Autonomie
ist eine selbstbestimmte Abhängigkeit


ein Theaterstück, in dem Ideen zu Wort kommen

A = Autonomia,
vertritt das Konzept der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung als revolutionäres Prinzip, untrennbar verwoben und im perrnanenten Konflikt mit Kollektiva, A betont allerdings die subjektive »Ich«-Position.
Name: Autonomia Solamia

K = Kollektiva,
vertritt Kollektivität als revolutionäres Prinzip in Ausein andersetzung mit A, betont die »Wir«-Position.
Name: Kollektiva Cosanostra

A und K sind eine nach außen neugierige, nicht fest gefügte oder aggressive »Einheit«, der permanente Konflikt bzw. die Korrektur durch die jeweils andere »rettet« vor der Vereinnahmung durch 1 und T

I = Innovator,
schwimmt auf dem aktuellen Trend der herrschenden Gesellschaft, d.h. macht Marketing für kapitalistischen Markt, vertritt das Prinzip der Konkurrenz, des «anything goes«, der Akkumulation, des Trend-Surfing.
Name: Innovator make-the-world-go-round

0 = Oktober,
verkündet die scheinbar unanfechtbaren linken Wahrheiten, hat immer Recht, verachtet die, die das nicht einsehen, vertritt das Prinzip der Unterordnung des Kollektivs unter die »objektiven Gesetzmäßigkeiten«,
Name: Karl-Otto, Oktober

M= Moderator Veranstalter des Treffens,
stellt Fragen, versucht sich die abstrakten Aussagen an Beispielen klarzumachen. Sammelt die strittigen Punkte
Name: Achsel Wieso



M (kommt auf die Bühne, redet zu sich): Hach! gerade noch rechtzeitig geschafft, sie sind noch nicht da, da bin ich ja mit den Vorbereitungen gerade noch fertig geworden. jetzt nur noch (geht zum Tisch, rückt ihn nach vorne, sieht dabei das Publikum) Auweia! (zögert einen Moment, geht dann aber nach vorne) Guten (räuspert sich, lauter) Guten Tag, mein verehrtes Publikum. Wie Sie sehen, sind die Vorbereitungen sogleich abgeschlossen, die Veranstaltung kann jeden Moment beginnen, bitte gedulden Sie sich noch einen kurzen Augenblick, bis ich (rückt dabei den Tisch gerade, legt ein großes weißes Tuch darüber) ... so, fertig! (zu sich) so, jetzt noch ein Stuhl (blickt sich um, siebt hinten einen, geht darauf zu, in diesem Moment betritt I die Bühne, schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, der eine Holzkamera trägt, sucht etwas)

M: ja bitte, was machen Sie denn hier?

I (sucht weiter): Ich suche was.

M: Un warum ausgerechnet hier? Hier beginnt gleich eine Großveranstaltung !

I: Großveranstaltung? Nicht schlecht, da bleib’ ich doch gleich hier. Darf ich mich vorstellen? Innovator make-the-world-go-round ist mein Name. Und mein Programm, hähä; Ich suche nämlich Innovationen! Hallo Leute, Brüder und Schwestern, das ist ja alles unheimlich großartig, daß wir uns jetzt hier versammelt haben, so gemeinsam alle auf einem Fleck, great, I love it, we all come together, we are the world.

M: Hören Sie mal, Sie können hier nicht bleiben, Sie müssen runter von der Bühne. Sie kann nämlich jeden Augenblick kommen! Aber halt, haben Sie sie vielleicht schon gesehen?

I: Wen oder was?

M: Na unsere Referentin, sie ist extra angereist, sie wird zum Thema »Autonomie als besonderer Aspekt der Autonomie« referieren, ein hochspannendes Thema. Sehen Sie, all die Leute hier warten schon, sind alle gekommen, um sich über Möglichkeiten ihrer Autonomie aus erster Hand von unserer Referentin informieren zu lassen, aber sie ist noch nicht da!

I: Nee, also ich hab’ noch nix gesehen, aber ich bleib’ mal da, vielleicht passiert ja hier was wirklich Neues, was echt noch nie Dagewesenes, mensch, ich witter’ was, da liegt was in der Luft! ja, Kommunikation, das ist doch was total Großartiges, laßt uns kommunizieren, wir sind Teil einer weltweiten Kommunikationsgemeinschaft.

(Gezänk von hinten, zwei Frauen nähern sich: Autonomie und Kollektiva)

A: Jetzt lauf mir nicht immer hinterher, du bist doch gar nicht eingeladen!

K: Du weißt ganz genau, daß die dich nur deswegen eingeladen haben, weil sie was über Freiheit und Unabhängigkeit hören wollen. Und wenn ich nicht aufpasse, bringst du das wieder nicht richtig rüber, daß du keine Freibriefe zu vergeben hast. Nachher heulst du dich wieder bei mir aus, weil dich alle mißverstanden haben.

A: Deswegen brauchst du trotzdem nicht ständig auf mich aufzupassen. Kannst mir ja widersprechen, wenn du was falsch findest. - Müssen wir denn immer als Zweierkiste auftreten?!

K: Ich möchte mal wissen, warum wir solche Auftritte nicht vorher abquatschen können, anstatt daß jede auf eigene Faust ...

M: Entschuldigung, aber was wollen denn Sie jetzt hier? Wissen Sie, hier wird gleich ...

A: Ich bin die Referentin.

K: Wir sind die Referentinnen!

M: Sie sind die Referentin? Also das heißt, Sie beide? Aber ich hatte nur eine ...! Aber dann kommen Sie, nehmen Sie Platz. Oh je, es gibt nur einen Stuhl.

K: Das macht nix, wir finden uns schon zurecht. (Setzen sich auf den Tisch) So, dann können wir ja anfangen.

A (schaut ins Publikum, dann zu M): Sagen Sie mal, was ist das überhaupt für’n Publikum? Wieviel Autonome sind denn dabei?

M: Wieviele Autonome?(dreht sich um zum Publikum) Liebes Publikum, die Referent ... innen möchten zunächst gerne wissen, wieviel Autonome eigentlich im Saal sind! Können wir ihnen den Gefallen tun und das mal eben feststellen? Ich bitte Sie also um Handzeichen!

I: Halt, halt, sagten Sie gerade Autononie? Vorhin sprachen Sie doch noch von Autonomie? Aber jetzt ist das hier ein Autonomen-Kongreß? Also ein Meeting dieser wunderbar rebellischen 80er Jahre-Innovation, das riecht ja nach Modernisierung ...

M: Nein, dies ist kein Autonomen-Kongreß, sondern ein Autonomie-Kongreß, auf dem allerdings einige Autonome und eine Referentin, also zwei, zum Thema der Autonomie der Autonomen, oh je ... Also seien Sie jetzt mal still und lassen am besten unsere Referentinnen alles erklären, bitte.

