Die Welt ist aufgeteilt: für die Industriestaaten verbindet sich mit dem atomaren Risiko immerhin noch ein Nutzen

"Dritte und Vierte Welt" tragen die Folgen des Uranabbaus

Von Bernhard Mogge

Niemand hatte etwas geahnt. Es gab keine Warnung. Der 16. Juli 1979 begann strahlend schön. Ein besonderes Datum: Auf den Tag genau vor 34 Jahren war bei Alamogordo in der Wüste von New Mexico, USA, die erste Atombombe explodiert. Vierzehn Wochen zuvor war in Harrisburg, Pennsylvania, der Atomreaktor Three Mile Island havariert.

In den frühen Morgenstunden dieses Tages brach in Churchrock, New Mexico, auf zwanzig Fuß Breite ein Damm, der den Abraum aus einer Uranmine der United Nuclear Corp. zurückhielt. Rund 400 Millionen Liter radioaktiv verseuchtes Wasser und mehr als 1000 Tonnen giftiger Schlamm und Geröll ergossen sich über das Land, versickerten im Boden; das meiste floß in den Rio Puerco, einen Nebenfluß des Colorado River. Die Flutwelle selbst tötete niemanden. Doch auf ihrem Weg hinterließ sie den Tod in Form von radioaktiven Substanzen: Uran, Thorium, Radium, Polonium; außerdem eine große Anzahl hoch giftiger Metalle, die im Abraum enthalten sind. Spuren der Verseuchung wurden Jahre später noch in 75 Meilen Entfernung gemessen.

Zur Zeit des Unfalls lebten in der Gegend etwa 350 Familien, die meisten von ihnen indianische Schafzüchter vom Volk der Navajo. Der Fluß diente ihren Herden als Trinkwasserquelle. Einen Monat nach dem Desaster ließen die Behörden Schilder aufstellen, die in drei Sprachen - Englisch, Spanisch und Navajo - vor dem Gebrauch des Wassers warnten. Leider verstanden die Schafe den Hinweis nicht. Viele Tiere verendeten.

Eine Zeit lang hielt sich die Aufregung um Churchrock. Aber das öffentliche Interesse schlief bald ein, und nach drei Monaten nahm die Uranmine ihren Betrieb wieder auf. Der Name Churchrock prägte sich dem Gedächtnis nicht ein.

Zu einer Topographie des nuklearen Zeitalters gehören jedoch nicht nur die bekannten Namen wie Hiroshima und Nagasaki, Moruroa und Bikini, LaHague und Sellafield, Harrisburg und Tschernobyl. Churchrock und viele andere stehen für den am wenigsten bekannten Abschnitt der nuklearen Kette: den Abbau von Uranerz.

Uranminen in Kanada, den USA, australische, afrikanische, russische und chinesische Minen - und nicht zuletzt die "Wismut" in Thüringen - lieferten oder liefern nicht nur den Rohstoff für Brennstäbe und Atomwaffen. Sie verursachen auch Umweltverseuchungen schlimmsten Ausmaßes und verletzen grundlegende Rechte der betroffenen Anwohner.

Vor allem Ureinwohner-Völker in allen Regionen der Erde sind auf besondere Weise mit dem Thema Uran verbunden. Etwa 70 Prozent der bekannten Uranvorräte liegen unter dem Land von eingeborenen Völkern - ironischerweise oftmals Land, das beispielsweise Aboriginals oder nordamerikanischen Indianern als Reservatsland zugewiesen wurde, weil es den Kolonisatoren wertlos erschien. Erst später entdeckte man den Rohstoffreichtum dieser Gegenden und begann - meist entgegen allen Verträgen und Zusicherungen - mit der Ausbeutung: Kohle, Erdöl, Gold. Und Uran: im Südwesten der USA, wo die Navajo und die Pueblo-Völker leben, in den Black Hills, den heiligen Bergen der Cheyenne und Lakota, in Kanada, hauptsächlich in den Nordwest-Territorien und in den Provinzen Saskatchewan und Ontario, auf dem Land der Inuit, Cree und Dené, auf dem Territorium australischer Aboriginal-Völker, ebenso in Nord-, West- und Zentralafrika, wo Tuareg, Fulbe, Pygmäen, Ovambos und andere Stammesvölker betroffen sind. Auch Tibeter und sibirische Ureinwohner werden vom Uranabbau bedroht, und in Indien sind die Adivasi die ersten Opfer des ehrgeizigen staatlichen Atomprogramms.

Beispiel Australien: Die Kultur der Aboriginals unterscheidet sich sehr stark von der Kultur der dominanten weißen Bevölkerung. In ihren Schöpfungsmythen spielt die mythologische Urzeit, die "Traumzeit", eine wichtige Rolle. Traumpfade durchziehen den ganzen Kontinent. Viele Orte sind mit Konnotationen von besonderer Bedeutung, auch von Gefahr belegt; ihr Betreten ist den Menschen untersagt.

Auf frappierende Weise decken sich diese Tabu-Stellen mit heutigen Karten von Uranvorkommen. Es scheint, als hätten sich die Ureinwohner durch Jahrtausende lange Naturbeobachtung eine außerordentlich genaue Kenntnis von Orten erworben, die ein Vielfaches der natürlichen Hintergrundstrahlung aufweisen. Auch der uralte Mythos der Njamal in Nordaustralien von der Regenbogenschlange, die unter der Erde schläft und die geheimen Kräfte hütet, die der Mensch nicht stören darf, ist zu deuten als Hinweis auf die tödliche radioaktive Strahlung.

Vor allem in West- und Südaustralien sowie im Northern Territory liegen riesige Uranvorkommen. Im Norden ist hauptsächlich die Region des weltberühmten Kakadu-Nationalparks betroffen, ein Gebiet von der Größe Belgiens und eines der Hauptreiseziele für Australien-Touristen. Vor der Einrichtung des Nationalparks in mehreren Stufen seit 1979 wurden drei Gebiete vom Status des Parks ausgenommen, quasi als juristische Enklaven: die Uranbergbaugebiete von Ranger, Jabiluka und Koongarra. Der Northern Land Council, der offiziell die in der Region lebenden Aboriginal-Clans vertritt, erteilte 1982 die Genehmigung zur Ausbeutung der Vorkommen in Jabiluka.

Nach dem Regierungswechsel 1983 verfolgte Australien zunächst eine andere, zurückhaltende Uranbergbaupolitik; Jabiluka wurde auf Eis gelegt. Doch mit dem erneuten Regierungswechsel im Jahr 1996, bei dem die liberal-konservative Regierung Howard an die Macht kam, brach ein neues nukleares Zeitalter für den fünften Kontinent an. Nicht nur soll Jabiluka stufenweise die Uranproduktion aufnehmen; es ist auch geplant, rund 30 weitere Uranminen in ganz Australien zu erschließen. Daß auch eine Endlagerstätte für Atommüll aus aller Welt im Gespräch ist sowie in Sydney neben dem bestehenden ein zweiter Forschungsreaktor gebaut werden soll, komplettiert das nukleare Szenario.

Ende 1998 begann die Betreiberfirma Energy Resources of Australia (ERA) - die inzwischen durch den Verkauf der Muttergesellschaft North Ltd. an Rio Tinto Zinc Corp. zur Familie eines der berüchtigtsten Bergbaukonzerne weltweit gehört - mit den Ausschachtungsarbeiten. Jabiluka sollte nach den Worten der Konzernmanager die "sicherste und am besten überwachte Uranmine" der Welt werden. Zahlreiche Arbeitsplätze sollten entstehen, und neben den angepeilten 2,5 Milliarden Dollar an Exporteinnahmen sollten für die Landbesitzer, Aboriginals vom Volk der Mirrar, die seit rund 40.000 Jahren in dieser Region ansäßig sind und somit die älteste kontinuierlich existierende Kultur der Erde darstellen, rund 140 Millionen Dollar an Förderabgaben abfallen.

