von Veit Bürger, Greenpeace
Ungelöste Entsorgung
Tag für Tag erzeugen Atomkraftwerke hochradioaktiven Müll. Vor allem
die Entsorgung der abgebrannten Brennelemente stellt ein bisher ungelöstes Problem dar.
Die ausgedienten strahlenden Brennelemente müssen über Jahrtausende sicher abgeschlossen
und unerreichbar für Mensch und Umwelt gelagert werden. Die Antwort auf die Frage, wie
dies geschehen soll, will auch das Konsenspapier zwischen der Bundesregierung und den
Stromkonzernen nicht geben.
Das deutsche Atomgesetz schreibt den Betreibern von Atomkraftwerken die
"schadlose Verwertung" oder die geregelte Endlagerung ihres hochradioaktiven
Atommülls vor. Entscheidet sich ein Betreiber für die "schadlose Verwertung",
muß er diese der zuständigen Genehmigungsbehörde nachweisen. Anerkennung findet hierbei
die Wiederaufarbeitung in La Hague und Sellafield. Die deutschen Atomkraftwerke lieferten
bisher rund 4.540 Tonnen ihres Atommülls nach La Hague und 655 Tonnen nach Sellafield.
Systematische Verseuchung
Bei der Wiederaufarbeitung werden in einem chemischen Verfahren
hochgiftiges Plutonium und Uran aus den abgebrannten Brennelementen abgetrennt. Durch den
Einsatz zahlreicher Hilfsstoffe, Chemikalien und Werkzeuge vervielfacht sich der
Atommüllberg um das zwanzigfache. Einen Teil des Atommülls entledigen sich die Betreiber
der Wiederaufarbeitungsanlagen auf billige Weise über Abwasserpipelines.
Berüchtigt für ihre fortgesetzte und planmäßige Umweltverseuchung ist
die von der staatlichen British Nuclear Fuels Ltd. (BNFL) betriebene
Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield. Der Atomkomplex Sellafield (früher Windscale
genannt) liegt in Cumbrien, einem dünn besiedelten Gebiet an der Irischen See. Er spielte
von Anfang an eine wichtige Rolle im militärischen und zivilen Atomprogramm
Großbritanniens. In Sellafield steht eine Vielzahl verschiedener Atomanlagen, darunter
auch die Wiederaufarbeitungsanlage THORP, die im Jahre 1994 in Betrieb ging. THORP ist in
erster Linie für die Aufarbeitung von ausländischem Atommüll bestimmt. Zu den
wichtigsten Kunden zählen die deutschen Atomkraftwerksbetreiber.
Mehr als eine halbe Tonne des hochgiftigen Plutoniums hat BNFL bis heute
neben zahlreichen anderen radioaktiven Stoffen in die Irische See eingeleitet. Das
Abwasserrohr mußte mehrere Male verlängert werden, um die Grenzwerte der
Plutoniumablagerungen im Sediment am Pipelineausgang nicht zu überschreiten.
Die mangelnde Zuverlässigkeit von BNFL beförderte erst vor kurzem der
Skandal um gefälschte Sicherheitspapiere und mangelhafte Qualitätskontrolle bei
wiederaufgearbeiteten Brennelementen für japanische, schweizerische und deutsche
Atomreaktoren zu Tage. Die offensichtlichen bewußt in Kauf genommenen Fälschungen sowie
die schleppende Bereitschaft zur Aufklärung hätten die mangelnde Sicherheitskultur beim
Betreiber BNFL nicht eindeutiger belegen können.
Verstrahlte Tauben: Fliegender Atommüll über Sellafield
Die Liste der Umweltskandale der WAA Sellafield ist lang:
- Im Mai 1997 weisen kanadische Wissenschaftler des Bedford Institutes für Ozeanographie
in Halifax erstmals radioaktive Isotope aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield in
der kanadischen Arktis nach.
- Ende Juli 1997 veröffentlicht das britische Gesundheitsministerium eine Studie, die bei
einer Untersuchung von über 3.300 Jugendlichen in ganz Großbritannien und Irland, Spuren
von Plutonium und Strontium in den Zähnen der Jugendlichen nachgewiesen hat. Die Autoren
nennen den Verursacher: die staatlich betriebene Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield.