A (zu K): Wer fängt an? Also ich. (zum Publikum) Ich hab was gegen lange Vorreden, deswegen fang ich mal ganz platt an - wir können das ja dann hinterher noch genauer machen -: Also Autonomie, so wie ich das verstehe, ist, wenn ich sage, was ich denke, und tue, was ich will, und dann über das Ergebnis aber später auch nicht zu jammern anfange ach so, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt: Ich heiße Autonomia Solamia.

I (unterbricht, eilt auf A zu): Ja, aber Frau Solamia, daß wir uns nochmal treffen. Und dann auch noch auf einem Kongreß, auf dem es um die Autonomen gehen soll und zu dem soviele junge Leute hier gekommen sind! Ich freue mich ja riesig, daß ich hier sein kann. Man munkelte ja bereits, daß die autonome Bewegung ganz mirnichtsdirnichts in der Kiste verschwunden sei, weg, aus, Schluß, Ende. Das wäre ja fürchterlich schade gewesen, denn wir brauchen sie doch noch!

M: Was meinen Sie damit?

I: Na, für die Innovation. Und was ist die höchste Form der Innovation?! Die Revolution! Deswegen sind Sie doch hier: wir brauchen mehr technische Revolutionen, um die Probleme der Menschheit im 21. Jahrhundert zu lösen. Jawoll, meine Damen und Herren, äh, liebe Freundinnen und Freunde, die Revolution beginnt hier und jetzt, ganz direkt auf der Straße, mit dem 3-Liter-Ökoauto. Können Sie sich noch an die Werbung einer BenzinTankstelle erinnern? Genau: »Wir schaffen Bewegung!«. ja, laßt uns alle eine ganz neue autonome Bewegung von kaufkräftigen Individuen schaffen!

0 (war langsam von hinten dazugetreten): Individuum? Ich denke, es geht hier um Politik! Wer spricht hier vom Individuum?

I und A: Ich!

0: »Der Individualismus ist der Altersstarrsinn der Autonomen! «, hätte Lenin gesagt. (Pause, alle gucken zu 0, der sich selbstzufrieden mit verschränkten Armen im Raum positioniert)

0: ja, stimmt doch: Das Individuum ist eine Erfindung des vorletzten Jahrhunderts. Der Kapitalismus brauchte haftbare Einzelindividuen für den sogenannten freien Markt. Der ganze Zinnober von Geist, Seele, Individualität und Selbstverwirklichung ...

M: Aber ich bitte Sie alle, ich weiß zwar nicht, welche Motivation Sie hier auf die Bühne getrieben hat, aber wenn Sie sich schon äußern, dann beziehen Sie sich doch bitte auf unser Thema! Und darf ich auch bitten, daß Sie sich vorstellen?

0: Karl-Otto Oktober, manche sagen auch Rechthaber, aber das ist natürlich billige Polemik. Ich denke, Individualismus ist das Thema, das haben Sie doch gerade von dem da (zu I) gehört: Autonomie ist Individualismus, Egoismus, Konkurrenz - das braucht der Kapitalismus, damit die Akkumulation funktioniert, und genau da haben ihm die Autonomen der 80er Jahre bestens zugearbeitet.

A: Gar nicht wahr ... !

I (gehässig zu 0): Da hören Sie’s!

A: Autonomie heißt überhaupt nicht daß man seinen Trip ganz allein macht. Wenn ich selbstbestimmt handle und mich dabei auf mein eigenes Urteil verlasse, dann heißt das doch nicht, daß ich zu denken aufhöre, wenn’s nicht direkt um meinen Bauch geht. So ‘ne form von Egoismus ist einfach nur dumm ...

I ( verwirrt): Wieso denn, eine gesunde Portion Egoismus gehört doch zum Überleben ...

O (vorwurfsvoll zu A): Da hören Sie es!

K (leise und eindringlich zu A): Jetzt mach keinen Scheiß, jetzt laß mich mal. (laut) Also erstens waren die Autonomen der 80er Jahre überhaupt nicht besonders autonom ...

O: / M: / I: Vor-stel-len!!!

K: Moment! Kommt gleich. Also ich finde das nicht besonders produktiv, wenn wir von hier vorne einen Vortrag über Autonomie, die richtige oder die falsche, halten. Irgendwie müssen da schon alle was zu sagen. Ich würde sagen, wir machen als erstes mal alle hier im Saal ‘ne Runde, wo wir uns vorstellen und sagen, was wir unter Autonomie verstehen. Da kann ich ja gleich mal anfangen: Also ich bin Kollektiva Cosanostra.

M: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber wir wollten eigentlich was über Autonomie hören ...

K: ja, sehen Sie, das ist immer das Mißverständnis. Autonomie heißt eben nicht nur »selbstbestimmt «, sondern auch »eigenverantwortlich «.

M: Ich verstehe! Wenn ich meine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecke, bin ich selbst schuld, wenn ich Ärger kriege. Meinen Sie das so etwa?

A (trotzig und belehrend): Wer seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten steckt, kommt darin um!

0: Ich glaube, das haben Sie nicht ganz richtig zitiert! Von wem ist das nochmal?

M: Also was heißt das jetzt mit der Eigenverantwortung? Was hat das mit Autonomie zu tun?

A: Erstmal heißt das: wenn ich mir keine Vorschriften machen lasse, was ich zu tun habe, daß ich mich dann auch nicht als Opfer irgend welcher anderen hinstellen kann.

M: Also jeder ist selbst schuld?

K: Nein, Verantwortung ist was anderes als Schuld. Sie bedeutet, daß ich die Folgen von meinen Handlungen für andere und auch für mich selbst in meine Entscheidungen miteinbeziehe. Verantwortung heißt ganz wörtlich, daß ich bereit bin, auf Kritik und Einwände gegen mein Handeln zu antworten. Darum ist Autonomie das Gegenteil von Unabhängigkeit.

A: Sie ist sozusagen »selbstbestimmte Abhängigkeit «.

K: Denn so ein Geflecht von gegenseitiger Verantwortung ist gerade eine Absage an den bürgerlichen Freiheitsbegriff.

I: Also ich muß doch bitten, was gibt es denn Wertvolleres als die Freiheit! Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ...

0 (unterbricht): Ach, hören Sie auf»Erst kommt das Fressen, dann die Moral!« Bett Brecht hatte ganz recht -zumindest in seiner frühen bzw. spät-mittleren Phase. Sie können hier doch nicht angesichts von millionenfacher Verelendung und millionenfachem Analphabetentum von individueller Freiheit quatschen. Das ist doch der Blick des wohlgenährten Europäers vom Balkon ...

