Sie nennen es "Wiederaufarbeitung" - Plutoniumabtrennung wäre ehrlicher, aber das klingt nicht gut

La Hague und Sellafield: Atomklo deutscher Stromkonzerne

Laut Atomkonsens dürfen die Stromkonzerne bis zum 30.6.2005 weiterhin ihren Atommüll zu den beiden Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) im französischen La Hague und englischen Sellafield transportieren. Alle abgebrannten Brennelemente, die bis dahin ins Ausland befördert werden, dürfen noch wiederaufgearbeitet werden. Ein Ende der umweltzerstörenden Wiederaufarbeitung ist demnach erst weit nach 2005 zu erwarten.

In der Rangliste schmutziger Atomanlagen findet man die Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield in Westeuropa an vorderster Stelle. Täglich werden rund 10 Millionen Liter radioaktiv belastetes Abwasser von den Betreibern der beiden Anlagen in den Ärmelkanal bzw. die Irische See gepumpt. Soviel, daß die Anlagen in Deutschland nicht genehmigungsfähig wären. Die eingeleiteten Radionuklide verstrahlen die Natur und die Menschen, die in der Nähe der Atomanlagen leben.

Zu Zeiten als Rot-Grün noch auf der Oppositionsbank Platz nehmen mußte, forderten Politiker beider Parteien ein sofortiges Verbot der umweltzerstörenden Wiederaufarbeitung. Auf einmal wollen sie jetzt davon nichts mehr wissen. Schließlich ist es äußerst praktisch, die ungelöste Frage nach dem "Wohin" mit dem Atommüll, auf dem Rücken anderer auszutragen.

von Veit Bürger, Greenpeace

Ungelöste Entsorgung

Tag für Tag erzeugen Atomkraftwerke hochradioaktiven Müll. Vor allem die Entsorgung der abgebrannten Brennelemente stellt ein bisher ungelöstes Problem dar. Die ausgedienten strahlenden Brennelemente müssen über Jahrtausende sicher abgeschlossen und unerreichbar für Mensch und Umwelt gelagert werden. Die Antwort auf die Frage, wie dies geschehen soll, will auch das Konsenspapier zwischen der Bundesregierung und den Stromkonzernen nicht geben.

Das deutsche Atomgesetz schreibt den Betreibern von Atomkraftwerken die "schadlose Verwertung" oder die geregelte Endlagerung ihres hochradioaktiven Atommülls vor. Entscheidet sich ein Betreiber für die "schadlose Verwertung", muß er diese der zuständigen Genehmigungsbehörde nachweisen. Anerkennung findet hierbei die Wiederaufarbeitung in La Hague und Sellafield. Die deutschen Atomkraftwerke lieferten bisher rund 4.540 Tonnen ihres Atommülls nach La Hague und 655 Tonnen nach Sellafield.

Systematische Verseuchung

Bei der Wiederaufarbeitung werden in einem chemischen Verfahren hochgiftiges Plutonium und Uran aus den abgebrannten Brennelementen abgetrennt. Durch den Einsatz zahlreicher Hilfsstoffe, Chemikalien und Werkzeuge vervielfacht sich der Atommüllberg um das zwanzigfache. Einen Teil des Atommülls entledigen sich die Betreiber der Wiederaufarbeitungsanlagen auf billige Weise über Abwasserpipelines.

Berüchtigt für ihre fortgesetzte und planmäßige Umweltverseuchung ist die von der staatlichen British Nuclear Fuels Ltd. (BNFL) betriebene Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield. Der Atomkomplex Sellafield (früher Windscale genannt) liegt in Cumbrien, einem dünn besiedelten Gebiet an der Irischen See. Er spielte von Anfang an eine wichtige Rolle im militärischen und zivilen Atomprogramm Großbritanniens. In Sellafield steht eine Vielzahl verschiedener Atomanlagen, darunter auch die Wiederaufarbeitungsanlage THORP, die im Jahre 1994 in Betrieb ging. THORP ist in erster Linie für die Aufarbeitung von ausländischem Atommüll bestimmt. Zu den wichtigsten Kunden zählen die deutschen Atomkraftwerksbetreiber.