- Mitte Februar 1998 verhängt das britische Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei
und Ernährung, in einem Umkreis von 16 Kilometern um die Wiederaufarbeitungsanlage in
Sellafield das Verbot, dort lebende Tauben zu essen. Bereits nach dem Verzehr von sechs
dieser Vögel ist der jährliche Grenzwert für die Aufnahme von Radioaktivität durch
Lebensmittel beim Menschen erreicht. Diese Tauben sind so stark belastet, daß sie nach
deutschem Recht als (fliegender) Atommüll eingestuft werden müßten.
Erhöhte Leukämierate
Gesundheitsstatistiken für die Gegend um die französische WAA La Hague
waren bisher immer geheime Verschlußsache. Doch Anfang 1997 wiesen zwei französische
Wissenschaftler in einer Studie den Zusammenhang zwischen den radioaktiven Einleitungen in
La Hague und einer erhöhten Blutkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen nach. Danach wurde
eine im Vergleich zum Landesdurchschnitt um den Faktor drei höhere Blutkrebsrate
innerhalb eines Umkreises von 10 Kilometern um die Anlage ermittelt.
Die Ergebnisse in Cumbrien sind noch erschreckender. Dort liegt das
Blutkrebsrisiko für Kinder bis zum zehnfachen über dem Landesdurchschnitt.
Illegale Einleitungen
Trotz ihrer hohen Einleitgenehmigungen mißachten die Betreiber der
Wiederaufarbeitungsanlagen die Gesetze. Bei einer Filterprobe des radioaktiven Abwassers
der WAA La Hague stellte Greenpeace 1997 fest, daß Cogema, Betreiber der Anlage,
radioaktive Partikel einleitet, die den in der Einleitgenehmigung erlaubten Durchmesser um
mehr als das doppelte überschreiten. Anfang diesen Jahres ließ das zuständige
französische Gericht die Klage gegen Cogema zu. Um zu beweisen, daß sich seit 1997 an
der Praxis der illegalen Partikel-Einleitung nichts geändert hat, führten Greenpeace
Taucher im April diesen Jahres erneut Messungen am Abwasserrohr durch. Das Ergebnis: die
strahlenden Partikel im Abwasser sind mindestens 36 Mikrometer groß und somit erneut
größer als die erlaubten 25 Mikrometer. Die radioaktiven Teilchen sind wasserunlöslich,
strahlen Hunderte von Jahren und können über Fische und Meeresfrüchte in die
Nahrungskette des Menschen gelangen.
Verwertung nicht erkennbar
Von der vom Atomgesetz geforderten "Verwertung" der
abgebrannten Brennelemente kann keine Rede sein. Schon die Tatsache, daß die Menge des
endzulagernden Atommülls durch die Wiederaufarbeitung potenziert wird, wiederspricht den
Grundsätzen der Verwertung. Zudem wurde das eigentliche Ziel, den Kernbrennstoff zu
recyceln, nie erreicht. Im Gegenteil: Allein in La Hague wurden seit Anfang der 70er Jahre
rund 37 Tonnen Plutonium aus deutschen Brennstäben abgetrennt, von denen bis heute nur
etwa sieben Tonnen wieder eingesetzt wurden.
Rot-Grün legalisiert Rechtsbruch
Mit dem Ziel, die Wiederaufarbeitung zu beenden, hatten SPD und Bündnis
90/ Die Grünen Anfang der neunziger Jahre noch als Oppositionsparteien in mehreren
Gutachten nachgewiesen, daß die Wiederaufarbeitung das deutsche Atomgesetz verletzt. An
den Hebeln der Macht haben sich die beiden Parteien eines anderen besonnen. Sie
verständigten sich mit den Stromkonzernen darauf, die Transporte zu den
Wiederaufarbeitungsanlagen bis zum Jahr 2005 weiter zu dulden. Von dem in der
Vergangenheit beschworenen Rechtsbruch will Rot-Grün nichts mehr wissen, frei nach dem
Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn!