I: ja, und? ...(wieder kurze verwirrte Pause, dann weiter)

I: Lassen Sie sich nicht irritieren, keine Panik; Sprücheklopfer gibt es leider ja fast überall. Aber zurück zu unser aller Freiheit! Freiheit basiert doch immer auf der Freizeit ... äh Freiheit des Andersdenkenden, ist also doch nur individuell zu begreifen. Und Kollektivität führt doch nur zu Gleichmacherei auf dem niedrigsten Niveau, aber das kennen wir doch jetzt alle, meine Damen und Herren, diese Art von Kollektiv: ritschratsch, alle einen Kopf kürzer, bis alle in die gleiche Kiste passen! Dagegen die Freiheit, die individuelle Entfaltung, die Erfahrung der eigenen Welt, der eigenen Dinge, des eigenen Besitzes. Selbsterfüllung, Selbstverwirklichung - dazu braucht es doch auch klare Abgrenzungen von den anderen. Ich muß doch wissen, ob es mein eigenes Brot ist, das ich esse, mein eigenes Video, das ich mir reinziehe, mein eigener theoretischer Standpunkt, den ich mir patentieren lasse. Und die Autonomen haben doch im Grunde nie etwas anderes vertreten, als ...

A: Jetzt lassen Sie mal die Autonomen aus dem Spiel! Die können sich gegen Ihre Unterstellungen hier nicht wehren. Auf jeden Fall haben sie sich von so einer Form, Selbstverwirklichung zu vermarkten, immer abgegrenzt.

I: Aber nicht doch, aber nicht doch. Vergessen Sie doch mal Ihre alten SchwarzWeiß-Raster von Gut und Böse, lassen Sie uns doch zusammen nach unseren Gemeinsamkeiten suchen. Zum Beispiel die von Ihnen erwähnte Abgrenzung der Autonomen. Ist doch wunderbar! Wenn sich die 68er nicht von ihren miefigen Eltern abgegrenzt hätten, wären wir doch immer noch in der Steinzeit, ich meine marktmäßig gesehen, hähä ... Und Abgrenzung ist auch mein Interessensgebiet. Nur wer sich klar von anderen unterscheiden will, ist überhaupt für Moden, Trends, Musikstile, verschiedene Fernsehkanäle oder auch unterschiedliche Parteiprogramme empfänglich.

K: Gut, daß Sie das mal so deutlich sagen: Das Kapital ernährt seinen fetten Bauch von der Differenz. Darum erzeugt es sie auch immer und überall: Rassismus, Nationalismus, Diskriminierungen aller Art, Privilegien ...

I: Ach wissen Sie, Unterschiede wird es immer geben, die müssen wir gar nicht erst erzeugen. Und außerdem wüßte ich nicht, was daran so verwerflich sein sollte. Die Autonomen sind ja selbst unser idealer Kundenkreis dabei: sie haben aus den Abgrenzungen ja einen richtigen Kult gemacht: eigene Musik, eigene Treffs, eigene Probleme, eigene Rituale auf der Straße, eigene Tuchund Farbsignalkombinationen, eigene Sprachregelungen, eigene Normenkataloge, in dieser Perfektion eine fast deutsche Kulturleistung - ja wirklich ... ja geradezu ...

0: Da kann ich nur mit Gramsci sagen»Die Linke muß wieder die kulturelle Hegemonie über den dynamischen Teil der Gesellschaft erreichen! «

I: ja genau, darauf können sogar wir uns einigen, auch wenn ich das etwas anders ausdrükken würde: Das Konzept der Abgrenzung, das Bedürfnis, sich von der Masse zu unterschei- den, hat Trendsetter-Qualität. Das ist Freiheit: die Freiheit, anders zu sein, und das ist natürlich immer etwas teurer...

M: Entschuldigung, aber im Interesse des Publikums muß ich doch intervenieren: Sprechen Sie alle eigentlich über das gleiche Thema? Freiheit, Unabhängigkeit, Autonomie, was soll das alles, wo sind da die Unterschiede?

A: Die Freiheit, die dieser Herr hier gerade beschrieben hat, ist die Freiheit der Warengesellschaft. jeder darf Geschäfte machen, seine Arbeitskraft verkaufen, konsumieren, den andern übers Ohr hauen. jeder darf alles -solange er nur die Existenz des Eigentums nicht in Frage stellt ...

I: Und das ist ja wohl auch richtig so! Alles muß seine Grenze haben.

K: ja eben. Und das Eigentum, also die Aufteilung in »meins« und »deins«, ist die Grenze der Verantwortung für das, was ich mache. Eigentum heißt ja gerade, daß ich nicht verpflichtet bin, Rechenschaft darüber abzulegen. Da liegt der Unterschied! Solange es Eigentum gibt - und das gilt wirklich für jede Form von Eigentum -, solange gibt es auch Herrschaft.

A: Und außerdem: unsere Selbstbestimmung hat mit Ihrer Selbstverwirklichung nichts zu tun, Herr Innovator.

K: Wenn die Selbstbestimmung nämlich nicht gleichzeitig Verantwortlichkeit bedeutet, ist auf sie geschissen. Deswegen kämpfen wir gegen alle Arten von Eigentumsverhältnissen, weil der Verantwortlichkeit da einfach ‘ne Grenze gesetzt wird.

M: Darf ich mir das kurz klarmachen: Sie können also jederzeit in meine Wohnung kommen und sagen: ich will hier jetzt auch wohnen ...

A: Ich kann’s probieren, und dann gibt es eben einen Konflikt!

M: ... kein Buch, kein Taschentuch, auf nichts soll ich mehr einen Anspruch haben? Dann gibt es ja gar keine Privatsphäre mehr ...

K: Ganz recht!

I: 0 Gott, wie entsetzlich! Das ist das Ende!

0 (leise, zu sich): Eigentum, das ist doch eigentlich mein Thema! (tritt nach vorn, laut) Liebe Genossinnen und Genossen wenn ich Sie jetzt alle mal so anreden darf ...

A: Hängt davon ab, was jetzt kommt ...

0: Also das mit dem Eigentum ist doch - wie heißt es so schön, bei ... naja, bei wem schon: »Es ist das Einfache, was so schwer zu machen ist ... « Die Eigentumsfrage revolutionär zu lösen, heißt die umfassende Vergesellschaftung der Produktionsmittel herbeizuführen. Die arbeitenden Massen müssen dabei langsam an diesen revolutionären Schritt herangeführt werden, da ihr Bewußtsein an sich schon sehr weit fortgeschritten ist, ihr Bewußtsein für sich aber noch tätiger Anleitung bedarf.

M: »tätige Anleitung« - klingt gut, aber was ist das?

