurrenzlerisch miteinander
um. Dann fragt man sich einfach viel
schneller: Was bringt mir das? Was muß ich investieren,
um meine Interessen zu befriedigen?
A: Umgekehrt müßte es sein: Wo wir nur können,
unterlaufen wir die Marktgesetze. Wir verweigern
uns der Effektivität und der Feindseligkeit
...
I: ja, gut! Unterlaufen Sie die Marktgesetze,
wenn Sie können. Das ist nur gut für die Marktgesetze!
A: Jetzt fühlen Sie sich stark, weil Sie wissen,
daß wir das das eh nicht schaffen, die Widersprüche
im System zu lösen.
0: Die Widersprüche können nur aufgehoben
werden, und zwar im dreifachen Wortsinn ...
K: Jawoll, kennen wir: Hegel, Marx, Lenin - jetzt
halten Sie mal die Klappe,-Sie Schlaumeier. Es
gibt einfach kein Patentrezept zur Lösung von
Widersprüchen.
M: Also hören Sie, wir können hier doch nicht
tausend Leute einladen und sie dann mit all
ihren Widersprüchen einfach wieder nach Hause
schicken!
A: Versuchen Sie sich doch mal davon freizumachen,
daß Widersprüche sowas Furchtbares
sind! Widersprüche, unter denen man leidet,
werden doch zu einer Kraftquelle ...
0 (verächtlich einwerfend): Verelendungstheorie!
A: ... die produktive oder destruktive Veränderungen
in Gang setzen können. Entscheidend
ist, wie wir uns darin bewegen. Und das wird ...
I: ... durch das freie Spiel der Kräfte auf dem
Markt entschieden!
0: Nein, das wird durch die Überlegenheit der
revolutionären Analyse
entschieden!
K: Unsinn! Das wird jeden
Tag von uns durch unser
ganz konkretes Verhalten
entschieden!
A: Das heißt im Endeffekt
von jeder und jedem
einzelnen.
M: Heißt das, es
gibt überhaupt
keine Kriterien,
alles ist
beliebig, alles
ist relativ?
A: Nein, erstmal
reden wir
ja miteinander
und bauen
uns dadurch
ein gemeinsames
Bild
von dem, was richtig
ist. Unser Verhalten ist über
unsere gemeinsamen Erfahrungen
verbunden. Und außerdem ist das Handeln jedes
einzelnen Menschen immer einer ganz eigenen
Wahrheit verpflichtet, und die Wahrheit
bezieht sich eigentlich immer auf die ganze
Welt. Die ist einfach nicht teilbar.
0: Ach, guck an! Sie sprechen von Wahrheit!
jetzt verraten Sie uns doch mal, was ihre Wahrheit
ist.
A (überlegt): Daß es kein Programm gibt. Daß
Ziel und Weg sich nicht voneinander trennen
lassen. Daß jede Utopie sich nur in den Schritten
realisiert, die wir auf sie zu machen ...
K: Das klingt vielleicht, als ob es nicht viel ist,
aber es heißt was für die Praxis. Es heißt nämlich,
daß es keinen Sinn hat, mit üblen Methoden
für ein edles Ziel zu kämpfen und sich die
Begründung dadurch zu holen, daß der Gegner
einem ja keine andere Wahl läßt.
0: Gerade die Praxis zeigt, daß das Idealismus
ist. Man muß in der Lage sein, strategisch zu
denken, eventuell auch zwei Schritte zurück zu
gehen und sich die Hände schmutzig zu machen,
wenn es sein muß, ohne dabei das Ziel
aus den Augen zu verlieren. Der Faschismus
konnte nur militärisch besiegt werden, da hilft
keine Subjektivität, keine Lauterkeit der Absichten.
Da hilft nur die Rote Armee ...
K: Ja klar, wenn der Faschismus einmal an die
Macht gekommen ist, kann er selbstverständlich nur militärisch besiegt werden.
Aber vorher? Und nachher? Was ist
gewonnen, wenn die alten Schweine
durch neue Schweine ersetzt werden,
oder wenn die alte Scheiße fünfzig
Jahre später wieder hochkocht,
weil sich das Bewußtsein der Menschen
gar nicht tiefgreifend verändert
hat: Das Recht des Stärkeren,
HerrenmenschenDenken ...
A: ... organisierter Sadismus, die eigene
Angst in einem Rausch von
Macht ertränken, Ordnungsfanatismus,
Gehorsamskult
...
M: Ist gut, ist gut, ich
glaube, das ist jetzt
klar geworden.
A: Ich glaube, es ist
manchmal besser, eine
Niederlage zu erleiden, als
die eigenen Prinzipien zu
verraten, so daß einem später
doch niemand mehr
glaubt.