Mehr als eine halbe Tonne des hochgiftigen Plutoniums hat BNFL bis heute neben zahlreichen anderen radioaktiven Stoffen in die Irische See eingeleitet. Das Abwasserrohr mußte mehrere Male verlängert werden, um die Grenzwerte der Plutoniumablagerungen im Sediment am Pipelineausgang nicht zu überschreiten.

Die mangelnde Zuverlässigkeit von BNFL beförderte erst vor kurzem der Skandal um gefälschte Sicherheitspapiere und mangelhafte Qualitätskontrolle bei wiederaufgearbeiteten Brennelementen für japanische, schweizerische und deutsche Atomreaktoren zu Tage. Die offensichtlichen bewußt in Kauf genommenen Fälschungen sowie die schleppende Bereitschaft zur Aufklärung hätten die mangelnde Sicherheitskultur beim Betreiber BNFL nicht eindeutiger belegen können.

Verstrahlte Tauben: Fliegender Atommüll über Sellafield

Die Liste der Umweltskandale der WAA Sellafield ist lang:

  • Im Mai 1997 weisen kanadische Wissenschaftler des Bedford Institutes für Ozeanographie in Halifax erstmals radioaktive Isotope aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield in der kanadischen Arktis nach.
  • Ende Juli 1997 veröffentlicht das britische Gesundheitsministerium eine Studie, die bei einer Untersuchung von über 3.300 Jugendlichen in ganz Großbritannien und Irland, Spuren von Plutonium und Strontium in den Zähnen der Jugendlichen nachgewiesen hat. Die Autoren nennen den Verursacher: die staatlich betriebene Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield.
  • Mitte Februar 1998 verhängt das britische Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung, in einem Umkreis von 16 Kilometern um die Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield das Verbot, dort lebende Tauben zu essen. Bereits nach dem Verzehr von sechs dieser Vögel ist der jährliche Grenzwert für die Aufnahme von Radioaktivität durch Lebensmittel beim Menschen erreicht. Diese Tauben sind so stark belastet, daß sie nach deutschem Recht als (fliegender) Atommüll eingestuft werden müßten.

Erhöhte Leukämierate

Gesundheitsstatistiken für die Gegend um die französische WAA La Hague waren bisher immer geheime Verschlußsache. Doch Anfang 1997 wiesen zwei französische Wissenschaftler in einer Studie den Zusammenhang zwischen den radioaktiven Einleitungen in La Hague und einer erhöhten Blutkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen nach. Danach wurde eine im Vergleich zum Landesdurchschnitt um den Faktor drei höhere Blutkrebsrate innerhalb eines Umkreises von 10 Kilometern um die Anlage ermittelt.

Die Ergebnisse in Cumbrien sind noch erschreckender. Dort liegt das Blutkrebsrisiko für Kinder bis zum zehnfachen über dem Landesdurchschnitt.

Illegale Einleitungen

Trotz ihrer hohen Einleitgenehmigungen mißachten die Betreiber der Wiederaufarbeitungsanlagen die Gesetze. Bei einer Filterprobe des radioaktiven Abwassers der WAA La Hague stellte Greenpeace 1997 fest, daß Cogema, Betreiber der Anlage, radioaktive Partikel einleitet, die den in der Einleitgenehmigung erlaubten Durchmesser um mehr als das doppelte überschreiten. Anfang diesen Jahres ließ das zuständige französische Gericht die Klage gegen Cogema zu. Um zu beweisen, daß sich seit 1997 an der Praxis der illegalen Partikel-Einleitung nichts geändert hat, führten Greenpeace Taucher im April diesen Jahres erneut Messungen am Abwasserrohr durch. Das Ergebnis: die strahlenden Partikel im Abwasser sind mindestens 36 Mikrometer groß und somit erneut größer als die erlaubten 25 Mikrometer. Die radioaktiven Teilchen sind wasserunlöslich, strahlen Hunderte von Jahren und können über Fische und Meeresfrüchte in die Nahrungskette des Menschen gelangen.