0: Nun, um dem revolutionären Subjekt klarzumachen, daß es ein solches ist, ist zunächst die Propaganda in Wort und Tat erforderlich. Erste Schritte könnten sein, wenn man den ArbeiterInnen z.B. die Vorteile prä-sozialistischer Produktion vor Augen führt, entweder in Form von Gebrauchswerten aus befreiten Gebieten, wie Kaffee, Zigarren oder Rum, oder durch direkten Kontakt in Form von politischem Tourismus.

A: Au Klasse! Endlich jemand, der in diesen verworrenen Zeiten wieder einen klaren Weg, eine klare Analyse und eine klare revolutionäre Perspektive hat! Herr Veranstalter, haben Sie nicht mal ´ne Runde Klaren für uns, damit wir auch alles so klar kriegen? - Wenn ich so einen Quatsch schon höre: »Bewußtsein an sich - Bewußtsein für sich „ -sind das Wahrheiten erster und zweiter Klasse? Was die Menschen selber nicht wollen, dazu kannst du sie auch nicht anleiten, weder tätig noch untätig. Und wenn du ihnen deine Wahrheit reindrücken willst, dann endet das immer in Mord und Totschlag.

0 (herablassend): Träumen Sie nicht! Niemand läßt sich freiwillig sein Eigentum wegnehmen, und die Kollektivierung der Produktionsmittel bildet nun mal die Grundlage für den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Die Revolution ist kein Deckchen-Sticken, meine Damen!

A: Unterlassen Sie Ihre patriarchalen Sprüche, mein Herr!

K (zu 0): ... wobei Sie unter »Kollektivierung« verstehen, die Produktionsmittel, Vorrechte und andere Formen von Eigentum in die Hand neuer herrschender Cliquen, zum Beispiel der unfehlbaren Partei der Arbeiterklasse zu bringen. Ich wüßte nicht, was dadurch anders werden sollte ...

I (gehässig nachtretend): ... das hat sich ja gezeigt, nicht wahr?

K: Sie wollen die Eigentumsverhältnisse ändern, aber tasten das Eigentum als soziales Verhältnis überhaupt nicht an ...

M: Würden Sie uns das mit dem »sozialen Verhältnis « bitte erklären?

A: Das hat sie doch vorhin schon getan: Eigentum ist sowas wie ein Stillhalteabkommen: Stellst du meine Gartenlaube nicht in Frage, dann stell’ ich auch deine Gartenlaube nicht in Frage. Wenn jemand kommt, der da rein will, weil er’s braucht, dann kriegt er was über die Mütze.

K: ... und dadurch wird blockiert, daß die Bedürfnisse in offenen Konflikten immer neu ausbalanciert werden. Das gleiche gilt übrigens auch für sogenannte Beziehungen; das sind doch auch nichts als Eigentumsverhältnisse, seit dreitausend Jahren in der Form der Ehe festgeklopft, Eigentum an den sozialen und biologischen Fähigkeiten von Frauen. Überhaupt glaube ich, daß die ganze Idee mit dem Eigentum eine Erfindung des Patriarchats ist.

0: Gewagte Behauptung. Sie können doch nicht alles, was längst theoretisch auf den Begriff gebracht worden ist, nachträglich auf das Patriarchat schieben.

A: Auf dem Auge sind Sie blind, Genosse l Sie sind doch hier der Oberpatriarch! Da sehen Sie natürlich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

0: Na, hören Sie mal! Da bauen Sie jetzt aber völlig falsche Fronten auf. Wie schon Engels im »Ursprung der Familie« ausgeführt hat ...

A: Hören Sie auf, Sie gehen mir auf die Nerven! Merken Sie nicht, daß Sie und alle anderen Polit-Gockel mit ihrem Standpunkt wie mit einem Grundbesitz umgehen?

K: Wenn Leute wie Sie diskutieren, dann liefern sie sich erbitterte Schlachten um ihre politische Lobby. Sie sind gar nicht fähig, Ihren Beitrag in einen kollektiven Prozeß einfließen zu lassen. An alles müssen Sie Ihre Duftmarke setzen. Und wehe, wenn Ihnen einer das Terrain streitig macht. Sie konkurrieren um jeden Fußbreit, egal, was Sie machen.

I: Sicher, sicher, auch nach meiner Erfahrung neigen linke Theoretiker zur Rechthaberei, aber Konkurrenz im allgemeinen halte ich doch mehr für eine anthropologische Konstante.

0: Unsinn, wenn das Eigentum erst in Volkshand ist, wird die Konkurrenz überflüssig.

K: Nein, Genosse, erst wenn das Patriarchat besiegt ist, wird es keine Konkurrenz mehr geben!

A: Jedenfalls wenn es als Ergebnis von revolutionären Kämpfen dann doch wieder Entscheider und Entscheidungsobjekte gibt und nicht jede ihre Sache selber in die Hand nehmen kann, dann ist Eigentum als soziales Verhältnis überhaupt nicht in Frage gestellt, dann ist das einfach nur ein Machtwechsel und keine Revolution.

K: Autonomia, wir müssen allerdings zugeben, daß es die selbstbewußten, entscheidungsfähigen Menschen als solche erstmal nicht nicht gibt. Sie sind in die unterschiedlichsten Gruppen gespalten, die sich gegenseitig bekämpfen. Ihr Verhalten ist mehr von der Angst voreinander als von ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem Selbstbewußtsein bestimmt. Wenn alle diese verdrucksten und gehässigen Menschen auf der Stelle tun könnten, was sie wollen - ich weiß nicht, ich glaub’, da hätte ich Angst. So eine starke Subjektivität der einzelnen muß sich in einem kollektiven Kritik- und Erfahrungsprozeß ja erstmal entwickeln können.

A: ... aber die Erfahrungen müssen die Menschen in diesem Prozeß schon selbst machen; vielleicht spielen dabei die Erfahrungen von anderen auch eine Rolle. jedenfalls solche Planquadrats-Revolutionen ändern nix. Die funktionieren so, wie Kinder in dieser Gesellschaft abgerichtet werden: Macht erst mal, was euch vorgeschrieben wird, später werdet ihr schon einsehen, wozu das gut ist!

M: Augenblick. Sie meinen, wenn ich richtig v e r s t a n d e n habe, daß Gesetz und Ordnung überflüssig sind, sogar ein Hindernis für die autonome Entfaltung, aber wiederum erst dann, wenn die Autonomie funktioniert? Äh, also: Die Autonomie ist gleichzeitig eine Voraussetzung und ein Ergebnis von kritisch-solidarischen Strukturen mit gegenseitiger Verantwortlichkeit? Wie soll ich mir das vorstellen?