I: Ach Gott, wie rührend!
K: Nee, das geht mir jetzt aber
auch zu weit, Autonomia! Wir
können nicht so tun, als ob Macht
überhaupt kein Faktor im politischen
Kampf wäre. Wenn wir mit zehn Leuten
ein Haus besetzen wollen, da können
wir tausend mal rechthaben, wir werden
doch ab geräumt. Aber wenn wir mit
tausend Leuten in eine Uni gehen, dann
werden wir plötzlich zum Faktor, und die
Mächtigen sind gezwungen, sich mit dem
zu befassen, was wir wollen. Erst dann haben
wir doch überhaupt ‘ne Chance, daß
man uns zuhört! Wir brauchen einfach
Gegenmacht, auch für die kleinen Schritte
schon.
A: Und was ist dann? Dann haben wir eine
Bastion erobert, sagen wir, ein Haus, ein Zentrum.
Dann fangen wir an, das abzusichern.
Wir bauen ganz viel dadran, dann wollen wir
natürlich keine Schlacht mit den Bullen mehr
riskieren. Die Junkies wollen wir natürlich
auch nicht drin haben. Und die Leute, die nie
für die Essenskasse zahlen, natürlich auch
nicht. Und wenn’s dann wieder ne
Leerstands-Derno gibt, dann wissen wir eigentlich
nicht mehr richtig, warum wir da hingehen
sollten. - Nein Kollektiva, Gegenmacht
entfaltet sich nur aus der Bewegung, die kann
man gar nicht absichern, da kann man sich
auch nicht drin einrichten.
K: Gut, und was sind dann unsere sogenannten
Strukturen eigentlich? Sind das nicht Freiräume,
die Ausdruck von wenigstens einem bißchen
Gegenmacht sind? Wenn uns z.B. der
Mehringhof weggenommen würde, hätten wir
in vielen Sachen ganz schöne Schwierigkeiten.
A: Wer nimmt uns denn den Mehringhof weg?
Den blauen Salon, wo wir uns immer treffen
konnten, den haben die
Mehringhof-Projekte selber
plattgernacht, mit Büros zugebaut!
Warum? - Naja, weil ihnen
das nicht wichtig genug ist, daß
sich da freie Gruppen ohne große
Organisierung treffen können,
weil sie da gar keinen Bezug mehr
zu haben.
M (hüstelt): Dürfen wir auch wieder
mitreden? Also ich versuche
das mal so festzuhalten: In der
Frage der Notwendigkeit von
Gegenmacht-Strukturen sind Sie
sich nicht einig.
I (einwerfend): «Macht« -
«Gegenmacht« - was für häßliche
Wörter. Sagen wir doch lieber:
»durchsetzungsfähige Ideen«, »effiziente
Mittel«!
K: Einig sind wir uns jedenfalls darin,
daß Gegenmacht nicht die Struktur
der Herrschaft selbst annehmen
darf. Wenn wir anfangen, mit Bosheit,
Lügen und Intrigen für unsere
Ziele zu kämpfen, oder wenn die Erhaltung
unserer Gegenmacht-Strukturen
zum Selbstzweck wird, dann ist
es vorbei. Dann haben sie uns geschluckt.
A: Aber wir sind uns nicht einig darüber,
wie das Verhältnis zwischen Kontinuität
und Veränderung dabei sein
sollte. Ich finde ja, daß Gegenmacht
im Grunde nichts weiter ist als die jeweilige
Stärke der Bewegung, sozusagen
ihr lebendige Kraft, »nein« zu sagen.
- Also Strukturen, die verteidigt
werden, weil sie irgendwann vielleicht
wieder ‘ne Bedeutung haben könnten,
das riecht mir zu sehr nach Selbsterhaltung.
0: Keine Kontinuität, keine Verbindlichkeit,
keine revolutionäre Pflichterfüllung
- so werden Sie die Verhältnisse hier in
diesem System nie zum Kippen bringen!
K: jetzt beantworten Sie uns doch mal
eine Frage: Was meinen Sie eigentlich damit:
»die Verhältnisse zum Kippen zu
bringen « ?
0: Revolution!!! - Haben Sie das denn
ganz vergessen? - »Völker, hört die Signale!
«
I: Die hören ganz andere Signale, mein
Lieber!
A: Sie behaupten, nach der Revolution ist
alles ganz anders,-und dann sind wir im
Reich der Freiheit? So ein Blödsinn, alle
Machtverhältnisse tendieren dazu, sich zu
verfestigen und zu einer neuen Herrschaft
zu werden, sie müssen immer wieder zum
Kippen gebracht werden. jeden Tag. Überall.
Das ist Revolution!
M: Aha. Sie beziehen sich auf das Konzept
der perrnanenten Revolution?