Verwertung nicht erkennbar

Von der vom Atomgesetz geforderten "Verwertung" der abgebrannten Brennelemente kann keine Rede sein. Schon die Tatsache, daß die Menge des endzulagernden Atommülls durch die Wiederaufarbeitung potenziert wird, wiederspricht den Grundsätzen der Verwertung. Zudem wurde das eigentliche Ziel, den Kernbrennstoff zu recyceln, nie erreicht. Im Gegenteil: Allein in La Hague wurden seit Anfang der 70er Jahre rund 37 Tonnen Plutonium aus deutschen Brennstäben abgetrennt, von denen bis heute nur etwa sieben Tonnen wieder eingesetzt wurden.

Rot-Grün legalisiert Rechtsbruch

Mit dem Ziel, die Wiederaufarbeitung zu beenden, hatten SPD und Bündnis 90/ Die Grünen Anfang der neunziger Jahre noch als Oppositionsparteien in mehreren Gutachten nachgewiesen, daß die Wiederaufarbeitung das deutsche Atomgesetz verletzt. An den Hebeln der Macht haben sich die beiden Parteien eines anderen besonnen. Sie verständigten sich mit den Stromkonzernen darauf, die Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen bis zum Jahr 2005 weiter zu dulden. Von dem in der Vergangenheit beschworenen Rechtsbruch will Rot-Grün nichts mehr wissen, frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn!

Zum Inhaltsverzeichnis

Kreuz und quer, rund um die Welt:

Strahlende Fracht

Castor-Transporte nach Gorleben oder Ahaus sind immer wieder in aller Munde. Mit diesen Transporten schaffen die AKW-Betreiber Platz in ihren Abklingbecken, damit formal der "Entsorgungsnachweis" erbracht ist. Die Transporte bergen wegen der Strahlengefahr ein potentielles Risiko für alle, die berufsmäßig oder zufällig den Castoren begegnen: wegen der äußerliche verstrahlten (verschmutzten) Behälter einerseits, wegen der Gamma- und Neutronenstrahlung, die die Behälterwände durchringt anderersetis. Doch sind die Castortransporte nur die Spitze eines Atommüllbergs, der ständig verschoben wird, um die Entsorung zu suggerieren. Welche Transporte gibt es überhaupt?

Insgesamt fahren jährlich aufgrund des Betriebs von Atomkraftwerken durchschnittlich 4.000 Transporte radioaktiver Stoffe durch die Republik. Fast jede Etappe der sogenannten "Brennstoffspirale" der aufwendigen Verarbeitung von Natururan zum AKW-Brennelement, ist an einem anderen Ort angesiedelt und zwischen diesen diversen Atomanlagen fahren LKWs und Züge hin- und her, meist auch kreuz und quer. Doch mit dem Einsatz im Atomreaktor kommen die strahlenden Stoffe nicht zur Ruhe. Ganz im Gegenteil: jetzt geht es erst richtig los.

von Wolfgang Ehmke

Im AKW fällt jede Menge Atommüll an. Schwach-, mittel- und hochradioaktive Stoffe, zum Teil mit erheblicher Hitzeentwicklung, werden mit letztlich ungewissem Ziel abtransportiert. Schwach strahlender Müll, verpackt in den berühmt-berüchtigten gelben Fässern, wird quer durch die Republik, teilweise durch halb Europa, zu Konditionierungsanlagen geschafft, um dort mit verschiedenen Verfahren das Volumen zu reduzieren Kraftwerksexterne Zwischenlagerhallen für schwach- und mittelradioaktive Abfälle gibt es in Mitterteich (Bayern), Gorleben (Niedersachsen) und Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). In Ahaus (Nordrhein-Westfalen) ist eine weitere Halle für Müll aus der Wiederaufarbeitung geplant. Jahrelang wurde das Zeug auch direkt vom Atomkraftwerk nach Morsleben geschafft. In dieses ehemalige Salzbergwerk in Sachsen-Anhalt, das eher einer Tropfsteinhöhle als einem Endlager gleicht, wurde schon zu DDR-Zeiten eingelagert Obwohl nach westdeutschen Atomrecht unzulässig, wurden in diese Mitgift der deutschen Einheit" noch bis 1998 Transporte durchgeführt.