I: Aber das ist doch absurd; merken Sie das nicht? Das ist ja wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen will.

A: Und? - Hat er ja schließlich auch geschafft!

K: Die Autonomen der 80er Jahre haben sicher viele Fehler gemacht, aber eins hat sie immer ausgezeichnet: Sie haben keiner Theorie blind geglaubt, sondern versucht, sie aus der eigenen Praxis zu gewinnen ...

0: Alles Mythenbildung! Die haben überhaupt keine Theorien gekannt! Und wenn sie mal eine verstanden hatten, haben sie sie endlos wiedergekäut - siehe die Drei-zu-Eins-Theorie - weil sie einfach zu faul waren, mal ein Buch zu lesen, wo nicht wenigstens alle drei Seiten ein Comic drin vorkommt!

M: Können Sie bitte kurz erläutern, was Drei-zu-Eins ...

0: Da haben ein paar kluge Menschen ...

K (ironisch einwerfend): ... und Sie waren nicht dabei?! ...

0: ... aus den drei Herrschaftsprinzipien Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus eine einheitliche Unterdrückungstheorie konstruiert. Die beruht darauf, daß das alles miteinander verknüpft ist. »Netzförmig angelegte Herrschaft«, sagen sie; Patriarchat und Kapitalismus sind Fäden, Rassismen sind Knoten, dann gibt es noch Maschen usw.

A (versonnen): Klingt irgendwie nach Deckchen-Sticken ...

K (wieder ironisch): Für das Bedürfnis, das revolutionäre Subjekt exakt zu bestimmen, müßten Sie doch Verständnis haben ...

M: Also, ich finde das sehr schön übersichtlich!

0: Genau, das fanden die Autonomen auch und haben das immer zitiert, auch wenn es absolut gar nichts erklärt. Theorie sollte eine Anleitung zum Handeln sein und keine Selbstberuhigung ...

M (zu sich): Ich weiß nicht, ich muß an Fußball denken: »... nach einem g e k o n n t e n Dribbling hängt das Leder in den Maschen, gewebt aus Kapitalismus und Patriarchat - Tor! «

0: ja genau, darum heißt die Theorie wahrscheinlich auch »Dribble-Oppression « ...

A: Laßt mal euren Männersport hier raus. Wir reden über das autonome Verhältnis zu Theorie und Praxis. Eins steht jedenfalls fest: man weiß erst, wie der Apfel schmeckt, wenn man reinbeißt. Und das ist ein Grundpfeiler aller autonomen Bewegungen, der nicht wieder verloren gehen darf.

K: Aber haben die Autonomen denn wirklich in den Apfel gebissen? Was haben sie schon groß riskiert? Waren sie nicht, wie das vorhin schon mal gesagt wurde, ein völlig normaler Bestandteil der Gesellschaft: Nach außen ruppig’ egoistisch, feindselig, nach innen konformistisch und ängstlich - nur halt alles ein bißchen radikaler? Nachdem sie dann gemerkt haben, wie der Apfel schmeckt, haben sie Zäune um die Bäumchen gezogen, sie zu »befreiten Gebieten« erklärt - auch ‘ne Form von Eigentum, bloß mit einem anderen Namen. Da ist doch der Wurm drin!

I: Wenn ich hier vielleicht nochmal ... Also, auch ein berühmter US-Präsident hat mal gesagt, daß er, auch wenn morgen die Welt unterginge, heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde. Also meine Damen und Herren - dieses Engagement, diese Zukunftsgewißheit! Da gibt es doch viele Gemeinsamkeiten!

0: Diese Amis sollen es nur wagen, auch nur ein einziges Apfelbäumchen hier auf unseren Boden ...

M: Aber bitte, Herr Oktober, was meinen Sie denn jetzt mit »unserem Boden«?

0: Für die Landfrage gilt: Tierra y Libertad! Das Land denen, die es bebauen!

M: Aber dann kann doch ein US-Präsident, der den Boden mit einem Apfelbäumchen bebaut ...

I (zu M): ja, ich sehe, wir verstehen uns prima. Im übrigen könnte ich den Samen besorgen, ich kenne da jemanden ... Und das Ganze könnte natürlich prima von einem kleinen Bauernkollektiv ... Also Sie, Herr Oktober, verfügen doch über reichhaltige Erfahrungen, wie sowas angeleitet werden will. Und ich wäre in meiner Subjektivität durch eine kleine Gebühr für die Idee durchaus zufriedengestellt. Also lassen wir doch die Streitereien.

A: Wieso denn? Ich will mich aber streiten. Und außerdem gibt es eine ganze Reihe von Sachen, mit denen ich wirklich nichts zu tun haben will. Von denen grenz’ ich mich ab und gegen die kämpfe ich auch ...

M: Haben Sie uns nicht vorhin erklärt, daß das mit den Grenzen ganz falsch ist?

A: Nee, wieso? - Ach so, ja doch. Aber deswegen, weil ich das falsch finde, mich hinter irgendwelchen formalen Schutzwällen wie Recht, Gesetz und Eigentum zu verschanzen, brauch’ ich doch auch nicht gleich die ganze Welt zu umarmen! Natürlich stehe ich zu vielen Sachen in dieser Gesellschaft und dernzufolge auch zu vielen Menschen in ei’ nein Kampfverhältnis. Solche Linien verlaufen auch kreuz und quer durch die sogenannte Szene.

M: Wo denn zum Beispiel?

A: Frauen gegen Männer, Lesben und Schwule gegen Heteros und Heteras, Migranten und Migrantinnen gegen Eingeborene, junge gegen Alte. Das muß sich immer wieder neu in der Praxis zeigen, wer mit wem gegen wen etwas durchsetzen kann.

K: Aber da gibt es auch viele falsche Grenzziehungen. Deswegen ist die Bewegung ja so zersplittert. Das ist ein totaler Kleinkrieg: jeder gegen jeden. Zum Schluß sind alle Feinde, bis auf die, die so schlau waren, den Mund überhaupt nicht aufzumachen.

A: Ach, ich glaube, das Problem liegt woanders. Es fängt da an, wo die Grenzziehungen starr werden und die gegenseitige Kritik zu ‘riet Schuldzuweisung wird. Du darfst auch nicht vergessen, daß es wichtig ist, sich gegen falsche »Wir« -Begriffe zu behaupten. Du kennst das ja: »Wir sitzen doch alle im selben Boot!« Nein, wenn ich mit jemandem nicht einverstanden bin, dann soll der mir nicht einreden, daß wir doch »objektiv« eigentlich dieselben Interessen haben, oder mich durch moralischen Druck für seine Interessen einspannen.

K: Führen die Wege denn dann später nicht wieder zusammen?

A: Das wird sich dann zeigen.