Doch ERA hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Mirrar - ein Clan von knapp 30 Erwachsenen und etlichen Kindern - lehnten die neue Mine rundweg ab. Sie argumentierten, daß die Verhandlungsführer 1982 nur unter Druck zur Unterzeichnung der Verträge gebracht worden waren. Die Rechte der Aboriginals waren zu der Zeit noch kaum gesichert, und die Ältesten hatten keine Erfahrung mit derartigen Verhandlungen. Der Clan-Älteste Toby Gengale ging an dem Konflikt zugrunde; er starb nicht lange nach den Verhandlungen.

Seine Tochter Yvonne Margarula, die von ihm die Aufgabe der verantwortlichen Treuhänderin für das Land übernommen hat, fordert eine Revision der Verträge. Einnahmen aus den Pachtgebühren lehnen die Mirrar ab; ihnen sind die Erhaltung ihres Landes und der sakralen Stätten sowie die Gesundheit ihrer Kinder und der zukünftigen Generationen wichtiger.

Im Jahr 1997 kam eine Studie, die von Verwaltungsträgern des Kakadu-Nationalparks, darunter auch ERA, in Auftrag gegeben wurde, zu dem Schluß, daß sich "die soziale Lage der Region seit den 80er Jahren nicht verbessert" hat. Jacqui Katona, Geschäftsführerin der Gundjehmi Aboriginal Corporation, die im Auftrag der Mirrar den Widerstand koordiniert, drückt es drastischer aus: "Die Mirrar leben bis heute unter Drittwelt-Bedingungen."

Und vor allem fürchten sie die gesundheitlichen Auswirkungen des Uranbergbaus auf ihrem Land. In den Versprechungen von ERA werden diese Gefährdungen schlicht geleugnet. Ein Vertreter des Konzerns behauptete, daß beim Abbau von Uranerz "keinerlei zusätzliche Radioaktivität" erzeugt werde: "Wir graben nur das Erz aus, zerkleinern es und ziehen das Uran heraus; dann bringen wir es als Tailings zurück in die offengelassenen Gruben, die mit Erdreich bedeckt und bepflanzt werden. So wird der geologische Urzustand wieder hergestellt."

Doch die Gefährdung entsteht bereits durch die Bewegung des Urans, die Zerkleinerung des Erzes und die chemische Behandlung. Denn bei diesem Prozeß wird unter anderem Radongas frei, das mit dem Wind über weite Entfernungen verweht werden kann. Und die Staubpartikel können in das Gewässersystem und damit letztlich auch in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Die größte Gefahr geht vom Abraum aus. Je nach Urangehalt des Gesteins fallen pro Tonne Urankonzentrat ("Yellow Cake") bis zu 40.000 Tonnen Abraum an. Diese zu Sand zermahlenen Tailings, die noch bis zu 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität enthalten, werden zu riesigen Halden aufgetürmt oder, mit Wasser bedeckt, in durch Dämme gesicherten Becken gelagert. Ein sicheres Tailings-Management ist nicht möglich. Die Zeiträume, über die der Abraum vollkommen abgeschlossen verwahrt werden müßte, übersteigen jede Vorstellungskraft und sämtliche heutigen technischen Möglichkeiten. Weltweit strahlen viele Millionen Tonnen Abraum für die kommenden Jahrhunderttausende. Dämme unterliegen der Erosion; sie können brechen wie in Churchrock. Versickerung radioaktiver Stoffe ins Grundwasser, Ausspülungen und Überschwemmungen lassen sie in Gewässersysteme gelangen. Radongas wird von den Halden verweht.

Wenn radioaktive Partikel eingeatmet werden oder auf anderem Weg, beispielsweise über die Nahrungskette, in den Körper gelangen, bewirken sie schwerste Zellschädigungen. Uran: Nieren- und Leberschäden, Krebs des Lymphsystems. Thorium 230, das sich hauptsächlich in den Organen des Immunsystems ablagert: Knochen- und Lebertumore, Leukämie, Krebs des Lymphsystems. Radium 226: Knochenkrebs, Leukämie. Radon 222: Lungenkrebs. Jedem Glied in der Zerfallskette des Urans ist eine tödliche Wirkung zuzuschreiben. Das betrifft geborenes wie ungeborenes Leben, denn die Horrorskala reicht von Schädigungen des Fötus im Mutterleib bis hin zu genetischen Veränderungen.

Ein übles Szenario, das im Beispielsfall Jabiluka neben der Gesundheit der Menschen auch eine der spektakulärsten und schönsten Gegenden der Welt bedroht. Denn der Kakadu-Nationalpark steht auf der Unesco-Liste des Welterbes der Menschheit - als eine von nur rund 20 Stätten weltweit, die aufgrund ihrer landschaftlichen und kulturellen Bedeutung sowohl als Weltnaturerbe wie auch als Weltkulturerbe aufgeführt werden. Die Mirrar brachten das Thema Jabiluka vor das zuständige Gremium, das World Heritage Committee (WHC) mit Sitz in Paris. Ziel war eine Aufnahme des Kakadu-Nationalparks in die Rote Liste des "Welterbes in Gefahr". Mehrere im Auftrag des WHC erstellten Gutachten waren übereinstimmend zu der Auffassung gekommen, daß der Uranabbau den Nationalpark gefährde und empfahlen eine Aussetzung der Bauarbeiten.

Doch im Juli 1999 entschied sich das WHC - vorläufig - gegen eine Aufnahme in die Rote Liste. Vorausgegangen war eine mit viel Geld geschmierte Kampagne der Regierung Howard, die alles unternahm, um eine solche, zumal im Vorfeld der Olympischen Spiele, imageschädigende Entscheidung zu verhindern.

Ein im April dieses Jahres vorgelegter neuer Bericht der australischen Regierung wurde von den Mirrar und Umweltschützern als unzulänglich kritisiert; er gehe nicht darauf ein, wie die traditionelle Kultur der Mirrar vor Beeinträchtigungen durch das Minen-Projekt geschützt werden kann. Neben einem Managementplan wird beispielsweise eine topographische Erfassung der sakralen Stätten verlangt.

Ende November/Anfang Dezember wird vom WHC erneut über den Status des Kakadu-Nationalparks entschieden - ausgerechnet im australischen Cairns. Auch wenn die Mirrar und Umweltorganisationen skeptisch sind - die australische Regierung wird wiederum nichts unversucht lassen, diese Entscheidung in ihrem Sinne zu beeinflussen -, setzen sie doch darauf, die Angelegenheit "am Kochen zu halten". Denn öffentlicher Druck, zumal aus dem Ausland, wird von der australischen Regierung aufmerksam registriert.

Die Aboriginals haben zudem noch ein Druckmittel: Damit der Uranabbau wirtschaftlich betrieben werden kann, setzt ERA darauf, die Förderung in Jabiluka, die Verarbeitung aber in den vorhandenen Anlagen von Ranger zu betreiben. Zum Transport des Erzes wäre der Bau einer rund 20 Kilometer langen Straße erforderlich, den die Mirrar aber, da sie über ihr Land führen würde, mit legalen Mitteln verhindern können - und sicherlich auch werden. Ohne Straße rechnet sich der Abbau aber möglicherweise nicht mehr, denn die Errichtung einer neuen Uranmühle wäre teuer. Das bedeutet, daß das Projekt vielleicht eingestellt wird.

Kein Grund zur Entwarnung allerdings: In Südaustralien wird in der Nähe der produzierenden Mine Roxby Downs in Kürze mit dem Uranabbau in weiteren Minen begonnen. Wiederum sind Ureinwohner die ersten Opfer. Hier heißen sie Kokotha.

Die "Kampagne Stoppt Jabiluka" versucht, mit Öffentlichkeitsarbeit, Aktionen und politischer Lobbyarbeit dazu beizutragen, daß Jabiluka und weitere Minenprojekte verhindert und die Rechte der Ureinwohner geschützt werden. Sie ist angesiedelt beim Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie e. V. (infoe): Melchiorstraße 3, 50670 Köln, Telefon 0221 - 739 28 71 und 0221 - 139 08 75, E-Mail jabiluka@infoe.de und Bernhard.Mogge@t-online.de.