Das höchste - und damit gefährlichste - radioaktive Potential haben die sogenannter Castor-Transporte mit abgebrannten Brennelemente aus den Atomkraftwerken. Sie haben zum einen die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) im französischen La Hague und im britischen Sellafield zum Ziel, zum anderen fuhr zwischen 1995 und 1998 jedes Jahr ein Transport quer durch die Republik zu den Zwischenlagerhallen in Gorleben oder Ahaus. Nachdem aufflog, daß die Castorbehälter äußerlich verstrahlt waren, wurde noch unter Angela Merkel, der CDU-Umweltministerin im Kabinett Kohl, ein Transportestopp in Absprache mit der Atomwirtschaft verabredet. Dieser wurde inzwischen wieder aufgehoben. Angeblich sind die Behälter inzwischen "sauber". Eine weitere Castor- Halle wurde kürzlich in Greifswald fertiggestellt. Vor der Merkelanweisung schwankte die Anzahl der ins Ausland und in die Zwischenlager transportierten Castor-Behälter jährlich zwischen 80 und 100. Es waren also in der Regel jede Woche durchschnittlich ein bis zwei dieser hochgefährlichen Atom- Fuhren unterwegs.

Wie laufen die Transporte ab?

Die meisten deutschen Atomkraftwerke (es gibt zur Zeit 19 laufende Reaktoren an 14 Standorten) haben einen Gleisanschluß. Dort werden die Castor-Behälter direkt auf Spezialwaggons verladen. Bei vier AKWs (Brokdorf, Grafenrheinfeld, Obrigheim und Neckarwestheim) fehlt das Werksgleis. Dort werden die schweren Behälter auf Tieflader gepackt. Mit diesen Zehn- bis Zwölfachsern geht es dann zur nächstgelegenen Bahnverladestation. Die Züge mit den Castor-Behältern fahren durch zahlreiche Ballungsräume, mitten durch Wohngebiete, teilweise durch große Hauptbahnhöfe, ohne daß irgendwer vor Ort darüber informiert würde. Pro Zug werden zwischen einem und sechs Castoren transportiert: Eine unvorstellbare Anhäufung von radioaktivem Material, lediglich durch eine Metallwand von der Außenwelt abgeschirmt.

Die Waggons mit dem Atommüll für die Wiederaufarbeitung im Ausland werden in der Regel in normale Güterzüge eingestellt. Dahinter kann alles gehängt werden, was die Deutsche Bahn AG sonst noch so transportiert, ob Lebensmittel oder brennbare Gefahrgüter. Teilweise werden die strahlenden Spezial-Waggons etliche Stunden auf dem Gelände von Rangierbahnhöfen "zwischengelagert", weil der Güterverkehrfahrplan längere "Umsteigezeiten" notwendig macht. Die Transporte zu den Zwischenlagern und auch einzelne WAA- Transporte mußten bisher aufgrund der Proteste als Sonderzüge fahren. Dabei werden die Atommüll-Waggons zusammen mit einigen vom Bundesgrenzschutz besetzten Personenwaggons zusammengekoppelt und dann möglichst ohne längere Aufenthalte zum Zielbahnhof gefahren

Welchem Zweck dienen die Transporte?

Bezogen auf die Lösung des ",Entsorgungs"-problems sind die Transporte von Atommüll aller Art völlig nutzlos. Sowohl die Atommüll-Fuhren mit schwachaktiven Abfällen zu Konditionierungsanlagen und Zwischenlagern als auch die hochradioaktiven Castor-Transporte nach La Hague, Sellafield, Gorleben und Ahaus dienen lediglich der Verschleierung des offenen Endes der Atomwirtschaft und der Gewährleistung des Weiterbetriebs der Atomkraftwerke.

In den kraftwerksinternen Lagerbecken soll Platz geschaffen werden für neu anfallenden Müll. So gehen die strahlenden Stoffe auf Reisen, werden in der ganzen Republik und in halb Europa verteilt, ohne damit der Lösung des Problems einen einzigen Schritt näher gekommen zu sein. Teilweise legen bestimmte Abfallsorten wahre Odyseen zurück.