K: Genau. Wobei das eigentlich kein Konzept
ist, sondern eine Paradoxie. Diese alltägliche
Grenzüberschreitung funktioniert natürlich nur,
wenn man irgendeine Vorstellung davon hat,
wo man hin will, also von der Wahrheit, von
der wir vorhin geredet haben ...
A: Aber dieses Ziel, was einem dabei vorschwebt,
besteht letzten Endes aus nichts anderem
als den Schritten darauf zu.
M: Täusche ich mich oder ist das wieder so
eine Münchhausen-Geschichte?
K: ja, mein Lieber, das ist Dialektik ...
0 (zu sich): Das tut mir richtig weh, wenn die
von Dialektik reden!
A: ... Anarcho-Dialektik!
0:I ( verwirrt): ... die sich im Kreis dreht, wunderbar!
M: Stimmt das? Heißt Ihr Konzept, daß es gar
keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt?
K: Nein, das heißt es nicht. Natürlich träumen
wir von einer Gesellschaft, in der es keine Grenzen
mehr gibt, in der die Menschen ohne Angst
verschieden sein können, in der sie sich frei
und offen begegnen können.
A: Und ich glaube, daß uns jede Grenzüberschreitung,
jede autonom bestimmte Regelverletzung
einen Schritt näher dahin bringt ...
I: Ich bewundere Ihre Konfliktfreude, meine Damen.
K: Allerdings! Sich über Regeln hinwegzusetzen
bedeutet, sich immer wieder auf Konflikte
einzulassen. Egal, ob ich einen Castorbehälter
blockiere oder ob ich meiner Freundin die Meinung
sage. Man muß Konflikte sogar richtig mögen
...
A: ... und trainieren!
M: Das ist mir unbegreiflich! Wie kann man
Konflikte mögen? Sie sind vielleicht unvermeidlich,
aber mögen ... ?
K: Die meisten Menschen haben Angst vor
Streit, weil sie nicht einschätzen können, was
daraus folgt, wenn sie bestehende Regeln verletzen
oder auch einfach Erwartungen nicht
erfüllen. Deshalb halten sie sich lieber an den
vorgegebenen Verhältnissen fest, sind gehorsam
und hassen alle, die das nicht sind.
A: Zu dieser Unterordnung und Harmoniesucht
werden wir ja auf allen gesellschaftlichen Ebenen
von klein auf abgerichtet. Dabei haben wir
doch in jedem Streit zu gewinnen: wir lernen
uns besser kennen, wir lernen unser Gegenüber
besser kennen. Und wir können die Bedeutung
der verletzten Regel besser einschätzen ...
I (für sich): Ach, da kenne ich eine Menge
Poesiealbum-Sprüche: »Nur wer sich bewegt,
spürt seine Ketten.« oder »Wer sich nicht in Gefahr
begibt, kommt dar,in um.« - Die Poesiealben
werden ja heutzutage an den Häuserwänden
geführt!
K: ... und durch die Erfahrung, daß der Streit
auf eine gute Weise was in Bewegung gebracht
hat, ist es das nächste Mal wieder ein Stück
einfacher, den Mund aufzumachen, Widerstand
zu leisten, sich ‘ner Gefahr auszusetzen. Die
umgekehrte Entwicklung entlädt sich oft genug
in Kriegen.
M: Wie bitte, Sie behaupten, daß das Bedürfnis
nach Harmonie letzten Endes zum Krieg
führt?!
K: Nein, aber daß es den Krieg mit trägt. Wenn
ich mich nicht wehre und mich stattdessen immer
wieder unterwerfe, dann steigt mein Haß
immer mehr. Aus der Gegnerschaft wird Feindseligkeit,
ich verschanze mich, ich suche Verbündete.
Mein ganzes Selbstverständnis beziehe
ich nur noch aus dieser Feindschaft, bis ich
zum Schluß ganz vergessen habe, was ich gegen
diesen Feind eigentlich durchsetzen wollte.
Und auch nicht mehr überblicke, ob das
wirklich der Feind ist. Ich weiß nur noch, daß
ich ihn vernichten muß.
0: Ihre Theorien sind ja gemeingefährlich! Imperialistische
Kriege sind Teil der destruktiven
Kraft des Kapitalismus. Und Volkskriege oder
Befreiungskriege sind notwendig und ein Teil
des revolutionären Kampfes!
A: Und ist es auch ein notwendiger Teil des
revolutionären Kampfes, wenn Frauen vergewaltigt
werden, von Befreiungskriegern genauso
wie von imperialistischen Söldnern?! Wenn
Menschen gefoltert und wahllos niedergemäht
werden? Der Sadismus und die Menschenverachtung,
die bei den Generälen anfangen, aber
von jedem einfachen Soldaten mitgetragen
werden, haben was mit dem ganz alltäglichen
Jasagen, Wegstecken und Unterwerfen zu tun,
da bin ich mir ganz sicher.