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Der folgende Text stammt aus der 1994 in Hamburg veröffentlichten Broschüre: 100 Jahre HEW - ein alternativer Bericht

Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung

Uran kommt nirgendwo auf Erden in reiner Form vor. Es ist immer in anderes Gestein eingebunden. Sobald an diesem Gestein gerührt wird, findet radioaktives Radongas - ein Zwischenprodukt in der langen Zerfallsreihe des Urans zu endlich nicht mehr strahlendem Blei - seinen Weg in die Atmosphäre und erhöht die Strahlenbelastung in der Umgebung. Besonders im Untertage-Bergbau sind die Bergleute hochgradig gefährdet, durch dieses Gas u.a. an Lungenkrebs zu erkranken.

Um an den brauchbaren, d.h. im Reaktor spaltbaren, Anteil Uran 235 heranzukommen, müssen riesige Mengen Erz abgebaut werden. Die HEW brauchen für ihre beiden Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel ca. 44 t Uran im Jahr, was etwa 550 t Natururan entspricht. Für diese gering erscheinende Menge müssen - je nach Urangehalt - 30.000 bis 1.200.000 t Erz abgebaut werden.

Und der nicht verwertbare Abraum strahlt. Etwa 85% der Radioaktivität bleiben in ihm zurück. In der zerstörten Landschaft der Uranabbaugebiete liegen Berge aus strahlendem Abraum und große Seen mit flüssigen strahlenden und chemisch giftigen Rückständen aus der Erzverarbeitung. Anders als alle anderen Bergbauhinterlassenschaften, die man in der Regel nach 100 bis 200 Jahren vergessen kann, weil sie vollständig renaturiert sind, stellen diese strahlenden Abfälle für unvorstellbar lange Zeit eine riesige Gefahr für die Umwelt dar. Radioaktiver Staub und Radongas werden durch den Wind weiträumig verteilt. Durch Auswaschungen bei Regen oder Überschwemmungen werden Böden, Grund- und Oberflächenwasser kontaminiert und die gefährlichen Stoffe gelangen unweigerlich in die Nahrungskette. Auch große Unfälle, wie Dammbrüche bei den künstlichen Schlammseen, kommen immer wieder vor.

Drei Viertel des Uranerzes wird in Regionen der Welt abgebaut, in denen indigene Völker (Ureinwohner, in Nordamerika nennen sie sich selbst native americans) leben, für die eine intakte Umwelt absolut lebensnotwendig ist. Sie profitieren in der Regel nicht am großen Geschäft mit dem Uran, sondern sind die ersten, die unter den fatalen Folgen des Uranabbaus zu leiden haben. Ihr Trinkwasser wird verseucht, Wild, Fische und Pflanzen gehen zugrunde, Krebs und andere strahlenbedingte Krankheiten, Fehl- und Totgeburten sowie Behinderungen nehmen zu, bei Mensch und Tier.

Interessanterweise gibt es bei nahezu allen indigenen Völkern, auf deren Territorien Uran vorkommt, sei es nun in Australien, Kanada, den USA, Südafrika oder Peru, Überlieferungen, die die Uranerzlagerstätten mit Tabus belegen, die Tod und Vernichtung voraussagen, wenn gerade dort in der Erde gegraben wird. Es ist bezeichnend für die Arroganz der Industrienationen, wie sie sich über dieses uralte Wissen der Menschen, die am nächsten am Uran wohnen, hinwegsetzen. Manche Vertreter der "Zivilisation" brüsten sich noch immer damit, daß sie diesen Menschen den "Fortschritt" bringen.

Die HEW baut selber kein Uran ab und sind auch nicht direkt an den Minen beteiligt, sie kaufen es nur ein. Aus diesem Grund behaupten sie stets, für die Folgen des Uranabbaus nicht zuständig zu sein. Die HEW erzeugt ihren Strom größtenteils aus Uran. Deswegen muß die Frage nach den Auswirkungen ihrer Produktionsweise gestellt werden. Das Uran aus Kanada bezieht die HEW von der CAMECO (Canadian Mining and Energy Corporation), die u.a. die Mine Key Lake betreibt, die zu 98% auf indigenem Land liegt (Cree/Dene).

Uranabbau gefährdet das Überleben von Menschen, Tieren und der gesamten Natur egal wo er stattfindet. Da die HEW den größten Teil des Urans für ihre Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel aus Kanada beziehen, soll im folgenden der Uranabbau im Norden der kanadischen Provinz Saskatchewan als Beispiel herangezogen werden:

Kanada nennt sich einen demokratischen Staat, von dem erwartet werden könnte, daß er die Rechte seiner Minderheiten achtet und deren Leben schützt. Die Realität - nicht nur - in den Uranabbaugebieten sieht jedoch anders aus.

Nordsaskatchewan ist eines der uranreichsten Gebiete der Erde. Zahlreiche Uranminen und Uranverarbeitungsbetriebe haben seit Anfang der 50er Jahre irreparable Umweltschäden in der waldreichen Fluß- und Seenlandschaft angerichtet, in der die Gewässer untereinander in Verbindung stehen. Wie ein Flickenteppich ist das Land übersät mit vom Uranabbau verseuchten Gegenden, die von der kanadischen Regierung als "Opfergebiete" bezeichnet werden, um die Tatsache zu unterstreichen, daß sie auf Jahrtausende nicht mehr für menschliche Nutzung zu gebrauchen sind.

Die Region ist dünn besiedelt. Zwei Drittel der Bewohner sind indigener Abstammung. Ihre Lebensumstände sind für kanadische Verhältnisse sehr schlecht. Die Menschen leben in großer Armut, die Lebenserwartung ist niedriger als im übrigen Kanada, die Arbeitslosigkeit beträgt 90%. Die Uranfirmen versprachen Arbeit und Wohlstand. Tatsächlich wurden aber nur sehr wenige Bewohner des Nordens beschäftigt. Die Firmen brachten eigenes Personal aus den Süden mit. Die Bewohner des Nordens kamen noch nicht einmal in den Genuß von Verkehrswegen. Im Norden der Provinz führen alle Straßen zu den Uranminen, nicht zu menschlichen Ansiedlungen.

Als Mitte der achtziger Jahre am Wollaston See, ein autonomes Reservatsgebiet der Chipewyans, neue Uranminen in Betrieb gehen sollten, bekamen die Betreiber zum ersten Mal geschlossenen Widerstand zu spüren. Die native americans wußten aus Erfahrung mit der benachbarten Rabbit Lake Mine, daß die Minen den See, ihre Trinkwasser- und Nahrungsquelle, vergiften würden und ihr Überleben dann nicht mehr möglich wäre. Die Projekte wurden mit Gewalt gegen den Willen der Anwohner durchgesetzt. Als Rechtsgrundlagen diente der Regierung ein 90 Jahre alter Vertrag (Treaty No. 10), der ihr Bergbaurechte in den Reservaten einräumt, den native americans aber das Recht auf freie Nutzung ihre Landes, auf Jagd und Fischfang garantiert. Vergebens weisen die native americans bis heute darauf hin, daß diese Garantien mit dem Uranabbau nicht vereinbar sind. Zur Armut kommt jetzt die Not durch die Folgen des Uranabbaus. In vielen Gegenden gibt es überhaupt kein sauberes Trinkwasser mehr. Jagd und Fischfang sind kaum noch möglich, sei es wegen der Belastung der Tiere oder weil diese durch die Umweltvergiftung aussterben. Krebserkrankungen und angeborene Krankheiten bei Kindern kommen so häufig vor, daß es an die Situation im Umkreis von Tschernobyl oder in den Atomtestgebieten erinnert.

Es hat so viele Unfälle in den Minen gegeben, bei denen Radioaktivität frei wurde, daß selbst ein Sprecher der Rabbit-Lake-Mine zugeben mußte, daß es wahrscheinlich zu viele seien, um sie zu zählen. Einer der größten Unfälle ereignete sich 1984, als der Damm des Abfallsees der Key-Lake-Mine brach und sich ca. 100 Millionen Liter kontaminiertes Wasser in den Key Lake ergossen.