von Wolfgang Ehmke
Im AKW fällt jede Menge Atommüll an. Schwach-, mittel- und
hochradioaktive Stoffe, zum Teil mit erheblicher Hitzeentwicklung, werden mit letztlich
ungewissem Ziel abtransportiert. Schwach strahlender Müll, verpackt in den
berühmt-berüchtigten gelben Fässern, wird quer durch die Republik, teilweise durch halb
Europa, zu Konditionierungsanlagen geschafft, um dort mit verschiedenen Verfahren das
Volumen zu reduzieren Kraftwerksexterne Zwischenlagerhallen für schwach- und
mittelradioaktive Abfälle gibt es in Mitterteich (Bayern), Gorleben (Niedersachsen) und
Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). In Ahaus (Nordrhein-Westfalen) ist eine weitere Halle
für Müll aus der Wiederaufarbeitung geplant. Jahrelang wurde das Zeug auch direkt vom
Atomkraftwerk nach Morsleben geschafft. In dieses ehemalige Salzbergwerk in
Sachsen-Anhalt, das eher einer Tropfsteinhöhle als einem Endlager gleicht, wurde schon zu
DDR-Zeiten eingelagert Obwohl nach westdeutschen Atomrecht unzulässig, wurden in diese
Mitgift der deutschen Einheit" noch bis 1998 Transporte durchgeführt.
Das höchste - und damit gefährlichste - radioaktive Potential haben die
sogenannter Castor-Transporte mit abgebrannten Brennelemente aus den Atomkraftwerken. Sie
haben zum einen die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) im französischen La Hague und im
britischen Sellafield zum Ziel, zum anderen fuhr zwischen 1995 und 1998 jedes Jahr ein
Transport quer durch die Republik zu den Zwischenlagerhallen in Gorleben oder Ahaus.
Nachdem aufflog, daß die Castorbehälter äußerlich verstrahlt waren, wurde noch unter
Angela Merkel, der CDU-Umweltministerin im Kabinett Kohl, ein Transportestopp in Absprache
mit der Atomwirtschaft verabredet. Dieser wurde inzwischen wieder aufgehoben. Angeblich
sind die Behälter inzwischen "sauber". Eine weitere Castor- Halle wurde
kürzlich in Greifswald fertiggestellt. Vor der Merkelanweisung schwankte die Anzahl der
ins Ausland und in die Zwischenlager transportierten Castor-Behälter jährlich zwischen
80 und 100. Es waren also in der Regel jede Woche durchschnittlich ein bis zwei dieser
hochgefährlichen Atom- Fuhren unterwegs.
Wie laufen die Transporte ab?
Die meisten deutschen Atomkraftwerke (es gibt zur Zeit 19 laufende
Reaktoren an 14 Standorten) haben einen Gleisanschluß. Dort werden die Castor-Behälter
direkt auf Spezialwaggons verladen. Bei vier AKWs (Brokdorf, Grafenrheinfeld, Obrigheim
und Neckarwestheim) fehlt das Werksgleis. Dort werden die schweren Behälter auf Tieflader
gepackt. Mit diesen Zehn- bis Zwölfachsern geht es dann zur nächstgelegenen
Bahnverladestation. Die Züge mit den Castor-Behältern fahren durch zahlreiche
Ballungsräume, mitten durch Wohngebiete, teilweise durch große Hauptbahnhöfe, ohne daß
irgendwer vor Ort darüber informiert würde. Pro Zug werden zwischen einem und sechs
Castoren transportiert: Eine unvorstellbare Anhäufung von radioaktivem Material,
lediglich durch eine Metallwand von der Außenwelt abgeschirmt.
Die Waggons mit dem Atommüll für die Wiederaufarbeitung im Ausland
werden in der Regel in normale Güterzüge eingestellt. Dahinter kann alles gehängt
werden, was die Deutsche Bahn AG sonst noch so transportiert, ob Lebensmittel oder
brennbare Gefahrgüter. Teilweise werden die strahlenden Spezial-Waggons etliche Stunden
auf dem Gelände von Rangierbahnhöfen "zwischengelagert", weil der
Güterverkehrfahrplan längere "Umsteigezeiten" notwendig macht. Die Transporte
zu den Zwischenlagern und auch einzelne WAA- Transporte mußten bisher aufgrund der
Proteste als Sonderzüge fahren. Dabei werden die Atommüll-Waggons zusammen mit einigen
vom Bundesgrenzschutz besetzten Personenwaggons zusammengekoppelt und dann möglichst ohne
längere Aufenthalte zum Zielbahnhof gefahren
Welchem Zweck dienen die Transporte?
Bezogen auf die Lösung des ",Entsorgungs"-problems sind die
Transporte von Atommüll aller Art völlig nutzlos. Sowohl die Atommüll-Fuhren mit
schwachaktiven Abfällen zu Konditionierungsanlagen und Zwischenlagern als auch die
hochradioaktiven Castor-Transporte nach La Hague, Sellafield, Gorleben und Ahaus dienen
lediglich der Verschleierung des offenen Endes der Atomwirtschaft und der Gewährleistung
des Weiterbetriebs der Atomkraftwerke.