Welche Gefahren gehen von Atomtransporten aus?

Auch bei einem unfallfreien, vorschriftsmäßigen Transport bekommt jede und jeder, die/ der sich in der Nähe eines Behälters aufhält, eine Dosis radioaktiver Strahlung ab. Naturgemäß sind besonders diejenigen durch Atomtransporte gefährdet, die sich längere Zeit und möglicherweise wiederholt in ihrer Nähe aufhalten. Dies sind neben den Arbeitern in den AKWs vor allem die Transporteure der strahlenden Fracht, insbesondere Bahnbedienstete und Polizistinnen, aber auch AnwohnerInnen der Transportstrecke können betroffen sein. Im Gegensatz zu den AKW-Arbeiterlnnen, die ohnehin als "beruflich strahlenexponiert" angesehen werden (mit einem Horrorgrenzwert von 5.000 mrem/Jahr) gilt für Bahnarbeiter dasselbe wie für die restliche Bevölkerung: 30 mrem/Jahr sind zwar nicht unschädlich, aber vom Gesetzgeber zugelassen.

Sind die Grenzwerte noch aktuell?

Das Öko-lnstitut Darmstadt kam in einer Studie für die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) zu dem Ergebnis, daß häufig mit Atomtransporten beschäftigte Eisenbahner stärker durch Strahlung gefährdet sind als durchschnittliche AKW-Bedienstete. Dazu kommt: So schön vorschriftsmäßig und ohne Störungen (und dennoch nicht ungefährlich) wie angenommen, verlaufen die Transporte nicht immer. So wird der beste Behälter nutzlos, wenn man etwas anderes hineinpackt, als vorgesehen ist. Und seit dem "Transnuklear" Skandal Ende der 80er Jahre bzw. dem "Kontaminationsskandal", der 1998 aufgedeckt wurde, ist bundesweit bekannt, daß es die Atomspediteure mit den Vorschriften nicht allzu genau nehmen.

Ein weiteres Problem: Außenkontaminationen können bei Transporten abgebrannter Brennelemente leicht vorkommen, da diese im kontaminierten Wasser des Abklingbeckens verpackt werden müssen. So kann es zur Inkorporation (Z.B. durch Einatmen) von Teilchen kommen. Die Wirkung, die von Strahlern im Körper ausgeht, ist um ein Vielfaches höher als die Wirkung der Direktstrahlung von außen. Ein einziges Plutonium-Aerosol in der Lunge kann verheerende Schäden anrichten. Im Nachhinein ist bekanntgeworden, daß 1997 bei 55 Transporten aus Deutschland nach La Hague in 11 Fällen solche Außenkontaminationen oberhalb der Grenzwerte aufgetreten sind, mit einer maximalen Dosis, die mehr als das 3.000fache des Grenzwertes ausmacht.

Was passiert bei einem Unfall?

Da es Verkehrsunfälle gibt, gibt es auch Unfälle mit Atomtransporten. Die Liste der bereits eingetretenen Pannen, Kollisionen und Entgleisungen ist lang. 1985 kollidierte in den USA ein LKW, der Urankonzentrat geladen hatte, mit einem Zug. Das "yellow Cake" verteilte sich über eine Fläche von 360 Quadratkilometern, die Dekontamination dauerte 10 Tage. Die Gruppe Ökologie Hannover hat im Auftrag der Stadt Nürnberg ein Gutachten erstellt, das sich mit den Gefahren bei Atomtransport- Unfällen beschäftigt. Darin werden drei Unfallszenarien untersucht. Bei einem Unfall mit Uranhexafluorid (UF6 - Vorstufe des Reaktorbrennstoffs) würde Uranylfluorid entstehen, das bei Inhalation bereits im Milligrammbereich tödlich sein kann. Solch eine Freisetzung kann die Folge eines Straßenverkehrsunfalls sein.