Durch die Sorglosigkeit in den Anfangsjahren des Uranabbaus und die fehlende Aufklärung der Bevölkerung wurde Material von strahlenden Uranabraumhalden sogar als Baumaterial für Häuser, Straßen, Schulen und andere öffentliche Gebäude verwendet.

Es gibt zunehmenden Widerstand der Einwohner Saskatchewans gegen die Zerstörung ihres Landes. Zwölf weitere Minenprojekte sind dort geplant. Dank heftigen Protests der Einwohner und internationaler Kritik an dem Vorhaben kam es zum ersten Mal zu einer ernsthaften Prüfung dieser Pläne auf ihre Umweltverträglichkeit durch eine Kommission. Bislang sind so erst drei neue Uranminen genehmigt worden, und zwar mit so hohen Umweltauflagen, daß die Betreiberfirmen sich möglicherweise aus Kostengründen aus dem Vorhaben zurückziehen werden. Das Märchen vom billigen Atomstrom wird, wenn die Opfer nicht mehr stillhalten, endgültig unglaubwürdig.

Auf der UNO-Konferenz für nachhaltige Entwicklung wurde gerade wieder festgestellt, daß angesichts der riesigen Umwelt- und sozialen Probleme der Welt auch von der Wirtschaft globales Denken und verantwortliches Handeln gefordert werden muß. Mit der Haltung der HEW, die sich für die Folgen ihrer Produktionsweise hinter ihrer Haustür nicht mehr zuständig fühlt, verträgt sich das vermutlich nicht.

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Uranabbau: Völkermord und Ausdruck rassistischer Strukturen hierzulande

Geschäfte in menschenverachtender Kontinuität

Von den vorab geschilderten sozioökonomischen Auswirkungen des Uranabbaus in Kanada sind vorwiegend indigene Bevölkerungsgruppen betroffen. Die durch den Uranabbau bedingten Folgen entziehen den indigenen Völkern ihre Lebensgrundlage und führen in direkter Folge zu einem Genozid (= Völkermord). Aus dieser Tatsache lassen sich Parallelen ableiten, die die Unternehmenstrategie der HEW betreffen. Zur Zeit des Faschismus hatte die HEW unter Zuhilfenahme des unfreiwilligen Arbeitseinsatzes von KZ-Häftlingen ihr Energieunternehmen ausgebaut. Heute sind es indigene Völker, auf deren Kosten die HEW ihre derzeitige Energiepolitik aufrechterhalten kann. Durch den Kauf des Urans von Händlern und Produzenten ist die HEW mittelbar beteiligt an den Folgen des Uranabbaus.

Die Problematik des Uranabbaus nimmt die HEW nicht zur Kenntnis und verweist bei Nachfragen (s. Bü.-Dr. 14/2527) nach ihrer Verantwortung auf den Zuständigkeitsbereich der jeweiligen nationalen politischen Ebene, die die Rechte indigener Völker zu regeln habe. Die festgesetzten Grenzwerte für Radioaktivität der Uranminen und -verarbeitungsanlagen sind in Kanada praktisch lebensbedrohend. Die Genehmigungen der kanadischen Behörde AECB lassen Schwermetall- und Radioaktivitätsabgaben von Uranminen und -mühlen zu, die das Trinkwasser der Menschen verseuchen und Wasserlebewesen vergiften. Für die geschilderten Folgen ist die HEW aufgrund ihrer Atomstrompolitik mitverantwortlich.

Der größte Teil der indigenen Bevölkerung Kanadas spricht sich gegen den Uranabbau auf ihrem Land aus. Seit der Kolonisierung Kanadas durch europäische EinwanderInnen begann der Kampf der UreinwohnerInnen um ihre Landrechte. Das bedeutet bis heute, daß jeder Landanspruch und damit die Nutzung des Landes durch bundesstaatliche Reglementierungen beantwortet wird. Den UreinwohnerInnen Kanadas wird somit die Möglichkeit entzogen, über die wirtschaftliche Nutzung ihrer angestammten Territorien selbst zu entscheiden. Die bundesstaatlichen Behörden diktieren wo, wann und wie auf indigenem Territorium Bodenschatzabbau betrieben werden kann und das beinhaltet in der Regel die Verletzung indigener (Land)Rechte.

Bis heute erklären die UreinwohnerInnen, daß sie ihre Landrechte niemals abgetreten haben. Zum Teil existieren keine Gesetze, die eine Landabgabe geregelt hätten, noch ist jemals ein Preis vereinbart worden, um indigenes Land zu (ver)kaufen. Dennoch hat die kanadische Regierung Gesetze verabschiedet, in denen die Vergabe von indigenem Land an Weiße ermöglicht wurde. Ungeregelte indigene Landrechtsansprüche nehmen gemessen an der Landfläche Kanadas immerhin 40% ein. In diesen Fällen existieren keine Verträge, die eine Nutzung seitens der Uranindustrie rechtfertigen würden.

Im Frühjahr 1987 endete die Verfassungskonferenz, die das Recht der Eingeborenen Kanadas auf Autonomie innerhalb der Verfassung verankern sollte, ohne Erfolg. Die native americans Kanadas werden weiterhin in allen sozioökonomischen Belangen diskriminiert. Die Cree haben sich daher u.a. an die UN-Menschenrechtskommission gewandt, wo Kanada bereits mehrfach wegen Menschenrechtsverletzungen gegenüber indigenen Nationen kritisiert wurde.

Das Ignorieren der Forderungen der UreinwohnerInnen, den Uranabbau auf ihrem Land zu stoppen, kann solange fortgesetzt werden, wie es Abnehmer für Uran gibt. Alle Belange der Sicherung indigener Interessen der kanadischen Regierung zu überlassen, heißt die dortige Praxis zu unterstützen, die die UreinwohnerInnen einer permanenten radioaktiven Strahlung aussetzt. Die Nachfrage der HEW nach Uran beinhaltet somit die permanente Verletzung indigener Rechte. Mit der Verlagerung der Problematik des Uranabbaus nach Kanada glaubt die HEW in der Lage zu sein, die Verantwortung für die entstehenden Folgen von sich weisen zu können.

Würde das Uran für deutsche AKW's hier abgebaut, müßten die Betreiber für die Sicherung stillgelegter Bergwerke und die Rekultivierung (wenn überhaupt möglich) zerstörter Flächen aufkommen. Sie sparen diese Kosten durch die Methode des "Problem-Exports" zum Land indigener Völker, deren Rechte staatlicher Diskriminierung unterliegen. Deswegen ist das Uran aus den Gebieten indigener Völker auf dem Weltmarkt auch so "billig" zu haben. Daraus ergibt sich eine Verpflichtung der Nutznießer zur Wiedergutmachung.

Der Versuch eines Brückenschlages von der Vergangenheit (die nicht vergangen ist) über die Gegenwart in die Zukunft der Wirtschaftstätigkeit hat uns zu einer Technologie geführt, die heute von vielen Kreisen auch innerhalb der Anti-AKW-Bewegung als zukunftsweisend und wünschenswert betrachtet wird: Die Wasserstofftechnologie. Nicht diese Technologie, wohl aber die derzeitigen Bedingungen und Planungen, wie diese unter aktiver Beteiligung der HEW derzeit angegangen wird, haben uns mehr als nachdenklich gemacht. Denn wie der Uranabbau soll die Wasserstoffproduktion auf den Gebieten der indigenen Nationen Kanadas betrieben werden.

Wasserstoffimporte

Als einen möglichen Nachfolger der Atomtechnologie hat sich die HEW die Wasserstofftechnologie ausgeguckt. Bislang müssen regenerative Energien (Sonnen-, Wind- und Wasserenergie) in dem Moment genutzt werden, in dem sie erzeugt wird. Wasserstoff könnte sich als Speicher- und Transportmedium für regenerative Energien eignen. Technisch gesehen funktioniert das so: Wasser wird mittels Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff getrennt. Der so gewonnene Wasserstoff wird zum Verwendungsort transportiert und dort bis zur Verwendung gelagert. In Gasturbinen oder in Brennstoffzellen kann er dann zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Wie ökologisch diese Art von Stromlagerung ist, wird sich erst noch klären müssen. Zweifelhaft wird es dann, wenn zum Transport und zur Lagerung des Wasserstoffs giftige Chemikalien eingesetzt werden. Davon abgesehen ist jedoch das größte Problem, wo der Wasserstoff erzeugt wird. Denn die HEW denkt hier typischerweise in erster Linie nicht an die Windräder in Norddeutschland, sondern an Staudämme in Kanada.