K: Es geht mir gar nicht darum, daß wir uns vielleicht zu Unrecht von jemandem abgrenzen, sondern daß wir unsere politische Identität nur noch aus dieser Abgrenzung beziehen. Wenn wir uns ständig damit beschäftigen, mit wem wir nichts zu tun haben wollen, dann verlieren wir leicht aus den Augen, was wir denn eigentlich gemeinsam wollen. Wir müssen uns an unseren Zielen und nicht an unseren Gegnern und Gegnerinnen orientieren und uns daran auch organisieren, das sagst du doch selbst immer.

0: ja, genau! Wer sich nicht organisiert, wird nie über Revolten hinauskommen. Und wer nur revoltiert, der macht sich vom individuellen Bock-Prinzip abhängig. Da können die abhängigen Massen zurecht drauf pfeifen. Wir müssen ihnen Strukturen anbieten, die sich durch Kontinuität, Verläßlichkeit und Effizienz auszeichnen.

M: Abhängige Massen, Organisation was heißt das jetzt für uns hier? Sind wir nun die, die organisiert werden sollen, oder die, die die tätigen Massen anleiten werden?

0: Das kann sicher nicht jeder, das ist auch eine Frage der richtigen Analyse und der Schulung. Nur die organisationsfähige Intelligenz kann ...

I: Halt - warum drehen Sie das nicht u

M: »intelligente Organisation«, dann bin ich völlig einverstanden ... kollektiv erarbeitete Spitzenleistungen

A: jawohl, Phantasie an die Macht!

K: Autonomia, du spinnst ja wohl, laß dich doch nicht einwickeln! Phantasie im Dienste der Konkurrenz, jeder gegen jeden - das kann doch nicht Kollektivität sein!

M: Was soll das denn jetzt heißen? Wenn ich mit meinen Freunden ein Kneipenkollektiv aufmache, dann müssen wir uns doch der Konkurrenz stellen, ob wir wollen oder nicht.

K: Das stimmt, wir können die Marktverhältnisse nicht einfach ignorieren, aber wenn wir denken, wir könnten so eine einfache Trennung zwischen drinnen und draußen machen ...

A: ... nachinnen Kollektiv, nach außen knallhartes Business ...

K: ... das geht nicht, dann gehen wir auch selbst bald warenförmig und konkurrenzlerisch miteinander um. Dann fragt man sich einfach viel schneller: Was bringt mir das? Was muß ich investieren, um meine Interessen zu befriedigen?

A: Umgekehrt müßte es sein: Wo wir nur können, unterlaufen wir die Marktgesetze. Wir verweigern uns der Effektivität und der Feindseligkeit ...

I: ja, gut! Unterlaufen Sie die Marktgesetze, wenn Sie können. Das ist nur gut für die Marktgesetze!

A: Jetzt fühlen Sie sich stark, weil Sie wissen, daß wir das das eh nicht schaffen, die Widersprüche im System zu lösen.

0: Die Widersprüche können nur aufgehoben werden, und zwar im dreifachen Wortsinn ...

K: Jawoll, kennen wir: Hegel, Marx, Lenin - jetzt halten Sie mal die Klappe,-Sie Schlaumeier. Es gibt einfach kein Patentrezept zur Lösung von Widersprüchen.

M: Also hören Sie, wir können hier doch nicht tausend Leute einladen und sie dann mit all ihren Widersprüchen einfach wieder nach Hause schicken!

A: Versuchen Sie sich doch mal davon freizumachen, daß Widersprüche sowas Furchtbares sind! Widersprüche, unter denen man leidet, werden doch zu einer Kraftquelle ...

0 (verächtlich einwerfend): Verelendungstheorie!

A: ... die produktive oder destruktive Veränderungen in Gang setzen können. Entscheidend ist, wie wir uns darin bewegen. Und das wird ...

I: ... durch das freie Spiel der Kräfte auf dem Markt entschieden!

0: Nein, das wird durch die Überlegenheit der revolutionären Analyse entschieden!

K: Unsinn! Das wird jeden Tag von uns durch unser ganz konkretes Verhalten entschieden!

A: Das heißt im Endeffekt von jeder und jedem einzelnen.

M: Heißt das, es gibt überhaupt keine Kriterien, alles ist beliebig, alles ist relativ?

A: Nein, erstmal reden wir ja miteinander und bauen uns dadurch ein gemeinsames Bild von dem, was richtig ist. Unser Verhalten ist über unsere gemeinsamen Erfahrungen verbunden. Und außerdem ist das Handeln jedes einzelnen Menschen immer einer ganz eigenen Wahrheit verpflichtet, und die Wahrheit bezieht sich eigentlich immer auf die ganze Welt. Die ist einfach nicht teilbar.

0: Ach, guck an! Sie sprechen von Wahrheit! jetzt verraten Sie uns doch mal, was ihre Wahrheit ist.

A (überlegt): Daß es kein Programm gibt. Daß Ziel und Weg sich nicht voneinander trennen lassen. Daß jede Utopie sich nur in den Schritten realisiert, die wir auf sie zu machen ...

K: Das klingt vielleicht, als ob es nicht viel ist, aber es heißt was für die Praxis. Es heißt nämlich, daß es keinen Sinn hat, mit üblen Methoden für ein edles Ziel zu kämpfen und sich die Begründung dadurch zu holen, daß der Gegner einem ja keine andere Wahl läßt.

0: Gerade die Praxis zeigt, daß das Idealismus ist. Man muß in der Lage sein, strategisch zu denken, eventuell auch zwei Schritte zurück zu gehen und sich die Hände schmutzig zu machen, wenn es sein muß, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Der Faschismus konnte nur militärisch besiegt werden, da hilft keine Subjektivität, keine Lauterkeit der Absichten. Da hilft nur die Rote Armee ...

K: Ja klar, wenn der Faschismus einmal an die Macht gekommen ist, kann er selbstverständlich nur militärisch besiegt werden. Aber vorher? Und nachher? Was ist gewonnen, wenn die alten Schweine durch neue Schweine ersetzt werden, oder wenn die alte Scheiße fünfzig Jahre später wieder hochkocht, weil sich das Bewußtsein der Menschen gar nicht tiefgreifend verändert hat: Das Recht des Stärkeren, HerrenmenschenDenken ...

A: ... organisierter Sadismus, die eigene Angst in einem Rausch von Macht ertränken, Ordnungsfanatismus, Gehorsamskult ...

M: Ist gut, ist gut, ich glaube, das ist jetzt klar geworden.

A: Ich glaube, es ist manchmal besser, eine Niederlage zu erleiden, als die eigenen Prinzipien zu verraten, so daß einem später doch niemand mehr glaubt.

I: Ach Gott, wie rührend!