In den kraftwerksinternen Lagerbecken soll Platz geschaffen werden für
neu anfallenden Müll. So gehen die strahlenden Stoffe auf Reisen, werden in der ganzen
Republik und in halb Europa verteilt, ohne damit der Lösung des Problems einen einzigen
Schritt näher gekommen zu sein. Teilweise legen bestimmte Abfallsorten wahre Odyseen
zurück.
Welche Gefahren gehen von Atomtransporten aus?
Auch bei einem unfallfreien, vorschriftsmäßigen Transport bekommt jede
und jeder, die/ der sich in der Nähe eines Behälters aufhält, eine Dosis radioaktiver
Strahlung ab. Naturgemäß sind besonders diejenigen durch Atomtransporte gefährdet, die
sich längere Zeit und möglicherweise wiederholt in ihrer Nähe aufhalten. Dies sind
neben den Arbeitern in den AKWs vor allem die Transporteure der strahlenden Fracht,
insbesondere Bahnbedienstete und Polizistinnen, aber auch AnwohnerInnen der
Transportstrecke können betroffen sein. Im Gegensatz zu den AKW-Arbeiterlnnen, die
ohnehin als "beruflich strahlenexponiert" angesehen werden (mit einem
Horrorgrenzwert von 5.000 mrem/Jahr) gilt für Bahnarbeiter dasselbe wie für die
restliche Bevölkerung: 30 mrem/Jahr sind zwar nicht unschädlich, aber vom Gesetzgeber
zugelassen.
Sind die Grenzwerte noch aktuell?
Das Öko-lnstitut Darmstadt kam in einer Studie für die Gewerkschaft der
Eisenbahner Deutschlands (GdED) zu dem Ergebnis, daß häufig mit Atomtransporten
beschäftigte Eisenbahner stärker durch Strahlung gefährdet sind als durchschnittliche
AKW-Bedienstete. Dazu kommt: So schön vorschriftsmäßig und ohne Störungen (und dennoch
nicht ungefährlich) wie angenommen, verlaufen die Transporte nicht immer. So wird der
beste Behälter nutzlos, wenn man etwas anderes hineinpackt, als vorgesehen ist. Und seit
dem "Transnuklear" Skandal Ende der 80er Jahre bzw. dem
"Kontaminationsskandal", der 1998 aufgedeckt wurde, ist bundesweit bekannt, daß
es die Atomspediteure mit den Vorschriften nicht allzu genau nehmen.
Ein weiteres Problem: Außenkontaminationen können bei Transporten
abgebrannter Brennelemente leicht vorkommen, da diese im kontaminierten Wasser des
Abklingbeckens verpackt werden müssen. So kann es zur Inkorporation (Z.B. durch Einatmen)
von Teilchen kommen. Die Wirkung, die von Strahlern im Körper ausgeht, ist um ein
Vielfaches höher als die Wirkung der Direktstrahlung von außen. Ein einziges
Plutonium-Aerosol in der Lunge kann verheerende Schäden anrichten. Im Nachhinein ist
bekanntgeworden, daß 1997 bei 55 Transporten aus Deutschland nach La Hague in 11 Fällen
solche Außenkontaminationen oberhalb der Grenzwerte aufgetreten sind, mit einer maximalen
Dosis, die mehr als das 3.000fache des Grenzwertes ausmacht.
Was passiert bei einem Unfall?
Da es Verkehrsunfälle gibt, gibt es auch Unfälle mit Atomtransporten.
Die Liste der bereits eingetretenen Pannen, Kollisionen und Entgleisungen ist lang. 1985
kollidierte in den USA ein LKW, der Urankonzentrat geladen hatte, mit einem Zug. Das
"yellow Cake" verteilte sich über eine Fläche von 360 Quadratkilometern, die
Dekontamination dauerte 10 Tage. Die Gruppe Ökologie Hannover hat im Auftrag der Stadt
Nürnberg ein Gutachten erstellt, das sich mit den Gefahren bei Atomtransport- Unfällen
beschäftigt. Darin werden drei Unfallszenarien untersucht. Bei einem Unfall mit
Uranhexafluorid (UF6 - Vorstufe des Reaktorbrennstoffs) würde Uranylfluorid entstehen,
das bei Inhalation bereits im Milligrammbereich tödlich sein kann. Solch eine Freisetzung
kann die Folge eines Straßenverkehrsunfalls sein.