Die HEW ist mit 20% an der GHW (Gesellschaft für Hochleistungselektrolyseure zur Wasserstofferzeugung) beteiligt (weitere Beteiligungen: Dasa 40%, Linde AG 40%), die in Hamburg Demonstrationsanlagen sowohl für die Wasserstofferzeugung als auch dessen Anwendung in einer Brennstoffzelle (Produktion von Strom und Fernwärme) planen. Parallel dazu ist die HEW zusammen mit 20 weiteren deutschen Firmen am kanadischen Euro-Quebec Hydro-Hydrogen Pilot Project beteiligt. Dort soll zunächst in einem 100-MW-Projekt die großtechnologische Anwendung von Wasserstoff - Erzeugung, Transport über den Ozean, Anwendung in Europa - erprobt werden. Sollte das Projekt erfolgreich sein und u.a. die HEW große Mengen Wasserstoff nachfragen (z.B. weil sie damit später die AKW ersetzen will), dann soll in der James Bay in Quebec ein Riesen-Staudammkraftwerk mit einem Flächenbedarf von 4485 qkm gebaut werden. Das hätte den Ethnozid der dort lebenden indigenen Völker und ökologische Katastrophen zur Folge. Denn das betroffene Gebiet ist der am dichtesten besiedelte Lebensraum der Cree und der Inuit, die dort traditionell vom Jagen, Fallenstellen und Fischen leben. Ihnen wäre mit einem Schlag ihre Lebensgrundlage entzogen, eine Umsiedlung hätte eine Auflösung ihrer sozialen Strukturen zur Folge. Ökologisch gesehen würde u.a. der Treibhauseffekt verstärkt, denn die unter Wasser gesetzten Waldgebiete setzen Methan und CO² frei. Das Aufstauen der Wassermassen würde die Flußläufe verändern und nachhaltig in die Tierwelt eingreifen. Nistplätze und übliche Wanderrouten würden zerstört und dadurch viele einheimische Tiere vernichtet.

Dies alles macht deutlich, daß dieser scheinbar umweltfreundliche Energieträger wiederum verheerende Wirkungen in seiner Herstellung zeitigt und in seiner Struktur (HEW kauft auf dem Weltmarkt Energieträger ein und kümmert sich nicht um die Herstellungsbedingungen) dem Uranabbau sehr ähnlich ist. Gerade jetzt werden aber die Voraussetzungen geschaffen, um tatsächlich in den nächsten Jahrzehnten massenhaft in die Wasserstofftechnologie - und damit in den Bau von Mega-Staudämmen - einzusteigen.

Rassismus in der Chefetage

Die dargelegten Etappen aus der Geschichte der HEW ergeben aus unserer Sicht durchaus einen Zusammenhang. Dabei ist einerseits das Profitinteresse eines der mächtigsten norddeutschen Konzerne ausschlaggebend. Doch das allein würde nicht ausreichen, um das Engagement der HEW zwischen Zwangsarbeit im Faschismus und dem Umgang damit heute, sowie die Beteiligung am Völkermord gegen die indigenen Völker Kanadas hinreichend zu erklären.

Der Rassismus der Eroberer und Kolonialisten des nordamerikanischen Kontinents hat dazu geführt, daß die indigenen Nationen weitgehend ausgerottet wurden. Die letzten Überlebenden wurden in Reservate auf für die weißen Siedler totem Land gesperrt. Doch selbst dieses "Tote Land" bot für die indigenen Nationen keine Sicherheit. Die Geschichte der Vernichtung der indigenen Völker in Nordamerika nahm ihre Fortsetzung, nachdem die militärischen und später "zivilen" Segnungen des Urans entdeckt wurden. Denn genau dieses Uran fand sich in der Folge auf den Gebieten, in denen diese Nationen ihre letzten Zufluchtsstätten erhalten hatten. Das "Tote Land" bestand aus den größten und ergiebigsten Uranerzvorkommen.

"Das Uran muß in der Erde bleiben" ist eine der Forderungen der indigenen Völker, der wir uns angesichts der ökologischen, militärischen und "zivilen" Gefahrenpotentiale voll anschließen.

Allerdings ist für uns auch wichtig, die Motivationen solchen Handelns, an dem die HEW beteiligt ist, herauszustellen. Was treibt ein Unternehmen wie die HEW dazu, ihren Uranbedarf unter Beteiligung am Völkermord zu beschaffen und es in Atomkraftwerken einzusetzen, die im Falle eines jederzeit möglichen Super-GAUs den nordeuropäischen Kontinent unbewohnbar machen können?

Menschenverachtung, war unsere erste Antwort. Kapitalistisches Profitinteresse war die zweite Antwort. Doch bei genauerem hinsehen waren uns diese Antworten nicht ausreichend.

Sämtliche Uranerzminen, die es in der Bundesrepublik gibt, sind in den vergangenen Jahren dichtgemacht worden. Bemerkenswert ist sicherlich die Tatsache, daß auch die Wismut-AG, ein Uranabbaugebiet, daß jahrzehntelang zu fast einem Drittel an der realsozialistischen Uranproduktion beteiligt war, umgehend geschlossen wurde, nachdem die DDR aufgehört hatte zu existieren. Entscheidend waren dafür aber nicht so sehr wirtschaftliche Überlegungen, sondern vor allem ökologische. Denn die Umweltbelastungen und Altlasten ebenso wie die gesundheitlichen Risiken waren derart gravierend, daß der Weiterbetrieb dieser Abbaustätten zu schweren politischen Auseinandersetzungen geführt hätte.

Nun gibt es keinerlei Grund anzunehmen, daß die Belastungen und Folgen des Uranabbaus in Kanada (oder Australien, USA ...) nicht zumindest vergleichbar wären. Doch offenbar ist es ein Unterschied, ob man Mitteleuropäern derartige Belastungen zumutet oder aber "irgendwelchen unzivilisierten Indianern". Wir sehen in der Geschäftspraxis der HEW daher nicht nur ein "normales" kapitalistisches Interesse sondern auch ein rassistisches Verhalten.

Um es verständlicher zu machen: Der Uranabbau in Kanada führt zum Völkermord an den indigenen Nationen, denn deren Kultur und Existenz ist angesichts deren Wertevorstellungen, deren Religion und Verbundenheit zu ihrer Heimat akut bedroht. Da sterben nicht nur Menschen, sondern Völker, die mit ihrer Tradition und Geschichte, mit ihrer Religion und Gegenwart einzigartig und von "unseren" westlichen Traditionen und Wertvorstellungen gänzlich zu unterscheiden sind.

Dieser Unterschied ist gemeint, wenn wir den HEW rassistische Geschäftspraktiken vorwerfen, die sie mit dem Einkauf von Uran von Regierungen betreiben, die ihrerseits Uranabbau auf Kosten der indigenen Völker betreiben. Zwar sind wir der Meinung, daß das Uran in der Erde bleiben soll, nicht nur in Kanada, sondern überall. Aber: Wenn die HEW ihre AKWs weiter betreiben wollen, was wir entschieden bekämpfen werden, dann sollen sie das dafür notwendige Uran dort besorgen, wo Völkermord ausgeschlossen werden kann, und die dabei entstehenden Konflikte mit den dort lebenden Menschen lösen. Damit wäre dann Uranabbau auch nicht zu akzeptieren. Aber die HEW müßte die Auseinandersetzung mit einer Bevölkerung eingehen, die nicht zusätzlich rassistisch diskriminiert wird und als Verbraucher von Atomstrom dann auch mit dessen negativen Folgen konfrontiert wird.