K: Nee, das geht mir jetzt aber auch zu weit, Autonomia! Wir können nicht so tun, als ob Macht überhaupt kein Faktor im politischen Kampf wäre. Wenn wir mit zehn Leuten ein Haus besetzen wollen, da können wir tausend mal rechthaben, wir werden doch ab geräumt. Aber wenn wir mit tausend Leuten in eine Uni gehen, dann werden wir plötzlich zum Faktor, und die Mächtigen sind gezwungen, sich mit dem zu befassen, was wir wollen. Erst dann haben wir doch überhaupt ‘ne Chance, daß man uns zuhört! Wir brauchen einfach Gegenmacht, auch für die kleinen Schritte schon.

A: Und was ist dann? Dann haben wir eine Bastion erobert, sagen wir, ein Haus, ein Zentrum. Dann fangen wir an, das abzusichern. Wir bauen ganz viel dadran, dann wollen wir natürlich keine Schlacht mit den Bullen mehr riskieren. Die Junkies wollen wir natürlich auch nicht drin haben. Und die Leute, die nie für die Essenskasse zahlen, natürlich auch nicht. Und wenn’s dann wieder ne Leerstands-Derno gibt, dann wissen wir eigentlich nicht mehr richtig, warum wir da hingehen sollten. - Nein Kollektiva, Gegenmacht entfaltet sich nur aus der Bewegung, die kann man gar nicht absichern, da kann man sich auch nicht drin einrichten.

K: Gut, und was sind dann unsere sogenannten Strukturen eigentlich? Sind das nicht Freiräume, die Ausdruck von wenigstens einem bißchen Gegenmacht sind? Wenn uns z.B. der Mehringhof weggenommen würde, hätten wir in vielen Sachen ganz schöne Schwierigkeiten.

A: Wer nimmt uns denn den Mehringhof weg? Den blauen Salon, wo wir uns immer treffen konnten, den haben die Mehringhof-Projekte selber plattgernacht, mit Büros zugebaut! Warum? - Naja, weil ihnen das nicht wichtig genug ist, daß sich da freie Gruppen ohne große Organisierung treffen können, weil sie da gar keinen Bezug mehr zu haben.

M (hüstelt): Dürfen wir auch wieder mitreden? Also ich versuche das mal so festzuhalten: In der Frage der Notwendigkeit von Gegenmacht-Strukturen sind Sie sich nicht einig.

I (einwerfend): «Macht« - «Gegenmacht« - was für häßliche Wörter. Sagen wir doch lieber: »durchsetzungsfähige Ideen«, »effiziente Mittel«!

K: Einig sind wir uns jedenfalls darin, daß Gegenmacht nicht die Struktur der Herrschaft selbst annehmen darf. Wenn wir anfangen, mit Bosheit, Lügen und Intrigen für unsere Ziele zu kämpfen, oder wenn die Erhaltung unserer Gegenmacht-Strukturen zum Selbstzweck wird, dann ist es vorbei. Dann haben sie uns geschluckt.

A: Aber wir sind uns nicht einig darüber, wie das Verhältnis zwischen Kontinuität und Veränderung dabei sein sollte. Ich finde ja, daß Gegenmacht im Grunde nichts weiter ist als die jeweilige Stärke der Bewegung, sozusagen ihr lebendige Kraft, »nein« zu sagen. - Also Strukturen, die verteidigt werden, weil sie irgendwann vielleicht wieder ‘ne Bedeutung haben könnten, das riecht mir zu sehr nach Selbsterhaltung.

0: Keine Kontinuität, keine Verbindlichkeit, keine revolutionäre Pflichterfüllung - so werden Sie die Verhältnisse hier in diesem System nie zum Kippen bringen!

K: jetzt beantworten Sie uns doch mal eine Frage: Was meinen Sie eigentlich damit: »die Verhältnisse zum Kippen zu bringen « ?

0: Revolution!!! - Haben Sie das denn ganz vergessen? - »Völker, hört die Signale! «

I: Die hören ganz andere Signale, mein Lieber!

A: Sie behaupten, nach der Revolution ist alles ganz anders,-und dann sind wir im Reich der Freiheit? So ein Blödsinn, alle Machtverhältnisse tendieren dazu, sich zu verfestigen und zu einer neuen Herrschaft zu werden, sie müssen immer wieder zum Kippen gebracht werden. jeden Tag. Überall. Das ist Revolution!

M: Aha. Sie beziehen sich auf das Konzept der perrnanenten Revolution?

K: Genau. Wobei das eigentlich kein Konzept ist, sondern eine Paradoxie. Diese alltägliche Grenzüberschreitung funktioniert natürlich nur, wenn man irgendeine Vorstellung davon hat, wo man hin will, also von der Wahrheit, von der wir vorhin geredet haben ...

A: Aber dieses Ziel, was einem dabei vorschwebt, besteht letzten Endes aus nichts anderem als den Schritten darauf zu.

M: Täusche ich mich oder ist das wieder so eine Münchhausen-Geschichte?

K: ja, mein Lieber, das ist Dialektik ...

0 (zu sich): Das tut mir richtig weh, wenn die von Dialektik reden!

A: ... Anarcho-Dialektik!

0:I ( verwirrt): ... die sich im Kreis dreht, wunderbar!

M: Stimmt das? Heißt Ihr Konzept, daß es gar keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt?

K: Nein, das heißt es nicht. Natürlich träumen wir von einer Gesellschaft, in der es keine Grenzen mehr gibt, in der die Menschen ohne Angst verschieden sein können, in der sie sich frei und offen begegnen können.

A: Und ich glaube, daß uns jede Grenzüberschreitung, jede autonom bestimmte Regelverletzung einen Schritt näher dahin bringt ...

I: Ich bewundere Ihre Konfliktfreude, meine Damen.

K: Allerdings! Sich über Regeln hinwegzusetzen bedeutet, sich immer wieder auf Konflikte einzulassen. Egal, ob ich einen Castorbehälter blockiere oder ob ich meiner Freundin die Meinung sage. Man muß Konflikte sogar richtig mögen ...

A: ... und trainieren!

M: Das ist mir unbegreiflich! Wie kann man Konflikte mögen? Sie sind vielleicht unvermeidlich, aber mögen ... ?

K: Die meisten Menschen haben Angst vor Streit, weil sie nicht einschätzen können, was daraus folgt, wenn sie bestehende Regeln verletzen oder auch einfach Erwartungen nicht erfüllen. Deshalb halten sie sich lieber an den vorgegebenen Verhältnissen fest, sind gehorsam und hassen alle, die das nicht sind.