M: Aber Sie können doch nicht leugnen, daß
Streit selbst oft was Verletzendes und Schmerzhaftes
ist.
K: Sicher, wenn darin nicht die Position sondern
die Person angegriffen wird.
0 (zu M): Sagen Sie mal, ich dachte, das ist
hier eine politische Veranstaltung? Ich hab das
Gefühl, ich bin in einen Psychokurs geraten.
A: Ab wieviel Personen fängt denn bei Ihnen
die Politik an oder ab wieviel Entfernung zu den
Menschen, um die es geht? Sie möchten die
sozialen Beziehungen der Menschen nur analysieren
und verwalten, aber Sie übersehen, daß
Sie selbst täglich daran teilnehmen.
K: Es stimmt einfach: »Das Private ist politisch.«
Es gibt nichts Privates, das nicht auch eine politische
Bedeutung hätte.
A: Ich glaube, den Spruch kannst du sogar umdrehen:
»Das Politische ist privat. « Denn alles,
was auf der politischen Bühne verhandelt wird,
setzt sich letzten Endes aus dem ganz alltäglichen,
ganz privaten Handeln von jedem einzelnen
zusammen. Das heißt, wenn wir schon
bei den Sprüchen sind: »Es gibt nix Gutes, außer
man tut es! «
0: Subjektivistische Bauchnabelschau! Unerträglich.
Mir reicht es jetzt. Das Ziel ist doch
klar: Revolution, die herrschenden Verhältnisse
umstülpen! Ich mache ernsthafte Politik und
keine Encountergruppe! Der Charakter dieser
Veranstaltung ist ja jetzt wohl deutlich genug
geworden. Alle, die hier an einer ernsthaften
Auseinandersetzung interessiert sind und über
revolutionäre Strategie und Taktik autonomer
Gruppen in der BRD reden wollen, treffen sich gleich
erstmal draußen vor der Tür.
K: Das ist typisch, daß diese Polittypen grad bei so
einer Frage ausrasten. Die glauben, sie könnten ihr
Privatleben unsichtbar machen, damit sie sich der
Kritik entziehen können. Wie dumm von ihnen - damit
tun sie sich doch gar keinen Gefallen. Naja, Kollektivität
heißt nicht Konsens; wir können niemand
an lächerlichen Gesten hindern.
I: ja genau, lächerliche Gesten bringen uns nicht weiter,
völlig richtig. »Einsteigen« - das ist das Stichwort!
Mitmachen, in Bewegung bleiben, Politik machen!
Das sind doch faszinierende Stoffwechsel Prozesse,
da ist Umsatz, das ist alles voller Energie. Wenn’s da
Widersprüche, Hindernisse gibt - das sind doch die
Märkte der Zukunft.
A (geht auf ihn zu): Du bist doch ein mieses Arschloch.
Die ganze Zeit schleimst du hier rum und willst
alles zur Mark machen, das reicht jetzt ...
K: Komm Autonomia, der Mann ist doch nur ‘ne Luftspiegelung.
Wenn wir gehen und er nix mehr zu vermarkten
hat, hört er auf zu existieren ... (beide nehmen
einen Eimer, stülpen ihn I über den Kopf) (I
erstarrt)
A und K: Laß uns lieber mal gucken, was in den Arbeitsgruppen
so los ist. (geben ab)
M: ja was? Ist die Veranstaltung nun zu Ende? Plötzlich
sind alle gegangen. Herr Innovator, wollten Sie vielleicht
noch was sagen? (untersucht ihn) Der sagt nichts mehr.
Dann ist es wohl besser, wenn wir den hier fortschaffen.
Das macht doch irgendwie einen schlechten Eindruck
auf einem Autonomiekongreß. (er setzt ihn in einen
Einkaufswagen)
I (erwacht kurz nochmal): Können Sie mich bitte noch
auspreisen? (wird rausgeschoben)
M (kommt zurück): Was machen wir jetzt? Die Experten
sind weg. Viel schlauer sind wir nicht geworden. Hat
vielleicht noch jemand ‘ne Frage? Oder ‘ne Idee, wie’s
jetzt weitergehen soll? - Nein? - Finden Sie das Thema
erschöpfend behandelt? - Nein? Auch nicht? - ja, was machen
wir da? - Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen ...
ich meine, ich halte es für angemessen, wenn Sie den weiteren
Verlauf der Veranstaltung in spontaner Weise selbst
organisieren. Ich für meinen Teil darf mich empfehlen.@
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