Die Verweigerung der Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln kennen wir aus dem Nationalsozialismus und der beschämenden Umgehensweise der HEW mit ihrer eigenen Vergangenheit. Noch vor wenigen Jahren lehnte die HEW das Ansinnen eines ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters ab, der für seine erzwungene Arbeit beim Bau des HEW-Kraftwerks in Alt-Garge entschädigt werden wollte. Die Begründung dieser Ablehnung macht deutlich, wie lebendig die nazistische Vergangenheit noch heute ist. Ohne sie beim Namen zu nennen lehnten die HEW eine Entschädigungszahlung ab, indem sie die nationalsozialistische Gesetzgebung heranzogen, nach der der ehemalige Zwangsarbeiter nicht bei den HEW angestellt war. Nach dem Motto, was damals Recht war muß auch heute rechtens sein, bestätigten die HEW, daß moralische oder völkerrechtliche Kategorien dann keine Rolle spielen, wenn es der eigenen Geschäftspolitik nützt.

Wer sich wie die HEW auf faschistisches Recht auch nur indirekt positiv bezieht, der muß sich vorwerfen lassen, ein bestenfalls funktionelles Verhältnis zu diesem durch und durch rassistischen Rechtssystem zu haben. Eine demokratische, moralische und antifaschistische Wertestruktur hätte ein deutlich anderes Vorgehen der HEW als Reaktion auf das Ansinnen des ehemaligen Zwangsarbeiters aus Polen erwarten lassen müssen.

Das kapitalistische Verwertungsinteresse der HEW hat zur Folge, daß sich dieses Unternehmen opportunistisch in die jeweiligen Herrschaftssysteme, die diese Eigentumsverhältnisse respektierten, eingeordnet hat. Dort, wo sich diese Eigentumsverhältnisse nur über eine völkische, rassistische Politik erhalten ließen, hat die HEW sich diesem System eingepaßt, es unterstützt und zu ihrem ökonomischen Vorteil benutzt. Moralische oder ethische Skrupel hat die HEW offenbar nicht geplagt.

Der Rassismus der Nationalsozialisten, der Ausgangspunkt für die Vernichtung der "Ostarbeiter" in Konzentrationslagern und Zwangsarbeitseinsätzen war, ist keineswegs verschwunden. Elemente einer rassistischen Wirtschaftspolitik lassen sich in den Wirtschaftsbeziehungen der HEW am Beispiel des Uranabbaus ebenso wie bei den Planungen für den großindustriellen Einsatz von Wasserstoff als Energieträger erkennen.

Nur daß dies heutzutage - im Gegensatz zur Zeit des Faschismus - scheinbar hinter den stummen Zwängen des Weltmarktes verschwindet. Das marktwirtschaftliche System kennt keine moralische oder ethische Verantwortung. Der Käufer gibt vor, nicht für die Entstehung des Produkts verantwortlich zu sein. Wegen der Maxime der Profitproduktion kennt die HEW keine übergeordneten menschlichen Kriterien. Das Grundproblem bleibt das kapitalistische System, daß die Erdkugel nach Verwertbarem abgrast - mit der Folge der Zerstörung von Mensch und Natur. Das Problem mit der HEW ist deren Profitorientierung, die sie veranlaßt(e), sowohl in faschistischen Strukturen zu arbeiten als auch Energieträger unter Ausnutzung rassistischer Strukturen einzukaufen.

Wohlgemerkt: Die Dimension eines faschistischen Deutschlands, unter denen die HEW rassistische Politik betrieben und unterstützt haben, soll keineswegs mit der heutigen Praxis beim Uranabbau gleichgestellt werden. Die HEW ist heute kein faschistisches Unternehmen und wir können auch nicht erkennen, daß die HEW in irgendeiner Form an der Herstellung ähnlicher Verhältnisse interessiert wäre.

Allerdings: Nicht erst wenn man sich die heutige Rechtsverschiebung innerhalb der BRD ansieht, die mit der Entstehung neofaschistischer Organisationen einhergeht, muß der Finger auf jeden Ansatz von rassistischen Handlungsmustern gelegt werden. Eine im Kern rassistische Wirtschaftspolitik, wie sie sich heute in den Urangeschäften der HEW zeigt, muß als solche kritisiert werden und es ist Aufgabe sämtlicher demokratischer Kräfte in diesem Land, daß derartige Geschäfte sofort gestoppt werden. Wer rassistische Geschäftspraktiken heute duldet oder verharmlost, der geht nicht nur leichtfertig mit der deutschen Geschichte um. Der hilft möglicherweise auch, daß sich in Zukunft ähnliche Dinge wie im Dritten Reich in anderer Form wiederholen könnten. Noch sind es die indigenen Nationen in Kanada, die die Folgen einer rassistischen Wirtschaftspolitik zu spüren bekommen. Doch das kann sich jederzeit ändern und nach innen umschlagen.

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Mit der Zentrifugentechnologie der Urananreicherungsanlage in Gronau verfügt die BRD über einen elementaren Baustein für ein militärisches Atomprogramm

Uran: Der Stoff aus dem die Machtträume sind

Von Markus Pettrup, Duisburg

In den Monaten August, September und Oktober rissen die Meldungen über Unfälle mit Atom-Unterseeboten kaum ab. Zuerst die russische "Kursk", dann das britische U-Boot der "Tireless"-Klasse. In beiden Fällen gab es die Furcht, daß der Atomreaktor an Bord zerstört werden könnte und Radioaktivität entweichen würde. Beim Vorkommnis mit dem britischen Boot kam die Sorge eines Kernschmelzunfalls und damit des "Super-Gaus" auf. Dieser Ausdruck verweist auf das schwerwiegende Sicherheitsproblem bei kommerziellen Kernreaktoren zur Stromerzeugung.

Der Zusammenhang ist nicht zufällig. Das Prinzip der Leichtwasserreaktoren (LWR), der überwiegende Teil der Kernreaktoren ist von dieser Sorte, ist als Antrieb für Atomunterseeboote der US-Navy entwickelt worden. Als Brennstoff für LWR wird angereichertes Uran benötigt, dieses wird in Urananreicherungsanlagen produziert. Urananreicherungsanlagen (UAA´s) sind aber auch gut geeignet, Uran so hoch anzureichern, das es als Grundlage für Atombomben brauchbar ist. Dies wurde auch tatsächlich getan, für die Hiroshima-Bombe reicherten es die amerikanischen Militärs mit Hilfe der Gasdiffusionstechnik an. Auch in Deutschland wurde während des Zweiten Weltkriegs an Techniken zur Anreicherung des Urans geforscht. Glücklicherweise waren die Versuche nicht besonders erfolgreich, auch das benötigte Uran ließ sich nur schwer auftreiben.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Eine Trennung von militärischer und ziviler Nutzung der Kerntechnik ist unmöglich. Wer die nötigen Anlagen hat, kann je nach politischer Tageslage entscheiden, ob für zivile oder militärische Zwecke angereichert wird. Seit dem Golfkrieg 1991 wissen wir auch, daß man die bei der Anreicherung anfallenden Abfallstoffe als panzerbrechendes Material in Granaten einarbeiten kann. Werden diese großflächig eingesetzt, so verseuchen die Uranoxide die Umwelt und lassen damit in Berührung kommende Lebewesen erkranken.

Im münsterländischen Gronau, nahe der Grenze zu den Niederlanden, steht Deutschlands einzige UAA. Sie ist 1985 in Betrieb genommen worden und wird kontinuierlich ausgebaut. Diese Anlage gehört zur Urenco- Ltd., die drei Anlagen dieser Art betreibt. Es sind noch eine in Almelo (NL), ca. 40 km von Gronau und in Capenhurst (GB) in Betrieb. Urenco reichert Uran mittels der Zentrifugentechnologie (in der Literatur oft auch als Gas- oder Gasultrazentrifuge bezeichnet) an. Die Geschichte dieser Technik hat immer wieder für Aufsehen gesorgt: von den Anfängen während der vierziger Jahre in Deutschland bis heute, wo die Urenco Deutschland GmbH den Ausbau der Gronauer Anlage auf ca. 4.500t Urantrennarbeit per anno beantragt hat. Dies würde dann ausreichen, um 32 AKW´s von 1300 MW Leistung für ein Jahr mit Brennstoff zu versorgen. In den Publikationen der Betreiber ist immer von diesen Leistungen die Rede.