A: Zu dieser Unterordnung und Harmoniesucht werden wir ja auf allen gesellschaftlichen Ebenen von klein auf abgerichtet. Dabei haben wir doch in jedem Streit zu gewinnen: wir lernen uns besser kennen, wir lernen unser Gegenüber besser kennen. Und wir können die Bedeutung der verletzten Regel besser einschätzen ...

I (für sich): Ach, da kenne ich eine Menge Poesiealbum-Sprüche: »Nur wer sich bewegt, spürt seine Ketten.« oder »Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt dar,in um.« - Die Poesiealben werden ja heutzutage an den Häuserwänden geführt!

K: ... und durch die Erfahrung, daß der Streit auf eine gute Weise was in Bewegung gebracht hat, ist es das nächste Mal wieder ein Stück einfacher, den Mund aufzumachen, Widerstand zu leisten, sich ‘ner Gefahr auszusetzen. Die umgekehrte Entwicklung entlädt sich oft genug in Kriegen.

M: Wie bitte, Sie behaupten, daß das Bedürfnis nach Harmonie letzten Endes zum Krieg führt?!

K: Nein, aber daß es den Krieg mit trägt. Wenn ich mich nicht wehre und mich stattdessen immer wieder unterwerfe, dann steigt mein Haß immer mehr. Aus der Gegnerschaft wird Feindseligkeit, ich verschanze mich, ich suche Verbündete. Mein ganzes Selbstverständnis beziehe ich nur noch aus dieser Feindschaft, bis ich zum Schluß ganz vergessen habe, was ich gegen diesen Feind eigentlich durchsetzen wollte. Und auch nicht mehr überblicke, ob das wirklich der Feind ist. Ich weiß nur noch, daß ich ihn vernichten muß.

0: Ihre Theorien sind ja gemeingefährlich! Imperialistische Kriege sind Teil der destruktiven Kraft des Kapitalismus. Und Volkskriege oder Befreiungskriege sind notwendig und ein Teil des revolutionären Kampfes!

A: Und ist es auch ein notwendiger Teil des revolutionären Kampfes, wenn Frauen vergewaltigt werden, von Befreiungskriegern genauso wie von imperialistischen Söldnern?! Wenn Menschen gefoltert und wahllos niedergemäht werden? Der Sadismus und die Menschenverachtung, die bei den Generälen anfangen, aber von jedem einfachen Soldaten mitgetragen werden, haben was mit dem ganz alltäglichen Jasagen, Wegstecken und Unterwerfen zu tun, da bin ich mir ganz sicher.

M: Aber Sie können doch nicht leugnen, daß Streit selbst oft was Verletzendes und Schmerzhaftes ist.

K: Sicher, wenn darin nicht die Position sondern die Person angegriffen wird.

0 (zu M): Sagen Sie mal, ich dachte, das ist hier eine politische Veranstaltung? Ich hab das Gefühl, ich bin in einen Psychokurs geraten.

A: Ab wieviel Personen fängt denn bei Ihnen die Politik an oder ab wieviel Entfernung zu den Menschen, um die es geht? Sie möchten die sozialen Beziehungen der Menschen nur analysieren und verwalten, aber Sie übersehen, daß Sie selbst täglich daran teilnehmen.

K: Es stimmt einfach: »Das Private ist politisch.« Es gibt nichts Privates, das nicht auch eine politische Bedeutung hätte.

A: Ich glaube, den Spruch kannst du sogar umdrehen: »Das Politische ist privat. « Denn alles, was auf der politischen Bühne verhandelt wird, setzt sich letzten Endes aus dem ganz alltäglichen, ganz privaten Handeln von jedem einzelnen zusammen. Das heißt, wenn wir schon bei den Sprüchen sind: »Es gibt nix Gutes, außer man tut es! «

0: Subjektivistische Bauchnabelschau! Unerträglich. Mir reicht es jetzt. Das Ziel ist doch klar: Revolution, die herrschenden Verhältnisse umstülpen! Ich mache ernsthafte Politik und keine Encountergruppe! Der Charakter dieser Veranstaltung ist ja jetzt wohl deutlich genug geworden. Alle, die hier an einer ernsthaften Auseinandersetzung interessiert sind und über revolutionäre Strategie und Taktik autonomer Gruppen in der BRD reden wollen, treffen sich gleich erstmal draußen vor der Tür.

K: Das ist typisch, daß diese Polittypen grad bei so einer Frage ausrasten. Die glauben, sie könnten ihr Privatleben unsichtbar machen, damit sie sich der Kritik entziehen können. Wie dumm von ihnen - damit tun sie sich doch gar keinen Gefallen. Naja, Kollektivität heißt nicht Konsens; wir können niemand an lächerlichen Gesten hindern.

I: ja genau, lächerliche Gesten bringen uns nicht weiter, völlig richtig. »Einsteigen« - das ist das Stichwort! Mitmachen, in Bewegung bleiben, Politik machen! Das sind doch faszinierende Stoffwechsel Prozesse, da ist Umsatz, das ist alles voller Energie. Wenn’s da Widersprüche, Hindernisse gibt - das sind doch die Märkte der Zukunft.

A (geht auf ihn zu): Du bist doch ein mieses Arschloch. Die ganze Zeit schleimst du hier rum und willst alles zur Mark machen, das reicht jetzt ...

K: Komm Autonomia, der Mann ist doch nur ‘ne Luftspiegelung. Wenn wir gehen und er nix mehr zu vermarkten hat, hört er auf zu existieren ... (beide nehmen einen Eimer, stülpen ihn I über den Kopf) (I erstarrt)

A und K: Laß uns lieber mal gucken, was in den Arbeitsgruppen so los ist. (geben ab)

M: ja was? Ist die Veranstaltung nun zu Ende? Plötzlich sind alle gegangen. Herr Innovator, wollten Sie vielleicht noch was sagen? (untersucht ihn) Der sagt nichts mehr. Dann ist es wohl besser, wenn wir den hier fortschaffen. Das macht doch irgendwie einen schlechten Eindruck auf einem Autonomiekongreß. (er setzt ihn in einen Einkaufswagen)

I (erwacht kurz nochmal): Können Sie mich bitte noch auspreisen? (wird rausgeschoben)

M (kommt zurück): Was machen wir jetzt? Die Experten sind weg. Viel schlauer sind wir nicht geworden. Hat vielleicht noch jemand ‘ne Frage? Oder ‘ne Idee, wie’s jetzt weitergehen soll? - Nein? - Finden Sie das Thema erschöpfend behandelt? - Nein? Auch nicht? - ja, was machen wir da? - Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen ... ich meine, ich halte es für angemessen, wenn Sie den weiteren Verlauf der Veranstaltung in spontaner Weise selbst organisieren. Ich für meinen Teil darf mich empfehlen.@

 

- zurück




      anti-atom-aktuell.de