Würde sich ein solcher Unfall in einer Großstadt ereignen, dann würden
innerhalb weniger Wochen Hunderte von Menschen an den Folgen sterben. Während UF6
besonders durch seine chemische Giftigkeit gefährlich ist, würden die beiden anderen
untersuchten Unfallszenarien zu schweren Schäden durch Radioaktivität führen. Ein
Transportbehälter mit angebrannten Brennelementen kann z.B. undicht werden, wenn der Zug,
mit dem er transportiert wird, mit einem anderen Güterzug kollidiert, der Benzin geladen
hat. Das Benzin würde in Brand geraten und die Dichtung am Brennelementbehälter
beschädigt werden. Ein Teil des Behälterinventars würde entweichen und ein Gebiet im
Umkreis von einigen hundert Metern langfristig unbewohnbar machen. Viele Quadratkilometer
wären verseucht und müßten aufwendig dekontaminiert werden, um wieder bewohnbar zu
sein.
Noch höher wäre die Strahlenbelastung bei einem Unfall mit dem bei der
Wiederaufarbeitung entstehenden Plutoniumnitrat. Dadurch könnte in einer Entfernung bis
zu einem Kilometer akute tödliche Strahlenkrankheit ausgelöst werden. Die beiden
letztgenannten Unfallarten würden je nach Ort Hunderte oder gar Tausende von
Krebserkrankungen verursachen. Schwere Transportunfälle können jederzeit überall
passieren, die Transportstrecken führen durch Dörfer genauso wie durch Ballungsgebiete.
Die Unfallwahrscheinlichkeit ist zwar schwer zu berechnen, liegt aber auf jeden Fall über
der eines GAUs wie in Tschernobyl, der ja auch nur alle 10.000 Reaktorbetriebsjahre
vorkommen sollte Wenn der Unfall passiert ist, sind keine angemessene Gegenmaßnahme
möglich. Jeder weiß, daß Großstädte nicht in Stunden, geschweige denn in
Sekundenschnelle evakuiert werden können. Da macht es dann auch nichts mehr, daß die
lokalen Behörden einschließlich der Katastrophenschutzämter meist von Atomtransporten
in ihrem Zuständigkeitsbereich gar nicht informiert sind. Einige Behördenvertreterlnnen
geben offen zu, bei einem Unfall ohnehin machtlos zu sein.
Welche Rolle spielt die Bahn?
Nicht nur in Gorleben und Ahaus wehren sich viele Leute gegen die
unsinnigen und gefährlichen Transporte. Auch die Züge zur Wiederaufarbeitung in
Großbritannien und Frankreich werden immer wieder mal aufgehalten. Es ist der
Anti-Atom-Bewegung in den letzten zehn Jahren gelungen, die unter größter Geheimhaltung
stattfindenden Atomtransporte ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und damit der
Atomindustrie das Leben denkbar schwer zu machen. Besonders spektakulär waren die
Anti-Castor-Aktionen seit dem Sommer 1994 in Gorleben. Dort sollte nach 11 1/2 Jahren
erfolgreichen Widerstands gegen die Inbetriebnahme des Brennelementzwischenlagers ein
erster Castor aus Philippsburg angeliefert werden. Diese Lieferung fand dann im April 1995
unter massivem Polizeischutz statt, solange hatten phantasievolle Aktionen und
erfolgreiche Prozesse, aber auch Pleiten und Pannen beim Beladen des Castors dafür
gesorgt, daß nichts lief für die Atomwirtschaft wie "geschmiert".
In der Folgezeit wuchsen sich die Castortransporte zu immer neuen
Kraftproben zwischen Anti-AKW-Bewegung, Staat und Betreibern aus. Waren es 1995 noch
16.000 Beamte, die im Einsatz waren, um den Castor durchzuprügeln, waren es 1996 beim 2.
Tag X in Gorleben 19.000 und ein Jahr später sogar 30.000 Beamte. Ebensoviele Polizisten
und BGS-ler kamen im März 1998 in Ahaus zum Einsatz. Die Castortransporte sind eine
Achillesferse der Atomindustrie. Ein flächendeckendes Aktionsprogramm bringt Sand ins
Getriebe der Atomwirtschaft und bietet ein ausgezeichnetes Forum, um die ungelöste
Entsorgung und in Folge dessen den Sofortausstieg zu thematisieren.