Eher beiläufig wird erzählt, daß die Technik der Geheimhaltung unterliegt: "Da grundsätzlich mit diesem Verfahren auch eine Anreicherung auf sehr hohe U-235-Konzentrationen möglich ist, wie sie für den Bau von Kernwaffen benötigt werden, unterliegen die technischen Details fast aller Anreicherungsverfahren einer strengen Geheimhaltung...." (Urenco Deutschland GmbH (Hg.): Urananreicherung. Jülich und Gronau 1997).

Herbst 1960, die Schlagzeilen einiger Zeitungen lauten: "Volks-Atombombe", "Atombombe des kleinen Mannes". Was war geschehen? In Deutschland war man bei der Erforschung der Zentrifugentechnologie weitergekommen und man dachte daran, Zentrifugen nach Brasilien zu liefern. Brasilien wollte damals in Besitz der Atombombe gelangen- für friedliche Zwecke - wie es hieß. Daraufhin reagierte man in den USA, der damalige Präsident Eisenhower intervenierte persönlich, und die Zentrifugentechnologie wurde unter Geheimhaltung gestellt (vgl. hierzu und zu folgendem, Joachim Radkau: Aufstieg und Krise der dtsch. Atomwirtschaft 1945-1975. Reinbek 1983).

Einen gewaltigen Schub nach vorn machte das Vorhaben erst 1970 mit dem Vertrag von Almelo. Die Zentifugentechnik wurde internationalisiert und unter dem Dach der Urenco fortgeführt. Zunächst wurde in Almelo eine UAA gebaut, dann eine in England. Wenig später, nach der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages Mitte der siebziger Jahre, zog Deutschland nach. Sehr rasch wurde die Anlage in Gronau errichtet, 1982 begann man mit den Bauarbeiten und schon drei Jahre später wurde die UAA in Betrieb genommen.

Bei all dem Gerangel um die Nicht- Verbreitung von Atomwaffen ist erstaunlich, daß man nahtlos an die militärischen Projekte anschloß. Kerntechnische Alternativen zu den auch militärisch nutzbaren Atomanlagen wurden nie ernsthaft in Betracht gezogen: "Urananreicherung und Wiederaufarbeitung waren aber nicht nur die Schlüsseltechnologien des Brennstoffkreislaufs ziviler Kernkraftwerke, sondern waren und blieben auch die Schlüsseltechnologien der Bombenherstellung. Theoretisch wäre es auch denkbar gewesen, hier Verfahren zu entwickeln, die allein auf die zivile Kerntechnik eingestellt und zur Gewinnung von Bombenspaltstoff ungeeignet gewesen wären" (Radkau S. 186). Spätestens Mitte der siebziger Jahre war es dafür aber zu spät, durch den Siegeszug der LWR´s konnten sich auch kommerzielle UAA´s durchsetzen.

Es war abzusehen, daß es nicht möglich war eine Verbreitung von atomwaffentauglichem Brennstoff dauerhaft zu unterbinden. Gerade die mit der Gaszentrifugentechnik betriebenen Anreicherungsanlagen spielen dabei eine unrühmliche Rolle. Da nur der Urenco Konzern mit dieser Technik arbeitet, ist er es welcher eine besondere Rolle bei der Verbreitung von Atomwaffen hat.

Pakistan: Dieser Staat, der im Dauerclinch mit Indien liegt, welche ebenfalls Atombomben besitzt, gelangte in den siebziger Jahren "auf illegalem Weg an das Zentrifugenverfahren des europäischen Konsortiums Urenco. Nun benötigte man noch hochwertige Materialien, Magneten und Werkzeuge. Da kam Ende 1979 der Einmarsch der UdSSR in Afghanistan zupaß: Auf einmal erhielt Pakistan jede Technik, die es benötigte - aus den USA, Großbritannien, China, und nicht zuletzt Deutschland" (Die Zeit vom 4. Juni 1996). Die Pläne zur UAA soll ein pakistanischer Ingenieur, der bei Urenco Almelo arbeitete, herausgeschmuggelt haben.

Irak: Nach dem Golfkrieg kam heraus, daß Saddam Hussein eifrig an Anlagen zur Anreicherung von Uran bauen ließ. Mit dabei war ein deutscher Fachmann. "Der Ingenieur arbeitete in einem Zulieferbetrieb für die URENCO" (Süddeutsche Zeitung vom 26. Januar 1996). Später gingen Meldungen durch die Presse, wonach die UN -Kommission zur Abrüstung des Irak von CIA-Agenten, die sich besonders für die Ultrazentrifugentechnologie interessierten, unterwandert worden sei. Vermutlich ein Fall von Wirtschaftsspionage, denn in den USA wird mit der aufwendigen Gasdiffusionstechnik angereichert, wobei der Stromverbrauch bei gleicher Leistung gegenüber der Zentrifugentechnik um den Faktor 50 höher ist. Ein deutlicher Wettbewerbsnachteil. In der Urenco Deutschland gab man sich bestürzt: "Die Firma Urenco hat sich bestürzt und betroffen gezeigt, daß Pläne und Teile ihrer Zentrifugentechnologie an den Irak gelangt sind. Die Sicherheitsvorkehrungen zur Geheimhaltung der Technik bei Urenco seien ausgefeilt und hätten sich seit Jahren bewährt, so die Firma in einer Pressemitteilung (...) `gegen menschliche Unzuverlässigkeit und kriminelle Täter gibt es in diesem Bereich offensichtlich keine absolut wirksamen Mittel`" (Westfälische Nachrichten/Gronauer Nachrichten vom 26. Januar 1996).

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"Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über ... [die]Beendigung des Wettrüstens" (Auszug aus dem Vertrag über das Verbot der Weiterverbreitung von Atomwaffen)

Atomwaffen behindern konsequente Abrüstung - weltweit

von Roland Blach
Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA)

Die jüngste Diskussion um das geplante amerikanische Rüstungsprogramm "Nationales Raketenabwehrsystem" und die daraus entstehenden Gefahren einer neuen weltweiten atomaren Rüstungsspirale zeigen: Die weltweite Abrüstung der Atomwaffen bleibt ein zentraler Baustein für die friedliche Entwicklung und das Überleben dieser Welt. Weltweit fordern Nichtregierungsorganisationen (NROs) von Militär und Politik eine konsequente Abrüstungspolitik. Wenn wir eine nachhaltige internationale Sicherheitsarchitektur entwickeln wollen, können Atomwaffen darin keinen Platz haben, denn sie bieten keine Sicherheit und verhindern die nötige zivile Entwicklung.

Die internationalen Rüstungskontroll- und Abrüstungsbemühungen befinden sich in einer schwierigen Phase. Die Atomwaffenmächte USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China haben bei der Überprüfungskonferenz zum Nichtverbreitungsvertrag (NVV) im Frühjahr 2000 in New York gemeinsam den Willen zur vertraglich vereinbarten Abschaffung der Atomwaffen bekundet. Konkrete Umsetzungsmaßnahmen liegen allerdings bis heute nicht vor. Damit ist einer der wesentlichen Vertragsbestandteile von den Atomwaffenstaaten seit 30 Jahren nicht erfüllt worden. Der NVV ist am 5. März 1970 in Kraft getreten und wurde mit Ausnahme von Indien, Pakistan, Israel und Kuba bis heute von allen Staaten dieser Erde unterschrieben. Dort heißt es in Art. VI: "Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des Wettrüstens sowie über einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und internationaler Kontrolle."

Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Waren 1970 ca. 38.500 Atomwaffen weltweit stationiert, sind es heute immer noch weit über 30.000 Atomsprengköpfe, die auf ihren Einsatz warten, mit einer Zerstörungskraft von mehr als 200.000 (!) der Bomben, die 1945 die japanische Stadt Hiroshima in Minuten in Schutt und Asche legte, über 100.000 Menschen einem schrecklichen Strahlentod aussetzten. Weitere zigtausende Menschen erlitten schlimme Strahlenerkrankungen, die noch heute (55 Jahre später!) andauern.

Aus den fünf ursprünglich erklärten Atomwaffenmächten sind mittlerweile 8 geworden. Indien und Pakistan haben 1998 ihre Macht unter Beweis gestellt und Atombomben unterirdisch getestet, von Israel wird eine Anzahl von ca. 200 Atomwaffen vermutet. Länder wie der Irak, Iran, Libyen, Nordkorea haben sich die Atomtechnologie durch großzügige Unterstützung des Auslands (z.B. USA, Russland, Deutschland) angeeignet und sind schon oder bald in der Lage zur militärischen Nutzung der Bombe.

Damit wird die grundsätzliche Schwäche dieses Vertrages deutlich. Er ist diskriminierend und unterteilt die Welt in nukleare "Habende" und nukleare "Habenichtse". Während die Nicht-Atomwaffenstaaten strengen Überprüfungsmaßnahmen unterliegen, sind die Verpflichtungen für die Atomwaffenstaaten entweder nicht streng genug oder wenig durchsetzbar. Die Förderung der zivilen Nutzung der Atomtechnologie ließ und läßt für viele Staaten die Hintertür offen, sich die Bombe anzueignen. Auch in Deutschland gibt es immer noch Stimmen, die sich für die "deutsche Bombe" aussprechen.

Indien und Pakistan verwiesen bei ihren Machtdemonstrationen im Jahre 1998 auf die totale Weigerung der Atomwaffenstaaten, endlich ihre vertraglich zugesicherten Verhandlungen über die Abschaffung von Atomwaffen aufzunehmen. Der indische Premier Vajpayee damals: "Diese Weigerung... ist die größte einzelne Bedrohung für den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit. ... Da Indien durch die Stationierung dieser Waffen nach wie vor bedroht wird, ... hat sich Indien gezwungen gesehen, die Tests durchzuführen."

Wie scheinheilig die Reaktion der Atomwaffenstaaten war, zeigen die fortgesetzten subkritischen und hydrodynamischen Nukleartests vornehmlich der USA und Russlands sowie die Weigerung der USA, den Atomteststoppvertrag zu ratifizieren.

Die Weltöffentlichkeit darf sich von Lippenbekenntnissen nicht länger täuschen und hinhalten lassen.

Die USA, die NATO und Russland setzen in ihren neuen Militärstrategien wieder verstärkt auf Atomwaffen als Eckpfeiler ihrer Militärpolitik und modernisieren ihre Atomwaffenarsenale. Die im November 1997 von US-Präsident Clinton herausgegebene "Presidential Directive 60" ist die erste Anweisung der USA zur Atomkriegsplanung seit 1981! Sie sieht auch die Drohung mit dem Atomwaffeneinsatz zur Abschreckung gegen chemische und biologische Waffen als legitimes Mittel vor, ebenso einen Erstschlag gegen Ziele in Russland.

Die NATO hat im April 1999 ein neues Strategisches Konzept verabschiedet, dass die NATO dazu befähigt, US-amerikanische und EU-europäische (Wirtschafts-)Interessen global militärisch durchzusetzen. Diese Praxis wurde denn auch gleich in die Tat umgesetzt, mit dem Angriff auf Jugoslawien und der Besetzung des Landes seitdem durch Militär und Wirtschaft. Das Konzept betont weiter, "das Bündnis müsse für die vorhersehbare Zukunft eine geeignete Zusammensetzung nuklearer und konventioneller Kräfte sowie angemessene, in Europa stationierte substrategische Nuklearstreitkräfte beibehalten." - so lagern noch immer 200 US-Atomprengköpfe in Europa, über 60 davon allein in Deutschland. In dem Dokument wird nicht erwähnt, dass die NATO weiterhin darauf besteht, die Option auf den Ersteinsatz von Atomwaffen beizubehalten. Während es Kalten Krieges hatte die NATO argumentiert, dass Atomwaffen zur Gegenwehr gegen einen überwältigenden konventionellen Angriff erforderlich sein könnten.

Jetzt hat Russland diese Ausrede umgekehrt benutzt, um in seinem Sicherheitskonzept vom Januar 2000 die Haltung der NATO zum Ersteinsatz spiegelbildlich zu rechtfertigen.

In einem geheimen Schlüsseldokument der NATO (MC 400/2) vom 24.5.2000 ist der Einsatz von Atomwaffen gegen Länder, die chemische oder biologische Waffen besitzen nicht mehr auszuschließen. Die "vitalen Interessen" der NATO will man somit gegen, von den USA als "Besorgnis erregende Staaten" bezeichnete Länder, durchsetzen, ganz im Sinne der Vereinigten Staaten.

Währenddessen fordert das "Erbe" der atomaren Hochrüstung (Atomtests, Atomwaffenproduktion, russische Atom-U-Boote) Menschenleben, verstrahlt unsere Umwelt auf Jahrtausende und bindet dabei unbeschreibliche Geldmittel.

Im Jahr 2001 wird in den USA über die Einführung eines landesweiten Raketenabwehrsystems entschieden. Mit diesem Vorhaben gefährden die USA die internationale Rüstungskontrolle. Eine Stationierung würde das Ende des ABM-Vertrags zwischen den USA und Russland bedeuten, das beiden Staaten zugesteht, jeweils ein System aufzubauen, das eine Stadt oder eine Militäreinrichtung schützt. Die nukleare Abrüstung, die ohnehin schon in einer Krise steckt, könnte schlagartig zum Stillstand kommen. Mehr noch. Russland und China haben angekündigt, auf dieses Rüstungsvorhaben mit weitere atomarer Aufrüstung zu antworten. Damit besteht die Gefahr eines neuen Wettrüstens und eines Dominoeffekts, der unter anderem auch Indien und Pakistan erfassen würde. Auch die Gefahr eines Atomkrieges in Krisenregionen (Indien/Pakistan/China; Naher Osten) wird damit forciert.

Gegenbewegungen - der Widerstand muß wachsen

Seit 1995 besteht das weltweite Netzwerk "Abolition 2000" für die Abschaffung aller Atomwaffen. 2000 BürgerInnengruppen arbeiten mittlerweile daran, die Atomwaffenstaaten zu Verhandlungen über eine Nuklearwaffenkonvention zu drängen, die die Abschaffung der Atomwaffen konkret regelt. Unterstützt vom Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes, mehreren UN-Resolutionen, ehemaligen Generalen und Admiralen sowie sieben Staaten (Brasilien, Ägypten, Irland, Mexiko, Neuseeland, Slowenien, Südafrika und Schweden) wurde von verschiedenen NROs aus diesem Netzwerk ein Modellentwurf für eine Nuklearwaffenkonvention entworfen, welches mittlerweile offizielles UN-Dokument ist (seit September 2000 gibt es diesen Entwurf auch in deutscher Übersetzung: "Sicherheit und Überleben - Argumente für eine Nuklearwaffenkonvention", 30.- DM, ISBN 3-00-006743-4).

Die vollständige Ächtung dieser Massenvernichtungswaffen muß das Ziel einer ständig wachsenden weltweiten Bewegung werden. Nutzen wir die Chancen und setzen wir Zeichen für eine Zukunft ohne Atomwaffen. Der Protest muß wieder sicht- und hörbar auf der Straße ausgetragen werden. Die nächsten Gelegenheiten in Deutschland bieten sich dazu am Ostermontag, 16. April 2001, vor der Atomwaffen-Kommandozentrale EUCOM bei Stuttgart und am 30. September 2001 am Atomwaffenstützpunkt Büchel in der Eifel.

Kontakt:
GAAA
Lenzhalde 53
70806 Kornwestheim
07154-22026
Fax 07154-186643
www.gaaa.org

Die GAAA ist Mitglied in "Abolition 2000" und im deutschen Trägerkreis "Atomwaffen abschaffen"

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