Würde sich ein solcher Unfall in einer Großstadt ereignen, dann würden innerhalb weniger Wochen Hunderte von Menschen an den Folgen sterben. Während UF6 besonders durch seine chemische Giftigkeit gefährlich ist, würden die beiden anderen untersuchten Unfallszenarien zu schweren Schäden durch Radioaktivität führen. Ein Transportbehälter mit angebrannten Brennelementen kann z.B. undicht werden, wenn der Zug, mit dem er transportiert wird, mit einem anderen Güterzug kollidiert, der Benzin geladen hat. Das Benzin würde in Brand geraten und die Dichtung am Brennelementbehälter beschädigt werden. Ein Teil des Behälterinventars würde entweichen und ein Gebiet im Umkreis von einigen hundert Metern langfristig unbewohnbar machen. Viele Quadratkilometer wären verseucht und müßten aufwendig dekontaminiert werden, um wieder bewohnbar zu sein.

Noch höher wäre die Strahlenbelastung bei einem Unfall mit dem bei der Wiederaufarbeitung entstehenden Plutoniumnitrat. Dadurch könnte in einer Entfernung bis zu einem Kilometer akute tödliche Strahlenkrankheit ausgelöst werden. Die beiden letztgenannten Unfallarten würden je nach Ort Hunderte oder gar Tausende von Krebserkrankungen verursachen. Schwere Transportunfälle können jederzeit überall passieren, die Transportstrecken führen durch Dörfer genauso wie durch Ballungsgebiete. Die Unfallwahrscheinlichkeit ist zwar schwer zu berechnen, liegt aber auf jeden Fall über der eines GAUs wie in Tschernobyl, der ja auch nur alle 10.000 Reaktorbetriebsjahre vorkommen sollte Wenn der Unfall passiert ist, sind keine angemessene Gegenmaßnahme möglich. Jeder weiß, daß Großstädte nicht in Stunden, geschweige denn in Sekundenschnelle evakuiert werden können. Da macht es dann auch nichts mehr, daß die lokalen Behörden einschließlich der Katastrophenschutzämter meist von Atomtransporten in ihrem Zuständigkeitsbereich gar nicht informiert sind. Einige Behördenvertreterlnnen geben offen zu, bei einem Unfall ohnehin machtlos zu sein.

Welche Rolle spielt die Bahn?

Nicht nur in Gorleben und Ahaus wehren sich viele Leute gegen die unsinnigen und gefährlichen Transporte. Auch die Züge zur Wiederaufarbeitung in Großbritannien und Frankreich werden immer wieder mal aufgehalten. Es ist der Anti-Atom-Bewegung in den letzten zehn Jahren gelungen, die unter größter Geheimhaltung stattfindenden Atomtransporte ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und damit der Atomindustrie das Leben denkbar schwer zu machen. Besonders spektakulär waren die Anti-Castor-Aktionen seit dem Sommer 1994 in Gorleben. Dort sollte nach 11 1/2 Jahren erfolgreichen Widerstands gegen die Inbetriebnahme des Brennelementzwischenlagers ein erster Castor aus Philippsburg angeliefert werden. Diese Lieferung fand dann im April 1995 unter massivem Polizeischutz statt, solange hatten phantasievolle Aktionen und erfolgreiche Prozesse, aber auch Pleiten und Pannen beim Beladen des Castors dafür gesorgt, daß nichts lief für die Atomwirtschaft wie "geschmiert".

In der Folgezeit wuchsen sich die Castortransporte zu immer neuen Kraftproben zwischen Anti-AKW-Bewegung, Staat und Betreibern aus. Waren es 1995 noch 16.000 Beamte, die im Einsatz waren, um den Castor durchzuprügeln, waren es 1996 beim 2. Tag X in Gorleben 19.000 und ein Jahr später sogar 30.000 Beamte. Ebensoviele Polizisten und BGS-ler kamen im März 1998 in Ahaus zum Einsatz. Die Castortransporte sind eine Achillesferse der Atomindustrie. Ein flächendeckendes Aktionsprogramm bringt Sand ins Getriebe der Atomwirtschaft und bietet ein ausgezeichnetes Forum, um die ungelöste Entsorgung und in Folge dessen den Sofortausstieg zu thematisieren.

Zum Inhaltsverzeichnis

Ende